Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 79 Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius 1495

Beschreibung

Grabplatte des Geistlichen Johannes Luchart. Sandstein. Die hochrechteckige Platte wurde 1973 bei einer Grabung in St. Blasius im südlichen Turmraum gefunden und ist heute an der Westwand des südlichen Seitenschiffs aufgestellt.1) Sie zeigt im vertieften Innenfeld ein Flachrelief mit der Darstellung eines Geistlichen, der einen Kelch in der linken Hand hält, unter einem von einer Kreuzblume bekrönten Baldachin. Die Kreuzblume ragt in den äußeren Rand hinein. Um den Rand der Platte verläuft eine nach außen hin ausgerichtete Inschrift in eingehauenen Buchstaben, die in der linken unteren Ecke beginnt. Möglicherweise wurde das Todesdatum erst später nachgetragen, da die Buchstaben auf dem unteren Plattenrand deutlich kleiner ausgeführt sind als der Rest der Inschrift.

Maße: H.: 188 cm; B.: 98,5 cm; Bu.: 6,5 u. 9 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 66, Nr. 79 - Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius - 1495

 Sabine Wehking [1/1]

  1. Anno d(omi)ni m° cccc° xc v°a) / Obiit d(omi)n(u)s Joh(ann)es luchart iunior in pro/festo visitati/onis marie2) c(uius) a(n)i(m)a req(ui)escat i(n) s(an)c(t)a pace

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1495 starb Herr Johannes Luchart d. J. am Vortag von Mariae Heimsuchung. Seine Seele ruhe in heiligem Frieden.

Kommentar

Der Mündener Geistliche Johannes Luchart d. J. war der Sohn(!) eines gleichnamigen Mündener Geistlichen, der dort seit 1468 als Priester nachzuweisen ist.3) Johannes Luchart d. J. gehörte wie sein Vater zu den Gründungsmitgliedern der 1492 begründeten jüngeren Mündener Kalandsbruderschaft.4) Er fungierte als Vikar an St. Blasius. Das in der Inschrift genannte Todesdatum des Johannes Luchart, der 1. Juli 1495, weicht sowohl im Tag als auch in der Jahresangabe von dem Eintrag des Todesdatums in dem Kalandsbuch ab, das den 29. Juni 1497 nennt.5) Da die Kirchenrechnung von St. Blasius für das Jahr 1495 unter der Rubrik Läutegeld für Verstorbene einen Eintrag für Johannes Luchart d. J. enthält, kann nur das Sterbedatum auf der Grabplatte zutreffen.6) In den Kirchenrechnungen von St. Blasius sind bis zum Jahr 1563 Ausgaben für die jährlich am Sonntag nach Johannis Baptistae (24. Juni) zu feiernde Memoria des Johannes Luchart verzeichnet.7)

Textkritischer Apparat

  1. m° cccc° xc v°] M CCCC XI V Grenz mit entsprechend falscher Datierung der Platte auf 1414.

Anmerkungen

  1. Grenz, Anfänge, S. 118.
  2. 1. Juli.
  3. Quentin, Kalands-Bruderschaft, S. 44 u. Beleg Nro. XI S. 70f. 1510 wird dem Geistlichen Herrn Johannes Luchart unseme Medebroder urkundlich zugesichert, daß gegen die Stiftung von 10 Mark die Bruderschaft ein Jahrgedenken für seine Familie abhält, für seinen verstorbenen Sohn Johannes Luchart, für dessen Mutter Ilse und für seine Eltern und Geschwister. Ein undatierter Zettel, dessen Text die Begründung der Memorienstiftung enthält, in HSTA Hannover, Cal. Or., Nr. 26 (laut Findbuch von 1492, der Zettel enthält aber keinerlei Anhaltspunkte für diese Datierung). Es fällt auf, daß Johannes senior Ilse nicht als seine husfrowe, sondern nur als Mutter seines Sohnes bezeichnet.
  4. Quentin, Kalands-Bruderschaft, S. 9. Das Notariatsinstrument über die Gründung wurde von dem Notar Johannes Cassel in der Wohnung des Johannes Luchart senior aufgesetzt.
  5. Ebd., S. 44.
  6. Pfarrarchiv St. Blasius, Hann. Münden, KR I. 1., fol. 4v.
  7. Ebd., ab fol. 30v u. letztmalig KR I. 2., fol. 74v.

Nachweise

  1. Grenz, Anfänge, S. 118f. mit Abb. 47.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 79 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0007903.