Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 4 Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum (aus Bad Kreuznach-Planig, Evang. Pfarrkirche) 1.H.12.Jh.

Beschreibung

Namens- bzw. Stifterinschrift auf dem sogenannten Ruthardkreuz. Im Jahre 18631) erstmals in der damals simultan genutzten Pfarrkirche zu Planig nachgewiesen, gelangte das aus versilbertem und vergoldetem Kupfer bestehende Kreuz bis spätestens 1894 in den Domschatz zu Mainz. Vortragekreuz aus einfachen, an den Rändern erhöhten Balken, der Schaft in einen langen, löwenmäuligen Dorn2) auslaufend, der in einen Griff bzw. in eine Tragestange eingelassen werden konnte. Auf der Vorderseite unter einer versilberten Rosette ein romanischer Korpus3) (ohne Titulus), unter den Händen und den Füßen je ein eingravierter dreifacher Blutstrahl, der unten von einem versilberter Kelch aufgefangen wird. Die Rückseite zeigt ein mittig verlaufendes, schmales Palmettenband, wobei die Mitte des Kreuzes mit einem nimbierten Lamm Gottes geschmückt ist und die Enden mit Evangelistensymbolen4) versehen sind; alle reliefiert und in wulstartigen Medaillons. In der Mitte des unteren Längsbalkens ist auf einem quadratisch versilberten, oben und unten von einem mit Blütenfries eingefaßten Feld zwischen zwei Sternen das Brustbild eines Geistlichen mit Tonsur und priesterlichem Gewand eingraviert, der in seinen Händen die ihn zwischen Linien umlaufende, vergoldete Inschrift hält. Als Worttrenner dient ein halbkugelig vertiefter Punkt.

Maße: H. 29,3 (Kreuz ohne Griff), 55,5 (mit Griff), B. 20, Dm. (Brustbild) 3,5, Bu. 0,3 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 34, Nr. 004 - Mainz, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum -  1.H.12.Jh.

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Eberhard J. Nikitsch) [1/3]

  1. + RVTHARDVS · CVSTOS

Kommentar

Die wenigen Buchstaben zeigen noch die kapitalen Formen der romanischen Majuskel, hier mit stark keilförmig auslaufenden Hastenenden. A erscheint trapezförmig mit überstehendem Deckbalken, R mit leicht geschwungener Cauda versehen. Da die ‘Leitbuchstaben‘ E und M fehlen, ist gegen die von kunstgeschichtlicher Seite vorgenommene Datierung und Zuschreibung an die bekannte Fritzlarer Goldschmiedeschule der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts5) nichts einzuwenden.

Der 10926) erstmals erwähnte Hof in Planig gehörte zu dieser Zeit dem Mainzer Domkapitel und kam 1294 an das Benediktinerkloster St. Jakob vor Mainz, das jedoch die Patronatsrechte der zugehörigen Kirche oder Kapelle schon länger ausübte. Bei dem sonst unbekannten Stifter handelte es sich wohl um einen dem Mainzer Domkapitel angehörigen, höherrangigen Kanoniker7), dem die Sorge um die Kirchengebäude bzw. um den darin stattfindenden Gottesdienst oblag.

Anmerkungen

  1. Durch den damals in Bingen bzw. in Wiesbaden ansässigen Hofrat A.J. Weidenbach, dem Fortsetzer des Rhein. Antiquarius; vgl. ebd. 480.
  2. Der Dorn (Abb. ohne Griff bei Otte/aus‘m Weerth und DI 2) ist heute in einen neuzeitlichen, wohl um die Jahrhundertwende angefertigten Griff eingelassen, dessen Schmalseiten mit den Inschriften IN CRUCE PENDEBAT / SOLVENS QUAE NON RAPIEBAT versehen sind.
  3. Nicht „Corpus Nachbildung des Theoderich-Kreuzes“ (so W. Jung, Mainz. Führer durch das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum. Mainz 1971, 39), vielmehr vor 1919 erfolgter Nachguß des originalen Korpus des Ruthardkreuzes (erste Beschreibung bei Becker 69f.), der damals auf das sich gleichfalls im Domschatz (ohne Korpus) befindliche, sogenannte Theoderichskreuz versetzt wurde; vgl. dazu DI 2 (Mainz) Nr. 15 (mit Abb.).
  4. Neuzeitliche Anfertigungen anstelle der bereits 1863 „nur noch an den Nietlöchern und an den zurückgebliebenen kreisrunden Spuren auf dem Metall“ (Rhein. Antiquarius 481; vgl. Abb. Taf. X bei Otte/aus‘m Weerth) erkennbaren Medaillons. Das Lamm Gottes dagegen war damals – von einem „wulstenförmigem Rand umsäumt“ – noch erhalten und ist daher (entgegen Jung, Mainzer Dom) ein Original.
  5. So erstmals Münz 651 und Kdm. (Schule); vgl. auch DI 14 (Fritzlar) Nrr. 3-6,8.
  6. Vgl. zum Folgenden Salden-Lunkenheimer, Besitzungen 32 und H. Kaufmann, Der Ortsname Planig, in: KHbll. 1 (1976) 4.
  7. Kraus schlägt aufgrund der Namensgleichheit zur Identifizierung Erzbischof Ruthard von Mainz (†1109), Abt Ruthard (1070-1090) vom Kloster St. Jakob vor Mainz bzw. einen 1127 urkundlich erwähnten „Ruthardus magister monetae“ vor.

Nachweise

  1. Becker, Die ältesten Spuren des Christentums am Mittelrhein, in: Nass. Ann. 7 (1864) 70.
  2. P.J. Münz, Archäologische Bemerkungen über das Kreuz, das Monogramm Christi, die alt-christlichen Symbole, das Crucifix, in: Nass. Ann. 8 (1866) 553 mit Abb. Taf. VII,6.
  3. H. Otte/E. aus‘m Weerth, Zur Ikonographie des Crucifixus, in: Jbb. des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande XLIV/XLV (1868) 199 mit Abb. Taf. XI.
  4. Rhein. Antiquarius II 19, 482.
  5. Kraus, Christliche Inschriften II 281.
  6. Kdm. Mainz II,1 356.
  7. Alte Kunst S. 87 Nr. 405.
  8. DI 2 (Mainz) Nr. 16 (mit Abb.).
  9. Chr. Gündel, Der Mainzer Domschatz. Mainz 1962, mit Abb. S. 8 und 16.
  10. W. Jung (Hg.), 1000 Jahre Mainzer Dom (975-1975). Werden und Wandel. Ausstellungskatalog und Handbuch. Mainz 1975, 306 mit Abb. 98f.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 4 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0000402.