Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 539 St. Johannisberg, Evang. Kirche 1638

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Epitaph für den Wild- und Rheingrafen (zu Dhaun) Wolfgang Friedrich, seine Frau Elisabeth geb. Gräfin zu Solms-Braunfels und einige ihrer frühverstorbenen Kinder. Ursprünglich hoch an der Westwand des Chors1), jetzt zwischen den Fenstern der Südseite des Langhauses an der Wand befestigt (Plan Nr. 25). Das ganz aus Holz hergestellte und durchgehend farbig bemalte, große Grabdenkmal zeigt im mit Obelisken besetzten Giebelfeld die Ehewappen der Verstorbenen im Lorbeerkranz, darunter in der Gebälkzone auf einer Tafel die dreizeilige Inschrift (A). Das obere Mittelfeld wird von der Darstellung der heiligen Dreifaltigkeit in den Wolken eingenommen, darunter kniet in einer hügeligen Landschaft die gesamte, über den Köpfen mit den Inschriften (D) namentlich bezeichnete wild- und rheingräfliche Familie. Links der männliche Teil mit einem Säugling, vier Söhnen und dem Vater, rechts der weibliche Teil mit der Mutter, drei Töchtern und ebenfalls einem Säugling. Den linken Hintergrund bildet eine Ansicht des noch unzerstörten Schlosses Dhaun, den rechten vermutlich die des Schlosses Braunfels2). Die Sockelzone wird durch eine Tafel mit dem vierzeiligen Bibelspruch (B) gebildet, darunter abschließend in einer Kartusche die Inschrift (C) in drei Zeilen. Das Epitaph wird beidseitig von jeweils acht Wappentafeln mit Beischriften begleitet.

Die gelb auf schwarz gemalten Inschriften wurden zu unbekannter Zeit nachgezogen und sind daher gut zu erkennen. Die Farben insgesamt sind jedoch zum großen Teil stark verblaßt, die Namensinschriften kaum noch lesbar. Eine Restaurierung dieses auch in der weiteren Nachbarschaft in diesem Zeitraum nur noch vereinzelt nachweisbaren Denkmaltyps3) wäre dringend geboten.

Namensbeischriften erg. nach Kdm.

Maße: H. 400 (Kdm.), B. ca. 310, Bu. 2,5-4 cm.

Schriftart(en): Fraktur, Kapitalis.

DI 34, Nr. 539 - St. Johannisberg, Evang. Kirche - 1638

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Eberhard J. Nikitsch) [1/7]

  1. A

    Anno 1638 in der Christnacht Starb der Hoch Woll/geborne graff und herr herr wolganga) Friederich wildt / vndt Reingraff graff zu Salm vndt herr zu Vinstingen.

  2. B

    ESA: 26 / Gehe hin mein volck in ein kammer undt Schleuß die thür / nach dir zu, verbirge dich ein klein augenblick bis der zorn / fürüber gehe4)

  3. C

    Anno: 1637 den 14 Augusti starb und ward den 24 auff / Johannesberg begraben die hochwolgeborne grävin und fra(u) fr(au) Elisabeth / wild und Rheingräuin zu Dhaun geborne grävin zu Solms

  4. D

    〈.....〉b) / [Friedrich] / Hendr[ich Philipp] / Ernestus / Johan [Ludwig] / [Wolfgang Friedrich] // [Elisabe]th R(eingräfin) G(räfin) V(on) S(olms) / Anna Juliana R(eingräfin) / Amalia Margaretha R(eingräfin) / [Geb(oren)c) / Ludovic]a R(eingräfin)

Wappen:
Wild- und Rheingrafen, Solms.

Kommentar

               
Wappen mit Wappenbeischriften
REINGRAFF[EN] SOLMS · BRA(VNFELS)
SARWERDEN YSSENBVRG
NEICASTEL NASSAV
VERGY NASSAV SAR(BRV̈CKEN)
ÖTTINGEN. HENNENBVRG
TRVCHSES. BRAVNSCHWIG
HOENZOLLER BRANDENBVRG
BRANDENBVRG SACHSEN

Der 1589 als zweiter Sohn des Wild- und Rheingrafen (zu Dhaun) Adolf Heinrich5) und der Gräfin Juliane von Nassau-Dillenburg geborene Wolfgang Friedrich trat erst nach einer längeren Regentschaft seiner Mutter die Nachfolge seines 1608 verstorbenen Vaters an. Das Jahr 1619 sah eine erstaunliche Doppelhochzeit: seine Mutter heiratete in zweiter Ehe den Grafen Johann Albrecht von Solms-Braunfels und Wolfgang Friedrich dessen Tochter Elisabeth, also seine Stiefschwester6). Wie aus dem Epitaph hervorgeht, hatten sie zusammen neun Kinder: die beiden Säuglinge sowie die Kleinkinder Friedrich, Heinrich Philipp und Ernst starben früh, der als Erwachsener dargestellte Johann Ludwig (†1673)7) setzte die Regierung fort; Anna Juliana heiratete Adolf, Wild- und Rheingraf zu Grumbach, Ludowica Georg August von Stubenberg und Amalia Margaretha trat in das Damenstift zu Gandersheim ein8). Wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau ging Wolfgang Friedrich noch eine zweite (kurze) Ehe mit Johanna Gräfin von Hanau-Münzenberg ein.

Die im Gegensatz zu allen anderen wild- und rheingräflichen Grabdenkmälern eher schlichte Ausführung als hölzernes Bildepitaph mit aufgemalten Inschriften dürfte – wie auch die Wahl des Bibelspruches – sowohl den Vorstellungen des Verstorbenen entsprochen haben9), als auch auf die schwierigen Verhältnisse während des 30jährigen Krieges zurückzuführen sein10).

Textkritischer Apparat

  1. Sic!
  2. In der Reihenfolge von links nach rechts.
  3. Auflösung unsicher, vielleicht ein Hinweis auf die gerade erfolgte Geburt dieser als Wickelkind dargestellten und – da kein Name überliefert ist – sicherlich bald verstorbenen Tochter.

Anmerkungen

  1. Vgl. Schneider 257.
  2. Dies legt die Herkunft der Mutter nahe.
  3. Vgl. etwa das vor 1616 entstandene Holzepitaph in der Stadtkirche zu Michelstadt (Abb. bei Nikitsch, Begräbnisstätte, Nr. 43 Taf. 18).
  4. Jes. 26,20.
  5. Vgl. Nr. 451 von 1606, sowie die Epitaphe seiner Geschwister Johann Philipp Nr. 379 von 1591 und Anna Maria bzw. Adolf Nr. 410 von 1597/1599.
  6. Vgl. Europ. Stammtafeln AF III Taf. 142.
  7. Zusammen mit seiner Frau schenkte er 1660 zwei vergoldete Silberkannen der neuen Schloßkapelle in Dhaun, vgl. die Nrr. 563f.
  8. Vgl. Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 104. – Amalia Margaretha stiftete ein bemerkenswertes Grabdenkmal für ihren 1668 verstorbenen Neffen Friedrich Philipp, Wild- und Rheingraf zu Dhaun (Nr. 575).
  9. In seinem eigenhändig verfaßten Testament verfügte er, daß er „zwar grävlich, ehrlich, doch ohne vberflussige pompa zur Erden bestattet“ werden wolle; vgl. FSSA Anholt, Archiv Dhaun, Tit. I D Nr. 534, fol. 1.
  10. Vgl. Schneider 183ff.

Nachweise

  1. Schneider, Notizen I (nach Eintrag 1465; nur C).
  2. Schneider, Geschichte 257 (nur C).
  3. Rhein. Antiquarius II 19, 35 (nur C).
  4. Kdm. 337.
  5. NN., Stiftskirche 111 (teilw.).
  6. Fröhlich/Zimmermann, Stiftskirche 16 (erw.).
Addenda & Corrigenda (Stand 06. Oktober 2014):

Die heraldisch rechte Ahnenprobe ist (versehentlich) die seines Vaters Adolf Heinrich (freundlicher Hinweis meines Heidelberger Kollegen Dr. Harald Drös, Brief vom 14. November 1993).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 539 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0053905.