Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 51 Hann. Münden, Kirchplatz 4 1457, 2. V. 16. Jh.

Beschreibung

Schwellbalken und Knaggen.1) Traufenständiges, nur drei Gefache breites Fachwerkhaus mit Erd- und Zwischengeschoß sowie weit vorgekragtem Obergeschoß und vorgekragter Traufe. Die Inschrift A befindet sich auf dem Schwellbalken des Obergeschosses, die Inschrift B auf der Knagge vor dem linken Eckständer des Obergeschosses, darüber plastisch herausgearbeitet ein Arm, der ein Buch hochhält, die Inschrift C auf der Knagge vor dem linken Eckständer des Zwischengeschosses unter einem Zweig mit Blättern und zapfenähnlichen Früchten. Darunter auf dem Ständer in einem leicht vertieften Feld eine Jahreszahl, die jüngeren Datums ist.2) Die Inschrift D auf der Knagge vor dem rechten Eckständer des Zwischengeschosses, darüber ein Baumstamm mit Zweigen und Blättern, oben eine stilisierte Blüte. Dieses Motiv wiederholt sich auf der linken mittleren Knagge, auf der rechten mittleren Knagge eine Blumenvase mit einer Lilie darin. Im Obergeschoß auf den mittleren Knaggen ein Ast mit Blättern und zwei Eicheln sowie ein Einhorn, außen rechts eine Weinrebe. Alle Inschriften sind erhaben geschnitzt und in Gold auf Blau gefaßt.

Maße: Bu.: ca. 12 cm (A), ca. 4 cm (B–D).

Schriftart(en): Gotische Minuskel, mit Versalien (A–C).

DI 66, Nr. 51 - Hann. Münden, Kirchplatz 4 - 1457, 2. V. 16. Jh.

 Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    · Benedic · et · sanctifica · domu(m) · istam · in · sempiternu(m) · deus · israhel

  2. B

    he(n)ric(us) / Gobele

  3. C

    M° · cccc° · / · l vii° ·

  4. D

    ha(n)s [..]a) / fermesse(n) / me fecit

Übersetzung:

Segne und heilige dieses Haus in Ewigkeit, Gott Israel! (A)

Hans von Fermessen hat mich erbaut. (D)

Kommentar

Alle Inschriften sind in gotischer Minuskel ausgeführt. Als Worttrenner in der Inschrift A Quadrangeln mit nach oben und unten ausgezogenen Zierhäkchen. Die Buchstaben der Inschriften B, C und D sind etwas gröber und weniger gleichmäßig ausgeführt als die der Inschrift A, die fein ausgezogene Zierelemente, eine gleichmäßige Buchstabengestaltung und eine scharfe Konturierung der Buchstaben aufweist. Es läßt sich jedoch nicht sicher beurteilen, inwieweit diese Unterschiede auf Restaurierungen zurückzuführen sind. Neben den Unterschieden in der Ausführung der Buchstaben sprechen noch andere Gründe dafür, die Inschrift A auf der Schwelle des Obergeschosses später zu datieren als die Inschriften B, C und D auf den Knaggen. Längere Hausinschriften dieser Art, die über die gesamte Breite der Schwelle verlaufen und in der Regel ein Bibelzitat oder eine Sentenz enthalten, treten in den niedersächsischen Städten mit Fachwerkbebauung erstmals und noch sehr vereinzelt zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf und werden erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts allgemein gebräuchlich.3) Mit einiger Wahrscheinlichkeit wurde die Inschrift A, deren Fürbitte nicht zum üblichen Kanon der Hausinschriften gehört, erst längere Zeit nach der Errichtung des Hauses 1457 ausgeführt. Vermutlich wurde sie im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts angebracht, als es üblich wurde, die Schwellbalken mit durchlaufenden Inschriften zu verzieren. Das Erscheinungsbild der Inschrift A ähnelt sehr der inschriftlich auf 1540 datierten gotischen Minuskel auf dem Schwellbalken des Hauses Lange Str. 85/87 (Nr. 144), lediglich die Worttrenner differieren. Beide Inschriften könnten daher von derselben Werkstatt gefertigt worden sein.

Es handelt sich bei dem Haus Kirchplatz 8 nicht wie gelegentlich behauptet um den ältesten inschriftlich datierten Fachwerkbau Niedersachsens4) – in Braunschweig gab es etliche mit Baudatum versehene Fachwerkhäuser aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.5) Es handelt sich vielmehr um das älteste bislang bekannte Fachwerkhaus Niedersachsens, auf dem inschriftlich der Erbauer und der Baumeister (B, D) genannt sind. Die ältesten Braunschweiger Hausinschriften des 15. Jahrhunderts bestehen lediglich aus dem Baudatum, enthalten aber keine Namen.

Hans von Fermessen und Heinrich Gobel sind beide in den Abschriften des verlorenen Mündener Stadtbuchs und in den Kämmereiregistern nachzuweisen. Hans von Fermessen ist in dem Schoßumgang von 1441 an dritter Stelle genannt, Heinrich Gobel an letzter Stelle des innerstädtischen Schoßumgangs.6) Um das heutige Haus Kirchplatz 4 und das westlich davon gelegene Nachbarhaus ging es bei einem 1459 zwischen den Hausbesitzern Heinrich Gobel und Jutte Hoveld ausgetragenen Streit, der im Mündener Stadtbuch dokumentiert war und Einblick in die hygienischen Verhältnisse des 15. Jahrhunderts gibt.7) Heinrich Gobel mußte kurz nach der Errichtung seines Hauses feststellen, daß vom Grundstück seiner Nachbarin Abwasser in seinen Keller floß, da diese im Winkel zwischen beiden Häusern ihren Stallmist und sonstige Abfälle lagerte und ihr Spülwasser an dieser Stelle ausgoß. Da das Abwasser im Keller Gobels bereits einigen Schaden angerichtet hatte, wurde Jutte Hoveld 1459 verpflichtet, ihren Mist im Stall oder an der Straße zu lagern und ihr Abwasser mittels einer Röhre auf die Straße zu leiten. Über Heinrich Gobel ist nichts weiter bekannt, die über seinem Namen angebrachte Hand mit dem aufgeschlagenen Buch unterscheidet sich aber so von den anderen Knaggenmotiven, daß sie in Bezug zum Beruf des Bauherrn stehen dürfte und eine Tätigkeit als Sekretär oder Schreiber einigermaßen wahrscheinlich macht.

Hans von Fermessen begutachtete im Jahr 1468 im Auftrag des Mündener Rates eine Wand zwischen zwei Häusern, über deren Zugehörigkeit sich die Besitzer stritten. Die Funktion als Gutachter in dieser Angelegenheit belegt in Kombination mit der Inschrift D, daß er als Baumeister oder Zimmermann tätig war und seine Werkstatt das Haus Kirchplatz 4 errichtet hat.8) Im Jahr 1472 mußte Hans von Fermessen eine Strafe in Höhe von 4 Schilling bezahlen, weil er ein zur Allmende gehörendes Grundstück eingezäunt hatte.9)

Textkritischer Apparat

  1. Heute wo ohne Kürzungszeichen, die mittlere Haste des w dünner und an die erste Haste herangerückt. Das Wort dürfte falsch restauriert sein. Zu erwarten wäre hier de, möglicherweise auch van oder von.

Anmerkungen

  1. Kirchplatz 8 / No. 561.
  2. Die Jahreszahl 1457 ist zwar um ein altertümliches Erscheinungsbild bemüht, jedoch mit Zugeständnissen an den modernen Leser: die eckige schlingenförmige 4 ist fast aufgerichtet, die 5 aus Deckbalken und Bogen rechtsgewendet und die 7 aufgerichtet, was alles gegen eine Ausführung im Baujahr des Hauses und für eine Entstehung in jüngerer Zeit spricht.
  3. Vgl. Wehking/Wulf, Hausinschriften, S. 187f. Die Inschrift an der Braunschweiger Gellerborch, die bislang wegen eines Baudatums am Ende des Balkens auf 1435 datiert wird (DI 35, Nr. 111), fällt im Vergleich zu den anderen Hausinschriften derselben Zeit in Braunschweig sowohl aufgrund ihrer Länge als auch aufgrund ihres Inhalts so sehr heraus, daß auch in diesem Falle eine spätere Entstehung im 16. Jahrhundert anzunehmen ist.
  4. So Brethauer, Münden 3, S. 49, u. Lufen, Altkreis Münden, S. 150.
  5. Vgl. DI 35 (Stadt Braunschweig 1).
  6. StA Hann. Münden, Nachlaß Bernhard Uhl, M1/2/22, Abschrift Kämmereiregister 1441. Das Kämmereiregister zum Baujahr des Hauses ist nicht abschriftlich überliefert.
  7. Der entsprechende Eintrag des verlorenen Stadtbuchs ist in Auszügen wiedergegeben und ausgewertet in: StA Hann. Münden, Nachlaß Otto Budde, Nr. 4, Heft 2. Auf diesen Aufzeichnungen beruht ein Artikel von Hans Graefe in den Mündenschen Nachrichten vom 2. Dezember 1925 und Brethauer, Münden 3, S. 49.
  8. Auszug aus dem Stadtbuch, StA Hann. Münden, Nachlaß Otto Budde, Nr. 1, Heft 82, S. 2. Die Behauptung Brethauers (Münden 3, S. 49), eine Anbringung des Namens des Zimmermanns an Fachwerkhäusern der Renaissance sei „durchaus ungewöhnlich!“, ist unzutreffend. Vgl. u. a. DI 36 (Stadt Hannover), u. a. Nr. 77, 9193, 116, 119, 232, 244, 277, 278, 346, und als frühes Beispiel aus dem Jahr 1514 DI 61 (Stadt Helmstedt), Nr. 45.
  9. Auszug aus dem Stadtbuch, StA Hann. Münden, Nachlaß Otto Budde, Nr. 1, Heft 82, S. 3.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 145 (A, C, D).
  2. Mithoff, Haussprüche, S. 377 (A).
  3. StA Hann. Münden, Handschrift Lotze, Bd. 1, p. 435 (A, C, D).
  4. Lotze, Geschichte, S. 283 (A, C, D).
  5. Brethauer, Münden 3, S. 49f. mit Abb. (B, D).

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 51 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0005108.