Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 348† Meisenheim, Untergasse 23 (Rathaus) 1580

Beschreibung

Bauinschrift zwischen dem zum Treppenturm führenden Renaissanceportal und einem zweiteiligen Fenster innen in der hinteren rechten Ecke der dreischiffigen Halle des Erdgeschosses. Zu einem unbekannten Zeitpunkt neu angefertigte1), schmucklose, querrechteckige Tafel aus gelbem Sandstein mit schwarz ausgemalter Inschrift in sieben Zeilen. Vermutlich wurde die Platte zusammen mit dem rundbogigen, mit vorgesetzten Säulen versehenen Portal in den Jahren 1979/80 renoviert2). Die Kapitelle tragen ein Steinmetzzeichen (Nr. 20).

Nach der Kopie.

Maße: H. 60, B. 115, Bu. 5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 34, Nr.348 - Meisenheim, Untergasse 23 (Rathaus) - 1580

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Eberhard J. Nikitsch) [1/2]

  1. ANNO 1580 IST DIS ARBEIT / GEMACHT WORDEN UND IST / LASERUS FABER GERICHT / SCHULTHEIS GEWESEN UND / HANS WINSWEILER / GERICHT / BURGERMEISTER GEWESEN / UND HANS LINTZ SEIN GESELL

Kommentar

Obwohl Inhalt und Schreibweise der vorliegenden Inschrift ohne weiteres mit vergleichbaren Inschriften des angegebenen Zeitraums übereinstimmen, gilt dies jedoch keinesfalls für die Schriftform. Sie legt vielmehr den Verdacht nahe, daß es sich hier um eine zu einem unbekannten Zeitpunkt (vermutlich zu Beginn unseres Jahrhunderts) angefertigte und wohl wieder am alten Standort eingesetzte Kopie handeln dürfte3). Da dieser Vorgang anscheinend nicht aktenkundig wurde, galt die vorliegende Bauinschrift bisher durchgängig als zeitgenössische Produktion. Die genaue Analyse einiger Buchstabenformen zeigt jedoch eindeutig ihren anachronistischen Charakter: Ende des 16. Jahrhunderts ist der Gebrauch des runden U in kapitalen Schriften völlig unüblich4), zu erwarten wäre dagegen durchgehende V-Schreibung; W wird in dieser Zeit gewöhnlich aus zwei ineinander verschränkten, nicht aneinander gesetzten V gebildet; das B zeigt zwei untypische symmetrische Bögen; das R weist eine vollkommen gestreckte statt eine gebogene Cauda auf; das Mittelteil des M ist symmetrisch nach unten gezogen; zudem zeigt die Jahreszahl ebenfalls völlig untypische, reduzierte Formen. Insgesamt ist die Schrift für die Zeit kurz vor 1600 zu glatt, zu konstruiert und ohne die kleinsten Unregelmäßigkeiten gearbeitet, die man sonst bei vergleichbaren zeitgenössischen Inschriften beobachten kann. Außerdem fehlen zeittypische Phänomene wie Ligaturen, Schmuckformen (spiegelverkehrtes N, Ausbuchtungen bei H, I oder N, erhöhte Anfangsbuchstaben) oder Worttrenner bzw. Satzzeichen.

Die Bauinschrift bezieht sich auf eine mit der Errichtung des Portals zusammenhängende Erweiterung des 1517 als neu bezeichneten Rathauses5) um ein kunstvoll gestaltetes, von innen in das Obergeschoß führendes Treppenhaus6). Die drei genannten Personen gehörten zum kleinen Kreis ratsfähiger Meisenheimer Familien. Der Gerichtsschultheiß war ein von der Herrschaft eingesetzter, wohl länger amtierender Beamter – ganz im Gegensatz zu den beiden Bürgermeistern, die jährlich am 6. Dezember neu gewählt wurden. Der Gerichtsbürgermeister leitete die Sitzungen des Stadtrats und war eher für die hoheitlichen Aufgaben, der in der vorliegenden Inschrift GESELL genannte Gemeindebürgermeister für die Verwaltungsgeschäfte zuständig. Lazarus Faber wurde um 1529 als einer von drei Söhnen des Nikolaus Faber7), eines ehemaligen Johanniters und ab 1523 ersten reformatorischen Geistlichen der Stadt geboren. Von Beruf Glaser in Meisenheim, fungierte Faber in den Jahren 1563/64 zunächst als Gemeindebürgermeister, bevor er 1575 zum Stadtschultheiß ernannt wurde. Er war dreimal verheiratet und starb am 2. August 1615 im hohen Alter von 82 Jahren. Hans Winsweiler d.J.8), ein Sohn Hans Winsweilers d.Ä. und seiner Frau, einer geborenen Engel, war 1574 mit Margaretha, Tochter des Heinrich Schreiner verheiratet. Er selbst arbeitete als Wollweber und Tuchhändler und amtierte in den Jahren 1573, 1580 und 1589 als Gerichtsbürgermeister. Hans Lintz9) war ein Sohn aus der Ehe des Melchior und der Elisabeth Lintz, die ihm 1610 das elterliche Haus übergab. Von Beruf Hutmacher, erscheint er 1587 als Gerichtsbürgermeister, in der selben Funktion vielleicht auch noch in den Jahren 1595, 1602, 1609 und 161510).

Anmerkungen

  1. Vgl. den Kommentar.
  2. Vgl. Denkmalpflege 1979-1981, 242.
  3. In Meisenheim wurden nach 1910 einige alte Bauinschriften auf der Grundlage der überlieferten Texte neu angefertigt, vgl. Nr. 153 von 1479 und Nr. 477 von 1614 mit Anm. 3. – Ein wohl vor 1940 vom Eingang des Rathauses aus aufgenommenes Foto der Halle zeigt zudem die in großen Ziffern an die Westwand des Erdgeschosses gemalte, heute verschwundene Jahreszahl 1580. Dies war allerdings eine eindeutige Neuschöpfung, da ein früheres Foto den noch unrenovierten Zustand der Halle ohne die Jahreszahl zeigt (LfD Mainz, Fotoarchiv, Bestand Meisenheim, ohne Neg.-Nr.).
  4. Rundes U erscheint im Bearbeitungsgebiet einmal vereinzelt im Jahr 1608 (Nr. 462), dann erst wieder aber 1651 (Nr. 551).
  5. Vgl. Kdm. 274; der Meister der Schloßkirche, Philipp von Gmünd gen. Hühnermenger scheint auch diesen Bau entworfen zu haben.
  6. Vgl. Nr. 240 X von 1652 und Spille 51.
  7. Vgl. zum Folgenden Zimmermann, Beiträge 323 und Meyer, Beiträge 284ff.
  8. Vgl. die Angaben bei Meyer, Bürgermeister 1571, 148, ders., Beethregister 1580, 72 und ders., Catalogus 110 sowie Anthes, Einwohner 68.
  9. Vgl. die Angaben bei Meyer, Bürgermeister 1571, 148f. und Anthes, Einwohner 68.
  10. In den Steuerregistern erscheinen im fraglichen Zeitraum zwei Personen mit diesem Namen; vgl. Meyer, Beethregister 1580, 66, sowie Beethregister 1606, 347. Im Verzeichnis der Pfarrangehörigen von 1609 wird ein Hans Lintz, Ratsverwandter, mit Ehefrau Elisabeth und drei Mädchen aufgeführt; vgl. Meyer, Catalogus 108.

Nachweise

  1. Kdm. 275.
  2. Schaffner, Meisenheim 443.
  3. Spille, Rathäuser 363 (Abb.) – Lurz, Meisenheim 240.
  4. Lipps, Entdeckungsreisen 177.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 348† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0034800.