Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 1a Gottsbüren (Lk. Kassel), Wallfahrtskirche Mitte 13. Jh.

Diese Katalognummer liegt nur in der Onlinefassung vor (Neufund).

Beschreibung

Glocke (Uhrglocke).1) Bronze. Die aus Duderstadt stammende Glocke soll der Überlieferung zufolge zu einem unbekannten Zeitpunkt im Eichsfeld gegen papistisches Kirchengerät eingetauscht worden sein, das nach der Reformation für den liturgischen Gebrauch in Gottsbüren überflüssig geworden war, für das es im katholischen Eichsfeld aber nach wie vor Bedarf gab. Dies geht aus Notizen des langjährigen Pfarrers von Gottsbüren Christoph Ellenberger (*1638, †1734) zu den Gottsbürener Glocken hervor.2) Der Tausch geschah offenbar deutlich vor seiner Amtszeit, lässt sich aber nicht mit Hilfe anderer archivalischer Belege in Gottsbüren oder Duderstadt nachweisen.

Die Glocke, die ihrer Inschrift zufolge eindeutig für die Pfarrkirche der Stadt Duderstadt, d. h. für die seit der Zeit um 1250 errichtete Kirche St. Cyriakus, gegossen wurde (vgl. Kommentar), zeigt die längliche Form der im 13. Jahrhundert entstandenen Glocken. Die Kronenöhre sind mit Flechtmuster und Köpfen verziert. Um die Schulter zwischen zwei Kordelstegen verschiedene kleine Reliefs, darunter ein Wappenschild(?) mit einer Rose und ein größerer Wappenschild mit einem steigenden Löwen. Ob diese Wappenschilde heraldische Bedeutung hatten oder nur rein dekorativen Charakter, lässt sich nicht entscheiden. Weitere Schmuckreliefs zwischen den Stegen und auf dem Glockenmantel zeigen u. a. die Evangelistensymbole, eine Kreuzigungsgruppe, den auferstehenden Christus und das Agnus Dei. Am Wolm verläuft über zwei Stegen die erhaben gegossene Inschrift A, deren Buchstaben wohl durch Einschneiden in den Formmantel erzeugt wurden, unter den Stegen nach einem erhaben gegossenen, sitzenden Tier mit Flügeln, das möglicherweise als Gießerzeichen angebracht wurde, die erhaben gegossene Inschrift B, das letzte Wort im unteren Teil der Buchstaben durch den Uhrhammer zerstört.

Maße: Dm.: 63 cm; Bu.: ca. 1,8 cm (A), ca. 1,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 66, Nr. 1a - Gottsbüren – Mitte 13. Jh.

 Andreas Philipp [1/5]

  1. A

    O REX GLORIE · VENI · CVM · PASEa)3) · DEVS · HOMO · FACTVMb) · EST · QVI · PRO NOBIS · PASSVS · EST4) · + SIVITASc) · DE · DVDERSTAT · ME · DEDIT +d)

  2. B

    + LENSICO · ME · FESITe) · +f)

Übersetzung:

O König der Ehre, komm mit Frieden. Gott ist zum Menschen gemacht worden, der für uns gelitten hat. Die Bürgerschaft von Duderstadt hat mich gegeben. (A)

Lensico hat mich gemacht. (B)

Kommentar

Ein Glockengießer namens Lensico ist bislang nicht bekannt. Der oben erwähnte Gottsbürener Pfarrer Christoph Ellenberger meinte irrtümlich, die Glocke aufgrund des auf der Glocke befindlichen Lobspruchs, also anhand der Inschrift, auf das Jahr 1272 datieren zu können. Da er die Inschrift nicht wiedergibt, lässt sich nicht sicher beurteilen, ob die falsche Datierung auf einer vermeintlichen Lesung beruhte oder ob er in der Inschrift ein Chronogramm vermutete. Letzteres geht aber nicht auf, selbst wenn man nur einzelne Teile der Inschrift A mit ihren römischen Zahlbuchstaben zugrundelegen würde. Zudem wäre ein in einer Glockeninschrift untergebrachtes Chronogramm im 13. Jahrhundert eher ungewöhnlich. Neben der Gestaltung der Glocke und der Buchstaben ist das wichtigste Datierungskriterium für die Glocke der Umstand, dass in der Inschrift A von der civitas Duderstadt die Rede ist. Beides korrespondiert hier miteinander. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts gibt es eine zunehmende Zahl von urkundlichen Belegen für die Ausprägung städtischer Strukturen,5) zu denen auch die Errichtung der Kirche St. Cyriakus als Pfarrkirche der Stadt seit ca. 1250 gehört. Auf die Mitte des 13. Jahrhunderts verweist auch die Ausführung der Inschriften, selbst wenn eine weniger kunstvolle Ausführung der Buchstaben nicht zwangsläufig für eine frühe Datierung der Inschrift sprechen muss.

Die Buchstaben der gotischen Majuskel sind unregelmäßig groß und ohne großes Bemühen um Formprinzipien ausgeführt, die C und E ohne Abschluss-Strich, dafür wie die durchgehend retrograden S und das Q mit einem in die Buchstabenmitte gesetzten dünnen senkrechten Zierstrich, der beim E zusammen mit dem dünnen Balken ein Kreuz bildet; A mit breitem Deckbalken und gebogenen, weit ausgestellten Schräghasten; die Bogenansätze des D oben tiefer und unten höher als die Hastenenden; der Bogen des unzialen H weit unter die Zeile geführt; L mit keilförmigem Balken. An den Buchstabenenden unregelmäßig ausgeführte Sporen. Nicht die einzelnen Buchstabenformen, aber die unregelmäßige Art, in der die beiden Inschriften ausgeführt sind, entsprechen den frühesten erhaltenen Glocken im Landkreis Göttingen, die teilweise inschriftlich datiert sind (Nr. 2/1257, Nr. 3/1281 u. Nr. 5). Auffallend sind die in den frühen Glockeninschriften öfter vorkommenden retrograden S (vgl. hier Nr. 5), die aber auf der Duderstädter Glocke dreimal anstelle eines C gesetzt sind. Ob dies auf Unsicherheiten im Umgang mit der lateinischen Sprache zurückzuführen ist, wie es auch das M in FACTVM anstelle eines S anzudeuten scheint, lässt sich nicht mit Sicherheit beurteilen.

Es spricht somit einiges dafür, dass die Bewohner von Duderstadt um die Mitte des 13. Jahrhunderts aus dem wachsenden Selbstbewusstsein heraus, Bürger einer Stadt zu sein, eine Glocke gießen ließen, deren Inschrift genau dies zum Ausdruck brachte. Die aus heutiger Sicht nicht mehr verständliche Abgabe der ältesten Duderstädter Glocke an die Wallfahrtskirche Gottsbüren hat immerhin den Vorteil, dass diese nicht wie die anderen Glocken von St. Cyriakus dem Stadtbrand von 1852 zum Opfer fiel. Möglicherweise hat die Abgabe der Glocke auch damit zu tun, dass man ihre nirgendwo kopial überlieferten Inschriften nicht weiter beachtete, denn auch Johann Wolf, der 1803 für das Geläut von St. Cyriakus stellvertretend nur die Inschrift der Glocke von 1367 (Nr. 14) nach einer ihm zugeschickten Abschrift publizierte, gab dazu entschuldigend an: Nur wenige können so alte Schriften lesen, und wer sie lesen kann, steigt nicht gern an die Glocken.6)

Textkritischer Apparat

  1. Sic! Anstelle von FACTVS.
  2. Anstelle von PACE, S retrograd.
  3. Anstelle von CIVITAS, S retrograd.
  4. Alle S retrograd.
  5. Anstelle von FECIT, S retrograd.
  6. Alle S retrograd.

Anmerkungen

  1. Mein herzlicher Dank gilt dem Glockensachverständigen der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Andreas Philipp (Göttingen), der mich auf die Existenz dieser Glocke aufmerksam gemacht und die Recherchen in Gottsbüren unternommen bzw. veranlasst hat. Unser gemeinsamer Dank gilt in Gottsbüren Herrn Jürgen Lips, der uns die Aufzeichnung des Pfarrers Christoph Ellenberger zugänglich gemacht hat.
  2. Die Lebensdaten des Pfarrers nach der Inschrift auf seinem Grabstein in der Gottsbürener Kirche. Ellenbergers Notizen zu den Gottsbürener Glocken als lose Zettel im zur Zeit Ellenbergers geführten Kirchenbuch im Pfarrarchiv Gottsbüren. Zu der Glocke und ihrer Herkunft vgl. a. den Kirchenführer von Gottsbüren (Die Wallfahrtskirche Gottsbühren, hg. v. der Evangelischen Kirchengemeinde Gottsbüren. Groß Oesingen 2008, S. 27), wo die Glocke nach Ellenberger auf 1272 datiert ist.
  3. Formel aus der Liturgie der Kirchenweihe. Vgl. hierzu ausführlich DI 96 (Landkreis Northeim), Nr. 16 mit weiterführenden Literaturangaben.
  4. Nach dem Nicänischen Glaubensbekenntnis: homo factus est et passus est.
  5. Vgl. hierzu Duderstädter Häuserbuch, im Auftrag der Stadt Duderstadt hg. v. Hans Reinhard Fricke, Duderstadt 2007, S. 75–77.
  6. Wolf, Geschichte, Anm. * auf S. 250.

Nachweise

  1. Die Wallfahrtskirche Gottsbühren, hg. v. der Evangelischen Kirchengemeinde Gottsbüren. Groß Oesingen 2008, S. 27.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 1a (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k00001a3.