Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 8† Disibodenberg, Kloster 4.V.12.Jh.

Beschreibung

Buchdeckel mit Spruchinschriften und Bildbeischriften. Der eigentliche Inschriftenträger besteht aus vier aufgenagelten, vergoldeten Bronzestreifen, die, die sich wie ein Rahmen paarweise in Größe und Aufbau entsprechend, rechtwinklig um ein leeres Mittelfeld gruppieren1); vermutlich als Einbandschmuck für ein Exemplar der von der hl. Hildegard von Bingen verfaßten Vita Sancti Disibodi angefertigt2). Der Deckel wurde erstmals im Jahr 1676 durch den luxemburgischen Jesuitenpater Alexander Wiltheim3) ausführlich beschrieben und sorgfältig abgezeichnet, dann unter Verwendung dieser Kopie 1867 in den Acta Sanctorum als Kupferstich veröffentlicht4). Der damalige Fundort und der heutige Aufbewahrungsort sind unbekannt; vermutlich ist der Deckel verloren.

Die Ecken des Rahmens werden von den vier mit leeren Schriftbändern versehenen Symbolen der Evangelisten Matthäus, Johannes, Lukas und Markus ausgefüllt. Die Mitte des oberen Streifens zeigt den segnenden Christus in der Glorie, darin zu Seiten des Nimbus die beiden apokalyptischen Buchstaben (A), außen umgeben von der Spruchinschrift (B). Um das Christusbild versammeln sich namentlich bezeichnet (C) Disibod im bischöflichen Ornat und seine Gefährten sowie als kleinere Halbfigur unten rechts am Rande des Bildes die hl. Hildegard mit einem Buch, auf das sie mit der linken Hand hinweist5). Der rechte Streifen besteht aus drei senkrecht angeordneten Einzelbildern mit betitelten Szenen aus dem Leben Disibods, wobei jedes Einzelbild den namentlich bezeichneten Disibod neben dem jeweiligen Kranken zeigt: wunderbare Heilung eines Stummen (D), eines Wassersüchtigen (E) und eines Aussätzigen (F). Der gegenüberliegende linke Streifen weist ebenfalls drei senkrecht angeordnete Einzelbilder auf, die jedoch durch zwei lange, sich kreuzende Schrift- bzw. Spruchbänder miteinander verbunden sind. Es handelt sich dabei um einen in Szene gesetzten Dialog zwischen dem namentlich bezeichneten Disibod (G) mit zwei in den unteren beiden Feldern fragend und betend dargestellten Mönchen. Der seinem Stand entsprechend auf einem mit Tierköpfen und -füßen versehenen Faltstuhl (Faldistorium)6) sitzende Heilige hält in der rechten Hand den Bischofsstab, in der linken das Band mit der Inschrift (H); der durch seinen Gestus als Fragender ausgewiesene Mönch hingegen dasjenige mit der Inschrift (I). Der untere, inschriftlose Streifen zeigt das wohl anläßlich der 1143 erfolgten Translation errichtete Grabdenkmal7) des hl. Disibod im Chor der neuerbauten Klosterkirche der Benediktiner. Links neben der Tumba stehen ein Mönch und ein Abt mit einem aufgeschlagenen Buch, wohl ebenfalls die Heiligenvita, in der Hand, rechts davon zwei weitere Mönche. Die Szene wird von zwei sich über dem Grabdenkmal befindlichen Engeln beschlossen, die es mit Weihrauch beräuchern und mit Weihwasser besprengen.

Die Ecken des Rahmens werden von den vier mit leeren Schriftbändern versehenen Symbolen der Evangelisten Matthäus, Johannes, Lukas und Markus ausgefüllt. Die Mitte des oberen Streifens zeigt den segnenden Christus in der Glorie, darin zu Seiten des Nimbus

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

  1. A

    A(LPHA) O(MEGA)a)

  2. B

    MEMOR ESTO · EC(LESIE)b) · TVE ·

  3. C

    S(ANCTVS) · CLEMENS · S(ANCTVS) · DISIBOD(VS) · S(ANCTVS) · GISLALD(VS)c) · S(ANCTVS) · SALVST(VS) / HILDIGARDIS ·

  4. D

    S(ANCTVS) · DISIBOD(VS) / HOMO MVTVS ·

  5. E

    S(ANCTVS) · DISIBOD(VS) / (HOMO)d) YDROPICVS ·

  6. F

    S(ANCTVS) · DISIBOD(VS) / (HOMO)d) LEPROSVS ·

  7. G

    S(ANCTVS) · DISIBODVS ·

  8. H

    · IN · HVMILI · LOCO · ORATORII · VBI · DEO · SOLITARIVS · SERVIVI · SEPELITE ME ·

  9. I

    · O PATER · QVID ERIT · CV(M) · TE · PASTORENe) · PERDEMVS

Übersetzung:

Sei deiner Kirche eingedenk! An diesem unbedeutenden Ort des Bethauses, wo ich in der Einsamkeit Gott gedient habe, begrabt mich. O Vater, was wird geschehen, wenn wir dich, unseren Hirten, verlieren?

Kommentar

Insoweit man der Nachzeichnung der gravierten Inschrift vertrauen kann, erkennt man im allgemeinen noch die schlanken, kapitalen Buchstaben der romanischen Majuskel; allerdings weisen die runden und unzialen Formen des C, D, E und H auf den allmählichen Übergang zur kommenden gotischen Majuskel hin. Weitere Kennzeichen dieser Entwicklung der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts deuten sich zudem in der leicht geschwungenen Cauda des R und in dem bereits mit einem Abschlußstrich versehenen unzialen E8) an.

Neben der schriftgeschichtlichen Einordnung gibt es einige weitere gewichtige Hinweise, die für die vorgenommene Datierung sprechen: Die inhaltliche Thematik und die bildliche Gestaltung des Buchdeckels beziehen sich eindeutig9) auf die von der hl. Hildegard auf Bitten des Disibodenberger Abtes Helinger niedergeschriebene, im Jahr 1170 fertiggestellte und an den Abt übersandte Vita Sancti Disibodi10). Aus diesem Grund dürfte in der unteren Leiste der auftraggebende Abt mit dem empfangenen Buch, in der oberen Hildegard als Autorin, die ihr Werk zur höheren Ehre Gott selbst präsentiert11), bildlich dargestellt worden sein. Man kann also davon ausgehen, daß der kunstvoll gravierte Metallrahmen als Schmuck des Einbanddeckels für das von ihr verfaßte Heiligenleben oder für eine etwas später angefertigte Kopie diente; die Fertigstellung des Deckels dürfte allerdings nach der der Handschrift erfolgt sein. Aus dieser „in mystica visione“ niedergeschriebenen Vita12) lassen sich auch die restlichen Abbildungen erklären. Disibod wurde demnach im siebten Jahrhundert als Bischof aus Irland vertrieben und ließ sich nach zehnjähriger Wanderschaft mit seinen drei Gefährten an dem Berg nieder, der später nach ihm benannt wurde. Dort ereigneten sich die drei bildlich dargestellten Wunderheilungen13). Dem Dialog auf den Spruchbändern liegen längere Sequenzen der Vita zugrunde14). Sein dort genanntes „oratorium“ und damit seine erste Begräbnisstätte wird in der Vita ebenfalls mehrmals erwähnt15), konnte bisher archäologisch noch nicht lokalisiert werden.

Textkritischer Apparat

  1. O wohl als Kleinbuchstabe in griechischer Schreibweise; beide Buchstaben den zeitgenössischen Gewohnheiten folgend mit einem Kreuzchen überhöht. Vgl. zu diesen, die Unvergänglichkeit Gottes versinnbildlichen Sigeln RDK I (1937) 1-5.
  2. Befund ECR, wohl verschrieben für ECCL, ECCIE oder ECCLIE, möglicherweise mit Ligatur.
  3. In der Vita Sancti Disibodi (AASS 29,2 591) lautet die Schreibweise abweichend „GILLILALDUS“.
  4. Die vorgenommene Ergänzung aus der vorhergehenden Inschrift ist hier durch einen kleinen Strich angedeutet.
  5. Letzter Buchstabe verschrieben für M.

Anmerkungen

  1. „Opus et figurae constant encausto et aere inaurato“ (AASS 29,2 587). – Das Mittelfeld könnte ursprünglich von einem reliefierten Elfenbeintäfelchen in der Art eines fünfteiligen Diptychons ausgefüllt worden sein, vgl. dazu RDK IV (1958) 51 und zu dem seit dem 11. Jh. aufkommenden Typ der gravierten Metallplättchen auf Buchdeckeln ebd. II (1948) 1379.
  2. Gedruckt in AASS 29,2 S. 588-597 (auch in PL 197, 1094-1115; deutsche Übersetzung bei Clarus II 214244). – Zur Datierung vgl. den Kommentar.
  3. In einem Brief an Pater Papebroch, den damaligen Mitherausgeber der Acta Sanctorum, teilt Pater Wiltheim mit, daß er ein „pulcrum antiquitatis monumentum de S. Disibodo“ entdeckt habe. Dieser Brief ist auszugsweise in den AASS 29, 2 S. 587f. abgedruckt, er enthält zudem eine ausführliche Beschreibung des Fundes.
  4. AASS 29,2 nach S. 586.
  5. Es handelt sich hierbei um eine frühe, möglicherweise noch zu Lebzeiten Hildegards angefertigte Darstellung, die freilich keinen Anspruch auf Porträtähnlichkeit erheben kann.
  6. Vgl. zu einem fast identischen Exemplar aus der 2.H.d.12.Jh. RDK VI (1973) 1223ff. mit Abb. 4.
  7. Vgl. dazu ausführlich Nr. 3.
  8. Vgl. dazu Einleitung XLIV.
  9. Vgl. zum thematischen Zusammenhang von Einbandgestaltung und Inhalt des Manuskripts F. Steenbock, Der kirchliche Prachteinband im frühen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Beginn der Gotik. München 1965, 57f.
  10. Hildegard verließ im Jahr 1150 mit 18 Nonnen die Frauenklause des Klosters Disibodenberg, in dem sie über vierzig Jahre ihres Lebens verbracht hatte, und bezog das von ihr neugegründete Kloster Rupertsberg bei Bingen. Ein gewisser Kontakt zu ihrem alten Kloster blieb jedoch bestehen, wie der erhaltene Briefwechsel mit dem Konvent zeigt. Darin findet sich auch der Wunsch des Abtes nach der Abfassung der Vita (1170): „... pochen wir in einmütiger Übereinstimmung ... an die Tür Eurer Liebe, daß Ihr die Taten und Tugenden sowie das Leben unseres und Eures Schutzpatrons, des heiligen Disibod, niederschreibt“ (zit. nach der Übersetzung von A. Führkötter, Hildegard von Bingen - Briefwechsel, Salzburg 1965, 117). Zum positiven Antwortbrief Hildegards mit dem Vermerk über die beigeschlossene Vita, vgl. ebd.
  11. Auf einem vergleichbaren Einbanddeckel eines Mitte des 11. Jh. angefertigten Evangeliars ist die Essener Äbtissin Theophanu ebenfalls als demütige Darbringerin des Werkes abgebildet (vgl. Rhein und Maas 1, 191), ebenso wie ein königlicher Stifter auf einem Ende des 11. Jh. entstandenen Kupferrahmens (ebd. 217 mit Farbtafel F 10).
  12. So beginnt sie die geforderte Lebensbeschreibung, auf deren vielschichtigen Inhalt hier nicht eingegangen werden kann; vgl. dazu die zum Teil kritischen Bemerkungen von F.W.E. Roth, Studien zur Lebensbeschreibung der hl. Hildegard, in: StMGB NF 8 (1918) 35ff., Büttner, Studien, 9ff. und vor allem die ausführliche Analyse von Schmitt 29-57.
  13. AASS 29,2 S. 592.
  14. Ebd. 593f.
  15. Ebd. 591 heißt es, daß sich Disibod „in descensu montis, versus orientem, propter compendium aquae“ eine Behausung errichtete, an die seine Gefährten später ein kleines „oratorium“ anbauten. Vermutlich lag die Einsiedelei dort, wo sich heute auf halber Höhe des Berges der Disibodenberger Hof befindet. Im Gegensatz dazu entstand noch zu Lebzeiten Disibods auf dem Gipfel des Berges eine klosterähnliche Anlage, die später seine Überreste aufnahm (ebd. 592f.); vgl. dazu ausführlich Nikitsch, Überlegungen 196ff.

Nachweise

  1. AASS 29,2 Abb. nach S. 586, Text S. 587.
  2. Clarus, Leben II 252f. (erw.).
  3. Schmitt, Leben 64 (erw.).
  4. W. Lauter, Das Nachleben der heiligen Hildegard von Bingen. Reproduktionen aus der Rüdesheimer Fotoausstellung, in: Binger Gbll. 6 (1981) 11 (teilw. Abb.).
  5. M. Klug, Zur „Vita s. Disibodi“ der heiligen Hildegard von Bingen, in: Rheingauische Heimatbll. 4 (1983) (Abb.).
  6. Stanzl, Klosterruine Abb. 17.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 8† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0000804.