Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 315† Kirn, Evang. Pfarrkirche 1561

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Grabinschrift für den Wild- und Rheingrafen Philipp Franz, schon vor 1765 bzw. 1784 verloren1). Laut der überlieferten Inschrift war der umfangreiche Text auf einer sich über dem Grab befindlichen Säule angebracht.

Nach Roos.

  1. Epithavium Generosi Comitis D(omini) Philippi Francisci Rheingraviia).Anno M: D: LXI. 3 calendarum Febr(uarii) obiit Naumburgi Thuringiae in Amplissimo S(acri) R(omani) Imperii Electorum ac principum conventu generosus comes Philippus Franciscus Rhingravius[,] Dunam 3 Idus Februarii advectus, et postridie ad columnam hic bassim sepulturae datus, virium pietate ac virtutum, tum plurimarum rerum nisu clarus, vernacula et gallica lingua facundus, comes liberalis, maximeque humanus, corporis statura, viribus, forma, moribusque heroicis pro caeteris conspicuus, non solum a plebei et equestris ordinis hominibus, verum totius etiam germaniaeb) principibus potentissimisque sui seculi regibus plurimum adamatus. Verum Dei cultum ac veram Evangelii doctrinam primus in patriam revocavit, suisque restituit, gentibus et praematura morte ereptus, ingentem tactum perpetuumque sui desiderium reliquit. Superstites habuit generosae indolis summaeque spei liberos Margaretham2), Salomen Elisabetham3), Joannem Philippum4), Fridericum5), Albertum6), Christophorum7) et Adolphum8), sororem et Margaretham comitissam ab Erpach9), prudentissimam, honestissimam atque sanctissimam, fratrem germanum Joannem Philippum10) Rhingravium equestris apud gallosc) ordinis ducem clarissimum, qui ob res in bello praeclare gestas nomen sibi in universam Europam immortale peperit, atque ipsius adeo Germaniae dans et omamend), tum is tanto amore fideque hos ex fratre nepotes in tutelam suam recepit, ut non tam amisisse parentem dici potuerinte), pia et summa observantia coluerint, ipsorumque patri clarissimo hoc monumentum pietatis erga eum posuerunt.

Übersetzung:

Epitaph des edlen Grafen, Herrn Philipp Franz, Rheingraf. Im Jahre 1561, am dritten Tag vor den Kalenden des Februar (30. Januar) starb zu Naumburg in Thüringen während der glanzvollen Versammlung der Kurfürsten und Fürsten des Heiligen Römischen Reiches der edle Graf Philipp Franz, Rheingraf; er wurde am dritten Tag vor den Iden des Februar (11. Februar) nach Dhaun zurückgebracht und tags darauf zu Füßen dieser Säule dem Grab übergeben. Berühmt durch die Frömmigkeit seiner Stärke und Tapferkeit, ebenso wie durch seine Inangriffnahme sehr vieler Dinge, redegewandt in seiner eigenen wie in der französischen Sprache, ein hochherziger und zutiefst menschlicher Fürst, an körperlicher Statur, Stärke, Gestalt und Sitten vor den übrigen Helden bedeutend; nicht nur von den Menschen des plebejischen und des Ritterstandes hochgeliebt, sondern ebenso von den Fürsten ganz Deutschlands und den mächtigsten Königen seiner Zeit. Er hat die wahre Verehrung Gottes und die wahre Lehre des Evangeliums als erster in das Vaterland zurückgerufen und sie für seine Untertanen wiederhergestellt, und durch einen allzu frühen Tod hinweggerafft, hinterließ bei ihnen eine überaus große Trauer und ein ewiges Verlangen nach ihm. Er hatte Kinder von edler Anlage und großer Hoffnung, die ihn überlebten, nämlich Margaretha, Salome Elisabeth, Johann Philipp, Friedrich, Albert, Christoph und Adolph. (Ihn überlebte auch) seine weise, überaus ehrenhafte und hochehrwürdige Schwester Margaretha, Gräfin von Erbach und sein leiblicher Bruder, der Rheingraf Johann Philipp, der hochberühmte Führer bei der französischen Reiterei, der seinen Namen durch glänzend vollbrachte Kriegstaten im gesamten Europa unsterblich machte, wobei er auch noch zusätzlich eine Zierde Deutschlands selbst abgab, als er (nämlich) seine Neffen brüderlicherseits mit solcher Liebe und Treue in seine Vormundschaft nahm, daß von ihnen kaum gesagt werden konnte, sie hätten ihren Vater verloren, (sondern) daß sie (vielmehr) ihn (den Bruder) mit frommer und höchster Achtung verehrten; und dem hochberühmtem Vater derselben setzten sie dieses Denkmal aus Frömmigkeit.

Kommentar

Der 1518 geborene, älteste Sohn des Wild- und Rheingrafen Philipp11), Stifter der Linie zu Dhaun, heiratete zwanzigjährig die Grafentochter Maria Ägyptiaca von Öttingen12). Mit seinem inschriftlich genannten Bruder Johann Philipp13) einigte er sich über die Aufteilung der Herrschaft mit dem bemerkenswerten Nebeneffekt, daß beide Grafen während des Feldzugs Karls V. nach Frankreich 1542-44 auf verschiedenen Seiten kämpften14). Wohl wegen seiner Treue zu Kaiser und Reich schloß sich Philipp Franz, der auch Kurpfalz, Kurtrier und Pfalz-Zweibrücken als Geheimer Rat zur Verfügung stand, trotz Drängen der befreundeten Fürsten nicht dem Schmalkaldischen Bund an, unternahm vielmehr in dieser kritischen Zeit mehrere Reisen nach England und begab sich in dortige Dienste15). Erst nach Abschluß des Augsburger Religionsfriedens von 1555 bekannte er sich offen zur protestantischen Sache und führte in seinen Ländern die Reformation durch. Sein plötzlicher Tod auf dem Naumburger Fürstentag (20. Januar bis 8. Februar 1561) wurde wohl durch einen Schlaganfall verursacht16). Der Leichnam wurde in Naumburg eine Zeitlang öffentlich aufgebahrt, dann nach Schloß Dhaun überführt und schließlich in „Kirn in der Pfarrkirch zur Erde bestattet“17). Laut Inschrift stifteten seine Geschwister Johann Philipp und Margaretha das ungewöhnliche Grabdenkmal.

Textkritischer Apparat

  1. Bei dem ersten Satz dürfte es sich um die Überschrift der Roos‘schen Vorlage (vgl. Anm. 1) handeln; die eigentliche Inschrift begann dann erst mit Anno. – Für hilfreiche Hinweise zu Kommentar und Übersetzung danke ich Dr. phil. habil. Ernst-Dieter Hehl, Mainz, sowie Dres. Luise und Klaus Hallof, Berlin.
  2. Sic! für germaniae.
  3. Sic! für gallos.
  4. Sic! wohl für ornamen.
  5. Im Folgenden fehlt das zu non tam gehörende quam.

Anmerkungen

  1. Bereits das um 1765 angelegte Würdtweinsche Epitaphienbuch verzeichnet dieses Grabdenkmal nicht mehr. Roos, der damalige wild- und rheingräfliche Archivar, gibt als seine Quelle ihm abschriftlich vorliegende „Prozeß=Acten“ an, „worinn (auf dessen Ruhestätte gesetzte Lobschrift) glaubwürdig aufbehalten ist“ (S. 54).
  2. 1540-1600, verheiratet mit Johann Gerhard Graf von Manderscheid-Blankenheim.
  3. 1540-1579, verheiratet mit Sebastian von Daun-Oberstein. Ihre Schwester Salome verstarb früh, vgl. Rhein. Antiquarius II 19, 61.
  4. 1545-1569, Oberst in französischen Diensten, verheiratet mit Diane de Dompmartin. Nach seinem Tod wurde er nach St. Johannisberg überführt und dort beigesetzt, ohne daß sich von ihm ein Grabdenkmal erhalten hätte; vgl. Roos, Landesrechnungen 16f.
  5. 1547-1608, Oberst in französischen Diensten, setzte durch seine drei Ehen mit Franziska Gräfin zu Salm, Anna Emilie von Nassau-Weilburg und Sibylle Juliane von Isenburg-Birstein die Linie fort.
  6. Geb. am 01. Februar 1553.
  7. Stifter der Linie zu Grumbach, vgl. sein Epitaph Nr. 367 von 1586/87 in St. Johannisberg.
  8. Stifter der jüngeren Linie zu Dhaun, vgl. seine Grabplatte Nr. 451 von 1606 in St. Johannisberg.
  9. 1521-1576, verheiratet mit Graf Eberhard XIV. von Erbach. Vgl. zu ihren Grabdenkmälern Nikitsch, Begräbnisstätte 113 mit Taf. 13 und 120 mit Taf. 26.
  10. 1520-1566, vgl. zu ihm Nr. 367 von 1586/87 mit Anm. 12.
  11. Vgl. sein Epitaph Nr. 257 von 1521 in St. Johannisberg.
  12. Vgl. Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 98.
  13. Er sollte unverheiratet bleiben und eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, nahm aber rasch französische Dienste an; vgl. oben Anm. 10 und H. Schnell, Wild- und Rheingraf Johann Philipp der Ältere – Biographische Notizen, in: MrhL 15 (1966) 312-315.
  14. Vgl. dazu ausführlich Nr. 291 von kurz nach 1544.
  15. Vgl. seinen diesbezüglichen Briefwechsel mit König Eduard VI. von England bei Roos 27-32 und 57-62 (mit der ausdrücklichen Vereinbarung, keinesfalls gegen Kaiser und Reich ziehen zu wollen).
  16. Vgl. Rhein. Antiquarius II 19, 63.
  17. Laut einem am 7. Februar 1561 von den wild- und rheingräflichen Sekretären ausgestellten Benachrichtigungsschreiben über den erfolgten Tod und die sich anschließenden Modalitäten der Begräbnisfeierlichkeiten; vgl. dazu Roos 71f.

Nachweise

  1. Roos, Nachrichten 55f.
  2. Barthold, Philipp Franz 415 (virium - facundus).
  3. Rhein. Antiquarius II 19, 64 (wie Barthold).
Addenda & Corrigenda (Stand 30. September 2014):

Inschrift: Folgende offensichtlichen Verschreibungen im überlieferten Text sind zu verbessern: Z. 5 streiche “virium pietate” setze “vir cum pietate”; Z. 18 streiche “dans et omamen” setze “decus et ornamentum” (vgl. Benrath, Rez. DI 34, S. 668).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 315† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0031505.