Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 644(†) Braunschweiger Str. 4 (no. 526/527) / Roemer-Museum 1619

Beschreibung

Ehemals wahrscheinlich zwei Häuser.1) Vermutlich Fachwerk. Am Haus no. 526 befand sich an nicht näher bezeichnetem Ort die Jahreszahl A. Die übrigen Inschriften waren nach Brandis am Haus no. 527 angebracht. Inschrift B als Beischrift zu zwei Wappen über der Tür, im Wappen Sägers die Initialen (C), Inschrift D an der zweiten Etage. Die erhaltenen farbig gefaßten Holztafeln gehörten zunächst zu den Beständen des Andreas-Museums (AM 268, 572, 587, ?, ?) und werden heute im Roemer-Museum aufbewahrt. Sie zeigen allegorische Darstellungen von Tugenden mit den Beischriften E und F2), E auf den Brüstungstafeln der zweiten, F auf den Brüstungstafeln der dritten Etage. Mithoff überliefert für dieses Haus noch zwei weitere Inschriften, die allerdings zum Haus Braunschweiger Str. 5 (no. 528) gehörten, vgl. Nr. 645. Das Haus Braunschweiger Str. 4 wurde wahrscheinlich um 1900 abgerissen.3) Die Inschriften E und die erhaltenen Teile von F sind erhaben in vertieften Feldern ausgeführt, mit Ausnahme von IVSTITIA sind sie vergoldet.

Inschriften A, B und D nach DBHi, HS 789; C nach StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/9, Kasten 31; F ergänzt nach DBHi, HS 789.

Maße: H.: 50 cm; B.: 115 cm; Bu.: 4 cm (E, F).

Schriftart(en): Kapitalis mit Versalien (E, F).

DI 58, Nr. 644 - Braunschweiger Str. 4 (no. 526/527) / Roemer-Museum - 1619

 Christine Wulf [1/4]

  1. A †

    1619

  2. B †

    · Hinrich Garlemana) · 1619 · Catrina Sägers ·

  3. C †

    C(atarina) S(ägers)

  4. D †

    Wie buwen alle veste vnd sint doch frömde geste vnd da wir solten ewich sin dar buwe(n) wir gar wenig hin4)

  5. E

    IVSTITIA // FIDES // FORTITVDO

  6. F (†)

    [PRVDENTIA] // TEMPERAb) // PATIENTc)

Übersetzung:

Gerechtigkeit. Glaube. Stärke. (E)

Klugheit. Mäßigung. Geduld. (F)

Wappen:
Garlemann/Gartemann5), Sägers6)

Kommentar

Der in Inschrift D zitierte Spruch über das paradoxe Verhalten der Menschen, die in ihrer vergänglichen irdischen Lebenszeit feste Häuser bauen, sich aber um ihre Zukunft als Himmelsbewohner wenig kümmern, ist seit dem 15. Jahrhundert in verschiedenen Textzusammenhängen und in mehreren Varianten überliefert.7) Eine Sonderform – Wir sind hir elende geste / noch bawen wir hohe neste / Wer besser wir thete(n) mauren / Da wir ewig muchte dauren – ist für das Jahr 1577 in Goslar belegt.8) Der älteste bisher bekannte inschriftliche Nachweis der in Inschrift D überlieferten und allgemein in Hausinschriften weit verbreiteten Fassung, die durch die Reime veste/geste und sin/hin bzw. sein/ein konstituiert wird, stammt aus Osnabrück und wurde im Jahr 1586 angebracht.9) In Handschriften ist der Text seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts überliefert, im 16. und 17. Jahrhundert wird er Bestandteil der gängigen Spruchsammlungen und Stammbücher.10) Erweitert um einen Vers deß bessern theils vergessn wir fein vor Vers 3 ist diese Fassung auch Grundlage eines 1635 in Ingolstadt gedruckten katholischen Kirchenlieds geworden.11)

Textkritischer Apparat

  1. Garleman] Gorteman Kratz, zitiert in HS 789; Gartemann StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/9, Kasten 30.
  2. TEMPERA] Zu ergänzen zu TEMPERANTIA.
  3. PATIENT] Zu ergänzen zu PATIENTIA.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach Brandis in DBHi, HS 789, fol. 393v.
  2. Inv. Nr.: H 4034–4038. Die Tafel mit der Darstellung der Prudentia fehlt.
  3. Zur Zeit der Inventarisierung durch Zeller (Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 367) war das Haus schon nicht mehr vorhanden.
  4. ‚Wir schaffen uns feste Wohnstätten und sind doch [nur] fremde Gäste. Dort, wo wir ewig sein sollen, bauen wir nur wenig.‘ Vgl. Wander, Sprichwörterlexikon, Bd. 1, Sp. 254, Nr. 61.
  5. Wappen Garlemann/Gartemann (unter einem von drei Sternen umgebenen Mond eine geöffnete Zange). Vgl. StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/9, Kasten 30.
  6. Wappen Sägers (Krone, von drei Nägeln durchsteckt, neben dem mittleren Nagel die Initialen C S). StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/9, Kasten 31.
  7. Zu Textgeschichte und Überlieferung s. Gisela Kornrumpf: ‚Spruch der Engel‘ in: Die deutsche Literatur des Mittelalters, hg. von Burghart Wachinger u. a. Berlin, New York 21995, Bd. 9, Sp. 180–186.
  8. DI 45 (Stadt Goslar), Nr. 98 (mit weiteren Quellen und Nachweisen).
  9. DI 26 (Stadt Osnabrück), Nr. 154; s. a. DI 8 (Mosbach, Buchen, Miltenberg), Nr. 91a Walldürn, Haus ‚Zum Goldenen Engel‘ von 1598.
  10. Wie Anm. 7, Sp. 183.
  11. Karl Severin Meister: Das katholische deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen. Bd. 2, bearbeitet von Wilhelm Bäumker. Freiburg 11883; Neudruck Hildesheim 1962, Nr. 327.

Nachweise

  1. DBHi, HS 789, fol. 393v.
  2. StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/8, Kasten 31.
  3. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 181.
  4. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 367 (nach Mithoff).
  5. Slg. Rieckenberg, S. 1020.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 644(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0064409.