Inschriftenkatalog: Hohenlohekreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 73: Hohenlohekreis (2008)

Nr. 821 Kloster Schöntal (Gde. Schöntal), Kloster, kath. Pfarrkirche St. Joseph (ehem. Klosterkirche) 1633

Beschreibung

Epitaph des Abts Sigismund Fichtlin. Im südlichen Seitenschiff am Pilaster vor dem Chorgitter, in etwa 2 m Höhe angebracht; zuvor im gotischen Vorgängerbau am Kanzelpfeiler unterhalb der Kanzel aufgehängt1. Alabaster. Kleine rechteckige Tafel, bekrönt von einem reliefierten Abtswappen zwischen Fruchtgebinden. Auf der Tafel eingehauener Sterbevermerk (A), darunter Chronostichon (B). Untere Ecken ergänzt; Schrift mit schwarzer, einzelne Wörter mit roter Farbe ausgemalt.

Maße: H. 112, B. 57,5, Bu. 2,2 (A), 3,0 (A, 1. u. 2. Zeile), 1,3 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis (A), Humanistische Minuskel (B).

  1. A

    ANNO D(OMI)NI . M DCXXXIIIa) / ADMODVMb) REVERENDVS IN / CHRISTO PATER AC DOMINVS D(OMINVS) SIGISMVND(VS)c) / HVIVS COENOBII SPECIOSAE VALLIS ABBAS . DI=/VINI CVLTVS ZELATOR EXIMIVS , POSTQVAM / ANNO 1631d) . AB HAERETICIS MONASTERIO / ET QVADRAGINTA CIRCITER RELIGIOSIS / FILIIS ORBATVS FVISSET MORBIS ET / MOERORE CONFECTVS AB EXILIO AD / AETERNAE PATRIAE QVIETEM ABIIT DEFVNCT(VS) / IN MONASTERIO STAMBS COMIT(ATVS)e) TYROL(IAE)e) / DIE XIX · MARTIJ , S(ANCTO) IOSEPHO SACRA ·

  2. B

    Chronodistichon regiminis et mortisf) /PInea SIgMVnDo Septenos aLta per annos /EheV Oenano sternItVr eXVL agro

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1633 ist der wohlehrwürdige Vater in Christo und Herr Herr Sigismund, Abt dieses Klosters Schöntal, ein ganz besonderer Eiferer im Dienst Gottes, nachdem er im Jahr 1631 von den Ketzern seines Klosters und seiner Söhne, der etwa 40 Mönche, beraubt worden war, durch Krankheiten und Wehmut verzehrt, aus dem Exil zur Ruhe des ewigen Vaterlandes dahingegangen, verstorben im Kloster Stams, in der Grafschaft Tirol, am 19. Tag des März, der dem hl. Joseph geweiht ist. – Chronodistichon auf Regierung und Tod: Die Fichte, die für Sigismund sieben Jahre lang aufragte, wird – ach! – heimatlos im Land am Inn niedergestreckt.

Versmaß: Elegisches Distichon (B).

Wappen:
Fichtlin (Abtswappen)2.

Kommentar

Die Kapitalis ist mit schmaler Kerbe und nur schwach ausgeprägten Schrägen- und Bogenverstärkungen eingehauen. G hat eine winzige senkrechte Cauda. N ist auffällig schmal, und der Schrägschaft überschneidet den linken Schaft leicht, so daß links oben ein großer Dreiecksporn entsteht. Dasselbe Phänomen ist beim M zu beobachten. I-Punkt ist regelmäßig gesetzt. Z hat einen kurzen Mittelbalken. Die Humanistische Minuskel hat schmale Proportionen und kommt – abgesehen von den Bogenenden des s – weitgehend ohne Sporen aus. Die Schriftformen der Kapitalis erlauben eine eindeutige Zuweisung des Epitaphs an den Forchtenberger Bildhauer Achilles Kern. Zwar findet sich hier noch nicht das für Kerns Schrift typische, als Doppelform eingesetzte zweibogige E, doch sind die charakteristischen Formen von C, G, M und N identisch mit späteren Inschriften des Bildhauers, so etwa der Weihinschrift des 1641 gefertigten Schöntaler Bernhardsaltars (nr. 859).

Sigismund Fichtlin stammt aus Karlstadt in Unterfranken (Main-Spessart-Kreis). Sein Vater war Inspektor der dortigen Schule. Sigismund erhielt eine musikalische Ausbildung (Orgel, Tuba) an der Würzburger Hofkapelle3. 1596 trat er in das Kloster Schöntal ein4, wurde dort 1605 Prior, 1607 Propst in Mergentheim5, am 14. Mai 1626 schließlich Abt von Schöntal. In seiner Regierungszeit wurden der Dreifaltigkeits- und der Johannes-Baptista-Altar in der Klosterkirche errichtet (nrr. 794, 807) und die Pfarrkirche in Berlichingen erbaut (vgl. nr. 797). Die anrückenden Schweden zwangen ihn im Oktober 1631 zum Verlassen des Klosters zusammen mit seinem Konvent. Die Flucht führte über Horneck, Neckarsulm, Gmünd und Kaisheim, von dort aus im Frühjahr 1632 weiter ins Tiroler Zisterzienserkloster Stams6. Nach seinem Tod wurde er in der dortigen Klosterkirche vor dem Johannes-Evangelista-Altar beigesetzt7, die Grabplatte ist erhalten8. Das Chronodistichon (B) des Schöntaler Epitaphs spielt auf den Namen des Abts an: Die sieben Jahre lang aufragende Fichte symbolisiert die siebenjährige Regierungszeit Fichtlins. Das Chronogramm ergibt das Todesjahr 1633.

Textkritischer Apparat

  1. Die erste Zeile komplett in roter Farbe ausgezeichnet.
  2. A vergrößert und rot ausgezeichnet.
  3. Der Name rot ausgezeichnet.
  4. Die Jahreszahl rot ausgezeichnet.
  5. Kürzung durch Doppelpunkt.
  6. Zeile zentriert.

Anmerkungen

  1. Müller/Stöcklein (WLB Cod. Don. 600) fol. 25r; Hebenstreit (StAL B 503 II Bü 10) p. 73.
  2. Rautengitter, in den Zwischenräumen sechs (3:2:1) Fichtenzapfen; Prunkstücke: Mitra, Abtsstab mit Sudarium.
  3. Hummel, Kloster Schöntal 67.
  4. Leypold, Prospectus 43.
  5. Ebd.; Müller/Stöcklein (WLB Cod. Don. 600) fol. 50v, 67r, 75r, 107v.
  6. Leypold, Prospectus 43; OAB Künzelsau 800.
  7. Müller/Stöcklein (WLB Cod. Don. 600) fol. 50v.
  8. Rotmarmorplatte mit Kreuzsymbol und der schlichten Inschrift F(rater) S(igismundus) A(bbas) S(chönthalensis) / 1 . 6 . 3 . 3 . Freundliche Mitteilung meiner Wiener Kollegin Dr. Renate Kohn, Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der Österr. Akademie der Wissenschaften; vgl. zuletzt ausführlich Romedio Schmitz-Esser, Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Inschriften von Stift Stams als Zeugnis der Tiroler Geschichte, in: Tiroler Heimat 67 (2003) 63–106, hier: 94–96 (mit weiterführenden Angaben zu Fichtlins Aufenthalt und Tod in Stams).

Nachweise

  1. Hebenstreit (StAL B 503 II Bü 10) p. 73.
  2. Müller/Stöcklein (WLB Cod. Don. 600) fol. 25r.
  3. OAB Künzelsau 782.
  4. Kdm. Künzelsau 342 (nur erwähnt).

Zitierhinweis:
DI 73, Hohenlohekreis, Nr. 821 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di073h016k0082106.