Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 340 Meisenheim, Schloßkirche (1569)/1575/1591

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Epitaph für Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken und seine Frau Anna geb. Landgräfin von Hessen. Das Grabdenkmal befindet sich an der Nordwand der Grabkapelle auf einem Unterbau aus Sandstein (dabei Steinmetzzeichen Nr. 15). Mehrzonige, monumentale Pfeilerädikula aus Tuffstein1), die zahlreichen Schrifttafeln aus Schiefer. Als Bekrönung dient eine die Liebe symbolisierende Figur, darunter zwischen zwei liegenden Löwen ein Rundmedaillon mit der Darstellung der Auferstehung und Himmelfahrt Christi, auf dessen Rand zwischen Linien umlaufend der schwarz gefaßte Bibelspruch (A). Es folgt ein mit Totenkopf und Todeswerkzeugen versehener Fries, darunter ein halbrundes, die erhabene Inschrift (B) tragendes Relief mit dem von Engeln umgebenen, segnenden Gottvater und der den Heiligen Geist versinnbildlichenden Taube; seitlich davon die beiden in Kartuschen gefaßten, von den Figuren Glaube und Hoffnung bekrönten Hauptwappen. Der Mittelteil wird von zwei freistehenden, je vier weitere Ahnenwappen tragenden Pfeilern, den dahinterliegenden Wandpfeilern mit zugehörigen Wappenbeischriften und einem verkröpften Gebälk mit Bauinschrift (C) gebildet. In dem so geschaffenen Raum kniet das adelige Ehepaar betend unter dem mit Titulus (D) versehenen Kruzifix; links Herzog Wolfgang in Prunkrüstung, über ihm der von einem Perlstab umrahmte, sechszeilige Bibelspruch (E) in einer Rollwerktafel, rechts Herzogin Anna in langem Gewand und Haube, über ihr der entsprechend gestaltete Bibelspruch (F). Zwischen ihnen sind auf dem mit Kleeblatt und Eidechse versehenen Boden (freibeweglich) Helm und Handschuhe des Herzogs, sowie ein Totenschädel niedergelegt. Der gesamte Architekturrahmen ist mit Reliefschmuck aus Baldachine tragenden Hermen, Genien, Fruchtgehängen und Rollwerk reich verziert. Der Sockel des Denkmals trägt zwei große, mit Rollwerk, Engelsköpfen und Todessymbolen umrahmte Tafeln mit den 15- bzw. 16zeiligen Hauptinschriften (G) und (H), die von einer die Gerechtigkeit darstellenden Figur abgeteilt werden. Beide Tafeln sind zudem mit zahlreichen Namens-Kritzeleien vorwiegend des 19. Jahrhunderts bedeckt. Der das Grabmonument umrahmende, schwarz gemalte Trauerrand ist wohl zeitgenössisch, er wurde während einer Renovierung der Grabkapelle Ende des 19. Jahrhunderts freigelegt und bei einer weiteren Erneuerung im Jahr 1953 wiederhergestellt2).

Das von dem Simmerner Bildhauer Johann von Trarbach konzipierte und auch angefertigte Grabdenkmal war – wie eine großformatige Zeichnung zeigt – noch um 1750 vollständig erhalten3), wurde dann aber im Jahr 1795 von den damals in Meisenheim lagernden französischen Revolutionstruppen „auf schmähliche Weise verstümmelt“4) und erst Ende des 19. Jahrhunderts unter Verwendung von aufgefundenen Bruchstücken „mit peinlichster Genauigkeit“5) wiederhergestellt. Wegen Verlust wurden aus Weiberner Tuffstein folgende Teile neu angefertigt: die Figur der Hoffnung, Köpfe und Oberkörper beider Personen (mit Hilfe zeitgenössischer Porträts!), die Beine des Gekreuzigten, die abgeschlagenen Wappen an den Pilastern sowie zahlreiche Details der vielfach zerstoßenen Flachornamentik.

Maße: H. 670, B. 300, Bu. 1,5-6 (E-H) cm.

Schriftart(en): Kapitalis (A, C, D, G, H), Fraktur (B, E, F und Wappenbeischriften).

DI 34, Nr.340 - Meisenheim, Schlosskirche - (1569)/1575/1591

 Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz (Brunhild Escherich) [1/7]

  1. A

    ·a) ICHb) BIN DIE AVFFERSTEHV(N)G VND DAS LEBE(N), WERb) AN MICH GLAVBT DER WIRDT LEBE(N), OB ER GLEICH STVRBE6)

  2. B

    Diss ist mein lieber Sohn, an welchem Ich wolgefallen habe den solt ihr hören. Math. 3. 17.7)

  3. C

    AN(N)O / 1575

  4. D

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)8)

  5. E

    Ich weiss das mein Erlöser lebet, vnd / er würdt mich hernach auss der Erden / auffwecken. Vnd werde darnach mit / dieser meiner haut vmgeben werden / vnd werde in meinem fleisch Gott / sehen. IOB. CAP: XIX.9)

  6. F

    Also hatt Gott die Weltt geliebet, / das er seinen eingebornen Shon / gabe, auff das alle die an In glau=/ben nicht verloren werden, son=/der das Ewig leben haben. / IOAN: CAP: III.10)

  7. G

    WOLFGANGVS PALA(TINVS)c) RHENI, LVDO(VICI) PALA(TINI) ET D(OMINAE) ELIZABETHAERVPERTI IMP(ERATORIS) RO(MANORUM) ATNEP(OS) PRINCEPS IVSTICIA FORTITVD(INE) ET LIBERALITA(TE) INCLŸT(VS) / PROVINCIAS SVAS OPT(IMIS) LEGIB(VS) ET HONESTISS(IMA) DISCIPLINA AN(NOS) XXVI REXIT. PVRA(M) / EVANGE(LII) DOCTRINA(M) TEMPORE PERICVLOSISS(IMO) CONFESSVS ET TVTATVS EST. / ECCLE(SIAS) SVAS IDOLATRIA PAPISTICA ET ALIIS SECTIS ABOLITIS, RECTE DO=/CERI CVRAVIT. SCHOLAS LAVING(AE) ET HORNBACH(I) CONSTITVIT. MAX(IMILIANO) II IMP(ERATORI) / RO(MANORVM) CONTRA SOLIMANV(M) TVRCAM, CVM F(ILIO) D(OMINO) PHILIP(PO) LVDO(VICO) SVIS IN HV(N)GARIA / STIPENDIIS MILITAVIT. VALIDVM GERMA(NVM) EXERCITVM IN GALLIA(M) VLTRA / LIGERIM DVXIT, ET RELIGIO(NIS) NOMINE AFFLICTIS OPEM, ET TVRBATO / REGNO PACEM ATTVLIT. QVA IN EXPEDITIO(NE) APVD LEMOVICES IN PAGO / NESSIN FEBRI MORTALEM HANC VITAM PIE FINIVIT, III. ID(VS) IVNII, AN(NO) M. / D. LXIX. CVM VIXISSET AN(NOS) XLIII MEN(SES) VIII. D(IES) XXII.11) CVIVS CORPVS MOES=/TISS(IMAE) CONIVGIS D(OMINAE) ANNAE, ET F(ILIORVM) D(OMINORVM)d) PHILIP(PI) LVDO(VICI) ET IOHAN(NIS) PIETATE, EX GALL(IA) TERRA MARIQ(VE) DEPORTATVM ET IN HOC D(OMINI) LVDO(VICI) PROAVI SE=/PVLCH(RVM) ILLATVM EST, IX CAL(ENDAS) OCTOBRIS AN(NO) M. D. LXXI.

  8. H

    ANNA PALA(TINA)e) RHENI · PHILIP(PI) SEN(IORIS) LANDGRA(VII) HASS(IAE) ET CHRISTINAE · / DVCIS SAXO(NIAE) F(ILIA) · NATA CASSEL · ANNO CHRISTI · MDXXIX · DIE XXV · / OCTO(BRIS) PRINCEPS PIETATE · CASTITATEf) ET BENEFICENTIA · IN PAVPERES · IN=/CLYTA · CVM MARITO SVO WOLFGANGO PALA(TINO) RHENI · XXIIII · ANNIS IN CONIV=/GIO VIXIT · V · FILIOS ET · VIII · FILIAS ENIXA · HORVM · X · AD MATVRAM · AETATEM · / PIE EDVCAVIT · ET DE · VI · EORVM CONIVGIO ET NVMEROSA PROLE LAETATA EST RE=/LIQ(VI)S PARTIM IN INFANTIA MORTVIS · PARTIM ADHVC INNVPTIS · POST MARITI OBI=/ TVM · XXII ANNOS IN VIDVITATE HONORIFICE TRANSEGIT · PAVPERES HV=/IVS LOCI SICVT ET NEOBVRGI AC BIPONTI · LIBERALITER DOTAVIT TAN=/DEM AETATEg) ET ANNIS CONSVMTA · CONSCRIPTO TESTAMENTO · PIE IN / CHRISTO IN HVIVS LOCI ARCE OBDORMIVIT ANNO DOM(INI) M D XCI · DIE / X · MEN(SES) IVLII · CVM VIXISSET IN HVIVS MVNDI AERVMNIS ANNOS LXI · MEN(SES) / VIII · DIES XV12) · CVIVS CORPVS · MOESTISSIMORVM LIBERORVM ET NEPOTVM PIE=/ TATE · IN HOC SEPVLCHRVM AD MARITVM EST COLLOCATVM · CVM OM=/NIBVS IN CHRISTVM CREDENTIBVS · LAETAM RESVRECTIONEM MOR=/TVORVM · AD VITAM AETERNAM EXPECTANS · AMEN ·

Übersetzung:

Wolfgang, Pfalzgraf bei Rhein, Sohn des Pfalzgrafen Ludwig und der Frau Elisabeth Landgräfin von Hessen, Ururgroßenkel des römischen Kaisers Ruprecht; ein Fürst, berühmt durch Gerechtigkeit, Tapferkeit und edle Gesinnung, regierte seine Länder 26 Jahre lang nach den besten Gesetzen und ehrenhaftesten Grundsätzen. Er bekannte sich auch in gefährlichster Zeit zur reinen Lehre des Evangeliums, schützte seine Kirchen vor papistischem Götzendienst, vertrieb aus ihnen auch andere Sekten und sorgte so für die rechte Lehre. Er errichtete die Schulen zu Lauingen und Hornbach und kämpfte unter dem römischen Kaiser Maximilian II. mit seinem Sohn, Herrn Philipp Ludwig, auf eigene Kosten in Ungarn gegen den Türken Süleymann. Er führte ein gewaltiges deutsches Heer nach Frankreich bis über die Loire und brachte den um des Glaubens willen Bedrängten Hilfe und dem gepeinigten Reich den Frieden. Bei diesem Feldzug beendete er im Dorf Nexon bei Limoges durch ein Fieber fromm dieses vergängliche Leben an den 3. Iden des Juni (11. Juni) im Jahr 1569, nachdem er 43 Jahre, 8 Monate und 22 Tage gelebt hatte. Sein Leichnam wurde durch die Frömmigkeit der höchstbetrübten Gattin Frau Anna und ihrer Söhne Philipp Ludwig und Johann aus Frankreich über Land und Meer überführt und in der Gruft seines Urgroßvaters Ludwig bestattet, an den 9. Kalenden des Oktobers (23. September), im Jahr 1571.

Anna, Pfalzgräfin bei Rhein, Tochter des Landgrafen Philipp des Älteren von Hessen und der Herzogin Christine von Sachsen, wurde zu Kassel geboren im Jahre Christi 1529, am 25. Oktober. Sie war eine wegen ihrer Frömmigkeit, Sittenreinheit und Wohltätigkeit den Armen gegenüber berühmte Fürstin. Mit ihrem Gemahl Wolfgang, Pfalzgraf bei Rhein, hat sie 24 Jahre lang in der Ehe gelebt und dabei fünf Söhne und acht Töchter geboren. Zehn von ihnen erzog sie fromm, bis sie erwachsen waren, und wurde durch die Vermählung von sechs derselben und ihre zahlreiche Nachkommenschaft erfreut; die restlichen starben zum Teil im Kindesalter, zum Teil sind sie bis jetzt unvermählt geblieben. Nach dem Tode ihres Gatten verbrachte sie 22 Jahre lang in ehrenvoller Witwenschaft. Die Armen dieses Ortes, wie auch die in Neuburg und Zweibrücken hat sie freigiebig beschenkt. Zuletzt ist sie – nach der Abfassung eines Testamentes – durch Alter und Jahre erschöpft fromm in Christus im Schloß dieses Ortes entschlafen im Jahre des Herrn 1591, am 10. Tag des Monats Juli, nachdem sie in diesem Jammertal 61 Jahre, 8 Monate und 15 Tage verbracht hatte. Ihr Leichnam wurde von den höchstbetrübten Kindern und Enkeln in dieser Gruft bei ihrem Gatten bestattet, wo sie mit allen an Christus Glaubenden eine fröhliche Auferstehung von den Toten zum ewigen Leben erwartet. Amen.

Wappen:
Pfalz-Zweibrücken, Hessen (Landgrafen).

Kommentar

 
Wappen mit Wappenbeischriften:
Hohe(n)=/lohe, Hessen, Sachs=/sen, Brau(n)=schweig; Hessen, Pfaltz, Meckel(n)=burg, Poln.13)

Die Entstehung und Datierung des künstlerisch weit über Meisenheim hinaus wirkenden Grabdenkmals14) wird neben der Inschrift (C) durch weitere zeitgenössische Quellen gut dokumentiert15). Ende 1571 erhielt Johann von Trarbach, ein begehrter Bildhauer an den rheinischen Fürstenhöfen der Renaissancezeit16), nach Vorlage einiger Entwürfe, von den Söhnen des Verstorbenen den Auftrag zu diesem imposanten Monument. Seine in Simmern/Hunsrück tätige Werkstatt arbeitete mehrere Jahre daran und wurde dafür mit insgesamt 510 Gulden entlohnt. Das fertige Epitaph wurde im Sommer 1575 als erstes Grabdenkmal in der Grabkapelle der Schloßkirche aufgestellt17). Die Inschrift (H) für die Herzogin Anna kann aus inhaltlichen und formalen Gründen allerdings erst nach ihrem Tode im Jahr 1591 angefertigt und an die dafür vorgesehene Stelle eingesetzt worden sein; vermutlich befand sich dort bis dahin eine einfache Tafel mit ihrem Namen18). Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten weisen daher beide, in einer schönen vergoldeten Kapitalis gehaltenen Hauptinschriften erhebliche Unterschiede auf. Während die mit willkürlich erhöhten Anfangsbuchstaben ausgestattete, vorlinierte Inschrift (G) für Herzog Wolfgang durch zahlreiche Kürzungen auffällt, gleichzeitig jedoch auf Ligaturen und Worttrenner verzichtet, zeichnet sich die Inschrift für seine Frau durch eine gleichmäßigere Schriftgestaltung mit wesentlich weniger Kürzungen aus, in der sowohl rautenförmige Worttrenner als auch Ligaturen und einzelne Schmuckformen ihren Platz finden.

Der am 26. September 1526 als Nachkomme des deutschen Königs (nicht Kaisers) Ruprecht von der Pfalz (†1410) und einziger Sohn des Herzogs Ludwig II. von Pfalz-Zweibrücken und seiner Frau Landgräfin Elisabeth von Hessen in Zweibrücken geborene Wolfgang19) übernahm dort 1544, im Alter von 18 Jahren, die Regierung des Herzogtums. Am 8. März des folgenden Jahres heiratete er in Kassel Landgräfin Anna von Hessen, Tochter des hessischen Reformators Philipp des Großmütigen. Im Ehevertrag wurde das Meisenheimer Schloß zu ihrem Witwensitz bestimmt. Aus der Ehe gingen acht Töchter und fünf Söhne hervor, deren Nachkommen die späteren königlichen Häuser von Schweden und Bayern bildeten. Möglich wurde diese Aufsplitterung in fünf Linien durch die erheblichen territorialen Zugewinne (wie das Herzogtum Neuburg in Bayern und die Hälfte der hinteren Grafschaft Sponheim), die Wolfgang durch Kauf, Erbgang und Schenkung erhielt.

Wie aus der Inschrift hervorgeht, führte der wohl bedeutendste pfalz-zweibrückische Regent nach anfänglichem Zögern in seiner Herrschaft die Reformation durch, hob nach 1555 die Klöster – darunter Disibodenberg – auf, und bestimmte ihre Einkünfte zur Gründung und Unterhaltung von Kirchen und Schulen. Neben den „höheren“ Schulen (scholae illustres) in Lauingen (Lkrs. Dillingen) und Hornbach (ehemaliges Benediktinerkloster, Lkrs. Pirmasens), die zur Heranbildung des akademischen Nachwuchses für Staat und Kirche dienten, gründete Wolfgang weitere vier Lateinschulen, eine davon in Meisenheim. Am gleichen Ort restituierte er ab 1564 die alte Münze20), die mit Silber aus einheimischen Bergwerken versorgt wurde. In seine letzte Lebenszeit fallen die beiden inschriftlich erwähnten Feldzüge. Im Jahr 1566 eilte er Kaiser Maximilian II. mit seinem ältesten Sohn Philipp Ludwig21) und 300 Reitern gegen die Türken zu Hilfe und machte den kurzen Kriegszug bis zu Ende mit.

Im zweiten Feldzug22) hatte sich Herzog Wolfgang gegen Bezahlung verpflichtet, die sich im Religionskrieg mit dem französischen König befindenden Hugenotten mit 6000 Reitern und drei Regimentern zu verstärken. Am 20. Februar 1569 brach unter seiner Führung das mittlerweile auf 8200 Reiter und 8500 Infanteristen angewachsene Heer von Bergzabern aus ins Elsaß auf, über Mühlhausen und die Vogesen gelangte man unter ständigen Scharmützeln an die Loire, wo am 21. Mai die Stadt La Charité eingenommen wurde. Wohl durch die Anstrengungen des Marsches hatte sich bei Wolfgang ein inneres Leiden verschlimmert, das bereits zu Beginn des Feldzuges aufgetreten war. Am 11. Juni 1569, gegen sieben Uhr abends, erlag der Herzog in einer Scheune des heutigen Ortes Nexon bei Limoges (Dép. Haute-Vienne) seiner Krankheit. Der Leichnam wurde tags darauf geöffnet und einbalsamiert, wobei die Eingeweide in der Dorfkirche zu Nexon beigesetzt wurden. Der Körper wurde in einen von Holz umschlossenen Bleisarg gelegt und in der Hugenottenkirche des benachbarten Angoulême begraben. Über der Begräbnisstätte brachte man eine lateinisch abgefaßte Inschrift mit Namen, Titel, Wappen sowie dem Wahlspruch des Verstorbenen Vive memor leti (lebe immer eingedenk des Todes) an. Da die Stadt im späteren Friedensschluß an den König von Frankreich fallen sollte, entfernten die Hugenotten den Sarg noch rechtzeitig aus der Kirche und brachten ihn in ihre in der Nähe des Atlantik gelegene Stadt Cognac.

Unterdessen wurden von der Witwe und den Söhnen Herzog Wolfgangs zahlreiche Schreiben an die Hugenotten gerichtet mit der Bitte, den Sarg mit den sterblichen Überresten nach Meisenheim überführen zu können. Man dachte an den Seeweg, da wegen des vorhergegangenen Feldzugs „der Zweybrückische Nam noch bey ettlichen sehr gehast“23) sei und man deshalb im Falle des Landwegs um die Sicherheit des Transports fürchtete. Nach langen, von den beiden zweibrückischen Abgesandten, den herzoglichen Räten Schwebel und Wolff vor Ort geführten Verhandlungen, brachte man am 8. Juni 1571 den Sarg von Cognac nach La Rochelle und verlud ihn am 4. Juli – wegen abergläubischer Befürchtungen der Besatzung als Kaufmannsgut getarnt – auf ein Schiff mit Lübeck als Bestimmungsort. Die Seefahrt verlief nicht ungefährlich: Zunächst wurde das Schiff durch einen Sturm an die spanische Küste verschlagen, im Kanal und in der Nordsee von englischen und norwegischen Freibeutern attackiert und erreichte endlich am 11. August 1571 den Zielhafen. In einem feierlichen Zug, der überall auf seinem Weg mit fürstlichen Ehren empfangen und geleitet wurde, kam der Sarg über Lüneburg, Braunschweig, Kassel und Hofheim (Taunus) am 21. September auf der pfalz-zweibrückischen Burg (Moschel-)Landsburg an. Zwei Tage später wurde der von einem Kasten aus Eichenholz umschlossene bleierne Sarg in einer feierlichen Trauerprozession24) in die Schloßkirche nach Meisenheim überführt, „in das gewölb“ unter der Grabkapelle „uff einem Diel“ gestellt und damit endgültig „zur Erd bestattet“.

Alle geschilderten Maßnahmen standen jedoch im Gegensatz zu den von Herzog Wolfgang testamentarisch getroffenen Verfügungen25). Für den Fall seines Todes in der Fremde hatte er nämlich bestimmt, daß man seinen „toden Körper nicht weit über Land führen (solle), sondern an den ... Ort bestatten, da andere Christgläubig auch ruhen“. Zudem legte er ausdrücklich Wert darauf, daß man seinen Leichnam nicht – wie bei Fürsten üblich – zerschneide und einbalsamiere; schließlich ermahnte er seine Nachkommen, sie mögen bei der Gestaltung seines Epitaphs „allen Pracht und Ueberfluss hindansetzen“.

Textkritischer Apparat

  1. Textbeginn nach Rosette.
  2. Anfangsbuchstabe erhöht.
  3. Eigentlich COMES PALATINVS RHENI; vgl Nr.438 von 1602.
  4. Befund FF. DD.
  5. Eigentlich COMITISSA PALATINA RHENI.
  6. E als Kleinbuchstabe geschrieben.
  7. Anfangs-A ohne Balken.

Anmerkungen

  1. Es handelt sich um einen feinkörnigen, weichen, weißen Stein, der wohl aus den Steinbrüchen bei Weibern (Lkrs. Bad Neuenahr-Ahrweiler) gewonnen wurde (vgl. Lucas/Clemen, Instandsetzung 41) und der ausführenden Werkstatt als bevorzugtes Material diente. – Vgl. zum Steinmetzzeichen Anm. 16.
  2. Vgl. dazu Lucas/Clemen, Instandsetzung 40f.
  3. Vgl. die sorgfältig ausgeführte Skizze bei Wickenburg.
  4. So Coerper, Nachrichten 87.
  5. Vgl. Lucas/Clemen, Instandsetzung 41 und den Zustand vor der Renovierung bei Eid. – Die beiden verstümmelten Originalköpfe werden heute in der sogenannten Fürstenloge der Schloßkirche aufbewahrt.
  6. Joh. 11,25.
  7. Mt. 3,17, dort allerdings ohne den letzten Satzteil, vollständig – wie in der Inschrift – bei Mt. 17,5.
  8. Io. 19,19.
  9. Job 19,25f.
  10. Joh. 3,16.
  11. Hier hat sich der Verfasser (bei dem es sich um den pfalz-zweibrückischen Rat und späteren Kanzler Schwebel gehandelt haben dürfte; vgl. Crollius 116) der Inschrift verrechnet; unter Berücksichtigung seines Geburtsdatums müßte diese Stelle richtig heißen ANN(OS) XLII MEN(SES) VIII D(IES) XVI.
  12. Wie Anm. 11: ANNOS LX MEN(SES) VIII DIES XVII.
  13. Die Wappen und die Täfelchen mit den Beischriften wurden bei der Wiederherstellung des Grabdenkmals offensichtlich falsch angeordnet. Die richtige Abfolge, wie sie auch Wickenburg verzeichnet, lautet für Wolfgang: Pfalz-Zweibrücken, Hessen, Hohenlohe, Braunschweig; für Anna: Hessen, Sachsen, Mecklenburg, Polen.
  14. Enge Beziehungen bestehen zu dem etwa gleichzeitig in Arbeit genommenen Epitaph für den Markgrafen Philibert von Baden und seiner Gemahlin Mechthild in der Pfarrkirche zu Baden-Baden (vgl. Strübing, Johann von Trarbach 21ff. und 33); dem Epitaph für den Wild- und Rheingrafen Johann Christoph und seine Frau Dorothea in St. Johannisberg diente es sogar als direktes Vorbild (vgl. Nr. 367 von 1586/87).
  15. Vgl. die Zusammenstellung bei Strübing 33ff. und bei Kdm. 256.
  16. Vgl. zu ihm zuletzt die Studien von Kirsch und Brucker. – Seit der Arbeit von H. Fröhlich, Die Abstammung des Bildhauers Johann von Trarbach (1530-1586), in: Jb. für Geschichte und Kunst des Mittelrheins 14 (1962) 32 (mit falsch verstandener Berufung auf Kdm. 257) gilt in der gesamten späteren Literatur das oben erwähnte Steinmetzzeichen (Nr. 15) als das Johann von Trarbachs. Abgesehen davon, daß das Zeichen an dem wohl von lokalen Handwerkern oder höchstens von der Trarbach-Werkstatt hergestellten Sockel, nicht aber am eigentlichen Epitaph angebracht wurde, führen Bildhauer in der Regel keine Steinmetzzeichen sondern eine meist aus ihren Initialen zusammengesetzte Signatur. Zwar signierte Johann von Trarbach seine Werke nicht, versah jedoch seine Arbeitsverträge mit einem die Initialen I.V.T führenden Siegel; vgl. dazu A. Klemm, Württembergische Baumeister und Bildhauer bis ums Jahr 1750, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte V (1882) 166 (freundlicher Hinweis von Dr. Falk Krebs, Seeheim-Jugenheim).
  17. Vgl. den Brief Herzog Johanns von Pfalz-Zweibrücken vom 27. Juni 1575 an seinen Landschreiber Friedrich von Steinkallenfels in Meisenheim (LHAK 24, 1561 S. 1).
  18. Bei dem schon erwähnten wild- und rheingräflichen Epitaph von 1586/87 (vgl. Anm. 14) setzte die Trarbachische Werkstatt – da die bereits figürlich dargestellte Ehefrau noch lebte – an die gleiche Stelle eine wohl vorläufige Namensinschrift.
  19. Vgl. zum Folgenden die genealogische Tafel bei Europ. Stammtafeln NF I Taf. 29. – Herzog Wolfgang fand in der historiographischen Literatur große Beachtung, vgl. die Angaben bei Menzel, Wolfgang von Zweibrücken, ADB 44 (1898) 76-87 und zuletzt die Angaben bei W. Koch, Die Entstehung des Testaments Herzog Wolfgangs von Pfalz-Zweibrücken und sein Entwurf von Kanzler Dr. Ulrich Sitzinger, in: MHVP 63 (1965) 95-129.
  20. Vgl. dazu ausführlich Eid, Münze pass.
  21. Begründer der Linie Pfalz-Neuburg, vgl. Europ. Stammtafeln NF I Taf. 30 und zum Feldzug Koch, Kriegskosten 76ff.
  22. Unter der Gefolgschaft des Herzogs befand sich auch sein Rat und Vertrauter, Lic. jur. Johann Wolff (vgl. zu ihm D. Groh: Lizentiat der Rechte J. W. Ein Beitrag zur Biographie eines pfälzischen Diplomaten und Historiographen aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. Zweibrücken 1926), der den Feldzug und die letzten Stunden des Verstorbenen in seinem Tagebuch ausführlich beschrieben hat (Druck bei Schlichtegroll, Herzog Wolfgang 71ff.). Vgl. zum Feldzug auch J.H. Bachmann, Herzog Wolfgangs zu Zweybrücken Kriegs= Verrichtungen, Mannheim 1769, sowie Koch, Kriegskosten 84ff. und den Plan bei Molitor, Residenzstadt nach S. 222.
  23. Wolff hat als maßgeblich Beteiligter am 15. Mai 1572 eine „Relation über die Herausführung des Körpers des H. Wolfgang aus Frankreich nach Meisenheim“ verfaßt (ebenfalls bei Schlichtegroll, Herzog Wolfgang 88ff. abgedruckt; Zitat S. 93), in der die abenteuerlichen Umstände dieser Aktion in allen Einzelheiten geschildert werden.
  24. Der damalige Schultheiß von Meisenheim war sowohl bei der Trauerfeier als auch bei der Bestattung des Sarges in die Gruft zugegen und hat darüber einen Augenzeugenbericht hinterlassen (Zitate nach dem Abdruck bei Molitor, Residenzstadt 237, Anm. 2).
  25. Zit. nach Koch (wie Anm. 19) 101f. (nach dem Druck des Testaments bei J.J. Moser, Patriotisches Archiv für Deutschland, Bd. X. Mannheim und Leipzig 1789).

Nachweise

  1. Registratur der Clöster Offenbach und Disibodenberg (LHAK 24, 1781; Ende 16. Jh.) 309 (H).
  2. Pantaleon Candidus, Epitaphia antiqua et recentia, hominum, qui in s. literis celebrantur: regem item et principum, theologorum, doctorum et aliorum clarorum virorum: tum mulierum, infantem et variorum casum, Straßburg 1600, 72f. (G).
  3. Pareus, Historia 196f. (G, H).
  4. Wickenburg, Thesaurus Palatinus II 6 -7r (Zeichnung) – Crollius, Denkmahl 114f. (G, H).
  5. K., Meisenheim (G).
  6. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler, 459f. (teilw.).
  7. Heintz, Begräbnisse Nr. 150f.
  8. Eid, Fürstengruft 544 (Abb.).
  9. Geiler, Grabstätten 20 (teilw.).
  10. Heintz, Schloßkirche 237-241.
  11. Erinnerung an Meisenheim. Meisenheim 1905 (Abb.).
  12. Ph. Hassinger, Pfalzgraf Wolfgang. Herzog von Zweibrücken 1516-1569. Ein Lebensbild zur 350sten Wiederkehr seines Todestages. Meisenheim 1920, 24ff. mit Abb. S. 22.
  13. Strübing, Johann von Trarbach 33-37 (erw.).
  14. C. von Gienanth, Meisenheim am Glan, in: Rheinische Hbll. 3 (1926) 521 (Abb.).
  15. K. Müller (Hg.), Der Regierungsbezirk Koblenz. Berlin-Halensee 1929, 218 (Abb.).
  16. Rodewald, Johann von Trarbach, in: Hbll. Kirn 11 (1931) Nr. 4, 14 (Abb.).
  17. Kdm. 256-258 mit Taf. X.
  18. C. Pfitzner, Denkmalpflege im Dienste alter rheinischer Grabmalkunst, in: MWGF 10 (1938) 105 (Abb.).
  19. Schaffner, Meisenheim 36f. (erw.).
  20. A. Martin, Historischer Rundgang durch das tausendjährige Meisenheim, o.O. o.J. (kurz nach 1949) 11 (A).
  21. Gillmann, Kirche, Abb. 25.
  22. Fröhlich/Zimmermann, Schloßkirche 32ff. (übers.) mit Abb. 9.
  23. W. Mathern, Johann von Trarbach, in: NK (1961) 123 (Abb.).
  24. W. Kirsch, Johann von Trarbach - Bildhauer zu Simmern, in: MWGF 26 (1973) 64 (Abb.).
  25. Drescher, Schloßkirche 27ff. (übers.) mit Abb. 9.
  26. Brucker, Handzeichnung 53 (Abb.).
  27. Meisenheim am Glan. Ein Gang durch Jahrhunderte, hg. v.d. Sparkasse Bad Kreuznach, Bad Kreuznach 1974 (Abb.).
  28. Christoffel, Herzöge 55 (Abb.).
  29. Freckmann, Meisenheim 14 (Abb).
  30. Brucker, Johann von Trarbach 309 (Abb.).
  31. Dölling, Eigenarten (Abb.).
  32. Anhäuser, Hunsrück und Naheland, Abb. 93.
  33. Lurz, Meisenheim 201 (Abb.)
Addenda & Corrigenda (Stand 30. September 2014):

Eine präzisere (und verständlichere) Teil-Übersetzung von Inschrift (G) lautet: (…) “Er hat auch in gefährlichster Zeit die reine Lehre des Evangeliums bekannt und beschützt; hat, nachdem der papistische Götzendienst und die anderen Sekten abgeschafft worden sind, dafür gesorgt, dass seine Kirchen unterrichtet werden; hat zu Lauingen und Hornbach Schulen gegründet; hat dem Kaiser Maximilian (…) mit seinen eigenen Soldaten gedient.” (vgl. Hallof, Rez. DI 34, S. 281).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 340 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0034006.