Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 496 Dom-Museum 1590 o. früher

Beschreibung

Tafelbild.1) Malerei auf Holz. Dargestellt sind die Sieben Sakramente und die Kirche als Spenderin der Gnade. Das Gemälde gehörte ursprünglich als Mittelbild zum sogenannten Wrisbergschen Epitaph (vgl. Nr. 495).

Die Darstellung gliedert sich in zwei Zonen: eine himmlische im oberen Drittel und eine irdische im unteren Teil. In der himmlischen Region in der zentralen Achse die Trinität: Christus am Kreuz, gehalten von Gottvater, der Heilige Geist in Gestalt einer Taube am Fuß des Kreuzes, unter dem Kreuz Maria und Johannes. Im Hintergrund die Himmelsbewohner, angeführt von den Patriarchen. Aus den Wunden Christi fließt Blut in vier Strömen, die in der Taube zu einem Strom vereinigt werden. Das Blut aus der Brust der Taube fließt in einen Kelch, der über drei Blutströme mit Darstellungen der Sieben Sakramente verbunden ist. Unmittelbar unter dem Kelch – verbunden durch den mittleren Blutstrom – das Sakrament der Taufe: Ein Taufkessel, links davon Fides mit Kreuz und Schriftband A1, rechts und links vom Taufkessel Inschrift A2, unter dem Kessel eine Taufszene. Die übrigen sechs Sakramente sind in zwei Dreiergruppen auf der linken und auf der rechten Seite des Gemäldes untereinander angeordnet und über den linken bzw. rechten Blutstrom auf jeder Seite verbunden. Auf der linken Seite stehen untereinander die Letzte Ölung (B), die Priesterweihe (C) und die Firmung (D); rechts das Sakrament der Ehe (E), die Eucharistie (F) und die Buße (G). Die einzelnen Sakramente sind jeweils durch einen Geistlichen dargestellt, der den Blutstrom in einem schiffsähnlichen Pokal auffängt, auf den Pokalen jeweils personifizierte Darstellungen von Tugenden mit den Beischriften B1–G1. Die einzelnen Sakramente, die auch jeweils in einer Bildszene dargestellt sind, werden durch Schriftbänder mit den Inschriften B2–G2 bezeichnet. Auf den Pokalen sind biblische Szenen angebracht, die in einem thematischen Zusammenhang mit dem Sakrament stehen.

Im Zentrum des Bildes die Personifikation der Kirche, Ecclesia, auf einem Thron, der auf einem zweigeschossigen Sockel steht. Sie ist umgeben von Symbolen, denen die einzelnen Wörter von Inschrift H zugeordnet sind: auf ihrer linken Hand ein Vogel im Feuer2) (H1), über ihrem Kopf die Taube (H2), über der Weltkugel in ihrer Rechten die Inschrift H3, auf dem oberen Gesims ihres Thronsockels, an dem zwölf Apostel dargestellt sind, die Inschrift H4, in ihrem Nimbus H5. In Taillenhöhe der Ecclesia auf jeder Seite eine Tafel mit Inschrift I. Von diesen beiden Tafeln aus verlaufen Ketten zu den auf jeder Bildseite dargestellten Sakramenten, den Gnadengaben der Kirche. Zwei weitere Ketten beginnen an den Händen der Ecclesia und enden, nachdem sie die Hände der Himmelsbewohner durchlaufen haben, in der himmlischen Region bei Maria und Johannes.

Auf beiden Seiten der Ecclesia sind Symbole angeordnet, die durch die Siebenzahl gekennzeichnet sind: zu ihren Füßen liegt links das Buch mit Sieben Siegeln (Apc. 5,1) mit der Beischrift K, daneben das einem Menschen gleichende Wesen, das die sieben Sterne in seiner Rechten hält (Apc. 1,14–16), links der siebenarmige Leuchter (Za. 4,2) mit Beischrift L und ein Kasten (der Stein?) mit den sieben Augen (Za. 3,9), bezeichnet durch Inschrift M.

Der zweigeschossige Sockel, auf dem der Thron der Ecclesia steht, ist nach Art einer Renaissance-Fassade mit einer mittleren Torachse und beidseitig je zwei Fensterachsen gegliedert. Durch die Fenster und das Tor des unteren Geschosses blickt man auf eine große Schar von Gläubigen. In den Fenstern des oberen Geschosses sieht man je einen inschriftlich bezeichneten Kirchenvater (N). Zwischen den Fenstern stehen verteilt auf beide Geschosse zwölf Apostel mit ihren Attributen, oben: Judas Thaddäus, Jakobus der Jüngere, Thomas, Matthäus, Simon Zelotes und Matthias; unten: Philippus, Jakobus der Ältere, Paulus, Andreas, Johannes und Bartholomäus. Sie sind durch die Namenbeischriften O auf Schriftbändern über ihren Köpfen identifiziert. Im unteren Geschoß stehen die Apostel auf Postamenten, im oberen auf dem Gesims. An den äußeren Ecken des zweigeschossigen Sockels sind die Symbole der vier Evangelisten angebracht, im oberen Geschoß auf dem Gesims, im unteren auf den Außenkanten der beiden äußeren Postamente. Sie sind durch Schriftbänder mit den Inschriften P benannt. In den Öffnungen der Postamente, auf denen die vor dem Untergeschoß angebrachten Apostel stehen, sechs alttestamentliche Propheten, bezeichnet mit den Inschriften Q. Über dem Tor eine von Rollwerk umgebene Tafel, darauf Inschrift R, darüber senkrecht übereinander vier thronende Päpste.

Der zweigeschossige Sockel steht auf zwei runden Stufen. Auf der obersten Stufe stehen am vorderen Rand zwei Gläubige in patrizischer Kleidung; im Scheitel der oberen Stufe Brustbild des Petrus mit zwei Schlüsseln, rechts und links neben ihm die Inschrift S. Im Scheitelpunkt der unteren Stufe Brustbild Christi mit zum Segen ausgebreiteten Armen über einem dreieckigen Eckstein. Er wird durch die vor seiner Brust verlaufende Inschrift T, die beiden auf dem Eckstein aufgemalten griechischen Buchstaben (U) sowie durch die an den Kanten des Ecksteins angebrachte Inschrift V bezeichnet. An der Außenkante der unteren Stufe die Inschrift W. Von der untersten Stufe fallen zwei Menschen in einen Abgrund, in dem drei Halbfiguren jeweils mit Schwert und Buch und drei körperlose Köpfe (die Ketzer) dargestellt sind.3)

Maße: H.: 197,5 cm; B.: 152 cm; Bu.: 0,2–1,1 cm.

Schriftart(en): Griechische Buchstaben (U); Kapitalis, teilweise mit Versalien (F1, H, I, Q, R); humanistische Minuskel mit Kapitalis-Versal und Kapitalis (L); humanistische Minuskel mit Kapitalis-Versalien (alle übrigen).

DI 58, Nr. 496 - Dom-Museum - 1590 o. früher

 Christine Wulf [1/1]

  1. A1

    Fdesa)

  2. A2

    Baptis//mus

  3. B1

    Fortitvdo

  4. B2

    Vnctio

  5. C1

    prudentia

  6. C2

    ordo4)

  7. D1

    Spes

  8. D2

    Confirmasiob)

  9. E1

    Temperantia

  10. E2

    Matrimonium

  11. F1

    CHARITAS

  12. F2

    Eucharistia

  13. G1

    Iusttitiac)

  14. G2

    Poenitentia

  15. H1–5

    VNA // SANCTA // CATHOLICA // ET APOSTOLICAd) // ECCLESIA5)

  16. I

    DOS SPONSAE // CHRISTI

  17. K

    Apoc: 5.

  18. L

    Zach: 11. APO: 46)

  19. M

    Zach: 46)

  20. N

    Augustinus · // Hieronimus · // Ambrosius · // Gregorius

  21. O

    S(anctus) Iudas // S(anctus) Iacobus · // S(anctus) Tomas · // S(anctus) Matheus · // S(anctus) Simon · // S(anctus) Matthias · // S(anctus) Philippus · // S(anctus) Iacobus · // S(anctus) Paulus · // S(anctus) Andreas · // S(anctus) Iohannes · // S(anctus) Bartholomeus ·

  22. P

    S(anctus) Mathe(us) // S(anctus) Marcus · // S(anctus) Lucas · // S(anctus) Io(hann)es ·

  23. Q

    DAVID · // SALOMON · // ISAIAS · // HIEREMIAS // DANIEL · // OZEAS ·

  24. R

    PONTIFICES / ROMANI ·

  25. S

    Super hanc petram aedificabo // ecclesiam meam Math: 167)

  26. T

    Fundamentum funda(m)entoru(m) chris(tus)

  27. U

    α & ω

  28. V

    Lapis Angularis Apoc. I8) · Eph: 29) ·

  29. W

    Mons in quo beneplaci//tum est Deo habitare in eo · // et enim Dominus // habitabit in finem Ps: 67.10)

Übersetzung:

Glaube (A1). Taufe (A2). Stärke (B1). Letzte Ölung (B2). Klugheit (C1). Ordo [Priesterweihe] (C2). Hoffnung (D1). Firmung (D2). Mäßigung (E1). Ehe (E2). Liebe (F1). Abendmahl (F2). Gerechtigkeit (G1). Buße (G2).

Die eine heilige, katholische und apostolische Kirche. (H)

Gabe der Braut Christi. (I)

Die römischen Päpste. (R)

Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. (S)

Christus, das Fundament aller Fundamente. (T)

Der Eckstein. (V)

Der Berg, auf dem zu wohnen es Gott gefällt; und der Herr wird dort ewig wohnen. (W)

Kommentar

Das Gemälde geht auf einen 1574 erschienenen Kupferstich Typus ecclesiae Catholicae ad instar brevis laicorum Catechismi (‚Darstellung der katholischen Kirche nach Art eines kurzen Katechismus für Laien‘) zurück. Kupferstich und Gemälde veranschaulichen das auf dem Trienter Konzil im Jahr 1547 gegen die lutherische Lehre von nur zwei von Christus eingesetzten Sakramenten – Taufe und Abendmahl – bekräftigte Dogma von der Siebenzahl der Sakramente. Gleichzeitig wird die Kirche als Vermittlerin der sakramentalen Gnadengaben (I) dargestellt. Stifter des Bildes war der 1590 verstorbene Hildesheimer Domherr Ernst von Wrisberg (vgl. Nr. 491). Als Maler hat Elisabeth Scholz den in Hildesheim ansässigen Johannes Hopffe († 1615) nachweisen können. Sie gibt auch eine ausführliche Deutung des Bildes.11)

Textkritischer Apparat

  1. Statt Fides.
  2. Statt Confirmatio.
  3. Statt Iustitia.
  4. In diesem Teil der Inschrift sind die einzelnen Wörter und Silben durch mit Ornamenten gefüllte weite Zwischenräume getrennt.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: D 1990-6.
  2. Die von Elisabeth Irmtrud Scholz (Kat. Ego sum, S. 207) ermittelte Vorlage zeigt, daß hier ein Fehler in der Darstellung vorliegt: Statt des Vogels im Feuer sollte ein Vogel im Nest als Symbol der Einheit (zu Inschrift H1 VNA ) dargestellt sein.
  3. In einem Utrechter Bild desselben Inhalts sind die Figuren zum Teil mit den Namen der Reformatoren bezeichnet. Vgl. 1648: Krieg und Frieden in Europa. Katalog zur Ausstellung in Münster/Osnabrück vom 24. 10. 1998–17. 1. 1999, hg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling, 3 Bde., o. O. 1998, Ausstellungskatalog, Nr. 796, S. 286f. mit Abb.
  4. Im Sinne von ordinatio bzw. Sacramentum ordinis ‚Priesterweihe‘ zu verstehen.
  5. Anklang an den Wortlaut des Credo.
  6. Die Stellenangaben der Inschriften L und M entsprechen nicht den Darstellungen, der siebenarmige Leuchter ist in Za. 4,2 erwähnt, der Stein mit den sieben Augen in Za. 3,9 und das menschliche Wesen mit den sieben Sternen in der rechten Hand in Apc. 1,14–16.
  7. Mt. 16,18.
  8. Apc. 1,8. Die Stellenangabe ist auf Inschrift U zu beziehen.
  9. Eph. 2,20.
  10. Ps. (G) 67,17.
  11. Scholz in: Kat. Ego sum, S. 207; s. a. Elisabeth Irmtrud Scholz: Die Kirche als Spenderin der Sakramente. Ein gemalter Katechismus der Gegenreformation im Hildesheimer Dom. Im Druck.

Nachweise

  1. Kat. Ego sum, Abb. S. 207.
  2. Elisabeth Irmtrud Scholz: Die Kirche als Spenderin der Sakramente. Ein gemalter Katechismus der Gegenreformation im Hildesheimer Dom. Im Druck.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 496 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0049602.