Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 89† Reinhausen, ev.-luth. Kirche St. Christophorus 4. V. 14. o. 2. H. 15. Jh.

Beschreibung

Grabplatte oder Sarkophag mit Deckplatte für den Abt Reinhard. Die Inschrift A ist in zwei Versionen überliefert, von denen die eine auf Leibniz, die andere auf eine unbekannte bei Lubecus wiedergegebene lateinische Quelle zurückgeht.1) Die Version bei Lubecus läßt darauf schließen, daß es sich um ein Stiftergrab handelte, das auf dem Gravesteine – möglicherweise der Deckplatte – die Inschrift A und auf dem Sarkophag die so nur durch Lubecus überlieferte Inschrift B trug. Da Lubecus seine lateinische Vorlage offenbar nicht wirklich verstanden und daher fehlerhaft abgeschrieben hat, ist die Ausgangssituation nicht mehr eindeutig zu klären.

Inschrift A nach Leibniz, B nach Lubecus.

  1. A

    ANNO DOMINI M . C . L .a) VI . NON(IS) MAJI2) OBIIT b) VENERABILIS REINHARDUS PRIMUS ABBAS HUJUS COENOBIIc) QUI QUIESCIT HIC ET CLARUIT MIRACULIS IN VITA ET POST MORTEM

  2. B

    Hunc exaltat nimium clemencia christi d) per quam promeruit caelorum limina sisti e)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1156 an den Nonen des Mai starb der verehrungswürdige Reinhard, der erste Abt dieses Klosters, der hier ruht und sich im Leben und nach dem Tod durch Wunder auszeichnete. (A)

Ihn erhöht die Gnade Christi außerordentlich, durch die er es sich verdient hat, auf der Schwelle des Himmels zu stehen. (B)

Versmaß: Zwei endgereimte Hexameter, der erste unvollständig (B).

Kommentar

Über die Anfänge des Klosters Reinhausen gibt eine Gründungsgeschichte Auskunft, die der erste Abt Reinhard, der aus Helmarshausen nach Reinhausen kam, nach 1152 aufgezeichnet hat.3) Das Stift Reinhausen wurde zwischen 1107 und 1122 in ein Benediktinerkloster umgewandelt.4) Der Abt Reinhard amtierte über eine verhältnismäßig lange Zeit, da der von ihm verfaßte Gründungsbericht noch auf den Tod Hermanns von Winzenburg im Jahr 1152 und damit auf das Aussterben der Gründerfamilie des Reinhäuser Klosters Bezug nimmt. Aus der Nennung dieses Ereignisses ergibt sich die an der Leibnizschen Überlieferung vorzunehmende Emendation des Todesdatums. Der in der Inschrift enthaltene Hinweis auf die Wundertaten Reinhards läßt darauf schließen, daß die Inschrift beträchtliche Zeit nach dem Tod des Abtes angefertigt wurde. Der Beschreibung bei Lubecus und dem Inhalt der Inschrift A nach dürfte es sich um ein Stiftergrab gehandelt haben, das dem ersten Abt im Zusammenhang der im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts durchgeführten Klosterreform oder im Zusammenhang mit den Reformbemühungen nach Gründung der Bursfelder Kongregation in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gesetzt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. L.] I. bzw. primo alle Überlieferungen. Nach den Lebensdaten des Abtes Reinhard kommt hier nur eine Verlesung in Frage, möglicherweise war der Balken des L zerstört.
  2. ANNO ... OBIIT] Anno Domini M c primo obyt vi nonas May Lubecus.
  3. COENOBII] Monastery Lubecus.
  4. Metrisch unvollständig, vermutlich hat Lubecus bei der Abschrift ein Wort ausgelassen.
  5. Die beiden Verse sind bei Letzner, SUB Göttingen, Ms. Hist. 248, p. 1147, innerhalb eines langen Gedichts überliefert, in dem sie nicht miteinander im Zusammenhang stehen.

Anmerkungen

  1. Lubecus, Chronik, fol. 317v. Leibniz, Scriptores, Bd. 1, Introductio, Kap. XLIII (Lagenbez. br).
  2. 7. Mai.
  3. Gedr. bei Leibniz, Scriptores, Bd. 1, S. 703–705. Vgl. dazu und zum folgenden UB Reinhausen, S. 7.
  4. Zur Gründungsgeschichte auch Brenneke, Klosterherrschaft, Bd. 1, S. 50–60.

Nachweise

  1. Lubecus, Chronik, fol. 317v.
  2. Letzner, SUB Göttingen, Ms. Hist. 248, p. 1147 (B).
  3. Leibniz, Scriptores, Bd. 1, Introductio, Kap. XLIII, Lagenbez. br (A).
  4. Johann Georg Leuckfeld, Antiquitates Bursfeldenses, S. 129.
  5. Lücke, Garte, S. 196 (nach Lubecus).
  6. Edmund Freiherr von Uslar-Gleichen, Geschichte der Grafen von Winzenburg. Hannover 1895, S. 13f. (A nach Leibniz in emendierter Form).
  7. Die Urkunden Heinrichs des Löwen, bearb. v. K. Jordan. Weimar 1949, S. 18, Anm. 2 (A nach HSTA Hannover, Cop. III 184, p. 322 in emendierter Form).
  8. Ulbrich, Reinhausen, S. 31 (A nach Leibniz und Lubecus).

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 89† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0008909.