Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 452† Marktstr. 24 (no. 316) 1581, 1620

Beschreibung

Haus.1) Ecke Osterstraße/Marktstraße. Fachwerk. Das aus drei Geschossen und vier Dachgeschossen bestehende Haus war elf Gefache breit. An der zur Osterstraße gelegenen Seite wurde in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts ein zweigeschossiger Erker angebaut. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Inschrift A befand sich auf dem Giebelschwellbalken des Erkers unterhalb einer Darstellung des Neids als weibliche Figur mit Gorgonenhaupt, die in der Rechten einen Dreizack und in der Linken ein Herz hielt (vgl. Ovid, Metamorphosen II, 768). Die Inschrift war in zwei Feldern ausgeführt, an ihrem Schluß ein vegetabiles Ornament als Zeilenfüller. In den Brüstungsfeldern des ersten Obergeschosses am Haupthaus und am Erker in sechs Brüstungstafeln ein Bilderfries, der links vom Erker am Haupthaus begann, sich am Erker fortsetzte und rechts vom Erker am Haupthaus endete. Die zugehörigen Inschriften B–G befanden sich auf den Schwellbalken unter den Brüstungstafeln. Dargestellt war im ersten Feld ein pflügender Bauer mit Inschrift B; im zweiten Feld an der linken Erkerschmalseite ein Mann in Renaissancekleidung, vor ihm eine gekrönte Schlange, darunter Inschrift C. An der Vorderseite des Erkers links im Feld eine Frauengestalt, in der Linken eine Fackel (Hochzeitsfackel?), mit der Rechten einen Mann hinter sich herziehend. Vor ihr ein Kind (Amor?), das einem patrizisch gekleideten Mann entgegenging. Hinter dem Mann zwei Frauen. Im rechten Feld der Erkerfront links zwei Paare, durch einen Liebespfeil verbunden, von ihnen abgewandt eine Frau mit Schleier und rechts eine Frau mit Buch. Unterhalb der beiden Brüstungstafeln in zwei Feldern Inschrift D. An der rechten Schmalseite des Erkers ein Löwe, der einen Fuchs oder einen Wolf zerriß, und ein hockender Wolf oder Fuchs, der auf eine menschliche Wohnung blickte, darunter Inschrift E. Im letzten Feld die Darstellung des Chronos als geflügelter Mann, der eine nackte Frau an sich riß, dahinter eine Gans. Dazu gehörte Beischrift F. Über der Tür zur Marktstraße befanden sich ein Wappen und die Inschrift G. Die Inschriften A–G waren erhaben ausgeführt. Der Anbringungsort von Inschrift H ist nicht überliefert, sie war schon 1894 nicht mehr zu sehen. Inschrift I befand sich in der Küche am Kamin neben zwei von einem Engel gehaltenen Wappen, K über der Kellertür.

Inschriften A–D und F nach Photo Roemer-Museum H 4512/17, E nach Photo Slg. Rieckenberg, G nach Photo StaHi, Bestand 953, Nr. 1283; H nach Buhlers, Zerstörte Hildesheimer Haussprüche; I nach Photo Roemer-Museum H 4512/65; K nach DBHi, HS 789.

Schriftart(en): Kapitalis (A–G, I).2)

DI 58, Nr. 452 - Marktstr. 24 (no. 316) - 1581, 1620

 Sammlung Rieckenberg [1/1]

  1. A

    HAVD TANTVM // SICVLI

  2. B

    SIC ·

  3. C

    NVLLVM

  4. D

    COMPTA FIDEM REPERIS SED TE NIL // FOEDIVS ORBIS DECEPTVS REPERIT

  5. E

    ASPICIENS / CIRCVNSPICE.

  6. F

    TANDEM

  7. G

    BENEFICIO / LEGIS.

  8. H

    Als man schrieb ein Jahr und achtzig Johann Reiche Doctor kaufte mich Bald in mir baute (er)a) manch Gemach Da man vorhin nicht eines sach Ihn vor der falschen Zungen Sag Vor Feuer auch Gott behüten mag

  9. I

    M D LXXXI

  10. K

    1620

Übersetzung:

Nicht einmal die sizilischen [Tyrannen] haben eine so große [Folter]3) ... (A)

So. (B)

Nichts. (C)

Da du schön geschmückt bist, findest du Vertrauen, doch findet die Welt, die von dir getäuscht worden ist, nichts Abstoßenderes als dich. (D)

Wenn du etwas betrachtest, schau dich [auch] um. (E)

Endlich. (F)

Durch die Wohltat des Gesetzes. (G)

Versmaß: Anfang eines Hexameters (A), Hexameter und erste Hälfte eines Hexameters oder Pentameters (D).

Wappen:
Borries4)
Reiche5), Borries4)

Kommentar

Die Wappen und Inschrift H weisen Johann Reiche als Besitzer des Hauses aus. Der aus Hannover stammende Reiche hatte sich 1539 in Wittenberg immatrikuliert und am 11. September 1543 sein Studium mit dem Magister artium abgeschlossen. Im selben Jahr wurde er Professor poetices in Marburg, 1546 ging er nach Italien und erwarb am 27. Juli 1556 den juristischen Doktortitel in Bologna. 1554 wurde er in das Collegium Germanorum in Rom kooptiert.6) Von Rom aus widmete er im Jahr 1555 seinem Kommilitonen Johann Schenkbecher ein Spottgedicht auf den Papst. Im Jahr 1559 wurde er calenbergischer Vizekanzler und 1566 Kanzler Herzog Erichs d. J. in Münden. Aus diesem Amt wurde er 1575 in Unehren entlassen, weil Herzog Erich ihn beschuldigte, im Streit um das Erbe der Grafen von Plesse mit dem Landgrafen von Hessen paktiert und die Interessen des sich außer Landes aufhaltenden Herzogs nicht gewahrt zu haben. Danach zog sich Reiche nach Hildesheim zurück, erwarb dort 1576 das Bürgerrecht und starb am 4. August 1587. Er wurde in St. Andreas begraben.7) Seit 1561 war er mit Anna Borries, einer Verwandten der Familie Brandis, verheiratet.8)

Das Text-Bild-Programm der Fassade ist rätselhaft und nicht mit Sicherheit zu deuten, weil Text und Bild sich in vielen Fällen nicht gegenseitig erklären und ohne die Kenntnis weiterer literarischer Quellen das Verständnis unmöglich ist. Im Giebelfeld ist der Neid dargestellt mit der Beischrift HAVD TANTVM SICVLI. Die Text-Bild-Beziehung wird erst aufgeklärt durch eine Stelle aus den Briefen des Horaz (Epistulae I,2, 58), in der es heißt: invidia Siculi non invenere tyranni maius tormentum ‚Neid ist eine Folter, wie sie sizilische Tyrannen nicht schlimmer ersonnen haben‘. Der pflügende Bauer mit der Unterschrift SIC scheint als Bild für das ideale Leben zu stehen (vgl. Horaz, Epoden, 2,1ff.), wohingegen das ständig von Neid (der gekrönten Schlange) bedrohte Leben des reichen Patriziers ein Nichts ist. Unsicher bleibt die Interpretation der beiden Bilder und Beischriften an der Vorderseite des Erkers, zumal aus den älteren Beschreibungen und Photographien nicht mehr alle Details genau zu ermitteln sind. Die Inschrift könnte die biographische Erfahrung Reiches zusammenfassen, daß er zunächst in den Diensten des Herzogs großes Vertrauen genossen hatte, dann aber durch die täuschende Macht der Verleumdung in Ungnade gefallen war. Die Einzelheiten der Darstellungen lassen sich allerdings nicht direkt in diese Deutung einbeziehen, möglicherweise handelt es sich um einzelne Bildelemente, die emblemartig für Treue, Verleumdung und Verachtung stehen. Das folgende Bild mit der Unterschrift ASPICIENS CIRCVMSPICE mahnt zur Umsicht, wenn man wie der Fuchs oder Wolf mit Blick auf die menschliche Behausung einen Plan verfolgt. Eine gewisse Hoffnung Reiches könnten Inschrift und Bild der letzten Brüstungstafel vermitteln: Chronos, die Zeit, werde die als nackte Frau dargestellte Unschuld letztendlich doch an den Tag bringen.9) Da für die meisten der verwendeten Bilder die sie erklärende literarische Quelle nicht rekonstruiert werden kann, bleibt der biographische Bezug auf die als ungerecht empfundene Entlassung Vermutung.10) Zweifelsfrei ist allerdings, daß der Bildfries und seine Inschriften, wenn auch sicherlich für den zeitgenössischen Betrachter nicht im einzelnen verständlich, das hohe Bildungsniveau des Hausherrn nach außen demonstrieren sollten.

Textkritischer Apparat

  1. So bei Buhlers.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 246–248, teilweise überprüft an Photos. Die Einzelheiten der Darstellungen in den Brüstungsfeldern konnten nur zum Teil an Photos überprüft werden.
  2. Bestimmung der Schriftart nach Photo Roemer-Museum H 4512/17 und Photo Roemer-Museum H 4512/65.
  3. Zum Textverständnis s. Kommentar.
  4. Wappen Borries (drei Bracken mit Halsband). Vgl. StaHi, Bestand 856, Nr. 50/268/9, Kasten 29.
  5. Wappen Reiche (Greif).
  6. Liber confraternitatis, S. 143.
  7. Biographische Daten nach Samse, Zentralverwaltung, S. 258; Joachim Brandis’ Diarium, S. 142 (Bürgeraufnahme), S. 189 (plessischer Erbfolgestreit); Knod, Deutsche Studenten, S. 450, Nr. 3048; s. a. Franz Gundlach: Die akademischen Lehrer der Philipps-Universität in Marburg von 1527 bis 1910. Marburg 1927, S. 312, Nr. 540.
  8. Joachim Brandis’ Diarium, S. 98.
  9. Vgl. LCI 4, Sp. 571 mit Abb.
  10. Moormann hat in einem der älteren Reiseführer über Hildesheim (Hildesheim, Ein Führer für Einheimische und Fremde, zusammengestellt von E. Beyer. Hildesheim 111930, S. 146f.) das Bild-Text-Programm als politische Spitze gegen den ungetreuen Dienstherrn des Johann Reiche, Herzog Erich d. J. von Calenberg, aufgefaßt. Die Bilder an der Erkerfront seien auf das unwürdige Verhalten des Herzogs gegenüber seiner Gattin Sidonie von Sachsen – als Parallelfall zu Reiches eigenem Schicksal – zu beziehen, die ihr Ehemann aufgrund von Verleumdung der Zauberei und des bösen Blicks bezichtigt hatte. – Eine allgemein moralische Deutung Bertrams referiert Buhlers, Hildesheimer Haussprüche, S. 15f. (verkürzt wiedergegeben in Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 247).

Nachweise

  1. Slg. Rieckenberg, S. 861–863, zwei Photos.
  2. Photo Roemer-Museum H 4512/17 (A–G).
  3. Photo Roemer-Museum H 4512/65 (I).
  4. Photo StaHi, Bestand 953, Nr. 1283 (Photo Bödeker).
  5. DBHi, HS 789, fol. 369v–372r.
  6. Buhlers, Hildesheimer Haussprüche, S. 14f.
  7. Buhlers, Zerstörte Hildesheimer Haussprüche, S. 228 (H).
  8. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 246–248 mit Abb. 212.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 452† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0045201.