Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 358 St. Andreas 1547

Beschreibung

Taufe.1) Messing. Die Taufe besteht aus Fuß, Schaft, Becken und Deckel. Den flachen runden Fuß tragen vier figürliche Darstellungen der Paradiesflüsse. Auf dem Fuß sind vier von Kinderfiguren gehaltene Tafeln mit je einem in zwei Zeilen ausgeführten Vers der Inschrift A angebracht. Am Schluß des letzten Verses eine Ranke. Die Tafeln sind alternierend mit den Symbolen der vier Evangelisten angeordnet, die leere Schriftbänder halten. Um den Rand des Fußes verläuft zwischen zwei Stegen die Inschrift B, die Versenden sind durch Rosetten markiert, am Ende des letzten Verses eine Ranke. Am zylindrischen Schaft sind in zwei Reihen jeweils getrennt durch vollplastische Säulen oberhalb und unterhalb des Knaufs die zwölf Apostel mit ihren Attributen dargestellt. Zwischen den beiden Apostelreihen ein Wulstring mit Inschrift C.

An der Beckenwandung sind in durch vollplastische Säulen getrennten Feldern sechs Reliefszenen angebracht, die in einer thematischen Beziehung zur Taufe stehen. Innerhalb der einzelnen Szenen sind auf kleinen Täfelchen jeweils die zugehörigen Bibelkapitel angegeben: 1. Taufe Jesu im Jordan, die Stellenangaben (D1) neben Christus, (D2) neben Johannes; 2. Links verabschiedet Petrus, der auf dem Rand eines Wasserbeckens sitzt, einen Jünger; auf der Wand des Wasserbeckens sind die Initialen des Gießers (E1) eingraviert, rechts die Himmelfahrt Christi mit den Stellenangaben (E2); 3. Pfingstpredigt des Petrus, rechts unten die Tafel mit Inschrift F; 4. Säuglingstaufe (G); 5. Links eine männliche und eine weibliche Figur, rechts Heilung des Saulus durch Ananias, dazwischen Inschrift H; 6. Paulus und Silas treten dem Kerkermeister von Philippi gegenüber, Inschrift I rechts oben.

Auf dem Deckel sind weitere sechs von Dreipaßbögen überwölbte Darstellungen mit Inschrifttafeln angebracht: 1. Bekehrung und Taufe des Hauptmanns Kornelius, unter dem linken Teil des Dreipaßbogens Inschrift J; 2. Jesus und Nikodemus, unter dem linken Teil des Dreipaßbogens ein Dämon, unter dem rechten Inschrift K; 3. Vision des segenspendenden Wassers, das aus dem Tempel fließt, unter dem mittleren Bogen das Innere eines Kirchenraums, links davon zwei Männer, unter dem rechten Bogen die Inschrift L; 4. Sintflut, unter dem mittleren Bogen des Dreipasses die Arche mit der gravierten Inschrift M1, unter dem linken die Tafel mit der Inschrift M2; 5. Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer, rechts im Bild Inschrift N; 6. Philippus tauft den Kämmerer aus Äthiopien (den Eunuchen), Inschrift O unter dem linken Teil des Dreipasses. In den Zwickeln der Dreipaßbogenfelder Engelsköpfe, die nach oben in gewundene Fischleiber übergehen. Der Deckel wird bekrönt von einer Balustersäule, die eine Darstellung des Gnadenstuhls trägt. Inschrift P läuft zwischen zwei Stegen um den Rand des Deckels herum, die Versenden sind jeweils durch Rosetten markiert, am Schluß ein dreiteiliges Blattornament. Soweit nicht anders vermerkt, sind die Inschriften erhaben gegossen. Hochpunkte und Punkte auf der Grundlinie sind als Kringel ausgeführt, die teils einer Neun, teils einer Drei ähneln (vgl. Nr. 352, Nr. 359).

Maße: H.: 230 cm; Dm.: 101 cm (Becken); Bu.: 1,2 cm (A), 1,9 cm (B), 1,1 cm (C), 0,8–0,9 cm (D–I), 0,85 cm (J–O), 0,5 cm (M1), 1,5 cm (P).

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. A

    ALLEIN GOT IN / DER HOCH SI EHR · // DER VNS HAT / WIDER GEBEN · // DY REIN WARHAFT/TIG GOTES LEER · // DVRCH DY WIR / EWIG LEBEN

  2. B

    ALS CRISTVS SELBS MIT MOSE VND ELIA SICH VORKLERT · DES GLEICHEN DO AM IORDAN CRISTVS GEDEVFFET WERT · HORT MAN VOM HIMEL DES VATERS STIM · DIS IST MEIN LIBER SON DEM HORT VND GLEVBET IM ·

  3. C

    GOT IS VNSER HOFFNVNG · HANS SIWERCZ HAT MICH GEGOSSEN · ANNO M CCCCC XXXX VII ·

  4. D1

    ISA. XL · / MAL. III.

  5. D2

    MAT. III. / MAR. I. / IO. I. / LV. III.

  6. E1

    H(ANS) S(IWERCZ)

  7. E2

    MAT. XXVIII / MAR. XVI.

  8. F

    ACTO. / II.

  9. G

    MAT. XIX / MAR. X. / LV. XVIII

  10. H

    ACTO. / IX.

  11. I

    ACTO. / XVI.

  12. J

    ACTO. / X.

  13. K

    IOHA · / III ·

  14. L

    HESEKIEL / XLVII.

  15. M1

    ARCHA NOE

  16. M2

    GENISIS / VI. VII. VIII.

  17. N

    EXODVS / XIIII.

  18. O

    ACTO / VIII.

  19. P

    NACH DEM RADE DER HEILIGEN DREIFALDICHEIT · IST VNS EIN SODAN BADT CZV BEREIT · AVFF DAS VVIR DORCH CRISTI BLVT LEBEN · IST VNS DIE TEVFFE VOR DIE BESNEIDVNGE GEGEBEN ·2) M CCCCC XXXX VII

Kommentar

Die Inschriften sind in einer weit spationierten Kapitalis mit deutlichem Wechsel von Haar- und Schattenstrichen ausgeführt. E mit breiterem unteren Balken, W in der Form von zwei unverbundenen, nicht verschränkten V. Die Linksschrägen, einzelne Haste und die Bögen weisen Verstärkungen auf.

Der in den Inschriften C und E1 genannte Gießer Hans Sievers ist nur mit diesem einen Gußwerk in Verbindung zu bringen. Er stammt aus Braunschweig.3)

Die Texte der Inschriften A, B und P konnten nicht als Zitate nachgewiesen werden, einzelne mitteldeutsche Sprachformen wie GEDEVFFET oder GLEVBET lassen aber vermuten, daß die Inschriften auf mitteldeutsche Vorlagen zurückgehen.

Die Taufe wurde fünf Jahre nach der Einführung des lutherischen Bekenntnisses (vgl. Nr. 339) wahrscheinlich vom Rat der Stadt für die Hauptpfarrkirche St. Andreas gestiftet.4) Ihr Bildprogramm stellt – den Untersuchungen von Ulrike Mathies zufolge – umfassend die von Martin Luther und Johannes Bugenhagen entwickelte evangelische Tauflehre dar.5)

Innerhalb der szenischen Darstellungen auf dem Deckel und an der Beckenwand sind als Bilderläuterungen Inschriften angebracht, die lediglich auf das einschlägige Bibelkapitel verweisen, ohne den entsprechenden Text zu zitieren. Diese Text-Bild-Beziehung hat eine Parallele in der Ausgabe des Kleinen Katechismus Martin Luthers von 1536.6) Dort steht über einem Bild der Säuglingstaufe, das in seinen wesentlichen Bestandteilen dem auf der Andreas-Taufe entspricht: Die Figur Matthej XXVIII ohne eine nähere Bilderläuterung bzw. eine Wiedergabe des zugehörigen Bibeltexts. Das Text-Bild-Programm deutet sich hier also nicht, wie beispielsweise auf der Domtaufe Nr. 67, durch die wechselseitige Erhellung von Beischrift und Darstellung aus sich selbst heraus, sondern verweist den Betrachter auf eine außerhalb des Objekts gelegene Instanz, die als Erklärungs- und Interpretationshilfe für die Bildinhalte heranzuziehen ist. Für einzelne Szenen, insbesondere für diejenigen, die nicht die typischen Bildparallelen zur Taufe wie Wasser oder Handauflegen zeigen, eröffnet tatsächlich erst das individuelle oder in der Katechese vermittelte Studium des Bibeltexts die Beziehung zwischen den einzelnen Darstellungen und dem Thema Taufe. Daß es sich bei den in einem der Deckelbilder dargestellten Figuren um Christus und Nikodemus handelt (K) und diese über die für jeden Christen notwendige Neugeburt aus Wasser und Geist sprechen, wird dem Betrachter erst durch die Lektüre der angegebenen Stelle im Johannesevangelium (Joh. 3,5) deutlich. Auch bei Szenen, deren ikonographische Deutung – wie im Fall der Pfingstpredigt – auf der Hand liegt, klärt erst der Bibeltext die Beziehung zwischen dem Pfingstbild und der Taufe, denn im Kontext der Pfingstpredigt des Petrus wird der Taufbefehl (Apg. 2,38) formuliert. Ein derartiger Verweis auf die Bibel als einzige Instanz der Bilddeutung läßt sich als Ausdruck des lutherischen sola scriptura-Prinzips sehen. Dies wird besonders evident im Vergleich mit der mittelalterlichen Bronzetaufe im Dom.7) Dort sind zwar einzelnen Darstellungen als Figurenrede auch wörtliche Bibelzitate beigegeben, die eigentliche Deutung des Bildprogramms übernehmen aber die auf der Grundlage der patristischen Exegese formulierten Versinschriften. Die Rückbindung der Bilddeutung allein an die Bibel ist nur ein Teil des prononciert lutherischen Programms der St. Andreas-Taufe. Neben den von Mathies angeführten Details in der Gestaltung der Einzelszenen8) – insbesondere im Bild der Säuglingstaufe – prägt vor allem das emphatisch formulierte Dankgebet (Inschrift A) für die Wiedereinführung der rein wahrhaftig Gottes Lehr den reformatorischen Charakter des Gesamtprogramms.

Bei keiner der fünf in der unmittelbaren Nachfolge der St. Andreas-Taufe stehenden Taufen ist dieses prononcierte Bekenntnis zum Luthertum bewahrt worden.9) Sie wiederholen zwar getreu die Reliefbilder an Becken und Deckel einschließlich der Angabe der Bibelkapitel und bewahren damit formal die Rückbindung der Bilddeutung an die Bibel, setzen aber an die Stelle der übrigen Inschriften jeweils eigene individuelle Formulierungen, die keine reformatorische Intention erkennen lassen. Offenbar ist das in der frühen Phase der Reformation in Hildesheim entworfene Bild-Text-Programm der St. Andreas-Taufe nur aufgrund seiner ästhetischen Qualität und nicht als Ausdruck und bildliche Darstellung der evangelischen Tauflehre rezipiert worden. Im Kontext einer traditionellen lateinischen Stifterinschrift war es anscheinend selbst auf einer für die katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz gestifteten Taufe nicht anstößig (vgl. Nr. 500).

Anmerkungen

  1. Ausführliche Beschreibung und Untersuchung der Taufe s. Mathies, Protestantische Taufbecken, passim.
  2. Zur Verbindung von Beschneidung und Taufe vgl. Kol. 2,11f. Die Beschneidung wird von den Reformatoren theologisch in einer engen Beziehung zur Taufe gesehen, vgl. Mathies, Protestantische Taufbecken, S. 41.
  3. Vgl. Mathies, Protestantische Taufbecken, S. 44f.
  4. Ebd., S. 25.
  5. Ebd., S. 32–44.
  6. Vgl. Enchiridion. Der kleine Catechismus fur die gemeine Pfarher vnd Prediger / D. Mart. Luth. Wittenberg / [...] 1536. Expl.: Göttingen SUB 8° Autographa Lutheri 1432 (VD 16, L 5045).
  7. Ohne auf die Inschriften näher einzugehen, hat auch Mathies die Taufe in St. Andreas als Gegenstück zur Domtaufe aufgefaßt (Protestantische Taufbecken, S. 43f.).
  8. Ebd., S. 33–38.
  9. Ebd., S. 56. Folgende Taufbecken stehen in der unmittelbaren Tradition der St. Andreas-Taufe: 1. Peine, St. Jakobi (Hans Pelckinck 1561); 2. Hessisch Oldendorf, Marienkirche (Mante Pelckinck 1590); 3. Helmstedt, St. Stephani (Mante Pelckinck 1590); 4. Hildesheim, Heilig Kreuz (Mante Pelckinck 1592, vgl. Nr. 500); 5. Hildesheim, St. Martini, heute: St. Michaelis (Dietrich Mente 1618, vgl. Nr. 642).

Nachweise

  1. DBHi, HS C 25, St. Andreas, S. 78f.
  2. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 174.
  3. Johannes Kobelt, Das bronzene Taufbecken in der St. Andreaskirche. In: Alt-Hildesheim 23 (1952), S. 24 (A–C), S. 25 (P).
  4. Mathies, Protestantische Taufbecken, S. 20 (A–C, P), Abb. S. 171–178.
  5. Slg. Rieckenberg, S. 785f., ein Photo.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 358 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0035808.