Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 181 Sponheim, Klostergebäude 1494?

Beschreibung

Bibelspruch in hebräischer und griechischer Sprache auf einem Bauglied. Es stammt wohl aus dem 1494 von Abt Johannes Trithemius „ad orientalem monasterii“1) neu errichteten Abtshaus und wurde als Eckquader in die Südostecke des neuzeitlichen, sich vermutlich an gleicher Stelle befindlichen ehemaligen Pfarrhauses (heute Wohnhaus) eingelassen. Sturzartiges Bauglied aus gelblichem Sandstein mit einer nicht ganz symmetrischen rechtwinkligen Aussparung an der Unterseite. Der einzeiligen hebräischen Fassung des Bibelspruches folgt ihre zweizeilige griechische Übersetzung2) in kapitalen Buchstabenformen.

Maße: H. 33, B. 106, Bu. 3,5 cm.

Schriftart(en): Hebräische Quadratschrift, Griechische Schrift.

DI 34, Nr.181 - Sponheim, Klostergebäude - 1494?

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Eberhard J. Nikitsch) [1/1]

  1. : זֶה הַשַׁעַר לַיְהוֹהַ צַדִיקִים יָבאֹוּ בוֹ [ : ] ‏אָמֵך : 3)ΑΥΤΗ Η ΠΥΛΗ ΤΟY Κ(ΥΡΙΟ)Υ ΔΙΚΑΙΟΙΕΙΣΕΛΕΥΣΟΝΤΑΙ / ΕΙΣ / ΑΥΤΗΝ4)

Übersetzung:

Das ist das Tor des Herrn; die Gerechten werden in dieses hinein gehen.

Kommentar

Die Existenz der ungewöhnlichen bilinguen Inschrift5) an dieser Stelle läßt sich nur durch die Wirksamkeit des gelehrten Sponheimer Abtes Johannes Trithemius6) erklären, dem es Ende des 15. Jahrhunderts gelang, das zuvor eher unbedeutende Benediktiner-Kloster für eine kurze Zeit zu einem Zentrum des deutschen Frühhumanismus7) zu machen. Da Trithemius die Wände seiner 1494 neu erbauten Abtswohnung8) u.a. auch mit hebräischen, griechischen und lateinischen Sprüchen9) ausmalen ließ, ist zu vermuten, daß auch dieser signifikante zweisprachige Bibelspruch dort Verwendung fand – vielleicht als Türsturz über dem Eingang zur kleinen Hauskapelle10) des Abtes.

Trithemius schöpfte seine Kenntnis der griechischen Schrift kaum aus der erst durch Hartmann Schedel (1440-1517) nach Deutschland vermittelten antiken Epigraphik11), vielmehr orientiert sich die von ihm gewählte äußere Form des griechischen Teils der Inschrift an der durch den Humanismus vermittelten ‘modernen‘ Schrift seiner Zeit, der Kapitalis12): Die wohlproportionierten Buchstaben sind mit feinen, gleichstrichigen Linien in nahezu reinen, regelmäßigen Kapitalformen gebildet. Die in der altgriechischen Steinschrift spät und zudem selten vorkommende zweibauchige Form des E und das ihr fremde, weil mit Nodus am Balken versehene c verweisen zudem auf Formen der frühhumanistischen Kapitalis. Die Inschrift erweist sich somit auch als ein Beispiel für einen interessanten Aspekt zeitgenössischer Ambivalenz: Die Antike wird einerseits in ihr gemäßen, andererseits in ihr eigentlich fremden Formen13) rezipiert. Auffällig ist schließlich der Akkusativ εἰς αὐτήν, der sich in den wesentlichen Handschriften der Septuaginta14) nicht findet; vielmehr ist diese spezielle Stelle mit dem Dativ ἐν αὐτῆ überliefert15). Da das mit εἰς präfigierte Verbum in der griechischen Bibel üblicherweise jedoch mit Akkusativ konstruiert wird, bezeugt die von Trithemius vorgenommene Abweichung von der Vorlage dessen lebendige Kenntnis der altgriechischen Sprache.

Anmerkungen

  1. Trithemius, Chron. Spon. 405.
  2. Dres. Luise und Klaus Hallof, Berlin, verdanke ich die entscheidenden Ausführungen zu dem sich mit dem griechischen Teil der Inschrift beschäftigenden Kommentar; weitere hilfreiche Hinweise gaben die Herren Prof. Dr. Dr. Otto Böcher, Mainz und Dr. Albrecht Beutel, Tübingen. Die Transkription des hebräischen Teils besorgte freundlicherweise Frau Martina Strehlen, LfD Mainz.
  3. Ps. 118,20; erweitert um ein dort nicht vorkommendes Amen.
  4. Dto., in der Septuaginta Ps. 117,20.
  5. Vgl. DI 12 (Heidelberg) Nr. 565 mit dem selben Zitat, allerdings in hebräisch und lateinisch.
  6. Vgl. Nr. 170 von 1487.
  7. Vgl. dazu zuletzt N.L. Brann, The Abbot Trithemius (1462-1516). The Renaissance of monastic humanism (Studies in the history of christian thought 24). Leiden 1981.
  8. Zu unbekannter Zeit (wohl 19. Jh.) abgerissen; den äußeren Zustand um 1645 zeigt ein detailgetreuer Merianstich (vgl. Kdm. 382).
  9. Vgl. die vorhergehende Nr. 180.
  10. Wie Anm. 1.
  11. Die altgriechische Steinschrift war dem mittelalterlichen Abendland weitgehend unbekannt. Erst über Kopien des berühmten Reisenden Cyriacus von Ancona (1391-1457), dessen Kollektaneen Schedel exzerpierte, gelangte die Kenntnis antiker griechischer Inschriften in der zweiten Hälfte des 15. Jh. in die Kreise der deutschen Humanisten.
  12. Vergleichbar mit der bereits 1488 in Kapitalis ausgeführten Stifter- und Widmungsinschrift des Wormser Bischofs Johann Kämmerer von Worms gen. Dalberg (vgl. DI 29, Worms, Nr. 316); einem auch mit Trithemius in Verbindung stehenden Frühhumanisten. – Zum Gegenbeispiel einer 1493 ausgeführten griechischen Inschrift, deren Buchstaben zwar kapital, aber „stark vom klassischen Ideal“ abweichend gearbeitet wurden, vgl. ebd. Nr. 331.
  13. Vgl. dazu DI 33 (Stadt Jena) Kap. 3,2.
  14. Vgl. A. Rahlfs (Hg.), Septuaginta. Vetus Testamentum Graecum. Bd. 10, Göttingen 21967, 286.
  15. Daher die Übersetzung bei Luther: „Die Gerechten werden da hin ein gehen“ und in der ökumenischen Einheitsübersetzung „nur Gerechte treten hier ein“.

Nachweise

  1. Schneegans, Trithemius 89 Anm. 1 (erw.).
  2. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 336f. (erw.).
  3. Schneegans, Kreuznach 115 (übers.).
  4. Kdm. 395 (erw.).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 181 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0018100.