Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 207 Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg) 15.Jh.

Beschreibung

Beischrift zur Markierung der „Länge Christi“. Eingehauen auf mehreren, nachträglich als Bausteine verwendeten Quadern an der Südseite der Kirche rechts neben dem Südportal. Die Steine stammen aus der Westfassade der Kirche des benachbarten Klosters Disibodenberg1), aus der sie im Jahr 1738 ausgebrochen und zum Neubau der damaligen reformierten Kirche verwendet wurden2). Der heutige Standort der Inschrift war bisher unbekannt. Insgesamt vier (bzw. fünf3) nebeneinander gesetzte, unterschiedlich breite Quader aus gelblichem Sandstein mit einer in der Mitte eingehauenen, die Länge Christi darstellenden Linie; darüber auf dem ersten, dritten und vierten (bzw. fünften) Quader die Inschrift. Die Buchstaben sind wohl noch mit dem alten Verputz gefüllt, der erst im Jahr 1907 von den Außenmauern der Kirche entfernt wurde4).

Maße: H. 45, B. 284 (insg.), Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 34, Nr.207 - Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg) - 15.Jh.

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Klemens Bender) [1/4]

  1. longi/tvdo / cristia)

Kommentar

Die jeweils durch einen markanten, vertikalen Abschlußstrich begrenzte Linie mißt etwa 196 cm und steht damit im Widerspruch zu dem von Helwich verschlüsselt angegebenen Maß von 256 cm5).

Das einst an der Klosterkirche der Zisterzienser angebrachte Längenmaß dürfte ursprünglich auf den im 14. Jahrhundert durch die Palästinapilger aufgekommenen Brauch zurückzuführen sein, in Jerusalem die Länge des Grabes Christi – wohl des „Grabtroges“ in der Seitenwand der kleinen Grabkammer in der Grabkapelle6) – zu messen, um damit in Form von entsprechend langen, beschrifteten, schmalen Papierbändern heil- und schutzbringende Amulette zu gewinnen7). Daneben existierten andere Traditionen, die die Körperlänge Christi u.a. nach einem erstmals 1157 erwähnten silbernen Reliquienkreuz8), nach dem Maß auf einer Säule einer Bologneser Kirche9) oder nach den Angaben des apokryphen Lentulusbriefes (wohl 13. Jh.)10) berechneten. Über die Funktion der heiligen Längen an sakralen Bauten, die neben Schutz, Hilfe und Verehrung vielleicht noch anderen Zwecken dienten11), ist wenig bekannt; sie finden sich vereinzelt in Pfarr-, Stifts- und Klosterkirchen sowohl in Stein gehauen12) als auch als Wandmalerei13) oder als Ölgemälde14). Eine direkte Verbindung zu den im Mittelalter weitverbreiteten, der Grabkapelle in Jerusalem nachgebildeten Heiliggrabbauten läßt sich wohl nicht herstellen15).

Da sich die sekundären Längenangaben je nach Quelle stets zwischen 165 und 210 cm bewegen, dürfte sich Helwich bei seiner Umrechnung geirrt haben. Die tatsächliche Länge des jerusalemischen Grabtroges scheint 201 cm zu betragen16), überliefert sind jedoch auch Angaben17) zwischen 162 und 208 cm.

Textkritischer Apparat

  1. Helwich überliefert christi und gibt die gesamte Inschrift in Großbuchstaben (gotischen Majuskeln!) wieder.

Anmerkungen

  1. Helwich notierte sich die ungewöhnliche Inschrift am 24. Oktober 1615 mit der Bemerkung „ad templi introitum linea lapidi incisa cernitur, cum hac inscriptione...“.
  2. Vgl. Schworm, Odernheim am Glan und Disibodenberg 169. – Ein Großteil der Kirche (und der Häuser des Ortes) wurde mit zugehauenen Steinen und geigneter Bauplastik aus dem Klosterbereich erbaut.
  3. Der vierte Quader weist nur anfänglich eine, wohl später nachgezogene Kerbe auf, scheint also nicht dazuzugehören; die eigentliche Linie läuft demnach über vier Quader.
  4. Wie Anm. 2.
  5. Helwich gibt am Rand seines Manuskriptes eine ca. 16 cm lange Linie wieder, die „decies sexies repetita“ wohl der originalen Länge entsprechen soll.
  6. Vgl. dazu G. Dalman, Das Grab Christi in Deutschland (Studien über christliche Denkmäler NF 14). Leipzig 1922, 24.
  7. Vgl. dazu ausführlich A. Jacoby, Heilige Längenmaße. Eine Untersuchung zur Geschichte der Amulette, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 29 (1929) 1-17 und 181-216, zu einem hessischen Beispiel O. Stückrath, Die Länge Christi, in: Nassauische Heimatbll. 16 (1912) 58-60, zu einem pfälzischen A. Becker, Pfälzer Volkskunde. Bonn 1925, 132, sowie zusammenfassend LThK 6 (1961) Sp. 785 und jüngst die Bestandsaufnahme von G. Otruba, Die Bedeutung „heiliger Längen“ im Rahmen der Kulturgeschichte insbesondere des österreichischen Raumes, in: Österreichische Zs. für Volkskunde XLVI/95 (1992) 181-200.
  8. Vgl. Jacoby (wie Anm. 7) 187.
  9. Vgl. ebd. 181f. sowie Baudenkmale III Anm. S. 131.
  10. Vgl. RGG 4 (1960) 318 und zu einer entsprechenden Umsetzung auf einem Mitte des 17. Jh. angefertigten Ölgemälde mit einer ebenfalls verschlüsselten Größenangabe DI 7 (Naumburg) Nr. 338.
  11. Möglicherweise spielte die Länge des Grabes, bzw. die Körpergröße Christi eine (unbewußte?) Rolle bei der Anfertigung der Grabplatten; so weisen etwa die auf dem Disibodenberg gefundenen Exemplare des 14. Jh. im Durchschnitt eine Länge von etwas über zwei Meter auf.
  12. Besonders schön an der den südlichen Kreuzgangflügel bildenden Außenwand der Kirche des Zisterzienserklosters Bebenhausen bei Tübingen, wo im Jahr 1492 neben der Länge des Grabes Christi (200 cm) auch die der Muttergottes (173 cm) angebracht und mit ausführlichen Inschriften versehen wurde (vgl. die Abb. bei E. Paulus, Die Cistercienser-Abtei Bebenhausen. Stuttgart 1886, 135). – In die Pfarrkirche Maria Rain bei Klagenfurt integrierte man noch Ende des 17. Jh. eine Grabkapelle, die am Ausgang zum Kirchenschiff auf zwei Steinen die Inschrift Ecce homo mensura Christi aufweist (vgl. Dehio-Handbuch Kärnten, bearb. von E. Bacher u.a., Wien 21981, 374).
  13. So in der Liebfrauenkirche zu Oberwesel an einem Pfeiler des Mittelschiffs mit der gemalten Beischrift Diß ist die lengde vnsers her(r)n ih(es)u chr(ist)i aus dem Ende des 15. Jh. (Freundliche Mitteilung von Frau Susanne Kern, Mainz, die demnächst ihre Dissertation über ‘Wandmalerei im Mittelrheingebiet‘ vorlegen wird).
  14. Ähnlich wie im vorliegenden Fall wird auf einem Ende des 16. Jh. angefertigten Ölbild in der Kirche zu Golmsdorf bei Jena (vgl. O. Mühlmann, Seltene Funde und Forschungen eines Denkmalpflegers. Nürnberg 1977, 52 mit Abb. 7) die Größenangabe verschlüsselt geboten: über einem 18,7 cm langen Stab steht die Inschrift Seine Lenge ist dieser Linien zehen. In der ehem. Zisterzienserabtei Neuberg in der Steiermark wird ein weiteres, um 1700 angefertigtes, „realistisches“ Ölgemälde des Leichnams Christi aufbewahrt, das laut Inschrift seine „wahre Länge“ wiedergibt (vgl. dazu Jacoby (wie Anm. 7) 187f.).
  15. Wie Anm. 6, pass.
  16. Ebd. 90.
  17. Vgl. Otruba (wie Anm. 7) 184.

Nachweise

  1. Helwich, Syntagma 442.
  2. Roth, Syntagma Sp. 10.
  3. L. v. Eltester, Cistercienser-Kloster Disibodenberg a.d. Nahe (LHAK 700, 30 Nr. 927).
  4. Kraus, Christliche Inschriften II Nr. 279.
  5. Baudenkmale III 131.
  6. Stanzl, Klosterruine 42.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 207 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0020708.