Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 9 Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius 1342

Beschreibung

Quader mit Hochwasserinschrift. Der querrechteckige Quader ist außen in den südöstlichen Chorstrebepfeiler eingemauert. Die Inschrift läuft zwischen eingeritzten Linien zeilenweise über den Stein. Die Buchstaben sind eingehauen und schwarz gefaßt.

Maße: H.: 57 cm; B.: 78 cm; Bu.: 7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 66, Nr. 9 - Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius - 1342

 Sabine Wehking [1/1]

  1. + A(n)no d(omi)ni · M° · ccc° · x°lij° · / ix° kal(endas) · Aug(ust)ia) 1) facta (est) i(n)vnda/cio Wesere (et) Vulde tantaq(ue) / altitudo aque tetigit ba/sem h(u)i(us) lapidis q(ua)drang(u)laris

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1342 am 9. Tag vor den Kalenden des August gab es eine Überschwemmung durch Weser und Fulda, und der hohe Wasserspiegel berührte die Basis dieses viereckigen Steins.

Kommentar

Bei der Inschrift handelt es sich um ein frühes Beispiel der gotischen Minuskel, die verstärkt erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auftritt. Dies erklärt vermutlich den besonderen Charakter der Buchstabenformen, der durch einen Wechsel von Brechungen und Rundungen geprägt ist und noch nicht die voll ausgebildeten Buchstaben der gotischen Minuskel zeigt. Die sehr schmale Kerbe, in der die Buchstaben gehauen sind, hat den etwas manieriert und zackig wirkenden Gesamteindruck zur Folge. Es fehlen dadurch noch völlig die für die gotische Minuskel typischen Quadrangeln und sorgfältig gestalteten Bogenbrechungen. Anstelle der gitterartigen Anordnung der Buchstaben, die für die gotische Minuskel charakteristisch wird, finden sich hier deutlich voneinander abgesetzte und vergleichsweise großzügig angeordnete Buchstaben. Kennzeichnend sind die doppelstöckigen geschlossenen a, deren gebrochener oberer Bogen zum Schaft zurückgeführt ist. V mit senkrechter rechter und linksschräger linker Haste, auch das W ist analog gebildet mit eingestellter Mittelhaste, die parallel zur linken Haste geführt ist; das Minuskel-v entsprechend mit leicht gebogener rechter Haste. Ein Vergleich mit anderen Inschriften in gotischer Minuskel zeigt, daß diese Art des v im 14. Jahrhundert öfter auftritt, später aber nicht mehr verwendet wird.2) Ein vergleichbares a findet sich in einer Inschrift aus dem Jahr 1353.3) Die Ober- und Unterlängen gehen nur wenig über den Mittellängenbereich hinaus. Die in der Inschrift verwendeten Versalien sind mit Ausnahme des Zahlbuchstabens M und des A in Aug(ust)i der gotischen Minuskel entlehnt. Die eigenwillige Gestaltung dieses unzialen A ohne Mittelbalken mit rechtwinklig nach links abgeknickter senkrechter rechter Haste und geschwungener linker Haste hat zu der falschen Lesung Julii in allen Überlieferungen geführt. Vermutlich hat der Steinmetz hier in Unkenntnis der Kalendendatierung tatsächlich zunächst Julii gehauen, das dann zu Aug(ust)i umgeformt wurde. Darauf deutet auch die überflüssige Oberlänge am linken Teil des gebrochenen Bogens des g.

Der Stein befindet sich heute in Höhe von 210 cm über dem Boden, es ist aber nicht sicher, ob dies der ursprüngliche Anbringungsort ist. Quentin erwog bereits, daß der Stein erst später an diese Stelle versetzt wurde.4) Der Überlieferung zufolge trat das Hochwasser 1342 nach siebentägigem Regen ein und überschwemmte mit Ausnahme der auf einer Anhöhe gelegenen Ägidienkirche die ganze Stadt. Es soll viele Menschen und Tiere das Leben gekostet haben.5) Das Hochwasser betraf nicht nur Münden sondern auch zahlreiche andere Orte. Nach Lubecus stürzten in Witzenhausen und Eschwege durch das Hochwasser der Werra die Stadtmauern ein.6) Auch der süddeutsche Raum war von einer allgemeinen Flutwelle betroffen. In der allgemeinen Wetterforschung gilt das Hochwasser von 1342 als Jahrtausendhochwasser.7) Durch die Zerstörung der Ernte brach in ganz Deutschland anschließend eine Hungersnot aus.

Textkritischer Apparat

  1. Aug(ust)i] Julii alle Überlieferungen. Der linke Teil des gebrochenen Bogens des g ragt mit einer Oberlänge über den Buchstaben hinaus. Vgl. Kommentar.

Anmerkungen

  1. 24. Juli.
  2. Vgl. u. a. DI 35 (Stadt Braunschweig 1), Nr. 57; DI 47 (Landkreis Böblingen), Nr. 38; DI 49 (Stadt Darmstadt, Landkreise Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau), Nr. 12.
  3. Wappenbeischriften auf der Wenzelsburg, Lauf an der Pegnitz. Vgl. Renate Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache in Bau- und Künstlerinschriften. In: Deutsche Inschriften. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik Lüneburg 1984. Vorträge und Berichte. Hg. v. Karl Stackmann, Göttingen 1986 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-Hist. Klasse, 3. Folge Nr. 151), S. 62–81, hier Abb. 8.
  4. Quentin, Wasserfluthen, S. 660, Anm.
  5. Willigerod, Geschichte, S. 142.
  6. Lubecus, Annalen, S. 111.
  7. Glaser, Klimageschichte, S. 66.

Nachweise

  1. Quentin, Wasserfluthen, S. 660f.
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 137.
  3. StA Hann. Münden, Handschrift Lotze, Bd. 1, p. 199.
  4. Lotze, St. Blasii-Kirche, S. 11.
  5. Renate Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache in Bau- und Künstlerinschriften. In: Deutsche Inschriften. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik Lüneburg 1984. Vorträge und Berichte. Hg. v. Karl Stackmann, Göttingen 1986 (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-Hist. Klasse, 3. Folge Nr. 151), S. 68.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 9 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0000901.