Inschriftenkatalog: Landkreis Bergstraße

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 38: Bergstraße (1994)

Nr. 2 Lorsch, Torhalle nach 826/vor 880

Beschreibung

Im Innenraum der Torhalle sind auf der Ostwand noch drei Zeilen einer aufgemalten Inschrift zu sehen, die bei den Renovierungsarbeiten im Sommer 1934 freigelegt wurde.1) Die Inschrift wird nach links von karolingischer Wandmalerei auf Putz und nach rechts von einem Fenster begrenzt. Die Buchstaben sind teilweise beschädigt. Der Farbton der Buchstaben ist rotbraun bis schwarz. In derselben Farbe ist vor dem ersten erkennbaren Buchstaben eine schräge Linie zu sehen, deren Funktion nicht zu deuten ist. Ob in dieser Zeile weitere Buchstaben standen, muß bezweifelt werden, da der relativ gut erhaltene Mörtel keine weiteren Farbspuren zeigt. Dagegen könnten unter der dritten Zeile vielleicht noch weitere Buchstaben gefolgt sein, doch ist dies aufgrund der starken Beschädigung des Mörtels nicht mehr zu entscheiden.

Maße: H. 60, B. 70, Bu. 15 cm.

Schriftart(en): Karolingische Kapitalis.

DI 38, Nr.2 - Lorsch, Torhalle - nach 826/vor 880

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/3]

  1. [P]a) / SNBMAb) / EVY

Kommentar

Die Auflösung der Buchstaben zu einem sinnvollen Text ist aufgrund des geringen Buchstabenbestandes unmöglich. Jeder derartige Versuch bleibt spekulativ.

Schon H. Velte hatte festgestellt, daß sich die Buchstaben direkt auf dem verstrichenen Mauermörtel befinden und damit der Erbauungszeit der Torhalle angehören müssen.2) Sein Befund wurde durch die Untersuchung von H. M. Hangleiter bestätigt.3) Die Zeilen waren nicht vorgerissen, daher stehen die Buchstaben nicht genau auf einer Linie. Trotzdem handelt es sich hier nicht um achtlos angebrachte Kritzeleien. Die Buchstaben sind exakt ausgeführt und gehörten vermutlich zu einem Ausmalungsprogramm. Bei A, M, N, V und Y ist die Linksschrägenverstärkung deutlich zu erkennen. Bei M und N wurde die Verjüngung der senkrechten Hasten genau ausgeführt, wobei die Hasten des M etwas schräg stehen, wie es auch bei vielen römischen Inschriften der hohen Kaiserzeit zu beobachten ist. Der Mittelteil des M reicht bis auf die Grundlinie. Die Proportionen und Bogenverstärkungen bei B und S entsprechen den antiken Vorbildern. Soweit erkennbar, sind die Hastenenden sorgfältig durch Sporen gestaltet. Auffällig ist das Y mit gerade durchgezogener rechter Haste. Alle anderen Buchstaben sind eng an den Formen römischer capitalis quadrata Inschriften der hohen Kaiserzeit orientiert.

Ein Anhaltspunkt für die Datierung des Wandmalereifragments kann durch den Vergleich mit relativ sicher datierten Wandmalereiinschriften und anderen epigraphischen Zeugnissen der karolingischen Zeit gewonnen werden. Die Lorscher Buchstaben unterscheiden sich deutlich von jenen, die bei der Ausgrabung der karolingischen Pfalz in Paderborn auf zahlreichen Putzfragmenten gefundenen wurden. Nach dem stratigraphischen Befund kommt für die Paderborner Fragmente ein Entstehungszeitraum von der 2. Hälfte der 70er Jahre des 8. Jahrhunderts bis 790 in Frage.4) Es handelt sich um eine breite Monumentalkapitalis. A, M, N und V sind mit Linksschrägenverstärkung gebildet, der Mittelbalken des A ist gebrochen, und der Mittelteil des M reicht nur bis zur Zeilenmitte. Alle Buchstaben wirken gedrungen und zeigen nicht die klassischen Proportionen der capitalis quadrata.

Bei der zwischen 885 und 914 entstandenen Weiheinschrift in der St. Laurentius-Krypta in SaintGermain d‘Auxerre läßt sich bei den Buchstaben V und S eine starke Ähnlichkeit mit dem Lorscher Material feststellen. Der Mittelteil des M reicht nur bis zur Zeilenmitte, und das A ist so stark verblaßt, daß ein Vergleich kaum noch möglich ist.5) Bei den aus demselben Zeitraum stammenden gemalten Inschriften der in Saint-Germain d‘Auxerre befindlichen Epitaphien der Bischöfe Censurius und Alodius haben die Buchstaben keine so ausgewogenen Proportionen. Bei A, M und N fehlen die Linksschrägenverstärkungen, und das S ist ohne Bogenverstärkung gebildet.6)

Die der Zeit zwischen 883 und 915 angehörenden Wandmalereiinschriften der Kreuzigungsgruppe aus der Krypta von St. Maximin in Trier zeigen deutlich schlankere und gestrecktere Buchstaben. Linksschrägenverstärkung fehlt, und der Mittelteil des M steht auf der Mitte der Zeile.7)

Keine der vorgestellten Inschriften weist im gesamten Duktus deutliche Übereinstimmungen mit den Lorscher Buchstaben auf. Vielmehr werden gerade in bezug auf die Inschriften aus Paderborn und Trier, welche die zeitlichen Eckpunkte bilden, große Unterschiede sichtbar.

Da sich aber anhand eines so geringen Vergleichsmaterials keine tragfähige Aussage machen läßt, müssen auch die Parallelen zu Steininschriften untersucht werden.

Dabei wird deutlich, daß die frühesten Beispiele für karolingische Kapitalis in Stein aus dem Ostteil des fränkischen Reiches, wie etwa der um 800 entstandene Würzburger Megingoz-Sarkophag oder die Grabinschrift für Bischof Uodalmann von Augsburg (830?-833?), relativ weit von der römischen capitalis quadrata entfernt sind. Dasselbe gilt für die gegen Ende des 9. Jahrhunderts gefertigte Inschrift für den Augsburger Bischof Witgar (†887) oder das Fragment der Inschrift über die Wiederherstellung des Caesariusgrabes von 883.8)

Anders sieht das Ergebnis jedoch bei den folgenden Inschriften aus. Bereits das zwischen 795 und 800 entstandene Epitaphium Hadriani läßt eine deutliche Orientierung an der antiken Kapitalis erkennen und zeigt Merkmale, – spitzes A, Linksschrägenverstärkung bei A, M, N und V, ausgewogene Proportionen der Buchstaben – die ebenso in Lorsch zu beobachten sind.9) Allerdings hatte das Epitaphium Hadriani hinsichtlich der Schriftgestaltung keine unmittelbaren Nachfolger, und erst ab den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts läßt sich eine regelmäßige Verwendung entsprechender Buchstabenformen feststellen. Ein Beispiel dafür ist die Dedikationsinschrift des Kryptaaltars auf dem Petersberg bei Fulda (geweiht 838).10) Sie zeigt vergleichbar den Lorscher Buchstaben bei A, M, N und V Linksschrägenverstärkung sowie beim S antike Proportionen. Der Mittelteil des M reicht allerdings nur bis zur Zeilenmitte. Abgesehen von der Form des M lassen sich die übrigen Merkmale auch bei dem um 875 entstandenen Epitaph des Diakons Gisoenus aus Lausanne beobachten sowie bei der Grabinschrift und dem Epitaph des Bischofs Ansegisus von Genf, die beide um 880 gefertigt wurden.11)

Die größten Übereinstimmungen mit den Buchstaben der Torhalle weist aber die Corveyer Westwerktafel auf, die vermutlich 844, spätestens aber zwischen 873 und 885 entstand.12) Die in scriptura continua geschriebene Inschrift besticht durch die ausgewogenen Proportionen ihrer Buchstaben. Auffällig ist die Linksschrägenverstärkung bei A, M, N und V, die Verjüngung der linken Haste des M und beider senkrechter Hasten des N, die in Lorsch ihre Entsprechung finden. Das gleiche gilt für das S mit leichter Verstärkung des Mittelteils. Die Buchstaben sind denen der römischen capitalis quadrata nachgebildet.

Zuletzt hat Renate Neumüllers-Klauser darauf hingewiesen, daß die Buchstaben eines um 836 geschriebenen Musteralphabets einer heute in Bern aufbewahrten Handschrift dieselben charakteristischen Merkmale aufweisen wie die Buchstaben der Corveyer Westwerktafel.13) Über die Entstehung eines Musteralphabets, wie es in der Berner Handschrift überliefert ist, gibt ein Brief des Lupus von Ferrières an Einhard aus dem Jahr 836 Auskunft. Lupus schreibt, er habe gehört, daß der königliche Schreiber Bertcaudus ein maßstabgetreues Alphabet nach den antiken Großbuchstaben (Kapitalis) erstellt habe. Lupus bat Einhard, ihm ein solches Alphabet zu schicken, falls er eines besitze.14) Die Lorscher Inschrift zeigt sowohl zu der Corveyer Westwerktafel als auch zu dem Musteralphabet große Übereinstimmungen, wenn auch nicht ganz in demselben Maße wie sie zwischen der Corveyer Tafel und dem Musteralphabet zu beobachten sind. Unterschiede lassen sich beim B erkennen, dessen unterer Bogen stärker ausgeformt ist als in dem Musteralphabet (in Corvey fehlt das B), und beim N, das schmaler ist als jenes des Musteralphabets und der Westwerktafel. Ein wichtiges Ergebnis bringt in diesem Zusammenhang der Vergleich mit den Kapitalis-Auszeichnungsschriften zweier Handschriften des Lorscher Skriptoriums aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine heute in Orléans aufbewahrte Handschrift (Orléans, Bibliothèque de la Ville 20 (17), fol. 103r) und um eine der Bibliotheca Palatina, die sich im Vatikan befindet (Vat. Pal. lat. 1449, fol. 27v).15)

Beide Handschriften zeigen eine große Nähe zu dem Musteralphabet und der Westwerktafel, noch enger sind sie aber den Buchstaben der Lorscher Torhalle verwandt. Wie diese zeigen sie gegenüber dem Musteralphabet ein B mit stärker ausgeformtem unterem Bogen und schmalerem N.

Beide Handschriften gehören dem sogenannten „Jüngeren Lorscher Stil“ an. Erst in diesem Stil, der sich in Lorsch zwischen 826 und 838 ausprägte, wurde für die Initialen und die Auszeichnungsschriften eine schlankere, wohlproportioniertere Monumentalkapitalis verwendet, die teilweise auf die Maße der capitalis quadrata zusammengezogen wurde.16) Vorher war eine breitere, wuchtigere Monumentalkapitalis im Gebrauch.17)

Bei der großen Ähnlichkeit der Auszeichnungskapitalis des „Jüngeren Lorscher Stils“ mit den Buchstaben der Torhalle darf man vermuten, daß die Vorlage für jene Buchstaben aus dem Lorscher Skriptorium stammt. Damit ergäbe sich als terminus post quem für die Herstellung der Inschrift die Zeit zwischen 826 und 838. Bei dieser Zeitgrenze fällt zweierlei auf. Sie stimmt zum einen mit der Feststellung überein, daß sich erst ab den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts vermehrt Inschriften finden, die sich eng an römischen Vorbildern orientieren, und zum anderen scheint es genau in diesem Zeitraum – man vergleiche den Brief des Lupus an Einhard aus dem Jahr 836 – zu einer weiteren Verbreitung der erwähnten Musteralphabete gekommen zu sein.

Bei aller Vorsicht scheint somit eine Einordnung der Buchstaben der Lorscher Torhalle in die Zeit zwischen 826 und 880 möglich. Da sich die Inschrift direkt auf dem Mauermörtel befindet und somit unmittelbar in den Bauzusammenhang der Torhalle gehört, ergeben sich aus ihrer Datierung auch die Eckdaten für den Bau der Halle. Die früher häufig angenommene Entstehungszeit zwischen 774 und kurz nach 800 ist damit unwahrscheinlich geworden.18) Die hier vorgelegte Datierung auf die Zeit zwischen 826 und 880 steht zudem im Einklang mit den neuesten historischen und kunsthistorischen Forschungen, die ebenfalls für eine Entstehung der Torhalle im 9. Jahrhundert sprechen.19)

Textkritischer Apparat

  1. Nur der untere Teil der Haste ist noch erhalten. Darüber sind die oberen Schichten des Mörtels zerstört. Die noch sichtbaren schwachen Farbspuren deuten auf ein P hin.
  2. Über dem M befindet sich ein Kürzungsstrich.

Anmerkungen

  1. Behn, Karolingische Klosterkirche 76; H. M. Hangleiter/St. Schopf, Optische Untersuchung der Mörtelund Malschichten im Innenraum des ersten Obergeschosses der Torhalle in Lorsch, in: Kunst in Hessen und am Mittelrhein 32/33 (1992/93) 83-90, hier 83.
  2. Bei Behn, Karolingische Klosterkirche 83.
  3. Hangleiter/Schopf [wie Anm. 1] 83; vgl. auch H. Claussen/M. Exner, Abschlußbericht der Arbeitsgemeinschaft für frühmittelalterliche Wandmalerei, in: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung 4,2 (1990) S. 261-290, hier 270 u. 273.
  4. Winkelmann, Capitalis Quadrata 171f. u. 176; vgl. Nr. 1, Anm. 8.
  5. Marilier/Roumailhac, Mille ans d‘épigraphie 21f., Nr. 23/1 mit Abb. 14; zur Datierung a.a.O. 2.
  6. Marilier/Roumailhac, Mille ans d‘épigraphie 8, Nr. 7/1 mit Abb. 4 und 19, Nr. 20/1 mit Abb. 13.
  7. Vgl. M. Exner, Die Fresken der Krypta von St. Maximin in Trier (Trierer Zeitschrift, Beiheft 10) Trier 1989, S. 43f., 78f. und Taf. I-III. Die Reste der karolingischen Wandmalerei aus St. Florin in Koblenz können nicht zum Vergleich herangezogen werden, da das dort gefundene Inschriftenfragment nur Buchstaben zeigt, die in Lorsch entweder gar nicht oder sehr stark beschädigt vorhanden sind, vgl. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 20,1. Die kirchlichen Denkmäler der Stadt Koblenz, bearb. von F. Michel, Düsseldorf 1937, 27f. mit Abb. 5.
  8. Vgl. hierzu und zum folgenden Komplex Einleitung 5.1.
  9. Vgl. zum Epitaphium Hadriani Neumüllers-Klauser, Corvey 131 mit Abb. 99 und die Abbildung bei Beckwith, Byzantine Influence Abb. 11.
  10. Neumüllers-Klauser, Corvey 132 mit Abb. 102; Herrmann, Megingoz 157-159 mit Abb. 8 und 9.
  11. CIMAH II, Nr. 49 mit Taf. 23, Abb. 63-64; Nr. 50 und Nr. 51 mit Taf. 24, Abb. 65-66.
  12. Neumüllers-Klauser, Corvey 135-138 u. 127 mit Anm. 2.
  13. Neumüllers-Klauser, Corvey 135-137 mit Abb. 105 u. 106.
  14. Lupus, ep. 5 (MGH Epp. 6, 17).
  15. Zur Beschreibung und Datierung der Handschriften vgl. B. Bischoff, Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften (Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Sonderband 10) Lorsch 19892, 45 u. 51f.
  16. Bischoff [wie Anm. 15] 46f.
  17. Bischoff [wie Anm. 15] 35 u. 37.
  18. Vgl. etwa G. Binding, Die karolingische Königshalle, in: Die Reichsabtei Lorsch II, Darmstadt 1977, 273297 und die dort genannte Literatur; vgl. zuletzt Hessen im Frühmittelalter. Archäologie und Kunst, edd. H. Roth/E. Wamers, Sigmaringen 1984, 323.
  19. So datieren Claussen/Exner [wie Anm. 3] 273 ein Fragment der ersten Malphase in die erste Hälfte des 9. Jh.; Jacobsen, Torhalle 29f. u. 36f. datiert die Halle in die zweite Hälfte des 9. Jh. Vgl. jetzt auch Exner, Reste frühmittelalterlicher Wandmalerei 43ff.; Scholz, Baugeschichte des Klosters Lorsch 66-68 u. 70; eine Darstellung der epigraphischen Probleme gibt demnächst Scholz, Karolingische Buchstaben passim.

Nachweise

  1. Behn, Karolingische Klosterkirche 76.
  2. Behn, Kloster Lorsch 18.

Zitierhinweis:
DI 38, Bergstraße, Nr. 2 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di038mz04k0000207.