Inschriftenkatalog: Landkreis Calw

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 30: Landkreis Calw (1992)

Nr. 244 Berneck, ev. Pfarrkirche St. Maria 1563

Beschreibung

Grabdenkmal der Eheleute Balthasar von Gültlingen und Agnes von Gemmingen. Im Chor an der Nordwand. Hochrechteckige Platte aus grauem Sandstein, breiter Schmuckrand mit vegetabilischen Ornamenten, oben mit Spruchband belegt (A), rechts und links in den Ecken Helm mit Helmzier, die Wappenschilde rechts und links auf dem Rand, vier weitere auf der unteren Randleiste. Im Mittelfeld oben Schrifttafel mit Inschrift in 7 Zeilen (B), darunter in Doppelnische Brustbilder der Verstorbenen in Halbrelief. Unter der Nische Schrifttafel mit Inschrift in 7 Zeilen (C). Untere Leiste mit den Wappenschilden zur Hälfte im Fußboden eingelassen.

Maße: H. 288, B. 168, Bu. 8 (A), 6 (B), 5–5,5 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis (A), Fraktur (B, C), erhaben.

DI 30, Nr. 244 - Berneck, ev. Pfarrkirche St. Maria - vor 1563

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/1]

  1. A

    V(ERBVM) · D(OMINI) · M(ANET) · I(N) · AE(TERNVM)1)

  2. B

    Anno d(omi)nj · 1563 vf den 24 tag / Junja). Starb der Edell vnd / vest Baltthassar von Gülttli=/ngen Zu hohen Önttringen / Bernneck vnd Sindlingen / Fürstenthumbs wirtemberg Erbcamerer

  3. C

    Do starb Frow Aggnes von / Gülttlingen geborn von Gem=/yngen sein Eeliche hausfröw / Anno 15⟨⟩ vff den ⟨⟩ tag ⟨⟩ Gott wölle sijn / baiden Jnn Ewigen Frowden / trösten Amen.

Wappen:
Gültlingen, Gemmingen
Gültlingen, ?, ?, Güss von Güssenberg

Kommentar

Die Schrift ist eine fast nach dem Vorbild von Kanzleischriften gestaltete Fraktur (v mit u-Bögen) in erhabener Arbeit mit großen Wortzwischenräumen. Das Denkmal wird der Werkstatt des Joseph Schmid von Urach zugeschrieben2. Die Todesdaten wurden ausgespart, das Todesdatum der Ehefrau wurde nicht nachgetragen. Die Darstellung der Verstorbenen in Halbfigur in einer Nischenarchitektur wurde für anspruchsvolle Denkmäler seit dem Beginn des Jahrhunderts übernommen. Ein Paul von Gültlingen erhielt mit seiner Ehefrau Rosa Burggraf ein ganz ähnlich aufgefaßtes Grabdenkmal in der Stiftskirche zu Ellwangen († 1520/22)3.

Für Balthasar von Gültlingen liegt die stark abgetretene Grabplatte im Fußboden der Kirche vor dem Denkmal (nr. 243); eine von ihm gestiftete Wappenscheibe im Rathaus von Wildberg ist zerstört (nr. 238). Das Zitat im Spruchband – Wahlspruch der württembergischen Reformation – entspricht dem Einsatz Balthasars von Gültlingen für die Durchführung der Reformation im Herzogtum (seit 1535). Er steht auch – in deutscher Sprache – auf der Grabplatte des Verstorbenen. Im Jahr 1535 werden beide Ehegatten als Besucher des Unteren Bades in Liebenzell genannt (vgl. nr. 372).

Textkritischer Apparat

  1. Die Todesdaten sind nachgetragen. Das beweist nicht nur die etwas geänderte Schrift, sondern vor allem der große Raum, der hinter Junj frei blieb, weil man auch mit einem längeren Monatsnamen rechnen mußte.

Anmerkungen

  1. 1. Petr. 1, 25; Jes. 40, 8. Das vielfach verwendete Zitat erscheint hier wesentlich später als in benachbarten Gebieten. Im Landkreis Ludwigsburg ist es seit 1544 belegt: DI 25 (Ludwigsburg) nr. 276. Vgl. aber auch Johannes Bauermann, Die neue Lehre in St. Ludgeri in Münster. Eine evangelische Inschrift über der südlichen Pforte der Kirche aus dem Jahre 1537, in: ders., Sieben Aufsätze, Jugenderinnerungen und Schriftenverzeichnis (= Schriften der Hist. Kommission für Westfalen 12) Münster 1987, S. 33–40 mit Anm. 3. Im Jahr 1561 wird das Zitat als Hausinschrift in Hameln verwendet: DI 28 (Hameln) nr. 67.
  2. Fleischhauer, Renaissance S. 111, 128 (Abb. 61). – Demmler 1910, S. 95, 112 (Tafel 6). – Demmler vermutet eine Entstehung des Denkmals schon bald nach 1554, als Balthasar von Gültlingen mit der Errichtung der herzoglichen Grablege in der Tübinger Stiftskirche betraut war. Die offengebliebenen Stellen für die Todesdaten unterstützen diese Vermutung. Da 1553 ein Denkmal in Tübingen vom gleichen Typus zu belegen ist, 1559 ebenfalls eines in Großsachsenheim (DI 25 (Ludwigsburg) nr. 311), läßt sich die Entstehung des Bernecker Denkmals zwanglos hier einreihen.
  3. Die Herkunft läßt sich vielleicht aus der Darstellung auf Münzen ableiten; erstes nachweisbares Denkmal ist das Epitaph des Arztes Adolf Occo († 1503) im Augsburger Domkreuzgang, der als Sammler von Münzen bekannt war; vgl. auch DI 22 (Enzkreis) nr. 233 Anm. 4 zum vergleichbaren Denkmal der Eheleute Wilhelm und Anna Schöner von Straubenhardt.

Nachweise

  1. Paulus, Schwarzwald S. 163.
  2. OAB Nagold S. 138.

Zitierhinweis:
DI 30, Landkreis Calw, Nr. 244 (Renate Neumüllers-Klauser), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di030h010k0024408.