Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 445(†) Hoher Weg 4 1579, 1606, 1622

Beschreibung

Haus.1) Ratsapotheke. Fachwerk. Das aus einem hohen Erdgeschoß, einem niedrigen Zwischengeschoß und einem Obergeschoß bestehende, an der Ecke Rathausstraße/Hoher Weg gelegene Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, einzelne Bauteile blieben erhalten. Die zum Hohen Weg gelegene Fassade war neun Gefache breit. Die Hausseite zur Rathausstraße war im östlichen Bereich des Erdgeschosses massiv aufgemauert.2) Hier befanden sich die Inschriften A und B, zum Hohen Weg hin die Inschriften C und D. Die einzige erhaltene Inschrift A ist versweise abgesetzt, auf einem steinernen Sturz über der spätgotischen Tür im Erdgeschoß, erhaben ausgeführt und farbig gefaßt. Auf einer Brüstungstafel der Fassade zum Hohen Weg befand sich Inschrift C. An dieser Seite des Hauses waren auch die Jahreszahl D sowie die Jahreszahl 1656 angebracht. Über einer Tür im Inneren des Hauses die Jahreszahl E. Über der Eingangstür eine jüngere Inschrift, eine weitere im Innenraum der Apotheke.3) Einzelne der Brüstungstafeln zeigten allegorische Darstellungen der Sinne und einzelner Tugenden, die nach Struckmann ausdrücklich nicht mit Beischriften versehen waren.4) Inschrift B mit Kommata und Punkten als Interpunktionszeichen.

Inschrift B nach Photo Slg. Rieckenberg, C nach DBHi, HS C 761, D nach Abb. bei Höcklin, E nach Höcklin.

Maße: H.: 40 cm; B.: 149 cm; Bu.: 5 cm (A).

Schriftart(en): Fraktur (A, B).

DI 58, Nr. 445 - Hoher Weg 4 - 1579, 1606, 1622

 Christine Wulf [1/1]

  1. A

    Wilt du Artzny · odr susse Wein /a) So geh · dar die zu finden sein · Zwo ander Thur dir offen stan / Zu Raht hir geht der Olderman5) ·

  2. B †

    Jm neun vnd sibenzigsten iar, / Als sanct Bartholomeus tag6) war, / Das vorig haus im brande stunt, / Nimand, woher, erfaren kunt, / Vor Leibsgebrechn man in im fandt / Al was der Artzt mus habn zur hand, // Gros schadt aber ein weiser Rath / Besser, dan vor, gebawet hath, / Eh der Christmont sein anfang nam / Dis haus in eil zustehnde kam. / Der gutig Got al feur abwendt, / On, welchs der welt sol bringn ir endt7)

  3. C †

    PARVA DOMVS PRIOR AT QVARVM INDIGETb) VSVS AD AEGRVM SANANDVM CVNCTIS ERAT INSTRVCTISSIMA REBVS MOESTI ILLAM CIVES VIDERVNT IGNE PERIRE HEV TOTIESc) NON IPSA TVLIT QVOS MORTE PERIRE DAMNVM INGENS SED DECRETO PRVDENTE SENATVS LAXA MAGIS QVAM PRISTINA ERAT MAGIS APTA REPENTE EST NOVA STRVCTA DOMVS DATE NVMINA NE CREMET VLLVS HANC IGNIS NISI QVI TERRAM COELVMQVE CREMABIT

  4. D †

    1606

  5. E †

    1622

Übersetzung:

Früher war dieses Haus klein, doch es war mit allen Dingen, die man zur Heilung eines Kranken braucht, aufs Beste ausgerüstet. Traurig sahen die Bürger dieses Haus im Feuer untergehen, das seinerseits, ach, es so oft nicht geduldet hatte, daß sie [die Bürger] starben. Das ist ein außerordentlicher Schaden, aber auf klugen Beschluß des Rats wurde das Haus geräumiger als früher und in passenderer Form rasch neu gebaut. Gebt, himmlische Mächte, daß nicht irgendein Feuer es wieder verzehrt, es sei denn dasjenige, das Himmel und Erde verzehren wird. (C)

Versmaß: Acht Hexameter (C).

Kommentar

Die Inschriften A und B weisen die für den in Hildesheim ansässigen Bildhauer Ewert Wolf charakteristischen Buchstabenformen auf.8)

Die Hildesheimer Ratsapotheke brannte im August 1579 nieder. Von diesem Brand und dem nachfolgenden Wiederaufbau berichten die Inschriften B und C parallel in einer deutschen und einer lateinischen Fassung. Die in den Inschriften festgehaltenen Einzelheiten entsprechen im wesentlichen der Darstellung in Joachim Brandis’ Diarium; u. a. bemerkt auch Brandis, daß die Brandursache unbekannt sei, er mutmaßt aber, die Schützen hätten bei dem am Bartholomäustag stattfindenden Schüttenhoff in die offenen Fenster der Apotheke gefeuert und so die trockenen Kräuter zum Brennen gebracht. Nach seiner Darstellung hat das Feuer auch auf die den Bürgern Hans Wiehe (vgl. Nr. 598) und Henni Bruns gehörenden Nachbarhäuser übergegriffen und diese zerstört. Der Rat kaufte die Grundstücke der vernichteten Häuser auf und schuf so die Voraussetzung für den erweiterten Neubau der Apotheke.9) Bereits im September wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, die Bauaufsicht hatten der Apothekenherr im Rat, Henni Arneken, und als Vertreter des Vierundzwanziger-Kollegiums Hans Bex. Bereits 1594 scheinen die neugebauten Räumlichkeiten den Anforderungen nicht mehr genügt zu haben. Deshalb wurde im Jahr 1606 (D) wiederum ein Neubau errichtet und 50 Jahre später ein weiteres Haus am Hohen Weg in den Gebäudekomplex einbezogen.10)

Inschrift A bezeichnet die Tür zum Aufgang in den Saal der Älterleute11), die dort ihre Sitzungen abhielten und die Lutterung – eine Auslosung der jährlich zurücktretenden acht Mitglieder aus dem Gesamtrat und die Zuwahl ihrer Nachfolger – vornahmen.12) Die Inschrift weist außerdem auf die zwei eigentlichen Funktionen der Ratsapotheke hin, den Arzneimittelverkauf sowie den Weinhandel und -ausschank.

Textkritischer Apparat

  1. Schrägstriche so in der Inschrift. Da die Inschriften versweise abgesetzt sind und folglich das Zeilenende des Originals jeweils dem Zeilenende in der Edition entspricht, wird hier auf eine zusätzliche Markierung der Zeilenenden verzichtet.
  2. INDIGET] INDICET alle übrigen Überlieferungen.
  3. HEV TOTIES] HEC TOTIVS Kd.

Anmerkungen

  1. Ausführliche Beschreibung und Geschichte der Ratsapotheke in: Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 65 mit Abb. 29.
  2. Vgl. Hanspeter Höcklin: Die Ratsapotheke zu Hildesheim (1514) als Medizinalanstalt und stadteigener Handelsbetrieb. Hildesheim 1970 (Schriftenreihe des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Hildesheim 4), S. 77.
  3. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 63: Eines Hochedlen Raths Apotheke MDCCLXIII; ebd., S. 64: RENOV(ATVM) /Anno 1579 Anno 1741 85.
  4. Vgl. Struckmann, S. 16, Nr. 197; dagegen überliefert Schütte, Hildesheimer Hausinschriften, S. 42 einzelne Beischriften. Eine Entscheidung ist in diesem Fall nicht mehr möglich.
  5. ‚Willst Du Arznei oder süßen Wein [kaufen], geh dorthin, wo diese zu finden sind. Zwei andere Türen stehen dir [dafür] offen, hier aber geht der Oldermann zu seiner Sitzung.‘
  6. 24. August.
  7. ‚Im neunundsiebzigsten Jahr am St. Bartholomäustag ist das vorige Haus abgebrannt, niemand wußte warum. Man fand in ihm alles gegen Krankheiten und was der Arzt zur Hand haben mußte. Großer Schaden, aber ein weiser Rat hat [die Apotheke] besser als vorher aufgebaut. Ehe der Dezember angefangen hatte, war dieses Haus in Eile aufgerichtet. Der gütige Gott möge alle Feuer abwenden, außer dem, das der Welt ihr Ende bringen wird.‘
  8. Vgl. den Kommentar zu Nr. 437.
  9. Vgl. Joachim Brandis’ Diarium, S. 166.
  10. Zu näheren Einzelheiten der Baugeschichte Höcklin (wie Anm. 2), S. 71–88 mit Nachweisen aus den einschlägigen Ratsprotokollen.
  11. Zur Institution der Älterleute vgl. Einleitung, S. 28.
  12. Vgl. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 62.

Nachweise

  1. Slg. Rieckenberg, S. 852f., zwei Photos.
  2. DBHi, HS C 761, o. S.
  3. Hanspeter Höcklin: Die Ratsapotheke zu Hildesheim (1514) als Medizinalanstalt und stadteigener Handelsbetrieb. Hildesheim 1970 (Schriftenreihe des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Hildesheim 4), S. 76–79, Abb. nach S. 80.
  4. DBHi, HS 789, fol. 384v–387r.
  5. Buhlers, Hildesheimer Haussprüche, S. 11.
  6. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 170.
  7. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 62–64.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 445(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0044506.