Inschriftenkatalog: Landkreis Bergstraße

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 38: Bergstraße (1994)

Nr. 56 Hirschhorn, Karmeliterkirche 1457

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Epitaph Kunigundes von Oberstein und ihres Mannes Melchior von Hirschhorn. Das Grabmal aus grauem Sandstein steht heute an der Nordwand des Langhauses. Von Fialenarchitektur gerahmt sind im Feld jeweils unter einem Kielbogen die beiden Verstorbenen in Relief dargestellt. Links steht Melchior in voller Rüstung mit gefalteten Händen auf einem Löwen und rechts seine Frau auf einem Hund. Ihre Hände sind ebenfalls gefaltet, der Kopf ist auf ein Kissen gebettet, und an ihrem Gürtel hängt ein Rosenkranz. Über den Köpfen beider befindet sich an der Außenseite jeweils ein von Engeln gehaltenes Wappen und auf der Innenseite die dazu gehörende Helmzier.1) Im Feld sind noch Reste einer roten Bemalung zu erkennen. Die Inschrift ist auf dem nach außen abgeschrägten Rand angebracht. Sie beginnt auf der oberen Leiste links und rechts der Mitte, die durch ein eingetieftes Wappen gekennzeichnet ist, und endet auf der unteren Leiste, die in der Mitte ebenfalls durch ein Wappen bezeichnet ist. Die Inschrift für Melchior befindet sich auf der linken Seite, die für Kunigunde auf der rechten Seite. Die untere Leiste weist kleinere Beschädigungen auf.

Maße: H. 262, B. 150, Bu. 6,5-7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 38, Nr.56 - Hirschhorn, Karmeliterkirche - 1457

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/5]

  1. A

    An(n)o · D(omi)ni · M · Cccco · la) · 〈... / ...〉 Obyt · Melchior · De · Hirshorn · Armiger · nobilista · Cvivs / Anima · Req(vi)escat · I(n) · P(ace)

  2. B

    An(n)o · D(omi)ni · M · Cccco · lvi/ib) · iio · Die · Mensis · Mai · Obyt · Kvngvndis · De · Oberstein · Vxor Ei(vs) · cvivs · A(n)i(m)a · Re[q/(vi)es]cat · In · Pacec)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 14.. starb Melchior von Hirschhorn, Knappe und Edelmann, dessen Seele in Frieden ruhen möge.

Im Jahre des Herrn 1457, am zweiten Tag des Monats Mai, starb Kunigunde von Oberstein, seine Ehefrau, deren Seele in Frieden ruhen möge.

Wappen:
Hirschhorn; Oberstein. Hirschhorn; Oberstein.

Kommentar

Melchior war einer der drei Söhne Philipps I. von Hirschhorn und Irmgards von Winnenburg und Beilstein.2) Er heiratete zunächst Kunigunde von Oberstein, Tochter Eberhards von Oberstein und der Agnes von Langenau3) und nach deren Tod Katharina von Rechberg.4) Das Todesdatum Melchiors ist umstritten. Möller und Ritsert erwähnen ihn als 1491 noch lebend,5) während Milendunck 1490 und Irschlinger 1475/76 als Todesjahr angeben.6) In Ämtern läßt sich Melchior nicht nachweisen.7) Die ihm in der Inschrift beigelegte Bezeichnung nobilista ist in inschriftlichen Texten selten.

Obwohl die Hirschhorner Finanzkrise bis in die sechziger Jahre des 15. Jahrhunderts zunahm,8) hinderte dies Melchior nicht daran, seiner Frau und sich ein Grabdenkmal schaffen zu lassen, das zu jener Zeit unter den Grabmonumenten in der Karmeliterkirche herausragte. Da das Todesdatum Kunigundes vorhanden ist, während für das Todesdatum Melchiors auf der linken Leiste ein Freiraum ausgespart wurde, muß das Epitaph anläßlich des Todes von Kunigunde in Auftrag gegeben worden sein.

An der Schrift fällt auf, daß außer bei nobilista in (A) und cvivs in (B) alle Anfangsbuchstaben in gotischer Majuskel geschrieben sind. Die Inschrift für Kunigunde ist in Spiegelschrift ausgeführt, was vermutlich auf einen Steinmetzfehler zurückzuführen ist. Eine ähnliche Schriftgestaltung ist auf der Tumbenplatte (?) für Margretha Kämmerer von Worms (†1458) und Johannes III. von Sickingen (†1469) in St. Gallus in Ladenburg zu beobachten.9) Dort sind ebenfalls alle Anfangsbuchstaben der gotischen Majuskel entnommen. Die ersten Wörter der Inschrift für Johannes sind ganz und die folgenden teilweise in Spiegelschrift geschrieben. Bei den Majuskeln zeigen vor allem A, D, H, K und M starke Ähnlichkeiten mit der Hirschhorner Inschrift. Aber auch in der Minuskel sind zwei Buchstaben auf beiden Grabmälern fast identisch: das runde s ist jeweils aus zwei gegeneinander gesetzten c gebildet, und das lange s trägt in der Mitte immer einen kleinen Nodus. In der künstlerischen Gestaltung der beiden Denkmäler sind jedoch erhebliche Unterschiede feststellbar. Bei dem Hirschhorner Grabmal ist die Architektur reicher ausgeführt, in Ladenburg fehlen die Fialen auf den Außenseiten sowie die Mittelstütze. Hand- und Kniehaltung sind jeweils anders gestaltet, und der Faltenwurf bei der Figur der Margretha ist sehr viel schematischer als bei Kunigunde. Die beiden Denkmäler scheinen also nicht aus derselben Werkstatt zu kommen, doch sollte man angesichts der großen Ähnlichkeit der Schrift überlegen, ob nicht diese von demselben Steinmetzen ausgeführt wurde oder ob man hier die gleiche Vorlage benutzte.

In seiner Gesamtkonzeption – Inschrift auf den abgeschrägten Leisten, die nur beim Umschreiten der Platte zu lesen ist – zeigt das Hirschhorner Grabmal große Ähnlichkeit mit einer Tumbenplatte. Trotzdem ist es offenbar von Anfang an als stehendes Denkmal konzipiert gewesen. Milendunck hat es an der Wand stehen sehen, und er sah zugleich vor einem Altar an der Nordwand auch die Grabplatte Kunigundes und Melchiors, auf der das Todesjahr Melchiors so abgetreten war, daß Milendunck es nicht mehr lesen konnte.10) Diese Grabplatte ist heute verloren.

Textkritischer Apparat

  1. lvi Schweitzer, Schnellbach 151, Schaum-Benedum 181. Ritsert 154 hat die entscheidenden Passagen der Inschrift nicht gelesen. Nach ihm Klump. Bei Siebeck fehlt die Datumszeile völlig.
  2. lii Schweitzer, Schnellbach 151, Schaum-Benedum 181. Die Lesung Ritserts 154 und Klumps ist lückenhaft und enthält kein Jahresdatum. Bei Siebeck fehlt die Jahresangabe völlig. Möller, Stammtafeln AF III, Taf. CXXII gibt nur an, daß Kunigunde vor 1469 starb.
  3. Bei Pace extrem große Buchstabenabstände.

Anmerkungen

  1. Kunsthistorische Beschreibungen des Denkmals finden sich bei Schweitzer; Schnellbach 121f.; Schaum-Benedum 91f.
  2. Lohmann Taf. 1; zu Philipp vgl. Nr. 50.
  3. Vgl. Möller, Stammtafeln AF III, Taf. CXXII.
  4. Lohmann 67.
  5. Möller, Stammtafeln AF II, Taf. LXIV. Ritsert 153.
  6. Milendunck, Historiae fol. 572r; Irschlinger, Herren von Hirschhorn 20.
  7. Lohmann 499.
  8. Lohmann 175.
  9. DI 16 (Rhein-Neckar Kreis) Nr. 58.
  10. Milendunck, Historiae fol. 572r.

Nachweise

  1. Ritsert, Hirschhorn 154.
  2. Klump, Hauptmomente 38.
  3. Schweitzer, Grabmäler 49.
  4. Schnellbach, Plastik 151.
  5. Siebeck, Inschriften 30.
  6. Schaum-Benedum, Figürliche Grabsteine 181.
  7. Lohmann, Hirschhorn 520, Anm. 10.
Addenda & Corrigenda (Stand 20. November 2014):

Hinweis zum Blickwinkel: Die Bilder zu Nr. 56 sind (1) von vorne schräg rechts aufgenommen, das heißt, da das Denkmal an der Nordwand steht, vom Chor her, (2) das Detail ist von Oben aufgenommen und (3) ist von schräg links aufgenommen.

Zitierhinweis:
DI 38, Bergstraße, Nr. 56 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di038mz04k0005604.