Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 84 Diemarden, ev.-luth. Kirche St. Michaelis um 1500

Beschreibung

Bestandteile des ehemaligen Marienaltars, heute als Triptychon und Einzelfiguren neu aufgestellt. Holz, geschnitzt und farbig gefaßt, mit Gemälden. Im 19. Jahrhundert war der Altar, dem zu dieser Zeit offenbar bereits ein Teil seines Figurenschmucks fehlte, an der Rückseite des Kanzelaltars angebracht.1) Vermutlich wurde er beim Neubau der Kirche 1733 hierher versetzt. Der ursprüngliche Mittelschrein ist heute verloren, die Figuren sind seit 1964 in neuen Rahmen an der Südwand des Kirchenschiffs angebracht.2) Die geschnitzten Figuren aus den ursprünglichen Flügelinnenseiten sind heute in zwei hochrechteckigen Rahmen jeweils in zwei Reihen übereinander aufgestellt. Die beiden Rahmen bilden jetzt den Mittelteil, an den die mit Gemälden versehenen Flügel mit ihren ehemaligen Außenseiten nach innen gewendet angesetzt sind. Auf den Flügeln je zwei Darstellungen aus dem Leben Jesu übereinander, links die Verkündigung, der Engel mit einer Schriftrolle (A), und die Geburt, rechts die Heimsuchung und die Anbetung durch die Heiligen Drei Könige. Im Mittelteil in zwei Reihen übereinander die Zwölf Apostel mit ihren Attributen auf Postamenten, die mit Tituli (B) versehen sind. Alle Apostel tragen sehr aufwendig gestaltete Gewandsauminschriften (C). Offenbar vom selben Altar stammen zwei heute oben links und rechts am Kanzelaltar angebrachte Figuren auf Postamenten, die den Erzengel Michael und Christophorus darstellen. Beide sind auf den Sockeln mit Tituli bezeichnet (D, E). Die Figur des Christophorus trägt zudem eine Gewandsauminschrift (F). Alle Inschriften sind gemalt, die Tituli mit roten Versalien und schwarzen Minuskeln auf silbernem Grund, die Gewandsauminschriften in Gold auf rotem oder grünem Grund. Auf der Rückseite des rechten Flügels befinden sich Reste einer Rötelinschrift, die jedoch nicht mehr lesbar sind.

Maße: H.: 177,5 cm (ohne Sockel); B.: 365 cm; Bu.: 1,5–2 cm (A), 3 cm (B, D, E), 2 cm (C, F).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A, C, F), gotische Minuskel mit Versalien (B, D, E).

DI 66, Nr. 84 - Diemarden, ev.-luth. Kirche St. Michaelis - um 1500

 Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    AVE · GRA(TIA) PLE(NA) D(OMI)N(U)S 3)

  2. B

    S Johane(s) // S Thomas // S Jacob(us) [...] // S . Petru(s)a) // S Andrea(s)a) // S . Mathi(as) // S Jacobu(s)a) // S Simon // S Thadeu(s) // S Philipu(s) // S Bartolome(us) // S Matheu(s)b)

  3. C

    HILLIGER · APOSTEL · SANCTU(S)c) · JOHANNES · BIDDE · GOD · VOR · UN(S)d) 4) HILLIGER · APOSTEL · SANCTUS · THOMAS · BIDDE · GOD · VOR · UNS · 4) HILLIGER · APOSTEL · SANCTVS · JACOBVS · BIDDE · GOD · VOR · 4) SANCTVS · PETRVS · BIDDE GOTTe) · VOR · UNS · 4) HILLIGER · APOSTEL · SANCTUS · ANDREAS · BIDDE · GOTTe) · VOR · UNS · 4) HILLIGER · APOSTEL · SANCTUS · MATHIAS · (B)IDDEc) · GOD · VOR · 4) SANCTVS · JACOBVS · BIDDE · GOTTe) · VOR · VNS 4) HILLIGER · APOSTEL · SANCTUS · SIMON · BIDDE · GOTTe) · VOR · VNS · 4) SANCTVS · THADDEUS · BIDDE · 4) BIDDE · GOD · VOR · UNS · DU · HILLIGER · 4) SANCTUS · BARTHOLOMEUS · APOSTEL · GODES · BIDDE · GOD · VOR · UNS · 4) APOSTEL SANCTUS · MATHEVS · BIDDE · GOTTe) . 4)

  4. D

    S Micael

  5. E

    S Christoph(orus)

  6. F

    SANCTUS CHRISTOPHERUS

Übersetzung:

Sei gegrüßt, Gnadenreiche, der Herr (sei mit dir). (A)

Kommentar

Die Worttrenner zumeist in Form von Quadrangeln mit Zierhäkchen nach oben und unten.

Die Malereien auf den Flügeln sind nach dem Vorbild der Holzschnitte zum Marienleben von Albrecht Dürer ausgeführt.5) Die Holzplastiken werden Bartold Kastrop (vgl. zu ihm Nr. 116) zugeschrieben, die Malereien Heinrich Heise.6) Die Datierung folgt der kunsthistorischen Forschung.7)

Textkritischer Apparat

  1. us-Kürzel anstelle des s.
  2. u klein zwischen e und us-Kürzel.
  3. Imaginärer Buchstabe von Gewandfalte verdeckt.
  4. Bei der jetzigen Aufstellung nur UN zu lesen, S möglicherweise auf der nicht einsehbaren Rückseite.
  5. GOTT möglicherweise falsch aus GOD restauriert, in dieser Form um 1500 unwahrscheinlich.

Anmerkungen

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 23.
  2. Zu Veränderungen und Restaurierungen des Altars vgl. Gmelin, Tafelmalerei, S. 588.
  3. Lc. 1,28, zu ergänzen tecum.
  4. Lit. Text, Allerheiligenlitanei.
  5. F. W. H. Hollstein, German Engravings, etchings and woodcuts ca. 1400–1700, Bd. 7, Amsterdam 1962, S. 152ff., Nr. 195, 196, 197, 199; H. v. Einem, Ein Göttinger Altar nach Dürerschen Vorlagen. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, N. F. 10, 1933, S. 85–99, hier S. 95; Gmelin, Tafelmalerei, S. 588.
  6. Stuttmann/von der Osten, Bildschnitzerei, S. 100 (Zuweisung an Kastrop, zeitlich anschließend an den Altar in Hetjershausen von 1509, vgl. Nr. 116); Kat. Kunst und Kultur 2, 407f., Nr. 108: die Plastiken sind „überwiegend als Arbeit aus der Werkstatt des Bartold Kastrop“ anzusehen, die Malereien werden Heinrich Heise zugeschieben. Hans Georg Gmelin, Zum Werk des Göttinger Malers Heinrich Heisen. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte 5, 1966, S. 161–180, hier: S. 172: Zuweisung an Heinrich Heise. Für Hans von Geismar als Maler plädiert Harald Busch, Meister des Nordens, Hamburg 1940, S. 99.
  7. Harald Busch, Meister Wolter und sein Kreis, ein Beitrag zur Kunstgeschichte der niederdeutschen Renaissance. Straßburg 1931 (Studien zur deutschen Kunstgeschichte 288), S. 268; Gmelin, Zum Werk des Göttinger Malers Heinrich Heisen (wie Anm. 6), S. 172; Gmelin, Tafelmalerei, S. 587; abweichend Mithoff, Kunstdenkmale, S. 23, der die Mitte des 16. Jahrhunderts als Entstehungszeit ansetzt.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 23 (C an einem Beispiel).
  2. Gmelin, Tafelmalerei, Nr. 195, S. 588 (A), Abb. 195.1 (A).

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 84 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0008407.