Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 257 St. Johannisberg, Evang. Kirche 1521

Beschreibung

Epitaph des Wild- und Rheingrafen Philipp auf einem Sockel an der Nordwand des Chors (Nr. 9); Architekturteile aus gelblich-weißem Sandstein, Figuren aus Tuff. Der Verstorbene steht in voller Rüstung auf einem kleinen Löwen, um den Hals eine Ordenskette, das ausdrucksvolle Gesicht leicht nach rechts geneigt. Um die rechte Hand trägt er einen Rosenkranz, die linke hält das Schwert. Die nahezu vollrunde, mit einer leichten Drehung gearbeitete Figur befindet sich in einer Nische, deren freistehende Säulen einen mit Rankenwerk, drei Vasen und zwei Putten bekrönten Muschelaufsatz tragen, dem wiederum ein mit Maßwerk gefüllter Kielbogen vorgeblendet ist. In der Sockelzone ist eine querrechteckige, profilgerahmte Tafel (tabula ansata) mit fünfzeiliger Inschrift angebracht, an ihren Schmalseiten je ein Wappen. Zwei weitere Wappen werden von den beiden Putten gehalten. Spuren der alten (?) goldfarbenen Bemalung finden sich an einigen Architekturteilen, den Gesichtspartien, an der Rüstung und an dem Löwen. Ergänzt wurden neben der mittleren Bekrönungsvase Hände, Schwert, Dolch, Halskette und Rosenkranz1).

Maße: H. ca. 310, B. 122, Bu. 3 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 34, Nr. 257 - St. Johannisberg, Evang. Kirche - 1521

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Eberhard J. Nikitsch) [1/4]

  1. DECESSIT · EX · HAC · LVCE · GENEROSVS · / PHILIPPVS · SILVESTRIS · RHENI · AC · IN · SALM / COMES · D(OMI)N(V)S · IN · VINSTI(N)GEN · PRAESTA(N)TISSI(MVS) · / ANNO · M · Vc · XXI · DIE · ME(N)S(IS) · AVGVSTI · XXVII · / EIVS · A(N)I(M)A · PACE · FRVATVR · AETERNA · A(MEN) ·

Übersetzung:

Aus dieser Welt schied der edle Philipp, Wild- und Rheingraf und Graf zu Salm, Herr in Vinstingen, ein ganz hervorragender (Mann), im Jahr 1521, am 27. Tag des Monats August. Seine Seele möge ewigen Frieden genießen. Amen.

Wappen:
Wild- und Rheingrafen, Salm; Mörs-Saarwerden, Finstingen.

Kommentar

Die erstmals im Bearbeitungsgebiet mit deutlicher Linksschrägenverstärkung versehene Kapitalis füllt in der Manier der scriptura continua den zur Verfügung stehenden Raum gleichmäßig aus und vermittelt so einen auffallend geschlossenen, an klassisch-römische Vorbilder erinnernden Eindruck. Zudem unterstützen langgezogene, feinstrichige Linien als Kürzungszeichen, dreiecksförmige Worttrenner sowie die nur leicht geschwungene Cauda des R diesen Befund.

Die an dem Grabdenkmal angebrachten Wappen dokumentieren nicht nur die Ahnen des Verstorbenen, sondern gleichzeitig auch die aus mehreren kognatischen Erbgängen resultierende, erhebliche Vergrößerung der Wild- und Rheingrafschaft um Gebiete in Lothringen, den Vogesen und der oberen Saar2). Allerdings wurde die Herrschaft 1515 (real 1520) zwischen dem Verstorbenen und seinem jüngeren Bruder Johann VII. (†1531) geteilt3). Der 1492 geborene, seit 1514 mit Antoinette, der Tochter des Grafen Ferdinand von Neufchâtel verheiratete Philipp begründete die jüngere Linie zu Dhaun4), von der die heute noch blühenden Geschlechter Salm-Salm und Salm-Horstmar abstammen. Da er während eines im kaiserlichen Auftrag unternommenen Feldzugs nach Frankreich in Luxemburg plötzlich verstarb, dürfte die Fertigstellung seines Epitaphs eher für das Jahr 1522 anzunehmen sein. In seinem letzten Willen bestimmte er die Stiftskirche St. Johannisberg zu seiner Begräbnisstätte und setzte 300 Gulden für die Begehung seiner „ewigen jargezeit“5) aus.

Das sorgfältig durchgearbeitete Grabdenkmal fand als „eines der bedeutendsten Werke der deutschen Frührenaissance“6) in der kunstgeschichtlichen Forschung große Beachtung, nicht zuletzt deshalb, weil es wahrscheinlich einem kongenialen Schüler aus der Werkstatt des 1519 verstorbenen Kurmainzer Bildhauers Hans Backoffen7) zugewiesen werden kann8).

Anmerkungen

  1. Vgl. Hensler 51.
  2. Vgl. Rhein. Antiquarius II 19, 20 und die genealogische Abfolge bei Möller, Stammtafeln NF I Taf. XXXVII sowie das vereinigte Wappen von 1526 (Nr. 265) auf Schloß Dhaun.
  3. Vgl. den Teilungsvertrag bei W. Fabricius (Hg.), Güter-Verzeichnisse und Weistümer der Wild- und Rheingrafen, in: Trierisches Archiv (Ergänzungsheft XII) Trier 1911, 35-56, Dotzauer, Wild- und Rheingrafen 2 sowie dessen Epitaph in der evang. Pfarrkirche zu Kirn (Nr. 273).
  4. Vgl. Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 97 und 98. – Unter seiner kurzen Regierung wurden erhebliche bauliche Veränderungen an Schloß Dhaun vorgenommen, so etwa der obere Torbau (vgl. Nr. 265 von 1526).
  5. Vgl. sein erhaltenes Testament im FSSA Anholt, Archiv Dhaun, Tit. I D Nr. 510 (vom 17. August 1521).
  6. So Kahle 43.
  7. Vgl. zu ihm DI 2 (Mainz) Nr. 1128 und jüngst die Diss. von Goeltzer, Der „Fall Hans Backoffen“.
  8. Aufgrund eigenständiger Formen- und Kompositionsmerkmale unternahm zuerst Kahle den Versuch, den von ihr so genannten „Meister von St. Johannisberg“ von anderen Backoffen-Schülern zu unterscheiden und ihm weitere Arbeiten in Oberwesel, Mainz und Groß-Steinheim (Main) zuzuschreiben. Demgegenüber identifizierte ihn neuerdings Lühmann-Schmid 42ff. aufgrund eingehender Formenvergleiche (u.a.) mit signierten Grabdenkmälern in Kronberg (Taunus) mit dem als Nachfolger Backoffens angesehenen Mainzer Bildhauer Peter Schro.

Nachweise

  1. Kremer, Kurzgefaßte Geschichte 105 Anm. 16.
  2. Schneider, Notizen I (nach Eintrag 1465).
  3. Schneider, Geschichte 257.
  4. Rhein. Antiquarius II 19, 25.
  5. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 324.
  6. Hensler, Wiederherstellung mit Abb.
  7. Kautzsch, Backoffen mit Abb. 58.
  8. Sponsel, Flötner-Studien mit Abb. 5.
  9. Zimmermann, Nahegebiet mit Abb. 21.
  10. Zimmermann, Grabdenkmäler mit Abb. 23.
  11. Kdm. 334 mit Abb. 247 und 248.
  12. Kahle, Studien mit Abb. 11.
  13. NN., Stiftskirche 111.
  14. Schellack, Kirchen 22 (1965).
  15. Fröhlich/Zimmermann, Stiftskirche 8 mit Abb.
  16. Lühmann-Schmid, Peter Schro mit Abb. 36.
  17. Zerfaß/Ziemer, Hochstetten-Dhaun mit Abb. S. 85.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 257 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0025703.