Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 28 Gimte, ev.-luth. Kirche St. Marien 2. H. 14. Jh., 1633

Beschreibung

Kelch. Silber, vergoldet. Ohne Marken und Beschauzeichen. Der Kelch steht auf einem runden Fuß mit einer von Kreuzchenornament durchbrochenen Zarge. Auf der einen Seite des Fußes ein eingraviertes Kreuz mit Titulus A, dem Kreuz ist ein plastischer Kruzifixus aufgesetzt. Auf der anderen Seite des Fußes die später eingravierte Inschrift B. Auf den runden Schaftstücken ober- und unterhalb des Nodus die Inschrift C in glatten Buchstaben vor schraffiertem Grund. Am abgeflachten Nodus oben und unten Maßwerkornament, auf den rautenförmigen Rotuli die Buchstaben der Inschrift D glatt vor schraffiertem Grund. Die Kuppa trichterförmig.

Maße: H.: 18 cm; Dm.: 14,8 cm (Fuß), 11,6 cm (Kuppa); Bu.: 0,35 cm (A), 0,4 cm (B), 0,7 cm (C), 0,5 cm (D).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A, C), Kapitalis (B), gotische Majuskel (D).

DI 66, Nr. 28 - Gimte, ev.-luth. Kirche St. Marien - 2. H. 14. Jh., 1633

 Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udaeorum) 1)

  2. B

    ANNA . IORDAN . MARTEN . HORSTMANS . / SELIGE . WITWE . VON . MÜNDEN . HAT . DISEN . / KELCH . VOREHRET . NACH . GIMMETE .

  3. C

    ave · maria · // gracia · plen(a) · 2)

  4. D

    IHESVS

Kommentar

Die Kelchform wie auch die Ausführung der Inschriften A, C und D sprechen für eine Entstehung des Kelches in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Bei der Inschrift auf den Schaftstücken handelt es sich um eine typische gotische Minuskel auf Goldschmiedearbeiten dieser Zeit, die hier im Vergleich zu anderen Beispielen jedoch einigermaßen schlicht und ohne die besonderen Zierformen ausgeführt ist. Dagegen weisen die Buchstaben in gotischer Majuskel der Inschrift D reiche Verzierungen auf, indem die Buchstabenenden gegabelt und als Zierhäkchen ausgeführt sind. Die Worttrenner in Inschrift C in Form von Vierblättern. Bei der Inschrift B handelt es sich um eine sorgfältig ausgeführte Kapitalis mit Sporen an den Buchstabenenden, G einmal mit eingestellter senkrechter Cauda, einmal mit nach links unter den Bogen zurückgeführter Cauda, M mit kurzem Mittelteil, die Cauda des R endet in einem nach oben umgebogenen Zierhäkchen.

Die in Inschrift B genannte Anna Jordan stiftete den Kelch im Jahr 1633 der Kirche in Gimte. Darauf läßt die Inschrift der zum Kelch gehörenden Patene schließen, die auf das Jahr 1633 datiert ist und von Elisabeth Hülsmann gestiftet wurde (vgl. Nr. 353). Da die Patene eine ähnlich formulierte Inschrift aufweist, dürften beide Stücke zur gleichen Zeit gestiftet worden sein, auch wenn sich die beiden Kapitalisinschriften in der Ausführung voneinander unterscheiden. Auf welche Weise Anna Jordan in den Besitz des spätgotischen Kelches kam, in den sie die Stifterinschrift eingravieren ließ, läßt sich nicht klären. Auch über ihre Verbindung zu der Kirche in Gimte ist nichts bekannt.

Der zum Zeitpunkt der Stiftung bereits verstorbene Ehemann Marten Horstmann ist seit dem Einsetzen der Mündener Kaufgildeprotokolle 1592 als Mitglied der Gilde nachweisbar.3) Im Jahr 1625 übernahm sein Sohn Hans die Gildeberechtigung seines verstorbenen Vaters. Schon etliche Jahre vor seinem Tod hatte Marten Horstmann nicht mehr an den Gildeversammlungen teilgenommen, da er seit 1611 in Auseinandersetzungen mit der Kaufgilde verwickelt war. Diese machte ihm unter anderem zum Vorwurf, daß er zugleich als Wandschneider und als Kramer tätig war, was den Statuten der Gilde widersprach, und forderte ihn wiederholt auf, sich für eines von beiden zu entscheiden. Da Marten Horstmann sich dem widersetzte und auch nicht die über ihn verhängten Strafgelder zahlte, wurde er 1614 von der Teilnahme an den Gildeversammlungen ausgeschlossen.4) Ein Ausschluß aus der Kaufgilde erfolgte aber trotz wiederholter Androhung nicht. Diese Auseinandersetzung mit der Kaufgilde wird der Grund sein, warum Marten Horstmann auf dem Kaufgildepokal von 1618 (Nr. 318) nicht namentlich aufgeführt ist, obwohl er erst kurz vor 1625 verstorben sein dürfte.

Anmerkungen

  1. Io. 19,19.
  2. Lit. Text nach Lc. 1,28.
  3. StA Hann. Münden, Protokollbuch der Kaufgilde (ohne Signatur), ab fol. 18r.
  4. Ebd., Protokolle von 1612 (fol. 98r/v), 1613 (fol. 102v) und 1614 (fol. 107r u. 111r).

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 64 (C, D).
  2. Lotze, Geschichte, S. 323.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 28 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0002809.