Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 397† Scheelenstr. 31 (no. 312) 1563, 1621

Beschreibung

Haus.1) „Braunschweiger Hof“. Fachwerk. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der traufenständige, dreigeschossige Bau war 14 Gefache breit, rechts ein zwei Gefache breiter nachträglich angebauter Erker, dessen Geschosse vorkragten. Die Ziffern der Jahreszahl A befanden sich in den Zwickeln des Türbogens am Haus, rechts und links daneben je ein Wappen.2) Die erhaben ausgeführten Inschriften B–I befanden sich auf den Schwellbalken des 1621 erbauten Erkers unterhalb der in den darüberliegenden Brüstungstafeln angebrachten figürlichen Darstellungen. Die Brüstungstafel an der linken Schmalseite des Zwischengeschosses zeigte zwei Ziegen auf einem schmalen Steg, die eine duckt sich, die andere springt über sie hinweg, mit der Beischrift B. Darunter befand sich der erste Vers von Inschrift I. In den beiden Brüstungsfeldern der Vorderseite je ein Wappen,3) gehalten von jeweils zwei geflügelten Gestalten, darunter Inschrift C. Auf der rechten Schmalseite des Erkers die Darstellung eines Jünglings, der die Spitze eines Stabes ins Feuer hält, darunter Inschrift D. An das Motto schloß sich in zwei Zeilen der zweite Vers von Inschrift I an. Am Obergeschoß des Erkers auf der linken Schmalseite ein nackter Mann, der auf eine Palme klettert, darunter Inschrift E. In der linken Brüstungstafel am Obergeschoß vier spielende Kinder, eine Person im Hintergrund, über der Szene fliegen Vögel, auf dem Schwellbalken darunter Inschrift F. In der rechten Brüstungstafel rechts eine Frau in einem geschlitzten Kleid, links eine Frau mit einem aufgeschlagenen Buch, in der Mitte hockt eine Figur (Herkules?), im Hintergrund ein Säulenbau. Auf dem Schwellbalken darunter war die Inschrift G angebracht. Auf der rechten Schmalseite des Erkers die Darstellung eines von Insekten gequälten Elefanten, darunter Beischrift H. Neben dem figürlichen und inschriftlichen Schmuck war der Erker im Unterschied zu der schlichten Gestaltung der übrigen Hausfassade reich verziert mit Flachschnitzerei, u. a. Beschlagwerkornamenten, Halbsäulen und Karyatiden.

Inschriften A, B, D, E, H und I nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten; C, F und G nach Photo Slg. Rieckenberg.

Schriftart(en): Kapitalis.4)

DI 58, Nr. 397 - Scheelenstr. 31 (no. 312) - 1563, 1621

 Sammlung Rieckenberg [1/1]

  1. A

    15 63

  2. B

    SIC PERGIMVS AMBAE5)

  3. C

    OMNES · CINIS · AEQVAT6) · SOLA · DISTINGVIT · VIRTVS ·

  4. D

    MOROSIS / CEDENDVM7) · 1621 ·

  5. E

    ARDVA QVAE PVLCHRA8)

  6. F

    SEMPER PVERI ·9)

  7. G

    LVBRICVM IVVENTVTIS ·10)

  8. H

    EGO · VERO · HAVD · MORDEOR ·11)

  9. I

    SI FORTVNA IVVAT / CAVETO TOLLI SI FORTVNA TONAT / CAVETO MERGI12)

Übersetzung:

So kommen wir beide weiter. (B)

Die Asche [des Todes] macht alle Menschen gleich, allein die Tugend unterscheidet sie. (C)

Man muß den Eigensinnigen nachgeben. (D)

Schwierig ist, was schön ist. (E)

Immer sind wir Kinder. (F)

Die Leichtfertigkeit der Jugend. (G)

Ich aber lasse mich nicht beißen. (H)

Wenn Fortuna dir hold ist, hüte dich, dich zu erhöhen. Wenn Fortuna donnert, hüte dich, dich versenken [unterkriegen] zu lassen. (I)

Versmaß: Phaläkeus (I).

Wappen:
Kniphoff*, Brandis*
?, ?

Kommentar

Als Quellen für das Text-Bild-Programm des Erkers lassen sich das Emblembuch des Julius Wilhelm Zincgreff, Heidelberg 1619, und das Emblembuch des Florentius Schoonhovius, Gouda 1618, nachweisen. Das Bild der Ziege (B), die auf einem schmalen Steg über eine andere hinwegsteigt, steht für die vernünftige Nachgiebigkeit, denn nur auf diese Weise kommen die beiden Ziegen ohne Schaden zu nehmen aneinander vorbei.13) Der Mann, der das Feuer mit einem Stab anstachelt, steht für das Reizen des beschränkten Mitmenschen (D), im Sinne des Sprichworts „der Klügere gibt nach“. Die um Nüsse und Steine streitenden Kinder mit der Beischrift (F) stehen für den Menschen, der sich im Kampf um irdische Güter aufreibt. Der von Mücken angefallene Elefant mit der Beischrift H ist ein Bild für die Überlegenheit der großen Persönlichkeit über das Gerede der Leute.14)

Erbauer des Haupthauses waren der Hildesheimer Bürgermeister Hans Kniphoff und seine Ehefrau Margareta Brandis. Kniphoff war im Jahr 1548 zum ersten Mal im Rat, von 1552 bis 1560 und von 1565 bis 1567 war er in jedem zweiten Jahr Bürgermeister. Am 6. Februar 1541 heiratete er Margareta Brandis, Tochter des Johann Brandis und der Margarete Damm.15) 1574 wurde er Ältermann der Wandschneidergilde. Kniphoff starb am 31. März 1594, seine Ehefrau am 7. März 1570.16) Der Erbauer des Erkers und damit der Auftraggeber der Inschriften B–I ließ sich anhand der Schoßliste nicht ermitteln.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 254f. mit Zeichnung; Photo Roemer-Museum H 4512/19.
  2. Inhalt und Zuordnung der Wappen nach DBHi, HS 789, fol. 369r.
  3. Die Wappeninhalte lassen sich nicht mehr sicher bestimmen: Ein Photo der Slg. Rieckenberg zeigt heraldisch rechts einen quadrierten und links einen gespaltenen Wappenschild; ein anderes Photo läßt heraldisch rechts zwei im Relief ausgearbeitete senkrecht gestellte Gegenstände erkennen und links einen leeren Schild.
  4. Bestimmung der Schriftart nach DBHi, HS 789, fol. 369r: „lateinische Majuskel“.
  5. Motto des Emblems ‚Ziege steigt auf einer Brücke über eine zweite Ziege hinweg‘ im Emblembuch des Julius Wilhelm Zincgreff. Heidelberg 1619. Quelle: Plinius, Naturalis historia VIII, 201. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 536 u. S. LVII.
  6. Vgl. Seneca, Epistulae morales 91,16: Aequat omnes cinis.
  7. Motto des Emblems ‚Feuer, das ein Mann mit einem Stab anfacht‘ im Emblembuch des Florentius Schoonhovius. Gouda 1618. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 119 u. S. LIII.
  8. Motto des Emblems ‚Dattelpalme, die ein Mann zu besteigen sucht‘ im Emblembuch des Florentius Schoonhovius. Gouda 1618. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 198 u. S. LIII.
  9. Motto des Emblems ‚Kinder streiten sich um Steine und Nüsse‘ im Emblembuch des Florentius Schoonhovius. Gouda 1618. Quelle: Lactanz, Divinarum institutionum libri VII (II, 4, 14): Non bis pueri sumus, ut vulgo dicitur, sed semper. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 960f. u. S. LIII.
  10. Motto des Emblems ‚Herkules am Scheideweg‘ im Emblembuch des Florentius Schoonhovius, Gouda 1618. Quelle: Xenophon, Memorabilia, II, 1,21ff. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1643 u. S. LIII.
  11. Motto des Emblems ‚Elefant von Mücken befallen‘ im Emblembuch des Julius Wilhelm Zincgreff, Heidelberg 1619. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 413 u. S. LVI.
  12. Walther, Proverbia 4, Nr. 28205.
  13. Deutung der Embleme nach Henkel/Schöne, Emblemata.
  14. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 413f.
  15. Vgl. Schlotter, Genealogien, S. 150.
  16. Vgl. Schlotter, Bürgermeister und Ratsherren, S. 338–341; Joachim Brandis’ Diarium, S. 49 (Eheschließung), S. 115 (Tod der Margareta Brandis), S. 123 (Ältermann der Wandschneidergilde), S. 351 (Tod).

Nachweise

  1. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 254 (A), S. 256.
  2. Slg. Rieckenberg, S. 1030f., drei Photos.
  3. Buhlers, Hildesheimer Haussprüche, S. 22.
  4. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 178f.
  5. DBHi, HS 789, fol. 369r.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 397† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0039705.