Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 49 Reinhausen, ev.-luth. Kirche St. Christophorus 1. H. 15. Jh.

Beschreibung

Wandmalerei im südlichen Vorraum, im südlichen Seitenschiff und auf der Empore. Die Wandmalerei im Vorraum wurde in den Jahren 1909/10 freigelegt, die anderen Wandmalereien waren bereits vorher bekannt, da schon 1902 Pläne zu ihrer Restaurierung bestanden.1) Sämtliche Wandgemälde wurden in den Jahren 1965–67 restauriert.2)

Die Wand- und Deckenmalerei im Vorraum zeigt in den vier Deckenfeldern männliche Halbfiguren zwischen Rankenwerk, vermutlich die vier Kirchenväter. Im Deckenfeld über dem Eingang zur Kirche im Rankenwerk unten eine kleine bekrönte weibliche Figur in Bethaltung neben dem auf der linken Seite durch einen Mauervorsprung verkürzten Spitzbogen an der Ostwand. Dem Spitzbogen folgend ein dreizeiliges Schriftband mit der Inschrift A, das Ende des Schriftbandes ist beschädigt. Links davon auf dem im rechten Winkel zur Ostwand stehenden Mauervorsprung eine Darstellung des Christophorus mit dem Christuskind, links davon ein Schriftband mit der zweizeiligen Inschrift B. Auf dem links im rechten Winkel anschließenden Mauervorsprung ein Kreuz, darunter eine nimbierte weibliche Figur.

Auf der Süd- und Westwand des südlichen Seitenschiffs Darstellungen aus der Christophoruslegende in von Ornamentleisten gerahmten Feldern, die teilweise nur noch fragmentarisch erhalten sind, der Hintergrund der Bildfelder ist jeweils mit roten Sternchen oder Blüten besät, auf Schriftbändern über den Szenen angebrachte Inschriften kommentieren die jeweilige Szene. An der Südwand rechts oben Christophorus, der das Christuskind am Ufer vorfindet; links oben die Predigt des Christophorus; unten rechts Christophorus im Gebet, in der rechten oberen Bildecke ragt die Hand Gottes aus den Wolken, links von Christophorus im Hintergrund ein wohl von König Dagnus ausgeschickter Mann ebenfalls im Gebet, links außen Dagnus, darüber ein stark zerstörtes zweizeiliges Schriftband (C); unten links die Beschießung des Christophorus mit Pfeilen, links im Bild König Dagnus auf seinem Thron, darüber ein nur im linken Teil erhaltenes zweizeiliges Schriftband (D). Nach links schließt noch eine weitere, nicht mehr zu identifizierende Szene an, von der nur noch der am rechten Bildrand dargestellte König Dagnus erhalten ist. An der Westwand oben links König Dagnus, der durch den Anblick des Heiligen erschreckt vom Thron stürzt, darüber ein zweizeiliges Schriftband (E); oben rechts Christophorus an der Geißelsäule, unten links ein Fragment, das zwei Männer zeigt, unten rechts ein größeres Fragment, das Männer und Frauen zeigt, möglicherweise die Szene, in der Dagnus die zwei von Christophorus bekehrten Dirnen zum Tode verurteilt, oben links das rechte Ende eines zweizeiligen Schriftbandes, dessen Buchstabenreste nicht mehr zu entziffern sind. Alle Inschriften in schwarzen Buchstaben auf hellbraunem oder weißem Untergrund, die Zeilen sind durch schwarze Linien voneinander abgegrenzt.

Auf der Empore an der Südwand eine Darstellung der Auferstehung und des Erzengels Michael als Seelenwäger, an der Nordwand das Gebet Jesu am Ölberg mit einem bis auf den ersten in roter Farbe ausgeführten Buchstaben zerstörten Schriftband (F) sowie ein Höllenrachen. Zu dem an der Nordwand befindlichen Graffito, das nicht in den Zusammenhang der Wandmalerei gehört vgl. Nr. 257.

Inschrift A ergänzt nach dem Text bei Rosenfeld.

Maße: Bu.: 4,5 cm (A–E), 10 cm (F).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

  1. A

    Cristofere s(an)c(t)e [virtutes]a) su(n)t tibi ta(n)te · Qui te mane videt noc[turn]o t[emporea) ridet] / Cristoferi s(an)c[(t)i spe]cie(m) q(ui)cu(m)q(ue) tuet(ur) · Jllo namq(ue) die n(u)llo la(n)gwore grau[etur]b) / Nec fulmen ced[at ne]c mors subitanea ledat · Orac) [...]bd) s(an)c(t)e chr(ist)oferee) [ – – – ]

  2. B

    Sub tribus es annis puer mons po(n)dere grau[is] / [N]on geris infante(m) sed eu(m) qui co(n)tinet [...]f)

  3. C

    [ – – – ]ne capite chr(isto)ferig) [............] / [..]casuh) [...]plen[....]desi) p[...]lamj)

  4. D

    Hic sagittatur iaculi[s – – – ] Jn regem cadit ue(n)d[ – – – ]

  5. E

    [d]agnus en v[...............]k) [c]arebat / hoc [c]onsiderans mox rege(m) subleuabat

  6. F

    P[ – – – ]

Übersetzung:

Heiliger Christophorus, du besitzt so große Tugenden, wer dich morgens ansieht, lächelt zur Nachtzeit. Wer immer die Gestalt des heiligen Christophorus anschaut, soll an diesem Tag wahrlich durch keine Krankheit beschwert werden, weder der Blitz soll ihn niederhauen, noch ein plötzlicher Tod verletzen. Bete ... heiliger Christophorus ... . (A)

Du bist ein Knabe von weniger als drei Jahren, (aber) schwer wie ein Berg. Du trägst kein Kind, sondern denjenigen, der [die Welt] umfaßt. (B)

Hier wird ... mit Pfeilen beschossen ... Den König trifft ... . (D)

Siehe, Dagnus entbehrte ... , als man dies bemerkte, hob man den König sofort wieder auf. (E)

Versmaß: Hexameter (A, B), zweisilbig leoninisch gereimt oder endgereimt (A).

Kommentar

Die fünf ersten Hexameter der Inschrift A sind in verschiedenen Abwandlungen auch im Zusammenhang anderer Christophorusdarstellungen nachweisbar und waren offenbar allgemein verbreitet.3) Für den letzten Hexameter der Inschrift A ließ sich keine Parallelüberlieferung nachweisen. Dasselbe gilt auch für Inschrift B, die den in der Legenda aurea wiedergegebenen Dialog zwischen Christophorus und dem Christuskind in Verse faßt.4) Bei den Inschriften C–E handelt es sich um speziell auf die dargestellten Szenen zugeschnittene, den Bildzusammenhang erläuternde Inschriften, die für diesen Zweck verfaßt worden sein dürften.

Das Wandmalereiprogramm wird heute aus stilistischen Gründen auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert und damit etwas später angesetzt als in der älteren Forschung.5) Aus epigraphischer Sicht spricht nichts gegen eine solche Einordnung, zumal die in den Inschriften verwendete gotische Minuskel keine besonderen Merkmale aufweist, die eine genauere Datierung zuließen. Während die Darstellung des heiligen Christophorus als Christusträger, deren Anblick vor einem plötzlichen Tod bewahren sollte, besonders im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch in Niedersachsen weit verbreitet war, sind Bilderzyklen mit Szenen aus der Vita des Heiligen eher selten.6) Die Szenen des Reinhäuser Bildprogramms lassen sich in der Schilderung der Legenda Aurea wiederfinden,7) allerdings erscheint die Reihenfolge, in der die Szenen hier angeordnet sind, einigermaßen willkürlich.

Textkritischer Apparat

  1. Das Wort muß aus Platzgründen stark gekürzt gewesen sein.
  2. grauetur] Der Hexameter weicht von der bei Hans-Friedrich Rosenfeld, Der heilige Christophorus – Seine Verehrung und seine Legende, Leipzig 1937, S. 421, wiedergegebenen Version ab, die mit tenetur endet.
  3. Unsichere Lesung.
  4. Wohl b mit Kürzungszeichen darüber, vielleicht Ora pro nobis.
  5. xpofere.
  6. mundum zu ergänzen, die erste Haste des m ist erhalten, das Wort muß aus Platzgründen stark gekürzt gewesen sein.
  7. xpoferi, hinter xpo ragt der Nimbus des Christophorus in das Schriftband hinein.
  8. Über dem u ein Kürzungsstrich.
  9. Vor des ragt der Nimbus des Christophorus in das Schriftband hinein.
  10. Vor dem l vier Hasten, die nicht sicher zuzuordnen sind. Insgesamt unsichere Lesung beider Zeilen.
  11. Trotz vieler erhaltener Buchstabenbestandteile ist der Text nicht sinnvoll zu lesen.

Anmerkungen

  1. KKA Göttingen, Pfarrarchiv Reinhausen, Nr. 512.
  2. Wandmalerei, S. 75.
  3. Hans-Friedrich Rosenfeld, Der heilige Christophorus – Seine Verehrung und seine Legende. Leipzig 1937, S. 420f. Ein auf das Jahr 1500 datierter Holzschnitt trägt sämtliche Verse in abweichender Reihenfolge, vgl. Über die großen Christophorusbilder (o. Verf.). In: Organ für christliche Kunst 11, 1861, S. 250f.
  4. Nach der Legenda aurea (Jacob a Voragine, Legenda aurea. Hg. v. Theodor Graesse, Leipzig 1846, S. 430–434, hier S. 432) sagt Christus zu Christophorus: Ne mireris, Christophore, quia non solum super te totum mundum habuisti, sed etiam illum, qui creavit mundum, tuis humeris bajulasti. Der erste Hexameter unterscheidet sich in der Altersschätzung und in dem Gewichtsvergleich mit einem Berg von den an Christus gerichteten Worten des Christophorus in der Legenda aurea, in denen das Gewicht des Christuskindes mit dem Gewicht der Welt verglichen und damit die Antwort bereits antizipiert wird.
  5. Wandmalerei, S. 75, im Gegensatz zu der Datierung auf um 1400 bei Müller, Klosterkirche, S. 6, u. Ulbrich, Reinhausen, S. 21.
  6. Vgl. dazu Angelica Dülberg, Die Wirkung des Heiligenbildes. Christophorus als volkstümlicher Heiliger. In: Wandmalerei in Niedersachsen, Bremen und im Groningerland, Aufsatzband, hg. v. Rolf-Jürgen Grote u. Kees von der Ploeg. Hannover 2001, S. 182–189.
  7. Legenda aurea (wie Anm. 4), S. 430–434.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 49 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0004905.