Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 162 Becherbach bei Kirn, Evang. Pfarrkirche 1484

Beschreibung

Glocke mit Namens-, Meister- und Gebetsinschrift. Erste Glocke von links im Glockenstuhl des 1837 von drei auf fünf Geschosse erhöhten romanischen Kirchturms. Große Glocke mit einzeiliger Umschrift (A) zwischen einfachen Rundstegen, darunter ein Rundbogenfries mit eingelegtem Maßwerk und hängenden Kreuzblüten. Die Kronenbügel sind mit Rosetten verziert. Als Worttrenner dienen unterschiedliche Symbole, darunter Sternchen, Blüten und verschiedenes Getier1). Auf der Flanke sind zwei hochrechteckige Reliefs angebracht: zum einen die Darstellung des hl. Christophorus, zum anderen eine abgewitterte (schlecht gegossene?) Kreuzigungsszene (13 x 10 cm) mit Maria und Johannes (?), umgeben von einer winzigen, auf einer Leiste umlaufenden, kaum lesbaren Inschrift (B). Auf den Querbalken und zu Füßen des Gekreuzigten knien Engelchen; die Ecken der Leisten sind mit Rosetten versehen. Gewicht2) ca. 550 kg.

Maße: H. ca. 95 (m. Kr.), Dm. 95, Bu. 3 (A) ca. 0,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A, B).

DI 34, Nr.162 - Becherbach bei Kirn, Evang. Pfarrkriche - 1484

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Klemens Bender) [1/5]

  1. A

    maraa) ·b) heiszen ·c) ich·d) hans ·d) kangiser ·b) von ·b) cruczenache) · gosz ·d) mich·f) anoa) ·g) domini ·c) m ·b) cccc ·b) lxxx iiiih) ·i)

  2. B

    stabat · mater · dolorosa ·iuxta · cr/vcem · lacrimosa ·dum · pendebat · filivs · /[cuius · animam · gemen]temk) · /contristanteml) · et · dolentem ·per · tra(n)sivit · gladi(us) · //i(esus) · n(azarenus) · r(ex) · i(udeorum)3)

Übersetzung:

Die schmerzerfüllte Mutter stand voller Tränen neben dem Kreuz, solange ihr Sohn daran hing. Ihre seufzende, trauernde und schmerzende Seele wurde wie von einem Schwert durchbohrt.

Versmaß: Knittelvers; vierhebiger Paarreim.

Kommentar

Neben den variantenreichen Worttrennern fallen vor allem die durchgängig mandelförmig gehaltenen o der Inschrift (A) auf – ein interessantes Anzeichen für beginnende Veränderungen in der Formensprache der zeitgenössischen Schrift.

Die Marienglocke weist wohl auf das eigentliche Patrozinium der 1781 wegen Baufälligkeit abgebrochenen Vorgängerkirche des 12. Jahrhunderts hin4). Da jedoch deren Turm erhalten blieb, hängt die alte Glocke noch an ihrem ursprünglichen Ort. Sie stellt die bisher einzige sicher nachweisbare Arbeit des sonst unbekannten Kreuznacher Glockengießers dar5), der seinen Namen in zeitgenössischer Manier mittels eines Knittelverses mit dem der Glocke verbunden hat. Der von einem rechteckigen Rahmen eingefaßten Kreuzigungsgruppe mit der ungewöhnlichen Minuskelumschrift scheint ein Model zugrunde zu liegen, das im Jahr 1446 von dem Ulmer Glockengießer Johannes Fraedenberger konzipiert wurde6). Bei dem vielfach übersetzten und später auch zum Kirchenlied umgeformten Text handelt es sich um die erste, vierhebige Strophe einer Jacopone da Todi (†1306) bzw. Bonaventura (†1274) zugeschriebenen Sequenz7), die vorzugsweise am 1423 gestifteten (und erst 1727 verbindlich eingeführten) „Fest der Sieben Schmerzen der allerseligsten Jungfrau Maria“ (15. Sept. bzw. Freitag nach dem ersten Passionssonntag) gebetet wird8).

Textkritischer Apparat

  1. Sic!
  2. Worttrenner nicht mehr zu identifizieren.
  3. Worttrenner als Blüte gestaltet.
  4. Worttrenner als Sternchen gestaltet.
  5. Kdm. liest crucenach und identifiziert den folgenden, stark verwitterten Worttrenner als „Relief eines Lamms“.
  6. Worttrenner wohl als liegender Blumentopf mit drei Blümchen gestaltet.
  7. Worttrenner als Adler in Frontalansicht gestaltet.
  8. Abgesehen von Fritzen, Kdm. und Mayer geben alle anderen Autoren die auf Lehfeldt zurückgehende falsche Jahreszahl 1483, bzw. auch 1414, 1482 und 1493 an; vgl. auch Anm. 6.
  9. Kdm. identifiziert den stark verwitterten Worttrenner als „Relief eines Einhorns“.
  10. Erg. nach Schott, Meßbuch 826.
  11. Sic! Ebd. contristatam.

Anmerkungen

  1. Vgl. den Textkommentar.
  2. Angabe nach Verzeichnis 81.
  3. Io. 19,19.
  4. Vgl. Lentze, Becherbach 73f. – Nach Mayer, Becherbach 6, wurden zur Fundamentierung der 1783-86 neuerbauten Kirche alte Grabsteine verwendet, deren Inschriften nicht überliefert worden sind.
  5. Bei dem Nachnamen muß es sich noch nicht um den Familiennamen handeln, vgl. die Beispiele bei Fritzen I. – Die von Kraus, Walter, Renard, Zimmermann und Fritzen erwähnte Glocke von 1482 bzw. 1483 des vermeintlich gleichnamigen Meisters in der evang. Pfarrkirche in Medard (Lkrs. Kusel) beruht nachweislich auf einer von Lehfeldt verursachten Verwechslung des Ortes mit Becherbach bei Kirn – es handelt sich bei ihr also um die vorliegende Glocke. Vielleicht können Hans Kangießer noch zwei weitere Glocken zugeschrieben werden, vgl. Einleitung XLII.
  6. Erstmals 1446 auf einer Glocke in Gussenstadt bei Heidenheim nachweisbar (vgl. DGA Württemberg-Hohenzollern Nr. 784 mit Abb. 40), dann im gleichen Jahr auf der Glocke des Nördlinger Meisters Christoph Glockengießer in der kath. Pfarrkirche in Unterfinningen (Lkrs. Dillingen; vgl. DGA Bayerisch-Schwaben Nr. 219 mit Abb. 50) sowie auf der sog. Stundenglocke in der evang. Stadtkirche von Wertheim (Main-Tauber-Kreis) aus dem Jahr 1458 (vgl. DI 1 Main-Taubergrund Nr. 451 und DGA Baden Nr. 1361 mit Abb. 118).
  7. Die Verfasserfrage des um 1417 literarisch faßbaren Hymnus ist wohl noch nicht endgültig entschieden, vgl. W. Irtenkauf, (Art.) Stabat mater dolorosa, in: LThK 9 (1964) Sp. 1000f.
  8. Vgl. Schott, Meßbuch 826f.; dort auch eine eingängigere, dem Versmaß nachempfundene Übersetzung: „Christi Mutter stand mit Schmerzen / Bei dem Kreuz und weint‘ von Herzen / Als ihr lieber Sohn da hing. Durch die Seele voller Trauer / Seufzend unter Todesschauer / Jetzt das Schwert des Leidens ging“.

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 455 (A).
  2. Kraus, Pfälzische Glockenkunde 1895, 29.
  3. Walter, Glockenkunde (erw.).
  4. Lentze, Becherbach 43.
  5. Renard, Glocken 68 (erw.).
  6. Zimmermann, Glocken (erw.).
  7. Kdm. 121.
  8. Fritzen, Glockengießer I 85 (erw.) und II 74 (erw.) – Liste der Glocken (1942) 1.
  9. LfD Mainz Planarchiv, Unterlagen Glockenatlas.
  10. Mayer, Becherbach 11.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 162 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0016204.