Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 34 Hann. Münden, Städtisches Museum 1401

Beschreibung

Steinquader mit Bauinschrift. Der Steinquader, der von der alten Werrabrücke stammt, wurde im Jahr 1925 bei Bauarbeiten in einem ehemaligen Backhaus in der Burgstraße gefunden, wo er mit der Schriftseite nach unten als Bodenbelag diente. Er trägt eine vierzeilige Inschrift in erhaben gehauenen Buchstaben, die Buchstaben in der rechten Hälfte der letzten Zeile sind im unteren Teil zerstört.

Maße: H.: 54,5 cm; B.: 87 cm; Bu.: 9,5–11,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 66, Nr. 34 - Hann. Münden, Städtisches Museum - 1401

 Sabine Wehking [1/1]

  1. anno · d(omi)ni mill(esimo) / cccc° · p(ri)mo · i(n) uigil(ia) / ioh(ann)is bap(tis)tea) 1) · co(m)pl(e)ta / e(st) testudo · h(uius) pontisb)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1401 am Vorabend des Festes Johannes des Täufers wurde das Schutzdach dieser Brücke fertiggestellt.

Kommentar

Soweit keine Worttrenner stehen, sind die Wörter nicht durch Spatien voneinander getrennt. Die Worttrenner in Form kleiner Vierpässe (Zeile 1–3) und Quadrangeln (Zeile 4). Die fehlenden Wortabstände verstärken ebenso wie die starke Herausarbeitung jedes einzelnen Buchstabens und die breiten Buchstabenbestandteile den wuchtigen Gesamteindruck der Inschrift, die die ganze Fläche der Platte ausfüllt. Die gitterartige gotische Minuskel ist weitgehend in ein Zweilinienschema gestellt und weist nur kurze Ober- und Unterlängen auf.

Schon bei Willigerod ist vermerkt, daß an der Werrabrücke Bauarbeiten in der Zeit von 1397 bis 1402 inschriftlich dokumentiert waren: ... die Inschrift zweyer Steine zeigt die Zeit der Erbauung, nehmlich von 1397–1402 an, und dieser müssen wir glauben.2) Daß sich diese Bauarbeiten nicht auf die ganze Brücke, sondern lediglich auf deren Überdachung bezogen, hat bereits Uhl 1901 ohne Kenntnis des zu dieser Zeit noch verbauten Inschriftensteins anhand der Kämmereiregister nachgewiesen.3) Die einzige im Faksimile4) überlieferte Seite des verlorenen Kämmereiregisters von 1401 enthält drei Einträge, die sich auf die Anfertigung des hier als datumsteyn bezeichneten Inschriftensteins beziehen. Ein gewisser bureman erhielt 1 f(erding) vor den datumsteyn, Meister Claws erhielt 6 Groschen dat he de bocstave entwarp up den datumsteyn, außerdem wurde 1 Lot für Pech im Zusammenhang mit dem Stein ausgegeben. Der zweite Eintrag dürfte sich tatsächlich nur auf den Entwurf einer Vorlage für das Aushauen der Buchstaben bezogen haben, da eine Entlohnung von 6 Groschen im Vergleich zu anderen Einträgen eher gering erscheint und kaum das Entgelt für das Hauen der großen erhaben herausgearbeiteten Buchstaben sein kann, die den gesamten Stein bedecken. Möglicherweise handelt es sich bei Meister Claws um den im Schoßumgang von 1401 an achter Stelle verzeichneten Clawes goltsmet.5) Sofern der Nachname hier identisch mit dem Beruf des Clawes ist, dürfte sich dieser als Goldschmied mit der Ausführung von Inschriften in gotischer Minuskel gut ausgekannt haben.

Die Überdachung der Brücke, deren Fertigstellung die Inschrift dokumentiert, veranschaulicht der Kupferstich von Braun/Hogenberg aus dem Jahr 1588.6) Im Jahr 1777 wurde die Überdachung abgerissen, der Inschriftenstein wurde dabei offenbar zusammen mit anderen Steinen als Baumaterial veräußert.7)

Textkritischer Apparat

  1. te hochgestellt.
  2. pontis] ponte Brethauer. Da die unteren Buchstabenteile fehlen, ist die Lesung der ersten drei Buchstaben nicht ganz sicher.

Anmerkungen

  1. 23. Juni.
  2. Willigerod, Geschichte, S. 140. Ob Willigerod irrtümlich die Jahreszahl der Inschrift von 1401 als 1402 wiedergegeben hat, oder ob er noch eine andere, heute nicht mehr erhaltene Inschrift kannte, läßt sich nicht beurteilen.
  3. Mündensche Nachrichten vom 8. September 1901.
  4. Mündensche Nachrichten vom 23. Dezember 1901.
  5. StA Hann. Münden, Nachlaß Bernhard Uhl, M1/2/22, Abschrift des Kämmereiregisters 1401.
  6. Vgl. Pezold, Geschichte 2, S. 11. Auch der Stich von Merian aus dem Jahr 1654 zeigt die überdachte Brücke, vgl. den Ausschnitt bei Pezold, Geschichte 2, S. 41.
  7. Willigerod, Geschichte, S. 458. Ein weiterer Stein, der 1898 beim Abriß des Hauses Lange Str. 45 gefunden wurde, trug eine in verschiedenen, vermutlich von Otto Budde angefertigten Nachzeichnungen (StA Hann. Münden, Nachlaß Otto Budde, u. a. Nr. 2, Heft 5, Titelblatt) überlieferte Jahreszahl, die von den Mündener Heimatforschern abweichend als 1347, 1397 oder auch 1738(?) gelesen wurde. Eine Überprüfung am Original ist nicht mehr möglich, da der Stein nach Angaben von Brethauer (Unsere Heimat 8, Mai 1966) schon 1966 nicht mehr vorhanden war. Die Zeichnung Buddes legt am ehesten die – bislang noch nicht vorgeschlagene – Lesung als 1787 nahe, zumal die frühesten arabischen Jahreszahlen in Inschriften des deutschen Raums erst Ende des 14. Jahrhunderts nachzuweisen sind. Die Jahreszahl 1397 wäre daher ein sehr frühes Beispiel. Diese Lesung beruht im wesentlichen auf der Angabe bei Willigerod, Geschichte, S. 140, daß sich an der Brücke noch ein zweiter Inschriftenstein befunden habe, auf dem das Baudatum 1397 vermerkt war. Die Zeichnung von Budde legt nahe, daß es sich bei der zweiten und der letzten Ziffer um die gleiche Zahl handelte. Diese Ziffern entsprechen am ehesten einer etwas manieriert ausgeführten 7 aus waagerechtem Deckbalken mit links angesetztem, auf die Schaftmitte zuführendem Zierstrich und unten bis zur Schaftmitte umgebogenem Schaft. Eine Lesung als 8, die oben abgeflacht wäre, kommt nicht in Betracht, da die Jahreszahl dann dem Abrißdatum des Hauses entsprechen würde.

Nachweise

  1. Brethauer, Münden 2, S. 10.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 34 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0003407.