Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 314 St. Michaelis / Roemer-Museum 1. V. 16. Jh., vor 1650?

Beschreibung

Altarretabel.1) Eichenholz, farbig gefaßt. Das Triptychon des ehemaligen Doppelflügelaltars befindet sich im Westchor der Michaeliskirche, die beiden Außenflügel gehören zum Bestand des Roemer-Museums. Der Altar stammt aus dem Johannisstift, kam später in die St. Martini-Kirche und wurde beim Umzug der Martinigemeinde nach St. Michaelis im Jahr 1857 mitgenommen. Im Schrein2) drei vollplastische geschnitzte Figuren: Madonna auf der Mondsichel zwischen Johannes dem Evangelisten und Johannes dem Täufer. In ihren Nimben die Inschriften A–C1, auf dem Gewandsaum des Evangelisten Johannes Inschrift B2, auf dem Gewandsaum Johannes des Täufers C2. Im linken Innenflügel des Schreins als vollplastische Schnitzfiguren die Heiligen Barbara und Jakobus der Ältere. Sie sind durch die Inschriften D1 und E in ihren Nimben identifiziert, auf dem Gewandsaum der Barbara D2. Im rechten Innenflügel des Schreins in gleicher Ausführung die Heiligen Andreas und Elisabeth von Thüringen mit den Inschriften F und G1 in den Nimben sowie G2 auf dem Gewandsaum der Elisabethfigur. Im Sockel dieses Flügels vermutlich eine vollständig übermalte Inschrift. Erste Wandlung (gemalte Szenen): Am linken Außenflügel innen die Verkündigung. Maria an einem Pult, in der Linken ein aufgeschlagenes Buch. Hinter ihr der Engel, in der Linken das Zepter, die Rechte segnend erhoben. Um das Zepter windet sich ein Schriftband mit der gemalten Inschrift H. Die Wörter sind durch Ranken getrennt. Inschrift I ist auf einer Vase in der linken unteren Bildecke aufgemalt, die beiden Wörter sind durch eine aus Punkten zusammengesetzte Blüte getrennt. Am linken Innenflügel außen die Heimsuchung, am rechten Innenflügel außen die Geburt Christi, auf der Innenseite des rechten Außenflügels die Anbetung der Könige. Zweite Wandlung, Außenflügel geschlossen (gemalte Szenen): auf dem linken Flügel Johannes auf Patmos, rechts Taufe Christi. Die Inschriften in den Nimben sind glatt vor punziertem Hintergrund ausgeführt, die übrigen Inschriften aufgemalt. Im 17. Jahrhundert wurde für den Altar eine heute wahrscheinlich verlorene Predella mit gemalten Szenen angefertigt, die auf einem Photo des NLD noch zu sehen ist. Dargestellt waren in der Mitte der auferstandene Christus mit Beischrift J, links eine Taufszene (K), rechts die Austeilung des Abendmahls (L). Es ist nicht sicher entscheidbar, ob die Inschriften auf der Predella vor 1650 entstanden sind. Die Inschriften K und L sind mit Interpunktionszeichen versehen, in Inschrift J u mit übergeschriebenem Schrägstrich.

Inschriften J–L nach Photo NLD.

Maße: H.: 160 cm (Schrein); B.: 74,5 cm (Innenflügel), 147,5 cm (Mittelteil); H.: 151 cm (Außenflügel mit Rahmen); B.: 64 cm (Außenflügel mit Rahmen); Bu.: 3 cm (A, B1–D1, E, F, G1), 4,2 cm (B2–D2, G2), 2 cm (H), 1,2 cm (I).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A–I), humanistische Minuskel mit Kapitalis-Versalien (J), Kapitalis und kursive humanistische Minuskel (K, L).

DI 58, Nr. 314 - St. Michaelis / Roemer-Museum - 1. V. 16. Jh., vor 1650?

 Elke Schneider (Heidelberg) [1/4]

  1. A

    AVE · CASTISSIMAa) · MATER · DEI · VIRGb)

  2. B1

    SANCTVS · IOHANNES · A·POSTO[L]c)

  3. B2

    VALDE · HONORANDVSd) Ee) // EST · BEATf) // IOHANNES QVI [..]//N CENA RECVBVIT CVI CRISTVS IN CRVCg)3)

  4. C1

    SANCTE · IOH[A]NNES · BAPTISTA · Nh)

  5. C2

    [...] BAPTISTA ELECTE · DEI · TV · ES · ANGELVS · VENISTIi)

  6. D1

    VEj) · MARTIR · GLORIOSA · BARBAk)

  7. D2

    BARBAk) // AVE · MARTIR · GLORIOSl) // GENEROSA // PARADISI · VERNANSm) // CASTITATIS · LILI[V]n)4)

  8. E

    O LVX · DECVS · HISPANIE · SANCTE5)

  9. F

    SANCTE · ANDRAo) · APOSTOLE · DEI · Mp)

  10. G1

    AVE GEMMA SPECIOSA MVLIERq)

  11. G2

    AVE GEMMA // SPECIOSA · [...] // SIDVS · ROSr) // · EX · REGALI STIRPE · NATA · NV // [.]N CELIS · CORONATA · Ms) // MVNDO · Lt) // · VIRO DATA ·6)

  12. H

    AVEu) GRACIA PLENA DOMINVS TECVM7)

  13. I

    MARIA · IHEv)

  14. J †

    Iesus saluator Mundi

  15. K †

    [EV]NTES, DOCETE OMNES GENTES, / BAPTISANTES EOS, IN / NOMINE PATRIS, ET FILII, (ET)w) SPIRITVS SANCTI.8) / Marci Vltimo / QVI CREDIDERIT (ET)w) BA/PTISATVS FVERIT, SAL/VVS ERIT, QVI VERO / NON CREDIDERIT CONDEMx) 9)

  16. L †

    ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORP(VS) MEVM / QVOD PRO VOBIS DATVR, HOC / FACITE IN MEI CO(M)ME(M)ORATIO/NEM / Similiter: / BIBITE EX HOC O(M)NES. HIC / CALIX NOVV(M) TESTA(M)ENTV(M) / EST IN MEO SA(N)GVINE QVI / PRO VOBIS EFFV(N)DITVR, IN / REMISSIONE(M) PECCATORV(M) HOC FA/CITE QVOTIE(N)SCVNQVE, BIBENTIy) / IN MEI COMMEMORATIONEM.10)

Übersetzung:

Gegrüßt seist du, keuscheste Mutter Gottes, Jungfrau. (A)

Der heilige Apostel Johannes. (B1) Hoch zu verehren ist der heilige Johannes, der beim Abendmahl [an der Brust des Herrn] ruhte. Ihm empfahl Christus am Kreuz [seine Mutter]. (B2)

Heiliger Johannes der Täufer, (C1) [...] Täufer, Auserwählter Gottes, du bist der Bote. Du bist gekommen. (C2)

Gegrüßt seist du, ruhmreiche Märtyrerin Barbara. (D1) Barbara, gegrüßt seist du, ruhmreiche Märtyrerin, hervorsprießende, edle [Rose] des Paradieses, Lilie der Keuschheit. (D2)

O Licht und Zierde Spaniens, heiliger [Jakobus]. (E)

Heiliger Apostel Andreas, Märtyrer Gottes. (F)

Gegrüßt seist du, strahlender Edelstein, der Frauen [...]. (G1)

Gegrüßt seist du, strahlender Edelstein, [der Frauen] Stern, Rose, königlichem Stamm entsprossen, jetzt im Himmel gekrönt, obgleich auf Erden dem Mann gegeben. (G2)

Gegrüßt seist du, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. (H)

Christus, Erlöser der Welt. (J)

Geht hin, lehrt alle Völker, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes [und] des Heiligen Geistes. Im letzten [Kapitel] des Markus. Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden. (K)

Nehmt hin, eßt, dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis. Gleichermaßen: Trinkt alle daraus. Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies, so oft ihr es trinkt, zu meinem Gedächtnis. (L)

Versmaß: Hymnenvers (D, G).

Kommentar

Die Inschriften sind in einer ausgeprägten Form der frühhumanistischen Kapitalis ausgeführt: Byzantinisches M steht neben kapitalem M, dessen Mittelteil oberhalb der Mittellinie endet. I, H und N mit Halbnodi, epsilonförmige E sowie retrograde N. Die Buchstabenformen in den Nimbeninschriften entsprechen in ihren Grundformen den gemalten Buchstaben auf den Gewandsäumen und auf den Schriftbändern. Aufgrund der verschiedenen Ausführungstechniken läßt sich jedoch nicht sicher entscheiden, ob sie tatsächlich auf denselben Künstler zurückgehen.

Gmelin hat den Altar auf die Zeit um 1520 datiert und ihn namengebend einer Werkgruppe um den Meister des Hildesheimer Johannisaltars zugeordnet.11) Rieckenberg hingegen setzt die Entstehungszeit eher um 1500 an und schreibt den Altar dem Maler Hans Raphon zu. Er führt dazu aus, daß die frühhumanistische Kapitalis um 1500 in Süddeutschland gebräuchlich gewesen, bald danach dort aber wieder aufgegeben worden sei. In Hildesheim hingegen sei diese Schriftform nicht verwendet worden.12) Auch die Hymnen, die den Inschriften B2, D2, E und G2 zugrundeliegen, ließen sich nur in süddeutscher Überlieferung nachweisen, während in Hildesheim zumindest auf die heilige Barbara und auf den heiligen Jakobus andere Hymnen gesungen worden seien. Der Altar gehe daher wahrscheinlich auf einen süddeutschen Meister zurück oder sei von einem Künstler, der in Süddeutschland gelernt habe, angefertigt worden. Da Hans Raphon seine Lehrzeit in Süddeutschland verbracht habe und seine signierten Werke in Göttingen13) und Halberstadt ebenfalls Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis aufwiesen, ließen sich die Altartafeln wie auch die Nimbeninschriften diesem Meister zuschreiben. – Zwar hat Hans Raphon auf dem Göttinger Altar von 1506 die frühhumanistische Kapitalis verwendet, die Buchstabenformen weisen aber keine signifikanten Übereinstimmungen mit denen des Hildesheimer Johannisaltars auf. Aufgrund der seit den Untersuchungen Rieckenbergs gewachsenen Materialkenntnis ist seine epigraphische Datierung zu korrigieren. Die frühhumanistische Kapitalis ist in Hildesheim besonders in gemalten Inschriften im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts keineswegs selten verwendet worden.14) Die Beobachtungen Rieckenbergs, daß die in den Inschriften zitierten Hymnentexte in Hildesheim nicht gebräuchlich waren, ist außerordentlich schwierig zu verifizieren;15) denn selbst wenn ein Hymnus nicht im Offizium des entsprechenden Heiligentages verzeichnet ist, kann daraus nicht sicher geschlossen werden, daß er tatsächlich unbekannt war. Eine Datierung der Inschriften auf die Zeit um 1500 und die Zuschreibung an Hans Raphon ist daher problematisch.

Die beiden Inschriften K und L thematisieren die beiden einzigen im Protestantismus bewahrten Sakramente Taufe und Abendmahl.

Textkritischer Apparat

  1. CASTISSIMA] SANCTISSIMA Rieckenberg.
  2. VIRG] Zu ergänzen zu VIRGO.
  3. A·POSTO[L]] Zu ergänzen zu A·POSTOLVS.
  4. HONORANDVS] VERNANDVS Rieckenberg.
  5. E] Doppelt geschriebener Anfangsbuchstabe des nächsten Wortes.
  6. BEAT] Zu ergänzen zu BEATVS.
  7. CRVC] Zu ergänzen zu CRVCE.
  8. N] Redundanter Buchstabe.
  9. [...] BAPTISTA ... VENISTI] SANT IOHAN Rieckenberg.
  10. VE] Zu ergänzen zu AVE.
  11. BARBA] Zu ergänzen zu BARBARA.
  12. GLORIOS] Zu ergänzen zu GLORIOSA.
  13. GENEROSA ... VERNANS] Bezugswort fehlt in diesem Textteil, vgl. Anm. 4.
  14. LILI[V]] Fehlt Rieckenberg. Zu ergänzen zu LILIVM.
  15. ANDRA] Zu ergänzen zu ANDREA.
  16. M] Zu ergänzen zu MARTYR.
  17. MVLIER] Zu ergänzen zu MVLIERVM.
  18. ROS] Zu ergänzen zu ROSA.
  19. M] Doppelt geschriebener Anfangsbuchstabe des nächsten Wortes.
  20. L] Zu ergänzen zu LICET.
  21. AVE] Fehlt Gmelin.
  22. Zu ergänzen zu IHESVS.
  23. ET-Ligatur in der Form: &.
  24. CONDEM] Die Inschrift bricht ab, zu ergänzen zu CONDEMNABITVR.
  25. BIBENTI] Statt BIBERITIS.

Anmerkungen

  1. Roemer-Museum, Inv. Nr. G 55 und G 56.
  2. Ausführliche Beschreibung s. Gmelin, Spätgotische Tafelmalerei, S. 342–347 mit Abbildungen der gemalten Tafeln.
  3. Breviarium romanum, 1. Nocturn des 27. Dezember (Nachweis Rieckenberg, wie Anm. 12): valde honorandus beatus Johannes qui supra pectus domini in cena recubuit cui christus in cruce matrem virginem commendavit.
  4. Analecta hymnica 55, S. 96, Nr. 79 (Nachweis Rieckenberg, wie Anm. 12): Ave martyr gloriosa / Barbaraque generosa / Paradisi vernans rosa / Castitatis lilium.
  5. Analecta hymnica 26, S. 129, Nr. 44 (Nachweis Rieckenberg, wie Anm. 12): O Lux et decus Hispaniae / sanctissime Iacobe, apostole Dei / qui inter apostolos primatum tenens / primus eorum martyrio laureatus es.
  6. F. J. Mone (Hg.): Lateinische Hymnen des Mittelalters. Bd. 3: Heiligenlieder. Freiburg i. Br. 1855, S. 282, Nr. 900 (Nachweis Rieckenberg, wie Anm. 12): Ave gemma speciosa / mulierum sidus rosa /et regali stirpe nata / nunc in coelis coronata / mundo licet viro data / Christo tamen desponsata.
  7. Lc. 1,28.
  8. Mt. 28,19.
  9. Mc. 16,16.
  10. Liturgischer Text: Einsetzungsworte des Abendmahls nach I Cor. 11,25.
  11. Gmelin, Spätgotische Tafelmalerei, S. 342.
  12. Hans Jürgen Rieckenberg: Die Inschriften am Johannisaltar der Michaeliskirche in Hildesheim. In: Alt-Hildesheim 55 (1984), S. 15–19, hier S. 18.
  13. Vgl. DI 19 (Stadt Göttingen), Nr. 80 sowie die Abbildungen in Wolfson, Deutsche und niederländische Gemälde, S. 196f.
  14. Nr. 216, 260, 273277, 280, 283, 298, 311313 u. 315. Auch in Süddeutschland ist diese Schriftform noch nach 1500 nachweisbar, vgl. z. B. DI 41 (Göppingen), Nr. 175, 193, 269.
  15. Rieckenbergs Beobachtungen gründen sich lediglich auf die Handschriftennachweise zu den entsprechenden Texten in den Analecta hymnica.

Nachweise

  1. NLD, Photoarchiv, Bestand Hildesheim, St. Michaelis, Westaltar (J–L).
  2. Hans Jürgen Rieckenberg: Die Inschriften am Johannisaltar der Michaeliskirche in Hildesheim. In: Alt-Hildesheim 55 (1984), S. 16f. (A–I), Abb. S. 16.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 314 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0031406.