Die Inschriften des Landkreises Bergstraße

6. Nicht aufgenommene Inschriften

Nicht alle Inschriften des Landkreises Bergstraße wurden in den Katalog aufgenommen. Grundsätzlich ausgeschlossen blieben reproduzierbare Inschriften, etwa auf Ofenplatten, Siegeln, Medaillen und Bucheinbänden, die definitionsgemäß nicht unter die aufzunehmenden Inschriften fallen.277) [Druckseite XLVIII] Auch Inschriften, die erst später in das Bearbeitungsgebiet verbracht wurden,278) sowie die außerhalb der Zeitgrenze liegenden Inschriften wurden nicht erfaßt. Während datierte Inschriften in diesem Fall unproblematisch sind, soll über die nicht aufgenommenen undatierten Inschriften ein kurzer Überblick gegeben werden, um dem Benutzer anzuzeigen, daß der Bearbeiter sie bewußt ausgeschlossen hat. Eine Vollständigkeit der Liste wurde dabei nicht angestrebt. Nicht aufgenommen wurden zudem extrem zerstörte Inschriften, bei denen das Vorhandensein einer Inschrift zwar noch konstatiert werden konnte, die Buchstabenreste aber nicht mehr zu deuten waren.279) Ausgeschlossen blieben ferner nichtoriginal überlieferte Inschriften, gegen deren reale Ausführung schwerwiegende Bedenken bestanden. Jahreszahlen, die nicht in Verbindung mit Inschriften stehen, wurden nur unter bestimmten Voraussetzungen aufgenommen.

6. 1. Inschriften außerhalb des Bearbeitungszeitraumes

Im Gemeindezentrum der evangelischen Kirche Bensheim-Auerbach wird ein Kelch aufbewahrt, dessen Stengel und sechsseitiger Nodus von Dammann und Einsingbach völlig unbegründet in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert wurden.280) Durch die an dem Sechspaßfuß angebrachte Herstellungsinschrift ist die Fertigung von Fuß und Kuppa für 1653 gesichert.281) Die in Kapitalis (!) ausgeführte Namensinschrift (IHESVS) auf dem sechsseitigen Nodus zeigt dieselben Buchstabenwie die Herstellungsinschrift und wurde demnach ebenfalls erst 1653 gefertigt.

Im Heppenheimer Amtshof befand sich an der Kaminzumauerung der Westwand eine heute verlorene Wandmalereiinschrift, die von Heinrich Winter in das Jahr 1576 datiert wurde. Sollte die Umzeichnung bei Winter dem Befund entsprechen und dieser richtig gedeutet worden sein, so ergibt das Chronogramm 1814!282) Selbst wenn sich die Inschrift, wie Winter annimmt, auf den pfälzischen Kurfürsten Ludwig VI. beziehen sollte, handelt es sich wohl nur um eine sehr viel später angebrachte Gedenkinschift.

In Hirschhorn werden im ehemaligen Karmeliterkloster, dem heutigen Pfarrhaus, sieben einfache Holztafeln mit Ölmalerei aufbewahrt. Auf fünf von ihnen sind Heilige des Karmeliterordens dargestellt. Unter den Darstellungen ist jeweils eine Namensbeischrift aufgemalt. Die Heiligen sind: 1. S(ANCTUS) BERTHOLDUS CAR(MELITORUM) GENER(ALIS). Bertold der Lombarde war angeblich zweiter Generalprior des Ordens und starb um 1195. Er trägt den Ordenshabit und hält in der Linken ein Buch. In einer Vision sieht er die von Sarazenen erschlagenen Mitglieder seines Ordens in den Himmel auffahren. Zum Zeichen ihres Märtyrertodes tragen sie Palmzweige.283) 2. S(ANCTUS) SIMON STOCK CAR(MELITORUM) GENER(ALIS). Simon Stock trägt den Ordenshabit und blickt zu der in den Wolken thronenden Muttergottes mit Kind auf, die ihm das Skapulier überreicht.284) 3. S(ANCTUS) THELESPHORUS PAPA et MAR(TYR). Wie in den Darstellungen des Papstes Telesphorus (†1.H.2.Jh.) bei den Karmelitern üblich, trägt er über dem Ordensgewand die Kasel und hält in der linken Hand einen Kelch mit drei Hostien. In der Rechten hält er einen Palmzweig und den Kreuzstab. Im Hintergrund ist die Tiara zu sehen.285) Das vierte, nur fragmentarisch erhaltene Bild zeigt vermutlich den 1317 verstorbenen Generalprior Gerardus von Bologna.286) Von der Inschrift ist nur noch [...]RDUS GEN(ERALIS) CARM(ELITORUM) [Druckseite XLIX] zu lesen. Der auf dem fünften, ebenfalls nur sehr fragmentarisch erhaltenen Bild dargestellte Karmeliterheilige ließ sich nicht identifizieren.287) Ein weiteres Bild zeigt den Evangelisten Johannes, die Rechte zum Segensgestus erhoben und in der Linken den Kelch mit der Giftschlange. Über seinem Kopf befindet sich die Namensbeischrift S(ANCTUS) IOHANNES. Das siebte Bild mit einer Darstellung des Apostels Thomas ist wiederum nur fragmentarisch erhalten. Von der Inschrift ist noch S(ANCTUS) THOMAS zu lesen. Die Buchstabenformen der Inschriften, vor allem das U ohne Abstrich an der rechten Haste, weisen auf eine Entstehung der Malerei in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hin. Auch die stilistische Ausführung legt eine Einordung in diesen Zeitraum nahe.288)

Ebenfalls in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts gehört die heute in der Gruft der Karmeliterkirche befindliche Grabplatte des Burgvogts Conradt Wildt von Osterburgheim. Der Lutheraner Conradt Wildt war von 1636-1648 Burgvogt auf der Burg Hirschhorn. Sein Todesjahr ist auf der Grabplatte völlig abgetreten, doch muß er nach 1650 gestorben sein, da er in diesem Jahr noch als lebend erwähnt wird.289) Eine weitere Grabplatte sowie ein nur fragmentarisch erhaltenes Epitaph,die sich ebenfalls in der Gruft der Hirschhorner Karmeliterkirche befinden, stammen nach den Buchstabenformen und der Ornamentik aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

In Lindenfels ist das Fragment einer Grabplatte in die Stützmauer unterhalb des Treppenaufgangs der katholischen Kirche eingemauert. Die Buchstabenformen der Kapitalisinschrift, vor allem das U ohne Abstrich an der rechten Haste, deuten auf eine Entstehung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hin.

Der in der evangelischen Kirche in Neckarsteinach in die Westwand unter der Empore eingemauerte Grabstein ist nach den Buchstabenformen und der Gestaltung dem Ende des 17. oder dem Anfang des 18. Jahrhunderts zuzuordnen. Die außerhalb der Kirche aufgestellten Grabsteine, die zum größten Teil datiert sind, stammen aus der Zeit zwischen 1664 und 1746.

Bei den Grenzsteinen wurden die „Abgelöststeine” nicht aufgenommen. Diese Steine tragen die Inschrift „ABGELÖST”, die Jahreszahl „1650” und das kurmainzische Wappen. Sie wurden jedoch erst 1656 zur Erinnerung an die 1650 erfolgte Auslösung der von Kurmainz an die Kurpfalz verpfändeten Bergstraße gesetzt.290)

6. 2. Erwähnungen und Texte, deren inschriftliche Ausführung fraglich ist

Friedrich Behn berichtet, er habe an der Lorscher Torhalle das Fragment einer mehrzeiligen Inschrift im Erdgeschoß über der Tür zum Südturm gesehen. Die Inschrift sei in hellen Buchstaben auf schwarzem Grund aufgemalt gewesen, doch habe er nur noch ein Wort entziffern können. Behn schreibt: „... man glaubt, in der obersten Zeile noch IMPERIAL[is] zu erkennen.”291) Nach Velte war eine Entzifferung der Inschrift jedoch nicht mehr möglich, da nur in der ersten Zeile einzelne Buchstaben zu erkennen waren.292) Aufgrund diese unklaren Befundes wurde die Inschrift nicht aufgenommen.

Auch zwei weitere nicht aufgenommene Inschriften betreffen das ehemalige Kloster Lorsch. Helwich berichtet kurz über die Weihe der ecclesia varia durch Papst Leo IX. im Jahr 1052 und schreibt: „De illa consecratione extant hi versus: Funditur ista domus augustis structa duobus. In dote ditatur Papa Leone sacratur.”293) Die Lorscher Chronik kennt die Inschrift nicht,294) und es ist auch fraglich, ob sie überhaupt zeitgenössisch ist, da zweisilbig gereimte Hexameter in der Dichtung erst ab 1100 regelmäßig vorkommen.295) Aus dem „extant hi versus” kann zudem nicht auf eine real ausgeführte Inschrift geschlossen werden.296)

Helwich überliefert auch die aus einem Distichon bestehende Grabschrift Kunigundes, der Frau König Konrads I., die in Lorsch bestattet worden war: „Conradi regis Kunegunt uxor senioris. hoc [Druckseite L] tumulum petiit Gingen et ipsa dedit.”297) Helwichs Quelle war in diesem Fall Michael Gassen, doch schreibt Helwich selbst, das Gedicht sei vielleicht (!) auf Kunigundes Grab gewesen. Vermutlich handelt es sich aber um eine spätere literarische Fiktion.

6. 3. Jahreszahlen

Singulär vorkommende Jahreszahlen, die nicht in Verbindung zu einer Inschrift stehen, wurden nur aufgenommen, wenn sie vom Bearbeiter autopsiert werden konnten und keine Bedenken gegen ihre Authentizität bestanden.298) Vollständigkeit wurde dabei nicht angestrebt. Nur nichtoriginal überlieferte Jahreszahlen wurden grundsätzlich nicht aufgenommen.

Zitationshinweis:

DI 38, Bergstraße, Einleitung, 6. Nicht aufgenommene Inschriften (Sebastian Scholz), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di038mz04e007.

  1. Vgl. Kloos, Einführung 2f. und Einleitung Kap. 1. »
  2. Dies gilt für den Gedenkstein für Ulrich von Kronberg, den sogenannten Schlagenstein, der heute im Heppenheimer Rathaus steht. Er befand sich früher in Laudenbach und ist ediert in DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 52; der Hauptaltar (Sammlung Münzenberger) und der Kreuzaltar in der katholischen Kirche Mörlenbach gehören ebenfalls nicht in das Kreisgebiet, vgl. zum Hauptaltar R. Eberle, Spätgotische Skulpturen aus der Werkstatt des Ulmer Bildhauers Michel Erhart in der Mörlenbacher Pfarrkirche, in: Geschbll. Kreis Bergstraße 19 (1986) 9-42. »
  3. Hier sind vor allem zu nennen: das Schriftband eines Propheten in der Lünette auf der Südseite des Gewölbes der Ersheimer Kapelle, ein in der Treppe zur Annakapelle der Karmeliterkirche vermauertes Fragment, ein in der Karmeliterkirche links im Triumphbogen vermauertes Fragment sowie ein außen in der Südwand des Langhauses der katholischen Kirche in Mörlenbach eingemauertes Fragment. »
  4. Dammann, Kdm. 29; Einsingbach, Kdm. 107 mit Abb. 97. »
  5. Die Inschrift ist ediert bei Dammann, Kdm. 29. »
  6. H. Winter, Heppenheim an der Bergstraße. Von fränkischer Fliehburganlage zur Hauptstadt des Oberamtes Starkenburg. Beschreibung und Baugeschichte des Kurmainzer Amtshofes, Heppenheim 1934, 19f. und Taf. V. »
  7. Vgl. zu ihm K. G. Kaster, Berthold der Lombarde, in: LCI 5 (1973) 396. »
  8. Zu ihm vgl. Nr. 92»
  9. Vgl. zu ihm A. A. Strnad, Telesphorus, in: LCI 8 (1976) 422; A. Amore, Telesphorus, in: LThK (1964) 1347. »
  10. Vgl. Smet/Dobhan, Karmeliten 84. »
  11. Zu lesen ist nur noch: [...]TASIUS [...]. »
  12. Freundlicher Hinweis von Frau Susanne Kern, Mainz. »
  13. Franz, Geschichte der Stadt Hirschhorn 129 u. 90; die bisher unedierte Inschrift lautet: [...] / HERR • CONRAD • WILDT / VON • OSTERBVRGKHEI(M) / MAINTZISCHER / CHVRF(ÜRSTLICHER) • BVRGVOIGT / VFF • HIRSCHHORN IN / GOTT • SEELIGLICH ENTSCHLAFFE(N) • DESSEN / [....GO]TT DE[R] / [...]. »
  14. Vgl. C. Reutter, Die „ABGELÖST-Steine”, in: Geschbll. Kreis Bergstraße 3 (1970) 78. »
  15. Behn, Karolingische Klosterkirche 76. »
  16. Behn, Karolingische Klosterkirche 83. »
  17. Helwich, Ant. Lauresham. 57. »
  18. CL I Kap. 123a, 389f. »
  19. Vgl Nr. 16† bei Anm. 1. »
  20. Vgl. DI 29 (Worms) XLV. »
  21. Helwich, Ant. Lauresham. 39. »
  22. So wurde z.B. die am Portal des Treppenturms des Schlosses Schönberg über dem Erbacher Wappen aufgemalte Jahreszahl 1510 nicht aufgenommen, da ihre Ausführung nicht den Gepflogenheiten der Zeit entspricht und eine entsprechende Einritzung nicht nachvollziehbar war. »