Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 145 Kirn, Evang. Pfarrkirche 1474

Beschreibung

Deckplatte einer heute als Altarbasis verwendeten Tumba1) für den Wild- und Rheingrafen Gerhard. Die Deckplatte wurde vermutlich zwischen 1680 und 1721 aus dem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und spätestens seit 1765 aufrecht hinter dem damaligen Hochaltar an die Wand gelehnt2), dann während der durchgreifenden Renovierung der Kirche in den Jahren 1890-94 an ihrem heutigen Standort senkrecht an der Stirnseite des linken Seitenschiffs befestigt3). Große Platte aus vermutlich braungelbem, jetzt grau überstrichenem Sandstein mit leicht nach außen abgeschrägten Leisten, darauf Umschrift (A) zwischen Linien. Im Mittelfeld liegt die Figur des Verstorbenen barhäuptig und waffenlos in betender Haltung – jedoch in voller Rüstung – mit dem Haupt auf einem Kissen. Darauf eine zweizeilige, vermutlich anläßlich der Aufrichtung hinzugefügte, schwach eingehauene Inschrift (B). Das volle Haar ist leicht gelockt, die Füße ruhen auf zwei kauernden Löwen mit abgewandten Köpfen. Zur Rechten befindet sich ein farbig gefaßtes, einen kleinen Teil der linken, an dieser Stelle unbeschriebenen Leiste bedeckendes Vollwappen. Erhebliche Beschädigungen vor allem der oberen Leiste sind zum Teil mit Gips verschmiert, die untere Leiste fehlt völlig und damit auch die denkbare Beschriftung. Die Nase ist ergänzt, die Kopfpartien der Löwen sind verwittert bzw. abgeschlagen.

Maße: H. 236, B. 123, Bu. 5,5 (A) 2,5-5,5 (B) cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A), Kapitalis (B).

DI 34, Nr.145 - Kirn, Evang. Pfarrkirche - 1474

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Klemens Bender) [1/14]

  1. A

    [ann]o [·] d(omi)ni · mo ccc[c] lx[xiiii fer]iaa) / · [...] post [·] visitationisb) · marie ·obiitc) · generosus · domicellusd) · gerhard(us) / [comes siluestris in kyrburg in / d]unae) · et · renicomesf) · in · lapideg) · c(uius) · a[(n)i(m)]a · reqescath) · i[n sancta pace]i)

  2. B

    GERH(ARDUS) WILD V(ND) RHEINGRAFk) OBIIT / ANNO 1473

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1474, am (...)tag nach Maria Heimsuchung (3.-9.Juli) starb der edle Junker Gerhard (Wildgraf zu Kyrburg,) zu Dhaun und Rheingraf zu Rheingrafenstein. Dessen Seele möge in heiligem Frieden ruhen.

Wappen:
Wild- und Rheingrafen (zu Kyrburg).

Kommentar

Überraschenderweise ist die umlaufende Inschrift so gehauen, daß sie von innen zu lesen ist. Die sorgfältig gearbeitete Minuskel fällt vor allem durch ihre eigenwilligen Ligaturen auf, wobei Ober- wie Unterlängen gelegentlich die vorgegebene Linienführung durchbrechen. Die ausgemalte Kapitalis der Inschrift (B) ist wohl dem 17./18. Jahrhundert zuzuordnen, wobei sich eine Datierung um 1680 oder 1754, jedenfalls vor 1769 anbietet4).

Gerhard war der zweite Sohn des Wild- und Rheingrafen Johann III. und seiner Frau Margarethe Wildgräfin von Kyrburg. Er blieb ledig und erhielt als Apanage ein Viertel des Amtes Kirn sowie die moselländische Herrschaft Dhronecken5). Zusammen mit seinem Bruder Johann IV.6) stand er die Konflikte um den Geisenheimer Pfefferzoll durch, schleifte u.a. im Jahr 1456 im Dienste des pfälzischen Kurfürsten Friedrich des Siegreichen die Raubritterburg Montfort und begleitete ihn lebenslang auf seinen zahlreichen Kriegszügen7). Sein Titel domicellus weist darauf hin, daß er trotz seiner verhältnismäßig hohen Herkunft (noch) nicht die Ritterwürde errungen hatte.

Die aufwendige Ausführung und die ursprünglich zentrale Aufstellung des Grabdenkmals im Chor der Kirche hängt sicher mit ihrer vom Verstorbenen 1467 mitveranlaßten Erhebung in den Rang einer Stiftskirche und dem damit verbundenen Neubau des Chors zusammen8). Zudem hinterließ er den eingesetzten Stiftsherren eine Summe von 300 Goldgulden zur regelmäßigen Feier seiner Anniversarien9).

Textkritischer Apparat

  1. Jahreszahl ergänzt nach dem urkundlich belegten Todesjahr; vgl. Roos, Landesrechnungen 27ff., der jedoch aus einer falsch verstandenen Interpretation der überlieferten Nachrichten auf ein zwischen Maria Himmelfahrt und September 1474 angesiedeltes Todesdatum schließen möchte. – Würdtwein und Lehfeld überliefern allerdings mcccclxxiii, Kremer mcccclxxi.
  2. Kremer liest fälschlich post purificationis, Lehfeldt und Kdm. lesen post (diem?) anvnciationis. – Da dieses Marienfest im Jahr 1474 auf einen Sonntag fiel, kämen als mögliche Ergänzung die Wochentage feria secunda (Montag) bis septima (Samstag) in Betracht, also der 3. bis 9. Juli 1474.
  3. Zweites i lang ausgezogen.
  4. Fehlt bei Lehfeldt und Kdm.
  5. Letztes Wort fehlt bei Würdtwein, liest dafür Kyrburg. – Ergänzt nach der Titelei der verlorenen Grabinschrift seines im Jahr 1476 verstorbenen Bruders, bzw. nach der ihres gemeinsamen Onkels Friedrich I. (vgl. Nr. 124 von 1447).
  6. Sic! entgegen der üblichen getrennten Schreibweise.
  7. Fehlt bei Würdtwein.
  8. Sic!
  9. Bis i originale Substanz, danach .. · reqescat · i wohl anläßlich einer Restaurierung in fehlerhaften Formen nachgebildet.
  10. V(ND) RHEINGRAF in kleinen kapitalen Buchstaben überschrieben.

Anmerkungen

  1. Die etwa 85 (bzw. mit heutiger Altarplatte) etwa 100 cm hohe Tumba mißt oben 170 auf 115, unten 155 auf 102 cm, die zugehörige Deckplatte dürfte also leicht übergestanden haben. Vier zwischen Maßwerkblenden sitzende Löwen mit erhobener Pranke bilden die Eckpfeiler, auf der Vorderseite halten sie links das Wappen der Wild- und Rheingrafen zu Dhaun, rechts das der Wildgrafen zu Kyrburg. Die Kombination beider elterlichen Wappen findet sich auf der Grabplatte als Wappen des Verstorbenen wieder. – Vgl. zur Rekonstruktion der Tumba Zimmermann, Nahegebiet 24 und eine (auch heute noch) mögliche zeichnerische Wiederherstellung in Kdm. 26 mit Abb. 16. Laut General-Ablehnung 41, 70ff. und 87f. war die gesamte Grabanlage zudem von einem eisernen Gitter umgeben.
  2. Möglicherweise anläßlich der Einführung des Simultaneums 1680; vgl. dazu die Hinweise auf die Umgestaltungen des Chorbereichs in diesen und vor allem auch in den späteren Jahren bei Kdm. 195, sowie die Standortangabe „retro altare majus“ in der um 1765 verfaßten Würdtweinschen Epitaphiensammlung.
  3. Vgl. Clemen, Restauration 28 und Peitz 12ff.
  4. Vgl. Anm. 2 und den Hinweis bei Kremer (1769): „Ein neuer Meisel hat die Worte hinzugefügt“. – Ursache der Anbringung der Inschrift (B) dürfte die schon damals schwer leserliche Datums- bzw. untere Zeile gewesen sein; dies würde sowohl die Verschreibung des Todesjahrs in 1473 als auch die gleichzeitig nachgetragene Ergänzung seines vollständigen Titels erklären.
  5. Vgl. Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 97 sowie Schneider 82 und 161.
  6. Vgl. den Kommentar zu seiner verlorenen Grabinschrift von 1476 (Nr. 150).
  7. Vgl. die familiengeschichtlichen Bemerkungen seines Neffen, des Rhein- und Wildgrafen Johann V. bei Herrmann, Autobiographische Aufzeichnungen 347 und 349, sowie Schneider 82-89. – Die Notiz „geistlich in Trier“ bei Europ. Stammtafeln (wie Anm. 5) konnte nicht verifiziert werden, möglicherweise liegt jedoch dort eine Verwechslung mit seinem frühverstorbenen Bruder Friedrich, Domherr in Straßburg, Köln und Trier vor, oder gar eine mit seinem gleichnamigen, 1491 als Kanzler des Erzstifts Köln verstorbenen Neffen; vgl. Herrmann 347 und Roos, Landesrechnungen 30ff.
  8. Vgl. die Aufstellung des Sakramentshäuschens 1482 (Nr. 158) und die Bauzahl im Gewölbe von 1484 (Nr. 161).
  9. Vgl. Ohlmann, Kirn 81.

Nachweise

  1. Würdtweinsches Epitaphienbuch 308.
  2. Kremer, Kurzgefaßte Geschichte 86 Anm. 11.
  3. Schneegans, Beschreibung 296 Anm. 18 (nur B).
  4. Schneider, Notizen II (nach Eintrag 1500; nur B).
  5. Schneider, Geschichte 231 (nur B).
  6. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 301.
  7. Kdm. 196f. mit Abb. 138f. und der Rekonstruktionszeichnung S. 26 Abb. 10.
  8. Peitz, Kirche 18 (dt. Üs.).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 145 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0014504.