Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 13 Göttingen, Städtisches Museum 1360

Beschreibung

Steinkreuz.1) Das Kreuz, das heute im Vorgarten des Städtischen Museums steht, stammt aus dem Papenbusch bei Varmissen. Der senkrechte Kreuzbalken ist nach unten verbreitert. Auf der einen Seite verläuft die Inschrift A in drei durch eingehauene Linien markierten Zeilen über die gesamte Breite des waagerechten Kreuzbalkens. Die eingehauene Inschrift ist durch Beschädigungen des Steins an zwei Stellen beeinträchtigt. Auf der anderen Seite des Steinkreuzes auf dem Querarm links eingehauen ein Gegenstand, bei dem es sich um einen Amboß, aber auch um eine Art Axt handeln könnte, rechts Hammer und Zange. Über den senkrechten Balken verläuft durch eine eingehauene Linie eingefaßt die durch Verwitterung beeinträchtigte Inschrift B, deren Ende oben rechts über der Zeile ausgeführt ist. Die Buchstaben sind eingehauen.

Maße: H.: 138 cm; B.: 97 cm; Bu.: 5,3 cm (A), 7 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 66, Nr. 13 - Göttingen, Städtisches Museum - 1360

 Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    AN(N)O · D(OMI)NI · M° · [CCC]°a) · LX · / I(N) CRASTINO · B(EA)TIb) · MA[R]/CI EWA(NGELISTAE)c) 2)

  2. B

    + WILLEHELM(US)d) · E[.]e) · W[.]/R[..]ECHIf)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1360 am Tag nach dem Fest des heiligen Evangelisten Marcus. (A)

Kommentar

Die hier verwendete Form der voll ausgeprägten gotischen Majuskel gab den Ausschlag, die Jahreszahl trotz des etwas beschränkten Platzes zu M CCC LX zu ergänzen. Kennzeichnend sind C und E mit einem Abschlußstrich, der bereits zum vollwertigen Buchstabenbestandteil geworden ist, der Balken des E geht – soweit der Erhaltungszustand der Inschrift eine Beurteilung zuläßt – vom Abschlußstrich aus. Die Buchstaben tragen insgesamt deutliche Sporen und Bogenverstärkungen, pseudounziales A mit leicht linksschrägem Balken und senkrechter rechter Haste, I teilweise mit beidseitigem Nodus, der Balken des L in Form eines großen Balkensporns, E, H, M, N und T kommen nur in runder Form vor, verschränktes W. Diese Anzeichen und der Vergleich mit den in den DI-Bänden edierten Steininschriften des 13. und 14. Jahrhunderts sprechen deutlich für eine Datierung auf das Jahr 1360. Nach Saal spricht auch die Form des Kreuzsteins mit sich nach unten verbreiterndem unteren Kreuzbalken gegen eine Datierung auf 1260.3)

Möglicherweise ist das Kreuz am Beginn der Inschrift B im Sinne von OBIIT aufzufassen. Zu dem Verstorbenen und zu dem Anlaß, aus dem das Kreuz gesetzt wurde, lassen sich keine Angaben machen.

Textkritischer Apparat

  1. [CCC]°] [CC]° Arnold nach Mithoff. Tatsächlich ist der Platz für drei C samt hochgestelltem o hier zwar ausreichend, wie eine Fotomontage ergab, läßt aber keine so großzügige Anordnung der Buchstaben zu, wie sie sonst in der Inschrift zu beobachten ist. Die Schriftform verweist aber darauf, daß hier drei C gestanden haben (vgl. Kommentar).
  2. B(EA)TI] NO(N) Saal. Es handelt sich zweifelsfrei um ein B mit etwas verwitterten, aber noch eindeutig zu erkennenden Bögen, eingerolltes rundes T mit breitem Deckbalken sowie I mit beidseitigem Nodus.
  3. CI EWA(NGELISTAE)] CIRCUMQUITO Saal. Für die Lesung Saals gibt es keinerlei Anhaltspunkte, zumal die Buchstaben bis auf das letzte A gut erhalten sind. Arnold liest den letzten Buchstaben als N, das hier jedoch nur in der runden Form vorkommt, die sich mit dem Befund nicht vereinbaren läßt. Es handelt sich um zwei parallel verlaufende Hasten, die rechte unten mit einem deutlichen Sporn abgeschlossen, die auf ein A ähnlich dem A in CRASTINO mit schmaler gesetzten Hasten hindeuten. Über dem letzten Buchstaben zwei starke Vertiefungen, die auf ein zu zwei parallelen Strichen reduziertes übergeschriebenes a als Kürzungszeichen schließen lassen.
  4. Hinter dem M dürfte oben ein Kürzungszeichen gestanden haben, da der Worttrenner zwischen M und E nach rechts verschoben ist.
  5. Nach dem E folgt eine Haste, rechts oben daneben eine tiefe Kerbe, und über beidem sind noch die Reste eines Kürzungsstrichs erkennbar. Es ist daher zu vermuten, daß hier ein stark gekürztes, nicht mehr rekonstruierbares Wort stand, ohne den Kürzungsstrich käme auch die Lesung EX in Betracht.
  6. Hinter dem W folgt eine senkrechte Haste und eine damit verbundene rechtsschräge Haste, die zusammen als Y oder V gelesen werden könnten. – Die Lesung des R ist unsicher, gegen die Lesung als L (Arnold) scheint aber zu sprechen, daß sich trotz der rechts neben der Haste abgeplatzten Steinoberfläche noch Spuren eines R-Bogens erkennen lassen. – Hinter dem I noch ein Kürzungszeichen in Form eines Schlängels, das Arnold als S gelesen hat. Für ein S, wie es auf der anderen Seite des Steins in CRASTINO ausgeführt ist, ist das Zeichen jedoch zu schmal. Vermutlich handelte es sich bei dem letzten Wort um eine auf ECHIENSIS oder ECHIENSE endende Herkunftsbezeichnung. Saal liest die Inschrift B als WILLEHELM EYN WYNKNECHT, ohne zu erläutern, wo man in dieser Gegend den Beruf eines Weinknechts nachweisen könnte. Die Verwendung der deutschen Sprache ist angesichts der ausführlichen lateinischen Datierung in Inschrift A ohnehin sehr unwahrscheinlich, zumal es sich dann um eine sehr frühe deutschsprachige Inschrift handeln würde.

Anmerkungen

  1. Das Steinkreuz ist bereits von Arnold in dem Bestand der Inschriften der Stadt Göttingen behandelt worden; DI 19 (Stadt Göttingen), Nr. 2. Da es dem Provenienzprinzip entsprechend zum Bestand des Landkreises Göttingen gehört, ist es hier der Vollständigkeit halber noch einmal aufgenommen. Zur älteren Literatur mit sehr phantasievollen Deutungen des Textes und Spekulationen zum Ableben des Willehelm vgl. dort.
  2. 26. April.
  3. Walter Saal, Versuch zur Deutung und Datierung des Willehelm-Kreuzes (Markuskreuz) aus dem Papenbusch. In: Göttinger Jahrbuch 37, 1989, S. 43–49, hier S. 47.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 197 u. Tafel IV.
  2. DI 19 (Stadt Göttingen), Nr. 2 (mit weiterer Literatur).
  3. Müller/Baumann, Kreuzsteine, Nr. 4425.1, S. 233f. mit Abb.
  4. Walter Saal, Versuch zur Deutung und Datierung des Willehelm-Kreuzes (Markuskreuz) aus dem Papenbusch. In: Göttinger Jahrbuch 37, 1989, S. 43–49 mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 13 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0001308.