Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 606 Meisenheim, Schloßkirche 1689

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Epitaph des königlich schwedischen Rates Johannes Heintzenberg. Das Denkmal wurde vermutlich kurz nach 1825 aus dem Bereich der Schloßkirche in den heutigen Alten Friedhof1) gebracht und war dort bis 1992 als zweiter Stein rechts vom Haupteingang innen an die Friedhofsmauer gelehnt. Seit Herbst 1992 befindet es sich außen an der Nordseite der Schloßkirche auf dem Boden liegend. Große, gut erhaltene Platte aus weißlichem Sandstein mit umlaufender abgeflachter Leiste und skulptiertem Vollwappen im abgetreppten oberen Mittelfeld. Die 29zeilige, zentriert eingehauene Inschrift beginnt mit der ersten Zeile auf der oberen Leiste, gruppiert sich dann mit den folgenden vier Zeilen um die Helmzier des Wappens und bedeckt im weiteren Verlauf das restliche Mittelfeld.

Maße: H. 144, B. 76, Bu. 1,5-3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI34, Nr. 606 - Meisenheim, Schloßkirche - 1689

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Eberhard J. Nikitsch) [1/3]

  1. D(EO) O(PTIMO) M(AXIMO)a) / S(ACRVM) / IN MEMORIAM DEFVNCTI / VIRI NOBILISSI(MI) EXCELLENT(ISSIMI) / ET CONSULT(ISSIMI) / D(OMI)NI. IOHANNIS HEINTZENBERGII / ANNO O(RBIS) R(EDEMPTI)b) MDCXXXVII D(IE) XXVII FERBRUAR(II) / CORONAE MONTII IN LUCEM NATI. / QUI ARBORIS INSTAR. FRUCTUS TULIT DULCES / PIETATIS. SOLERTIAE. CURAE. VIRTUTUM HONOR(IS) / ECCLESIAE. CURIAE. OECONOMIAE. / PRIMOc) IN COMITAT(E) HANOICO MUNTZENBERG(O) / POST IN DUCATU PALANTINO=BIPONTINOd). / CUIUS SEREN(ISSIMAE) ADMINISTRATRICI D(OMI)NAE VIDUAE / A POTENTISSIMO SUECORUM REGE / CONSILIARIUS POSTREMO SUBORDINATUS MERIT(VS) / MAGNIS. PARVIS. NOBILIBUS IGNOBILIBUS. / SINGULIS. OMNIBUS. / AMORIS SINGULARISSIMI UTRI(QUE) CONIUGI / NEC NON STORGAEe) SINCERAE PATERNAE / PROLI AB UTRA(QUE)f) LECTISSIMAE FILIIS / FILIABUS AFFINIBUS AMICIS. / CRUCIS ONERE PRESSAg) PALMA2) HAECCE TANDEM / ANN(O) MDCLXXXIX D(IE) XXVI APRIL(IS) AETATIS / ANNO LII.h) MORBI ET MORTIS ICTIBUS COR=/ REPTA. HEU. IMMATURE DEFLORUIT SED / NON OPPRESSA. VICIT. VIVIT. VIRET. FLORET. / MEMORIA HAEC EPITAPH(IVM) A PROLE HEINTZENB(ERGIO) / ERECTA ET ORNATA EST.

Übersetzung:

Dem besten größten Gott geweiht! Zur Erinnerung an den Verstorbenen, den hochedlen, hervorragenden und hochgelehrten Mann Johannes Heintzenberg, der im Jahr seit der Erlösung der Welt 1637, am 27. Tag des Februars, in Kronberg das Licht der Welt erblickte und gleich einem Baum süße Früchte trug: nämlich der Frömmigkeit, Klugheit, Sorge, Tugend und Ehre für Kirche, Rathaus, Verwaltung. Er hat sich zuerst in der Grafschaft Hanau-Münzenberg, danach im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, dessen erlauchter Statthalterin und Herrin Witwe er vom großmächtigen König der Schweden als Rat beigeordnet wurde, um Groß und Klein, Edel und Unedel, Einzelne und Alle verdient gemacht. Er war von einzigartigster Liebe zu seinen beiden Gattinnen, von aufrichtiger väterlicher Zuneigung für die überaus treffliche Nachkommenschaft von beiden (Gattinnen), für die Söhne, Töchter, Verwandten und Freunde. Von der Last des Kreuzes niedergedrückt, wurde diese Palme schließlich im Jahr des Herrn 1689, am 26. Tag des April im Alter von 52 Jahren von den Schlägen der Krankheit und des Todes niedergeworfen und verwelkte ach! vorzeitig, aber sie wurde nicht vernichtet. Sie hat gesiegt, sie lebt, sie grünt, sie blüht. Dieses Gedächtnismal wurde als Epitaph von der Heintzenbergischen Nachkommenschaft errichtet und ausgestaltet.

Wappen:
Heintzenberg (Balken, oben von zwei Sternen, unten von zwei aneinander stoßenden Schragen begleitet, Hz: zwei Büffelhörner).

Kommentar

Die fast durchgehende Verwendung der runden Form des vokalischen U statt des an diesen Stellen früher üblichen V zeigt einen gewissen Abschluß der Entwicklung in der Verwendung dieses Buchstabens an. Dagegen sind die unregelmäßig gesetzten Punkte noch nicht als Satzzeichen, sondern als Worttrenner zu verstehen. Kürzungen werden durch Doppelpunkte kenntlich gemacht. Der die Vorzüge des Verstorbenen fast hymnisch preisende Text dieses Epitaphs ist rhetorisch außergewöhnlich gut durchgebildet, wie es etwa an den vielgliedrigen Phrasen, dem Kasuswechsel (PIETA- TIS...OCONOMIAE) und der ungewöhnlichen Wortwahl abzulesen ist.

Mit dem Tode von Herzog Friedrich Ludwig von Pfalz-Zweibrücken-Landsberg im Jahre 16813) fiel das Herzogtum an die Seitenlinie Pfalz-Kleeburg, die seit 1654 die Könige von Schweden stellte. Daher wurde Meisenheim für einige Jahrzehnte Sitz der schwedischen Verwaltung. In den achtziger Jahren fungierte als schwedischer Statthalter Herzog Christian II. von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler und als Präsident der Oberamtmann Melchior von Steinkallenfels. Da die Gemahlin des Herzogs bereits 1683, er selbst jedoch erst 1717 verstarb, dürfte es sich bei der inschriftlich genannten Herzoginwitwe nicht um sie, vielmehr um Carola Friederike (†1712)4) gehandelt haben, die ihrerseits ab 1692-97 als schwedische Statthalterin eingesetzt wurde. Sie war seit 1672 mit dem bereits drei Jahre später verstorbenen Pfalz-Zweibrücker Erbprinzen Wilhelm Ludwig5) verheiratet gewesen. Der pfalz-zweibrückische und spätere königlich schwedische Rat und Kammerrichter Johannes Heintzenberger6) war – neben der einen, inschriftlich erwähnten Ehe – mit Adelheid We(i)bel verheiratet, mit der er vier Söhne und zwei Töchter hatte. Fünf Jahre nach seinem Tod ging sie mit dem königlich schwedischen Regierungsrat Reinhard Sturtz7) eine zweite Ehe ein.

Textkritischer Apparat

  1. Erste Zeile in deutlich größeren Buchstaben. – Für hilfreiche Hinweise zu Übersetzung und Kommentar danke ich Frau Dr. Ute Ecker, Mainz, sowie Dres. Luise und Klaus Hallof, Berlin.
  2. Zur Auflösung vgl. DI 33 (Stadt Jena) Nr. 81.
  3. Kdm. liest ANIMO.
  4. Sic!
  5. Zugrunde liegt das korrekt übertragene griechische Wort in der lateinischen Form storga = Liebe.
  6. Kdm. liest PROLIAE UTRA.
  7. Kdm. liest ONEB(?)EFRESSA.
  8. Den gesamten folgenden Text überliefert Kdm. nicht mehr.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Nr. 510 von 1624 mit Anm. 1.
  2. Wohl nach Ps. 92,13.
  3. Vgl. seine Sarginschrift Nr. 592.
  4. Vgl. zu ihr ausführlich Heintz, Schloßkirche 217ff.; ihr 1721 angefertigtes Epitaph befindet sich in der Grabkapelle der Meisenheimer Schloßkirche (Kdm. 262 mit Abb. auf Taf. XI).
  5. Vgl. seine erhaltene Sarginschrift Nr. 586 von 1675.
  6. Vgl. zur Person Anthes, Kasualien 779.
  7. Ein Enkel des Dr. Johann Sturtz, vgl. Nr. 510 von 1624 und Meyer, Beiträge 113.

Nachweise

  1. Kdm. 285 (teilw.).
Addenda & Corrigenda (Stand 06. Oktober 2014):

Inschrift: Z. 7 schreibe COMITAT(U); letzte Zeile schreibe HEINTZENB(ERGIA).

Übersetzung Z. 4 streiche “Rathaus” setze “Hof”; Z. 7 schreibe “einzigartiger”.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 606 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0060604.