Inschriftenkatalog: Landkreis Bergstraße

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

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DI 38: Bergstraße (1994)

Nr. 1 Lorsch, Klosterkirche E.8.-1.D.9.Jh.?

Beschreibung

Inschriftenfragment. Das Fragment aus rotem Sandstein ist im zweiten Westpfeiler an der Nordseite der romanischen Vorkirche eingemauert. Es trägt eine vierzeilige Inschrift. Von der obersten Zeile zur Steinfuge ist ein großer Zwischenraum vorhanden, der keine Buchstabenreste aufweist. Die oberste Zeile des Fragments dürfte somit die erste Zeile des Textes gewesen sein. Die vierte Zeile ist am Schluß eingezogen und könnte somit die letzte Zeile sein. Es ist aber auch möglich, daß hier eine Worttrennung vermieden werden sollte und die Inschrift weitere Zeilen umfaßte. Rechts scheint der ursprüngliche Rand erhalten zu sein. Dafür spricht, daß kein Buchstabe darüber hinausgreift und in der vierten Zeile an dieser Stelle ein Freiraum gelassen worden ist. Links ist der Stein abgebrochen, so daß sich seine ursprüngliche Länge nicht rekonstruieren läßt. Das Fragment ist extrem abgearbeitet, und in seiner Mitte befindet sich ein senkrechter Riß. Dadurch ist die Inschrift sehr schwer zu entziffern. Die Lesung wurde mit Hilfe eines Abklatsches erstellt.1)

Maße: H. 28, B. 48, Bu. 4 cm.

Schriftart(en): Karolingische Kapitalis.

DI 38, Nr.1 - Lorsch, Klosterkirche - E.8.-1.D.9.Jh.?

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/4]

  1. [...]EDIC[.]a) ID OPV[S]b) / [...DO]GMAT[I]S ET VERBOc) / [...]EM PA[S]CITVRd) AD / [...]A AD[IP]ISCI

Kommentar

Die Abarbeitung an der Oberfläche und an der linken Seite des Steins läßt deutlich erkennen, daß er in Zweitverwendung vermauert wurde. Von dem Brand im Jahr 1090 waren die Vorkirche und das Westwerk besonders betroffen, aber auch andere Bauteile wurden in Mitleidenschaft gezogen.2) Das Chronicon Laureshamense berichtet, daß bei der Wiederherstellung der Kirche von dem Brand unversehrt gebliebenes Material wiederverwendet wurde.3) Im Jahr 1130 wurde die Basilika unter Abt Diemo wieder eingeweiht.4) Als terminus ante quem für die Herstellung der Inschrift ergibt sich somit das Jahr 1090.

Trotz der starken Beschädigung geben die wenigen gut erhaltenen Buchstaben einen Aufschluß über die Ausführung der Inschrift und lassen eine ungefähre zeitliche Einordnung zu. Die Inschrift ist in scriptura continua geschrieben. Das A ist spitz und läßt in Zeile drei zweimal einen gebrochenen Mittelbalken erkennen. C und D tragen an den Bogenenden kleine Dreieckssporen, und das am besten erhaltene D am Ende der dritten Zeile zeigt eine leichte Bogenverstärkung. Die Bögen sind jedoch flach, und die Buchstaben wirken etwas unproportioniert. Der Mittelteil des M steht auf der Zeilenmitte, und das O nähert sich einer kreisrunden Form an. Auffällig ist das P mit eingerolltem Bogen. Dem schwierig zu bildenden S fehlt der klassische Schwung. Die Hasten des V sind symmetrisch und oben zu Dreieckssporen ausgezogen. Linksschrägenverstärkung fehlt hier ebenso wie bei A und M. Die Buchstabenformen sind zwar an der römischen capitalis quadrata orientiert, aber noch relativ weit von deren ausgewogenen Proportionen entfernt. Ähnliche Buchstabenformen finden sich bei dem um 800 entstandenen Würzburger Megingoz-Sarkophag. Vor allem die Bildung der Buchstaben C, D, M und O zeigt große Ähnlichkeiten. Das A ist ebenfalls spitz, trägt aber einen geraden Mittelbalken. Die Hasten- und Bogenenden der Buchstaben weisen eine vergleichbare Bildung von Dreieckssporen auf.5) Dies gilt auch für die Buchstaben der Grabinschrift des Bischofs Uodalmann von Augsburg (830?-833?).6) Das A ist allerdings wieder mit geradem Mittelbalken gebildet und läuft nicht ganz so spitz zu. Der Mittelteil des M ist etwas weiter nach unten gezogen. Ein A mit gebrochenem Mittelbalken findet sich bei den an römischen Vorbildern orientierten karolingischen Lapidarinschriften nur in der Inschrift für die Frau Ramnulfs II., Adda († letztes Viertel 9. Jh.).7) Diese Form ist dort allerdings von lokalen Traditionen beeinflußt. Ein entsprechendes A ist aber auch auf den Putzfragmenten aus der karolingischen Pfalz in Paderborn vorhanden, die in die Zeit von der 2. Hälfte der 70er Jahre des 8. Jahrhunderts bis 790 gehören.8) Die dort verwendete breite Monumentalkapitalis ist zwar viel weiter entwickelt als die Lorscher Buchstaben, doch zeigt sie ebenfalls ein M, dessen Mittelteil nur bis zur Mitte der Zeile reicht. Aufgrund dieser Beobachtungen erscheint eine Einordnung des Fragments in die Zeit zwischen dem Endes des 8. Jahrhunderts und 840 vertretbar. Völlige Sicherheit läßt sich dabei freilich nicht gewinnen, da eine Inschrift aus dem Kloster Fulda von 938 ebenfalls Buchstabenformen aufweist, die denen der Lorscher Inschrift ähnlich sind. Das A ist dort jedoch mit geradem Mittelbalken gebildet und die Bogenrundungen der entsprechenden Buchstaben sind stärker ausgeprägt.9)

Die Frage nach der Textgattung läßt sich aufgrund des großen Textverlustes kaum beantworten. Setzt man voraus, daß Zeilenende und Versende übereinstimmen, so schließt Zeile drei eine metrische Inschrift aus. Ein Bibelzitat liegt mit Sicherheit nicht vor. Die Worte id opus deuten am ehesten auf eine Bau- oder eine Weiheinschrift hin. Die übrigen Stellen, in denen davon die Rede ist, daß etwas „durch die Lehren und das Wort“ geschieht und daß jemand oder etwas – das Subjekt fehlt – genährt wird und etwas erlangt, stehen dieser Annahme zwar nicht entgegen, aber sie geben auch keinen weiteren Anhaltspunkt dafür.

Textkritischer Apparat

  1. Vom E ist nur die Haste und der obere Balken klar zu erkennen.
  2. Im V sind noch Spuren zu erkennen, die als ein eingestelltes S gedeutet werden können.
  3. Vom E ist nur die Haste, vom R die Haste und der Ansatz des Bogens zu sehen.
  4. Der Deckbalken des T ist nicht mehr zu erkennen.

Anmerkungen

  1. Der Abklatsch wurde von Frau und Herrn Dres. Luise und Klaus Hallof, Berlin, angefertigt, denen ich auch die wesentlichen Hinweise zur Lesung verdanke.
  2. Behn, Karolingische Klosterkirche 47-59, bes. 55-59; CL I Kap. 134b, 404.
  3. CL I Kap. 134b, 406: „Unde in brevi tum ex oblatis impendiis, tum ex incendii reliquiis eadem restaurata ecclesia.“
  4. CL I Kap. 143b, 424f.
  5. Vgl. hierzu DI 27 (Würzburg) Nr. 1 mit Abb. 1a-1d; Herrmann, Megingoz 133-162, bes. 155-162; vgl. auch Einleitung 5.1.
  6. Bischoff, Karolingische Inschriftensteine 263f. mit Taf. 80.
  7. CIFM 1,1 (Poitiers) 103f. mit Taf. XVII, Abb. 35; vgl. dazu auch die Einleitung 5.1.
  8. Winkelmann, Capitalis Quadrata 171f. u. 176. Die Fragmente sind in dem Aufsatz nur zu einem geringen Teil publiziert. Herr Prof. Dr. Wilhelm Winkelmann, Münster, gewährte mir freundlicherweise Zugang zu dem gesamten Material; vgl. künftig Scholz, Karolingische Buchstaben.
  9. Sturm, Bau- und Kunstdenkmale Fulda 29 (Abb.) u. 240; die Datierung der Inschrift ist durch einen Eintrag in den Fuldaer Totenannalen zu 938 gesichert, vgl. Die Klostergemeinschaft von Fulda im frühen Mittelalter, ed. K. Schmid, München 1978, I 328 und II,1 284f. (MF 345).

Zitierhinweis:
DI 38, Bergstraße, Nr. 1 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di038mz04k0000109.