Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 598(†) Rathausstr. 24 (no. 388) / Roemer-Museum 1610

Beschreibung

Haus. Fachwerk, traufenständig. Vier Geschosse hoch, sechs Gefache breit, an der linken Seite des Hauses ein Erker.1) Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Auf den Brüstungstafeln des Erkers sieben Darstellungen aus den antiken Heldensagen nach Ovids Metamorphosen mit den Beischriften A–F, von denen zwei im Roemer-Museum2) erhalten sind; die fünf verlorenen, davon vier mit Inschriften, sind nur noch in Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten überliefert. Die beiden erhaltenen Brüstungstafeln (A, B) mit einer Darstellung des Chaos3) (Ovid, Met. I, 7) und einem Bild des Herkules auf dem Scheiterhaufen (Ovid, Met. IX, 239f.) sind wahrscheinlich schon im Rahmen von Baumaßnahmen des 19. Jahrhunderts aus der Fassade entfernt worden, da Zeller ihre Inschriften nicht überliefert. Im Obergeschoß links: Schindung des Marsyas durch Phoebus-Apollo (Ovid, Met. VI, 383ff.) mit Inschrift C; in der Mitte: Tötung der Prokris durch ihren Gatten Kephalus (Ovid, Met. VII, 840–862) mit Inschrift D; rechts: Sturz des Ikarus (Ovid, Met. VIII, 225–235) mit Inschrift E. Im unteren Teil des Erkers: Tötung des Drachens durch Kadmus (Ovid, Met. III, 1–130) mit Inschrift F sowie (ohne Inschrift) die Verwandlung der Coronis in eine Krähe (Ovid, Met. II, 569–588). Die mittlere Brüstungstafel mit zwei Wappen und den Beischriften G. Die nur von Buhlers und Mithoff überlieferten Inschriften H und I befanden sich auf beiden Schwellbalken.

Inschriften C–G nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten; H nach Photo Roemer-Museum H 6937, ergänzt nach Buhlers; I nach Buhlers.

Maße: H.: 44,5 cm; L.: 140 cm; Bu.: 3,2 cm (A). H.: 43,5 cm; B.: 115 cm; Bu.: 3,7 cm (B).

Schriftart(en): Humanistische Minuskel mit Kapitalis-Versalien (A, B), Kapitalis (H).

DI 58, Nr. 598 - Rathausstr. 24 (no. 388) / Roemer-Museum - 1610

 Christine Wulf [1/2]

  1. A

    Chaos · I ·

  2. B

    Hercules rogus

  3. C †

    Phoebus Marsyam excoriata)

  4. D †

    Cephalus uxorem

  5. E †

    Icari casus

  6. F †

    Cadm(i) congressusb) cum dracone

  7. G †

    Hanß Wie Ilse Kabbos 1610

  8. H †

    CARERE DEBET OMNI VITIO QVI IN ALIVM PARATVS EST DICERE · PATERE ET ABSTINEc)4)

  9. I †

    PRAESIDIVM AD OMNIA NITENTI NON DEERIT DEO DANTE NIHIL VALETd) INVIDIA ·5) MAIORES NOSTRI AEDIFICAVERVNT NOBIS NOS T[ - - - ]e)

Übersetzung:

Herkules. Der Scheiterhaufen. (B)

Phoebus häutet Marsyas. (C)

Kephalus [tötet] seine Gattin. (D)

Der Sturz des Ikarus. (E)

Der Kampf des Kadmus mit dem Drachen. (F)

Derjenige, der entschlossen ist, zu einem anderen zu sagen „dulde“ und „verzichte“, muß frei sein von jedem Fehler. (H)

Demjenigen, der immer strebend sich bemüht, wird die Hilfe nicht fehlen. Wenn Gott etwas gibt, richtet der Neid nichts aus. Unsere Vorfahren haben für uns gebaut, wir [...]. (I)

Wappen:
Wiehe*, Kabbus6)

Kommentar

Das Bild-Text-Programm der Inschriften A–F ist nicht direkt nach dem Text der Metamorphosen des Ovid entworfen worden, sondern beruht auf dem 1563 gedruckten Werk ‚Tetrasticha in Ovidii Metamorphoseon’ des Johannes Posthius von Germersheim.7) Aus diesem Werk sind die auf Holzschnitte des Virgil Solis zurückgehenden Bilder und die zu ihnen gehörenden Überschriften für die Gestaltung der Brüstungstafeln des Hauses Rathausstr. 24 detailgetreu übernommen worden.

Der in Inschrift G genannte Hans Wiehe war mehrfach Mitglied des Rates.8) Er starb wahrscheinlich im Jahr 1611.9) Ursprünglich wohnte Wiehe in einem der Ratsapotheke benachbarten Haus, das im Jahr 1579 beim Brand der Apotheke vernichtet wurde und dessen Stelle vom Rat für die Erweiterung der Apotheke aufgekauft wurde.10)

Textkritischer Apparat

  1. excoriat] exorto Kd.
  2. congressus] congrestus Kd.
  3. PATERE ET ABSTINE] Nach Buhlers.
  4. VALET] valete Kd.
  5. Zu ergänzen ist sinngemäß: ‚Wir bauen für unsere Nachkommen.‘

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach Text und Abbildung in Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 229.
  2. Inv. Nr.: H 4022, H 4027. Alte Inventarnummer des Andreas-Museums: AM 420 (Chaos), die der anderen Tafel (Hercules) ist nicht zu erkennen. Die Zuordnung der Brüstungstafeln zum Haus Rathausstr. 24 beruht auf dem Inventarblatt im Roemer-Museum.
  3. Hier illustriert mit dem Bild: Gottvater und die Schöpfung vor der Erschaffung des Menschen.
  4. Vgl. Walther, Proverbia 7, Nr. 35413.
  5. Vgl. Walther, Proverbia 7, Nr. 36180b: Deo dante nil valet invidia et Deo non dante nil valet labor.
  6. Wappen Kabbus (schräggestellter Rahmen mit überstabten Ecken und eingestelltem anstoßendem Fadenkreuz). Vgl. StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/9, Kasten 30.
  7. Johannis Posthii Germershemii Tetrasticha in Ovidii Metamorphoseon. Libri XV, quibus accesserunt Vergilij Solis figurae elegantissimae et iam primum in lucem editae. Frankfurt 1563. Exemplar: Göttingen, SUB, 8° Cod. Ms. Uffenbach 53. Die Bestimmung dieser Vorlage erfolgte aufgrund der Angaben des Inventarblatts zu H 4022 und H 4027 im Roemer-Museum. S. a. Rolf Schulte: Knaggen und Füllbretter. Hildesheim 1982 (Hildesheimer Miniaturen 8), S. 23 (mit Abbildung einer Seite des Drucks).
  8. Joachim Brandis’ Diarium, Register, S. 622.
  9. Vgl. Schlotter, Bürgermeister und Ratsherren, S. 348. S. a. Roth, Leichenpredigten, R 6634 (Leichenpredigt für Christopher Wiehe, den Sohn des Hans Wiehe und der Ilse Kabbus).
  10. Vgl. Joachim Brandis’ Diarium, S. 166.

Nachweise

  1. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 228 (C–I).
  2. Photo Roemer-Museum H 6937.
  3. Buhlers, Hildesheimer Haussprüche, S. 23 (H, I).
  4. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 181 (H bis DICERE).
  5. Slg. Rieckenberg, S. 967f.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 598(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0059803.