Die Inschriften des Landkreises Calw

5. Schriftformen

Die Entwicklung der Monumentalschrift, ihre Abhängigkeit von Buch- und Auszeichnungsschriften, ihre möglichen Werkstattausprägungen und andere spezifische Eigenheiten sind noch wenig erforscht. Es fehlte und fehlt noch eine breite Materialgrundlage, obwohl die Forderung nach Berücksichtigung dieser Schriftquellen im Rahmen der Historischen Hilfswissenschaften bereits von Karl Brandi 1936 dringlich erhoben wurde56). In den Inschriftenbänden soll deshalb – aufbauend auf den im Band edierten Texten bzw. ihrer Wiedergabe – jeweils ein schriftgeschichtlicher Abriß gegeben werden, der den Versuch macht, die vorkommenden Schriften zu charakterisieren und ihre besonderen Eigenheiten zu beschreiben. Dabei werden nach Möglichkeit nur die Schriften herangezogen, die im Abbildungsteil des Bandes einen anschaulichen Vergleich ermöglichen.

5.1 Romanische Majuskel

Für eine Geschichte der Schriftformen bietet der Bearbeitungsraum erstaunlich reiches und vielfältiges Material, das in der originalen Überlieferung mit dem 11. Jahrhundert – einer Tympanoninschrift in Simmersfeld, die vom alten Kirchenbau (1885 abgerissen) in den Neubau übertragen wurde – einsetzt. Damit ist bezeugt, daß es nicht unbedingt klösterlicher Ansiedlungen bedurfte, um Schrift und Schriftlichkeit zu vermitteln, sondern daß auch schon frühe Pfarrzentren diese Aufgabe übernehmen konnten. Die Schrift des Tympanons ist noch eine reine Kapitalis ohne unziale Buchstabenformen, stumpf geschlossenem A mit auffallend hoch angesetztem Querstrich. Die Proportionen der Schrift sind am ehesten mit der bekannten Bau- und Weiheinschrift auf dem Rotenberg bei Stuttgart vergleichbar, die das Jahr 1093 nennt57). Da Simmersfeld erstmals Anfang des 12. Jahrhunderts genannt wird und ein Geistlicher bereits amtierte, widerspricht die historische Überlieferung der Datierung nach den Schriftformen nicht.

Die Grabplatten des Herzogs Bertold von Zähringen und des Abtes Volmar (nr. 5 und 6) haben sich beide, wenn auch fragmentarisch, in den Trümmern des Klosters Hirsau erhalten. Sie dürften etwa aus [Druckseite XXV] der gleichen Zeit stammen und dokumentieren Schriftformen, die einander sehr ähnlich sind, wenn sie nicht sogar von der gleichen Hand stammen. Die nur aus parallelen Schriftquellen um 1185 zu datierende Grabplatte der Willebirg zeigt ebenfalls noch Kapitalis, bietet aber durch ihre geringe Buchstabenvielfalt keinerlei Substanz für einen Schriftvergleich (nr. 8). Die Schrift der Grabplatten des Bertold und des Abtes Volmar folgt dem klassischen Alphabet der Kapitalis, C erscheint in eckiger und in runder Form, U bei der Volmar-Grabplatte auch als unzialer Buchstabe. Abbreviaturen und Ligaturen sind nur bei der Platte des Herzogs in größerer Anzahl verwendet, unziale Buchstaben sind nicht verwendet. Einzige Ausnahme ist das in eine TE-Ligatur einbezogene unziale A im Wort BEATE, das sog. ,proklitische A’, das seit der Mitte des 11. Jahrhunderts in Inschriften zu belegen ist58). Seine Genese ist aufschlußreich für die Umsetzung von schreibschriftlichen Vorlagen in die Monumentalschrift. Wie sich der schreibschriftlich als e-caudata dargestellte Diphthong ae als rudimentäre Ligatur klassifizieren läßt59), so ist in der Epigraphik mit zeitlicher Verschiebung eine gewissermaßen rückläufige Entwicklung zu beobachten. Die Darstellung eines kapitalen E bzw. eines unzialen E mit Cauda (links in Höhe des Mittelbalkens ansetzend) begegnet in der italienischen Epigraphik bereits im 9. Jahrhundert, und bleibt damit durchaus in Analogie zu Buchschriften60). Nördlich der Alpen erscheint die Cauda am E mit Ansatz an der Spitze des Schaftes 1050 in Waha in einer Inschrift, die bereits das Eindringen unzialer Buchstaben in die Kapitalis dokumentiert; der gleiche Text hat auch die Vollform AE als Ligatur und eine ‚echte’ Cauda am unzialen E61). Für 1058 und 1052/1069 sind in Worms bzw. in Regensburg epigraphische Entsprechungen der schreibschriftlichen e-caudata zu belegen; dabei ist die Kenntnis vom Lautwert des ,geschwänzten E’ so wenig gegenwärtig, daß in Worms auch eine klassische AE-Ligatur mit einer Cauda am E dargestellt ist62). Erst mit dem Vordringen unzialer Buchstaben in das Kapitalis-Alphabet tritt dann die Bindung an das E in den Hintergrund, die Cauda wird umgesetzt (oder auch zurückverwandelt) zum ,proklitischen’ (unzialen) A und damit ligaturfähig für andere Buchstaben, zumal der Diphthong ae und damit die (litera) e-caudata im 12. Jahrhundert weitgehend durch das einfache e verdrängt wurde. Vielfach ist die Verwendung schon 1135 auf der Mainzer Domtür (mit eckigem C, N, R, T, das A immer in der halbunzialen Form mit Querstrich) und 1146 in einer Bauinschrift in Willich (mit B, N, R, T, das A unzial ohne Querstrich); in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts in Merseburg, nach 1173 in Alpirsbach und um 1180 in der Tympanon-Inschrift von Herrenalb ist die Ligatur analog zu Hirsau ausgeführt, in Merseburg als Ligatur AT und TA. Wandmalereien in Idensen (Hannover) und die Weiheinschrift von Schwarzrheindorf (um 1130 bzw. 1151) halten noch an der alleinigen AE-Ligatur fest63). Anders als bei Berges sollte dann das mehrfach vorkommende AE auf dem Heziloleuchter (1079) ebenso wie das AE auf dem Radleuchter der Großkomburg (um 1152) noch als e-caudata klassifiziert werden, zumal das A jeweils ausgesprochen rudimentär in der Form der Cauda erscheint. Für die engen Zusammenhänge zwischen Buch- bzw. Auszeichnungsschriften und Inschriften könnten diese Beobachtungen erweitert werden64).

Einleitungskapitel 5 (DI 30), Abbildung 1

Fig. 1: Formen der e-caudata bzw. des proklitischen A (1–3 Waha, 4–6 Worms, 7 Regensburg, 8 Hirsau)

[Druckseite XXVII]

Die Hirsauer Denkmäler hielten – im Vergleich zu anderen Zeugnissen im Kreisgebiet und seiner Nachbarschaft, die sich früher Neuerungstendenzen offen zeigten – offensichtlich lange an einer traditionellen Kapitalis fest. Noch im Jahr 1300 ist in der Grabschrift für Abt Gottfried von Münchingen (nr. 14) kein Einfluß unzialer Buchstabenformen dokumentiert; die Buchstaben haben allerdings deutlich Schaftverbreiterung an den Enden bis hin zur Ausbildung von Dreieckssporen, sie konnten sich also stilistisch gebundenen Änderungen nicht ganz entziehen, aber der Formenkanon der Buchstaben bleibt streng an die Kapitalis gebunden. Denkbar wäre, daß hier eine klostereigene Werkstätte nach Schriftentwürfen aus der Klosterschule arbeitete, denen sie traditionell verpflichtet blieb. Oder wußte man genau um die Qualität der Schrifthierarchie und behielt aus diesem Grunde für Monumentalinschriften die Kapitalis bei? Anders läßt sich die Beharrung auf einer um 1300 schon ‚überholten’ Schriftform kaum deuten, zumal im benachbarten Herrenalb bereits früher ein Wandel der Schriftformen zu beobachten ist: die im gleichen Jahr anzusetzende Sterbeinschrift des Steinmetzen Burchart (nr. 15) zeigt eine flächige Schrift vom ausgebildeten Typus der gotischen Majuskel.

In den Tympanon-Inschriften von Herrenalb, nach baugeschichtlichen Erwägungen wie nach den Schriftformen noch im ausgehenden 12. Jahrhundert bzw. um 1200 entstanden (nrr. 7, 10), wird der Wandel der Monumentalschrift zur romanischen Majuskel deutlich, die in ihrem Grundbestand noch der Kapitalis verpflichtet ist, aber Formen aus der Unzialschrift, der neben der Kapitalis bevorzugten Auszeichnungsschrift mittelalterlicher Codices, aufgenommen hat. Das unziale E steht neben der kapitalen Form des Buchstabens, ein rudimentäres unziales A in Ligatur mit E und eine VS-Ligatur kommen hier analog wie auf der Grabplatte des Herzogs Bertold von Zähringen in Hirsau vor. Die noch immer feinstrichige und schmal angelegte Schrift zeigt keine Schwellungen, eine eigentliche Tendenz zur Gotisierung liegt noch fern65). Im etwas späteren Tympanon des Paradieses erscheint M mit links geschlossenem Bogen. Das wiederholt sich völlig gleichartig auf der Grabplatte des Bischofs Conrad von Eberstein († 1245), auf der mit der Schließung des unzialen E in Schreibrichtung, mit dem parallelen Gebrauch von kapitalen und unzialen Buchstabenformen für A, E, N, T und U die Gotisierung der Schrift weiter fortgeschritten ist; die Formen sind bewegt, die Linien teilweise doppelstrichig angelegt, die Buchstaben haben ausgreifende Sporen. Die Grabplatte des Tuzzelingerius aus dem Jahr 1266 in der Pfarrkirche Wildberg zeigt demgegenüber eher ein retardierendes Schriftbild, obwohl unziale E, H, M und T neben den entsprechenden Kapitalis-Formen stehen. Ihr verwandt sind die heute nach Rottenburg-Ehingen verbrachten Grabplatten der Hohenberger von 1299 bzw. 1309 (nr. 13 und 19), während die Grabplatte des 1318 verstorbenen Grafen Burkhard IV. von Hohenberg (nr. 21) deutlich eine stilistische Fortentwicklung zeigt oder einen geschulteren Steinmetz zum Urheber hat, der nach einem ausgesuchten Muster arbeitete. Die mittelalterliche Monumentalschrift kann im 12. und 13. Jahrhundert noch nicht mit ‚Vorlagen’ rechnen, wie es in späteren Jahrhunderten sicher der Fall war. Sie setzte ihre Anregungen aus geschriebener Schrift in die Gegebenheiten ihres ,Beschreibstoffes’ und ihrer Werkzeuge um, selten wohl dienten unmittelbar Inschriftenträger als Vorbild. Die Umsetzung von Schreibschrift in monumentale Schrift und ihre Ausführung mit handwerklichen Mitteln auf Stein hing aber ab von der Geschicklichkeit und dem Können eines Steinmetzen. Deutlich wird das an der Bauinschrift der Liebfrauenkirche in Nagold auf einer Säulentrommel, die in einer späten Form der Majuskel ausgeführt ist (nr. 37). Die Buchstaben sind im Aufriß schmal (2 : 1), aber der Einzelbuchstabe ist flächig und in sich abgeschlossen. Die Sporenansätze sind nicht nur an den Hastenenden und an den Deckbalken (bei A und T), sondern auch an den Bogenschwellungen (bei C, D, E und G) zu breiten Dreiecksformen ausgezogen, die bei den Deckbalken bis zur Zeilenmitte herabgehen und bei der Serife des Grundstrichs vom L fast 2/3 der Buchstabenhöhe erreichen. Die Grabschrift des Kaplans Volmarus Murer aus der Remigiuskirche in Nagold von 1374 (nr. 41) könnte noch vom gleichen Steinmetz ausgeführt sein oder doch dem Vorbild der Grundsteinlegungsinschrift folgen. In ganz ähnlicher Schrift muß die Stiftertumba in Bad Herrenalb (nr. 46) sich dargestellt haben, von der heute nur noch ein Bruchstück erhalten ist; immerhin läßt der Bestand von 9 Buchstaben eine Einstufung zu. Die Sporen sind ebenfalls lang ausgezogen und dreiecksförmig verbreitert, P fällt durch einen sehr großen Corpus auf, VL sind in eine ungewöhnliche Ligatur gestellt. – Eine ausgesprochene Spätform der [Druckseite XXVIII] Majuskel in der Art einer Übergangsschrift zeigt eine Bauinschrift aus Effringen aus dem Jahr 1502: die Schrift ist nicht zeilenweise gemeißelt, N ist durch einen vereinfachten Bogen in der runden Form dargestellt, K dagegen in LANCKWERC schon in Kapitalis; die Schrift steht zwar noch in der Tradition der gotischen Majuskel, zeigt aber deutliche Charakteristika eines neuen Schriftstils66).

Bemerkenswert erscheint es, daß in Hirsau wie in Herrenalb die frühesten erhaltenen Grabplatten auffällige Analogien im äußeren Erscheinungsbild und im Formular der Inschrift zeigen: der Beginn der Inschrift setzt jeweils in der Mitte der Kopfleiste ein, der Bertoldus-Stein wie die Platte für Conrad von Eberstein benutzen gleichlautend die Nekrolog-Form BONE MEMORIE. Wenn man in Herrenalb an einem Muster interessiert war, um die Grabplatte für Conrad von Eberstein ausführen zu lassen, so liegt das Vorbild der Bertold-Platte durchaus im Bereich der Möglichkeiten.

5.2 Die gotische Minuskel

Die gotische Minuskel stellt sich dar als eine von der Epigraphik rezipierte Buchschrift, die mit Ober- und Unterlängen in ein gedachtes Vier-Liniensystem eingestellt ist und damit deutlich unterschieden ist von der bisher verwendeten – und spezifisch entwickelten – gotischen Majuskel, die mit dem gesamten Corpus des Buchstabens zwischen zwei Linien steht. Im Bearbeitungsgebiet wird die gotische Minuskel bemerkenswert früh verwendet: das erste Zeugnis stammt aus Herrenalb vom Jahr 1378. Damit zeigt sich eine deutliche Entsprechung zu den Befunden im Enzkreis und in der Stadt Pforzheim, die ebenfalls frühe Zeugnisse dieser Monumentalschrift überliefern. Die Wiedergabe von Schrift durch Steinmetzen hatte immer mit der Problematik zu tun, daß die Handwerker bis weit in die beginnende Neuzeit hinein weitgehend noch lese- und schreibunkundig waren; auch die Laienbrüder der Zisterzienser – die Konversen – werden da keine Ausnahme gemacht haben67). Alle Handwerker hatten sich also bei ihrer Arbeit an einer Vorzeichnung zu orientieren, deren eigentliches Verständnis ihnen verwehrt war. Eine neuartige Schrift wie die Minuskel mußte noch eine zusätzliche Erschwerung bedeuten, zumal die Steinmetzarbeit an einem nur aus Kleinbuchstaben (den ‚Gemeinen’ der Buchschrift) bestehenden Text aufwendiger war und die Arbeitszeit vervielfältigte. Aus diesen Gründen wirken gerade frühe Minuskelschriften in Stein vielfach unbeholfen und wenig ausgeglichen68). Durchaus typisch ist die Grabschrift des Heinrich von Berwangen (nr. 42): die Buchstaben zeigen kurze Ober- bzw. Unterlängen (bei d, h, l bzw. g, p), die Wörter sind stark gekürzt, anderseits ist der verfügbare Raum für die Umschrift nicht ausgenutzt. Dem Steinmetz fehlte noch das Augenmaß für den Platzbedarf der neuartigen Schrift, daher kürzte er eher im Übermaß, ausgehend vom Raumbedarf der breiter laufenden Majuskel. Dieser ,Leerraum’ bei Grabplatten mit früher Minuskelbeschriftung ist sehr häufig zu beobachten – so etwa bei den Grabplatten der Adelheid Kechler von Schwandorf in Berneck (nr. 50), der Hedwigis von Heimerdingen (nr. 52) und der Elisabeth von Lorchem in Herrenalb (nr. 56) – und zeigt das Anpassungsproblem der ausführenden Handwerker an neue Schriften69). Eine gewisse Unsicherheit in der Handhabung der neuen Minuskelschrift zeigt sich selbst dann noch, wenn man – wie bei der Bauinschrift aus Nagold (nr. 67) – voraussetzen kann, daß ein gut geschulter Meister den Stein bearbeitet hat: die Ober- und Unterlängen sind noch wenig ausgebildet, aber die charakteristischen Brechungen der Minuskel und die fadenförmigen Zierlinien an den Quadrangeln weisen auf eine gute Vorlage, die korrekt nachgearbeitet wurde. Ausnahmsweise früh benutzt wird eine Minuskel (1420) bei der Schulterinschrift der Glocke in Liebelsberg (Stadt Neubulach; nr. 77). Die kräftigen und gut ausgeformten Buchstaben machen es sehr wahrscheinlich, daß die Model neu und bald nach ‚Einführung’ der Schrift beschafft worden waren, obwohl sonst allgemein von den Gießern [Druckseite XXIX] die alten Model lange weiterbenutzt wurden. Eine sehr qualitätvolle Minuskel ist auf der Grabplatte der Brüder Menloch und Rudolf von Dettlingen von 1434 eingemeißelt worden (nr. 89) ; sie ist keilförmig ausgeschlagen, zeigt deutlich ausgeprägte Ober- und Unterlängen und als Worttrenner kleine Vierspitze, wie sie bei antiken Inschriften – und ihnen folgend wieder bei der Renaissance-Kapitalis – üblich waren (vgl. nr. 160). Auch die Inschrift von der Deckplatte des Erlafried-Grabes (nr. 135) ist in einer ähnlich klaren Minuskel gearbeitet: sie zeigt regelmäßige Brechungen, teilweise bereits ausgezogene Zierstriche (a, e, r) und Schaftgabelung (b, l, t). Die Worte haben weite Spatien und paragraphenförmige Trennpunkte. Eine deutlich veränderte Minuskel mit zahlreichen Versalien aus der Kapitalis (A, M, L, R, S) ist in der Grundsteinlegungsinschrift der Marienkapelle in Hirsau überliefert, die sich auf das Jahr 1508 datiert (nr. 179). Als Steinmetz ist Meister Martin von Urach genannt; um so mehr befremdet die flüchtige Schrift, die nur noch wenige Schaftbrechungen zeigt; auf der Zeile wirken fast alle Hasten wie abgeschnitten, die Buchstabenkörper von b und o sind deutlich gerundet. Die Kürzungen sind unregelmäßig gesetzt. Eine Nachziehung mit schwarzer Farbe hat möglicherweise einige Konturen verwischt, aber am Gesamtbestand einer sehr wenig ausgefeilten Minuskel dürfte sie kaum etwas verändert haben. Da Martin von Urach an einem sehr dekorativen Schlußstein des Kreuzgangs (nr. 134, im zweiten Weltkrieg zerstört) eine ganz andere Minuskel anwendet, läßt sich die Differenz der Schriften nicht auf Unkenntnis zurückführen. Denkbar wäre, daß die Grundsteinlegungsinschrift zunächst verdeckt eingesetzt war und erst bei späteren Umbauten sichtbar wurde70).

Ein Unikat im Bearbeitungsgebiet ist die Inschriftplatte vom Grabdenkmal des Philipp Feilitzsch von Sachsgrün († 1528; nr. 205), die ein Erzeugnis aus der Vischer-Werkstatt in Nürnberg ist. Die Textura verwendet bereits Versalien aus der von Johann Neudörffer entworfenen Fraktur-Schrift. Eine leicht erhaben gearbeitete Minuskel zeigt eine Bauinschrift aus Ebhausen aus dem Jahr 1455 (nr. 105), und mehrere erhabene Schriften haben sich aus dem Klosterbereich von Herrenalb erhalten (nrr. 117, 123, 214), wo sicher klostereigene Handwerker in der Lage waren, auch anspruchsvolle Schriftformen in Stein umzusetzen.

5.3 Kapitalisschriften

Für die Rezeption der erneuerten Kapitalis im Bearbeitungsgebiet läßt sich als ‚Einfallstor’ mit einiger Gewißheit Kloster Hirsau vermuten. Auch die Kapitalis wurde – wie die Minuskel – nach Vorbildern aus der Buchschrift übernommen und den Mustern der Antike angenähert. In Hirsau hatte nach dem Anschluß an die Bursfelder Reform (1458) eine Phase der Rückbesinnung auf die klösterliche Vergangenheit im weitesten Sinne eingesetzt, von der auch die epigraphischen Zeugnisse nicht ausgeschlossen blieben. Es ist bezeichnend, daß der Gewölbeschlußstein des Kreuzgangs mit dem Wappen des Abtes Blasius Scheltrub und der Jahreszahl 1493 (nr. 146) den Namen des Abtes nicht in der bisher gebräuchlichen Minuskelschrift, sondern in Kapitalis wiedergibt. Die Buchstaben folgen noch nicht ganz dem klassischen Vorbild, sondern orientieren sich eher an Formen aus der frühhumanistischen Kapitalis, A hat einen breiten Deckbalken und eine geknickte Querhaste, M erscheint in der Bildung des ‚byzantinischen’ M als H mit einem Abstrich am Querbalken71). Hirsau paßt sich mit diesem Gebrauch der frühhumanistischen Kapitalis durchaus in den Kanon der bisherigen Beobachtungen ein: die Schrift – anknüpfend an eine Wiederaufnahme der antiken Kapitalis unter dem Einfluß des italienischen Frühhumanismus – gewann überall da eine schnelle Verbreitung, wo kulturelle Zentren die Erneuerung klassischer Latinität und Metrik im Sinne des Humanismus förderten; das gilt für Basel und für Augsburg, für Worms und für Mainz, die alle schon vor der Jahrhundertwende Kapitalis-Inschriften in der Form der frühhumanistischen Kapitalis oder in mehr oder minder starker Annäherung an die klassischen Formen überliefern, während sich die Rezeption abseits solcher Zentren oft bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts verzögerte.

Einleitungskapitel 5 (DI 30), Abbildung 2

Fig. 2: Buchstabenformen der Aurelius-Platte

[Druckseite XXX]

In Hirsau scheint man mit ihr vertraut gewesen zu sein; Abt Blasius Scheltrub wird auch durch seine Bekanntschaft mit Johannes Trithemius Anregung und Kenntnisse für die Ausführung einer eigentlichen scriptura monumentalis erhalten haben. Die figürliche Platte des Aurelius-Hochgrabs (nr. 160), nach quellenkritischen Erwägungen vor 1498 anzusetzen, ist in einer variierten Kapitalis beschriftet, die gleichfalls nicht streng klassischen Vorbildern folgt, sondern im Rückgriff offenbar auch Denkmalschriften des 12. Jahrhunderts adaptiert: das eckige C, unziales E, ein ligiertes AT durch Darstellung eines A mit breitem Deckbalken, ligierte AV, NE und TR, ein EST mit Enklaven von S und T in den Bögen des unzialen E, C mit Enklaven von I und O könnten unmittelbar von älteren Schriften übernommen worden sein – Handschriften oder Steinschriften. Auch das lange F in FUNDATA mit oben gerundeten Bogen und das lange S in SVSCIPIENDO und TRANSLATO (Fig. 2) kommen in älteren Monumentalschriften vor. Mit diesen Merkmalen schließt sich die Schrift weitgehend an andere Denkmäler dieser Zeit an, die zu Ehren längst Verstorbener gesetzt wurden72); vergleichbare Buchstabenformen lassen sich in erhaltenen französischen, italienischen und deutschen Inschriften des 11. und 12. Jahrhunderts (u. a. Moissac, Vienne, Toulouse, Reims, Crest, Pisa, Schwarzrheindorf) belegen73). Solche Inschriften könnten aber auch in Hirsau – vielleicht nur in Fragmenten – im 15. Jahrhundert noch vorhanden gewesen sein, wenn man nicht Handschriften zur Vorlage heranzog. Die Umschrift betont mit der Nennung des Translationsdatums 830 die Gründungsphase des Klosters, der man sich vielfach verpflichtet wußte und deren Bedeutung in der Zeit des Reformstrebens ständig wachgehalten wurde74). Auch in der nicht erhaltenen Grabschrift für Abt Blasius († 1503; nr. 175) ist die Formulierung HAEC SUNT REVERENDI PATRIS BLASII FATALIA BUSTA ein Hinweis darauf, daß man an alte Formeln wieder anknüpfte. Ihnen dürfte die Schrift völlig entsprochen haben. Für die ebenfalls zerstörte Inschrift am Noviziat (1511; nr. 180) hebt die nichtoriginale Überlieferung die Ausführung in Kapitalis ausdrücklich hervor. Eine für diese Zusammenhänge sehr aussagekräftige Inschrift ist mit der Bau- und Weiheinschrift an der Marienkapelle (1516; nr. 184) überliefert. Sie folgt in der Textformulierung – einsetzend mit der Weiheformel HONORE OPTIMI MAXIMI DEI – antiken Vorbildern, apostrophiert die Leser der Tafel als BENEMERENT(es) und die nun klassische Kapitalis ist offenbar direkt aus schreibschriftlicher Vorlage umgesetzt. Vergleichbares begegnet in Maulbronn bereits aus dem Jahre 1493; die ‚Überlieferungspfade’ weisen allerdings hier direkt nach Rom, während für Hirsau aus dieser Zeit keine Kontakte nachzuweisen sind und eher Schreibmuster aus der Bibliothek zur Verfügung standen75). Die zeitlich nächste Kapitalisschrift in Hirsau (nr. 194) auf der Bildnisplatte des 1524 verstorbenen Abtes Johannes Hannßmann folgt sichtlich dem Vorbild der Aurelius-Platte, ohne die ‚historisierenden’ Abweichungen (Ligaturen, Enklaven) der Umschrift zu übernehmen. Das A hat noch immer einen unklassisch breiten Deckstrich, Anfangsbuchstaben sind überhöht, die Proportionen weniger gestreckt. Wenn gleiche Muster angewendet wurden, hat man sie – der Bestimmung entsprechend – durchaus variiert. Das wird auch deutlich an den gemalten Beischriften auf den Schriftbändern der Gewölbekonsolen in der Marienkapelle, die ebenfalls Formen der frühhumanistischen Kapitalis aufnehmen: die Buchstaben sind schmal und langgestreckt, D ist links oben geöffnet, P erscheint mit übergroßem Corpus. Die Bevorzugung einer frühhumanistischen Kapitalis für Beischriften entspricht dem Charakter von Auszeichnungsschriften der Buchschrift. Ganz ähnlich ist auf einer Herrenalber Abtsgrabplatte aus dem Jahr 1513 (nr. 182) ein besonders hervorzuhebender Zusatz zu der in Minuskel ausgeführten Grabschrift in frühhumanistischer Kapitalis wiedergegeben: EX CONVENTV HVIVS LOCI POSTVLATVS bezeichnete den hierarchischen Rang des Exabtes Johannes Scholl von Maulbronn und mußte daher auch durch die Schrift betont werden. Eine eigentliche [Druckseite XXXI] Entwicklung zeigt die Kapitalis in den folgenden Jahrzehnten in ihrer Anwendung nicht, obwohl das in kulturellen Zentren – etwa in Augsburg und München – durchaus zu beobachten ist76). Die Qualität hängt jeweils eng mit dem Können der ausführenden Kräfte zusammen. Ganz klar wird das bei Herrenalber Inschriften, die – wie schon Minuskel-Schriften – in erhabener Technik ausgeführt sind (nrr. 211, 216), oder auch bei späteren Bauinschriften in Rohrdorf (nr. 309) und in Rotfelden (nr. 338), bei denen Repräsentationsbedürfnis des Auftraggebers Dekoration und Schrift bestimmte. Dem entsprechen auch die Schriften auf erhaltenen Epitaphien in Berneck (nr. 257), aus Gündringen (nrr. 259, 262) und – schon um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts – die Epitaphien der Buwinghausen in Zavelstein (nr. 353, 354), deren Werkstatt Kapitalis, humanistische Minuskel und Fraktur in gleicher Weise hervorragend ausführte.

5.4 Fraktur

Wie die gotische Minuskel und die Renaissance-Kapitalis wurde auch die Frakturschrift in gewissermaßen ,fertiger Form’ über die Schreibschrift in der Epigraphik adaptiert. Der Weg dürfte hier eher über Kanzleischriften und wahrscheinlich sogar über Musterbücher und Schreibschulen, vielleicht auch über Druckwerke gegangen sein; die Vermittlung von Schriftmustern in der frühen Neuzeit war gegenüber dem Mittelalter vervielfacht, und die neuzeitlichen Schriften lassen sich kaum noch in strenge Nomenklaturen fassen. Die Verbreitung der Fraktur ist weitgehend an deutschsprachige Texte geknüpft, zur Wiedergabe lateinischer Texte hielt man sich konsequent an die der Sprache gewissermaßen zugeordnete Kapitalis. Die Einbindung in eine Art Schrifthierarchie blieb noch gültig, damit aber auch eine Reserve dagegen, lateinische Texte mit Frakturschrift wiederzugeben, während die Kapitalis beiden Sprachen zugeordnet sein konnte. Das erklärt auch die Verwendung beider Schriftarten auf Denkmälern mit gemischtsprachigen Texten (nrr. 281, 286, 293, 305, 306, 312, 314, 316 u. ö.). Diese Beobachtungen weisen zurück auf die Entstehungsgeschichte der Fraktur, die nach Vorstufen in Kanzleischriften als bevorzugte Type der kaiserlichen Prachtdrucke Kaiser Maximilians I. Verbreitung fand77). Es paßt zu dem bisher schon bei der Verteilung der Denkmälergruppen und ihrer spezifischen Ausführung beobachteten ‚konservativen’ Charakter der hier untersuchten Inschriftenüberlieferung, daß die Fraktur keinen großen Anklang fand: 30 Denkmäler, überwiegend die Grabplatten, sind in dieser Schrift ausgeführt; das entspricht einem Anteil von etwa 7,8 % des Gesamtbestandes und bleibt weit hinter der fast gleichzeitig gebrauchten Kapitalis (mit rund 90 Inschriften und 24,3 %) zurück78). Die Ursachen für die Zurückhaltung beim Gebrauch der Fraktur lassen sich leicht erschließen: Auftraggeber aus dem niederen Adel und aus dem gebildeten Bürgertum sind im Bearbeitungsgebiet selten (oder ihre Denkmäler selten erhalten). Die Fraktur war ohnehin eine Schrift, die sich zwar leicht in gemalte Monumentalzeugnisse umsetzen ließ, die aber – ähnlich hier der Minuskel – für handwerkliche Ausführung in Stein Schwierigkeiten bot. Bei den ‚gemischt’ beschrifteten Inschriftträgern steht Kapitalis meist voran, Fraktur erscheint für Wappenbeischriften, deutsch gefaßte Bibelzitate; einem deutsch gefaßten Grabtext in Fraktur kann ein lateinischer Bibelspruch in Kapitalis beigegeben werden. Die Ausführung der Schrift variiert stark. Erstes Zeugnis ist die schon erwähnte Bronzetafel des Philipp von Feilitzsch (nr. 205), die Fraktur-Versalien der Nürnberger Neudörffer-Vorlagen aus der Vischer-Werkstatt zeigt. Ihr folgt zeitlich die erhabene Fraktur auf dem Epitaph des Balthasar von Gültlingen und der Agnes von Gemmingen, die um 1565 anzusetzen ist und sicher auf Vorlagen in der Baumhauer-Werkstatt zurückgreifen konnte. Fast um die gleiche Zeit entstanden ist eine Bauinschrift in Stammheim (nr. 249), die eine Fraktur-Vorlage umsetzt, aber dabei allenfalls eine Schrift meißelt, die allgemeinen Minuskelcharakter zeigt. Der Kapitalis-Versal W und der Gebrauch von ß neben ss und z lassen aber den Rückschluß auf die bessere Vorlage und die Schwierigkeit ihrer Umsetzung zu. Demgegenüber ist die große Tafel zum Gedenken an den Wildbader Stadtbrand von 1525, die Replik einer früheren Tafel, die sich auf 1598 datiert (nr. 299) zwar in unsicherer Graphie, aber in einer sehr klaren [Druckseite XXXII] Fraktur gemeißelt. Am Beispiel dieser Tafel zeigt sich die gelegentlich durchaus geübte Sorgfaltspflicht für Monumentalzeugnisse sehr deutlich: das um 1527 gesetzte Denkmal scheint nach 70 Jahren bereits beschädigt gewesen zu sein und machte eine Auswechslung nötig. Da es von der ersten Tafel drei unabhängige Textzeugen gibt, lassen sich willkürliche Änderungen des Steinmetzen in der Wortfolge und Graphie belegen; ursprünglich wird der Text zeilenweise mit dem Reim geschlossen haben. Die Fraktur ist nur für die erhaltene Replik gesichert, das Original dürfte in Kapitalis ausgeführt gewesen sein79). Die Schrift zeigt kaum Worttrennung, eine Linierung ist nicht erkennbar; der Steinmetz arbeitete ganz deutlich nur als Kopist80). Die Fraktur auf dem Epitaph des Martin Mornhinweckh († 1627; nr. 342) läßt dagegen deutlich Vorzeichnungslinien erkennen; die Versalien orientieren sich hier sichtlich an Schreibmeisterfrakturen, u erscheint mit kleinem halbrunden u-Bogen, den schon die späten Neudörffer-Schriften kennen81). Die vollendete ästhetische Wirkung der Schrift sollte offenbar durch die Vermeidung jeglicher Zahlzeichen im Text unterstützt werden: Jahreszahl, Monatstag und Altersangabe sind ausgeschrieben. Lediglich in Z. 5 und Z. 13 ist das Gleichmaß der Schrift nicht ganz geglückt und am Zeilenende ein leichter ‚Buchstabenstau’ entstanden. Die Zavelsteiner Denkmäler der Familie Buwinghausen von Wallmerode aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammen aus einer Werkstatt, die mit Schriften souverän umzugehen wußte. Ihre Fraktur, auf dem Epitaph der drei im Säuglingsalter verstorbenen Kinder auf einem illusionistischen Schriftblatt eingemeißelt (nr. 360), ist klein und dünnstrichig, durchgehend mit Versalien aus der Kapitalis; die Zeilenführung folgt deutlich der Fältelung des Schriftblattes. Ähnlich behandelt die Werkstatt auch die Kapitalis-Schriften, Zitatnachweise werden hier bereits durch kursive Minuskel hervorgehoben. Auf dem Epitaph (nr. 358) der Anna Maria von Buwinghausen sind die Namen und Daten deutlich durch eine humanistische Minuskel – die sonst im Bearbeitungsgebiet nicht erscheint – hervorgehoben. Alle Denkmäler dieser Werkstatt kennzeichnet bereits das Stilgefühl – und damit auch für Schriftdarstellung die Variationsbreite – der Barockzeit.

Zeitliche Verteilung der Schriftarten
  vor 1300 1300–1400 1400–1500 1500–1600 1600–1650
Romanische Majuskel 8        
Gotische Majuskel 2 30 5    
Gotische Minuskel   9 66 30  
Fraktur       9 20
Frühhumanistische Kapitalis     2 2  
Kapitalis   1 46 40  
  1. Karl Brandi, Grundlegung einer deutschen Inschriftenkunde, in: Deutsches Archiv 1 (1936) S. 1–43. »
  2. Abbildung bei Hansmartin Decker-Hauff, Geschichte der Stadt Stuttgart: Von der Frühzeit bis zur Reformation. Stuttgart 1956, S. 125. »
  3. Vgl. Berges-Riekenberg S. 125 und Taf. 26: Hezilo-Leuchter aus dem Jahr 1079 in Hildesheim. »
  4. Martin Steinmann in: Lexikon des Mittelalters III ( 1986) Sp. 1535 (Lit.). »
  5. Gray, Paleography, nr. 67 (875, Epitaph Kaiser Ludwigs II. in Mailand), 118 (832), 119 (850), 120 (851), 121 (854), 122 (870), 129 (870/900), 146 (981). »
  6. Für die Inschrift in Waha vgl. Deschamps, Paléographie des inscriptions Fig. 22. »
  7. Zu Worms DI 29 (Worms) nr. 11 (Weiheinschrift des Nikolaus-Tympanons); dazu auch Fuchs, Wormser Inschriften S. 87 und Abb. 35. – Zu Regensburg: Renate Neumüllers-Klauser, Die Buchstabenformen auf der Sphaera des Wilhelm von Hirsau, in: Festschrift Kloster Hirsau 1991 Bd. 2, S. 154–156. »
  8. Die Belege sind beschränkt auf eher zufällige Funde; für Mainz vgl. DI 2 nr. 7, für Willich und Schwarzrheindorf Funken, Bauinschriften nr. 18 und 19, für Merseburg DI 11 nr. 7; zum Beleg aus Herrenalb vgl. Katalog-nr. 7 (nicht abbildungsfähig). Die Befunde auf der Grabplatte des Abtes Eberhard in Alpirsbach und bei den Wandmalereien in Idensen stammen aus eigener Autopsie. »
  9. Vgl. dazu auch Eva Kessler, Die Auszeichnungsschriften in den Freisinger Codices von den Anfängen bis zur karolingischen Erneuerung (Öst. Akademie der Wissenschaften, phil. hist. Klasse, Denkschriften, 188.). Wien 1986, Taf. 45, 51, 57, 59. »
  10. Vergleichbar ist eine Bauinschrift aus dem Kloster Maulbronn, die auf 1201 datiert ist: DI 22 (Enzkreis) nr. 2. – Auf 1209 datiert ist die heute in Klosterreichenbach bewahrte Memorialinschrift des Pfalzgrafen Rudolf von Tübingen, sie ist ausgesprochen dünnstrichig, bei E, T und U wechseln kapitale und unziale Formen, sie zeigt einmal unziales h und mehrfach unziales N; vgl. Gerhard Wein, Die Ausgrabungen der Königswart bei Baiersbronn, in: Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg 6 (1979) S. 77–96. Zur Frage der Schriftentwicklung besonders des 12. Jahrhunderts vgl. zuletzt Walter Koch, Die spätmittelalterlichen Grabinschriften, in: Skulptur und Grabmal des Spätmittelalters in Rom und Italien (Akten des Kongresses ,Scultura e monumento sepolcrale del tardo medioevo a Roma e in Italia’ 1985). Wien 1990 S. 445–464, hier S. 447 und die graphische Darstellung auf S. 451. »
  11. Vgl. dazu Rüdiger Fuchs ‚Übergangsschriften’, in: Koch, Epigraphik 1988, S. 331–336. »
  12. Alfred Wendehorst, Wer konnte im Mittelalter lesen und schreiben? in: Schulen und Studium im Wandel des hohen und späten Mittelalters (= Vorträge und Forschungen, hg. vom Konstanzer Arbeitskreis Bd. 30). Sigmaringen 1986, S. 9–33, hier S. 23. – Reinhard Schneider, Studium und Zisterzienserorden, in: ebd. S. 321–350. »
  13. Vgl. dazu Kloos, Epigraphik S.134–138. – Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache S. 70f., ferner die Einleitungen der einzelnen Inschriftenbände. »
  14. Das Phänomen des nicht ausgenutzten Raumes bei der Beschriftung von Grabplatten in der Frühzeit der epigraphischen Minuskel ist bisher nicht immer richtig eingeschätzt worden; vielfach hielt man den freien Raum für eine bewußte Aussparung zum Nachtragen einer zweiten Grabschrift. Tatsächlich wird aber in den weitaus meisten Fällen der leere Raum bedingt sein durch die Unvertrautheit eines Steinmetzen mit der ihm völlig neuen Schriftart. Vgl. dazu DI 25 (Ludwigsburg), nr. 37 (1394), nr. 46 a(1419); gleiche Beobachtungen lassen sich an mehreren Pforzheimer Grabplatten mit Minuskelschrift machen; 1398 Ursula Hepp, 1406 Gunther Flad, 1408 Gerhusa dicta Welsin, 1414 Johannes Rubmus, 1420 Petrus Reut, 1428 Johannes Rot. Alle Minuskelinschriften sind in der Höhe sehr komprimiert, alle nutzen für das vollständige Formular die linke Längsleiste nicht mehr oder nur mit einem oder zwei Wörtern. Die Befunde erfolgten nach Autopsie, vgl. jedoch KdmBaden IX 6 (Stadt Pforzheim), S. 151f. »
  15. Für diese Annahme könnte sprechen, daß sie in der nicht-originalen Überlieferung (Parsimonius, Rainolt) nicht angeführt ist. »
  16. Dazu Kloos, Epigraphik S. 156. »
  17. Beispiele dafür sind etwa in räumlicher Nähe die Grabschrift für den ersten Abt Harbert von Lorch (Abbildung bei Walter Koch, Zur sogenannten frühhumanistischen Kapitalis, in: ders., Epigraphik 1988, Abb. 18) und die Inschrift des Tumbagrabes für die Stammeltern des Hauses Hohenlohe in der Stiftskirche zu Öhringen, die in ganz ähnlicher Schrift ausgeführt ist wie die Harbert-Grabschrift. »
  18. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: Koch, Epigraphik 1988, S. 315–328, hier S. 320. Für die Hirsauer Aurelius-Inschrift ist die Beobachtung von Martin Steinmann wichtig, der Schriften dieser Zeit in Zusammenhang mit der Klosterreform sehen möchte: Martin Steinmann, Überlegungen zu ,Epigraphische Schriften zwischen Mittelalter und Neuzeit’ (Diskussionsbeitrag), in: Koch, Epigraphik 1988, S. 329f. – Belege für die Schriften des 12. Jahrhunderts bei Deschamps, Paléographie des inscriptions S. 23, 68, 78. – Armando Petrucci, La scrittura. Ideologia e rappresentazione. Torino 1986 (Grundsteinlegungsinschrift des Domes zu Pisa, um 1064). – Belege für Deutschland bei Funken, Bauinschriften nr. 13, nr. 19. »
  19. Vgl. für diese Zusammenhänge die Inschriften nr. 141, 145, 183, 191, 213»
  20. Vgl. DI 22 (Enzkreis) nr. 122. – Eine gemalte Inschrift in Maulbronn in der sog. Geißelkammer an der Wand zur Frateria (neu aufgedeckt) geht der Bauinschrift zeitlich noch voraus. Sie zitiert Horaz, ep. I 16, 79: MORS ULTIMA LINEA RERUM und setzt das Jahr 1485 in arabischen Ziffern hinzu. Dieser Befund entspricht der Erfahrung, daß weiche, d. h. gemalte Inschriften den harten – in Stein gehauenen – in der Entwicklung vorangehen. »
  21. DI 5 (München) S. XXIIIf. und Kloos, Epigraphik S. 158ff. – Zu Augsburg Franz-Albrecht Bornschlegel, Die frühe Renaissance-Kapitalis in Augsburg, in: Koch, Epigraphik 1988, S. 217–225. »
  22. Zahn, Beiträge zur Epigraphik S. 6ff. – Zuletzt Werner Doede, Schön schreiben, eine Kunst. Johann Neudörfler und die Kalligraphie des Barock. München 1988, S. 5–44. »
  23. Zum Vergleich die Zahlen aus den benachbarten Kreisen: DI 25 (Ludwigsburg): 122 Frakturschriften bei einem Gesamtbestand von 680 (17,2 %), DI 22 (Enzkreis) 44 Frakturschriften bei einem Gesamtbestand von 385 Inschriften (11,9 %), DI 20 (Karlsruhe) 28 Frakturschriften in einem Bestand von 420 Inschriften (6,6 %). Der Befund im Kreis Ludwigsburg wird nur noch übertroffen von München, wo in DI 5 fast 20 % des Gesamtbestandes in Fraktur ausgeführt sind. Das von Werner Arnold in DI 19 (Göttingen) S.28f. vermutete Schwergewicht der Fraktur in Süddeutschland wird durch diese Belege bestätigt. »
  24. Vgl. zu dieser Überlieferung Hannemann, Wildbader Denkmäler – Karlsruher Handschriften S. 118ff. »
  25. Dazu paßt die Klage von Martin Crusius über die Schnitzer der ,ungelehrten Steingrabern, ob man es ihnen schon recht fürschreibt’, Johann Jakob Moser, Schwäbische Chronik von 1733, Teil 2 (1733) S. 383 und 392. »
  26. Doede, Schön schreiben, eine Kunst (wie Anm. 77), S. 53. »