Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 289 St. Godehard 1518

Beschreibung

Figurengruppe aus dem Schrein des Benedikt-Altars. Lindenholz. Der Altar steht in der Apsis des südlichen Querhausarms. In seiner heutigen Form besteht er aus Fragmenten eines älteren Benedikt-Schnitzaltars, die wohl Ende des 18. Jahrhunderts übermalt worden sind, und einem spätbarocken Aufbau mit einer Gottesmutter in der Bekrönung. Die heute im Mittelteil des Schreins angebrachte Figurengruppe zeigt in vollplastischer Schnitzarbeit den heiligen Benedikt, wie er den Giftbecher segnet. Rechts und links von ihm sitzen am Tisch Placidus und Maurus, beide sind durch die an der vorderen Tischkante angebrachte Inschrift A identifiziert.1) Zu Füßen der beiden Heiligen sind noch die Abdrücke von zwei heute fehlenden Stifterwappen erkennbar. Unterhalb der Darstellung auf der Sockelleiste einzeilig die Inschrift B. Darunter auf einem vorgesetzten Brett2) die zweizeilig ausgeführte Inschrift C. Beide Inschriften sind am Schluß wohl im Zusammenhang mit den barocken Umarbeitungen verkürzt worden, Inschrift B auch am Anfang, allerdings ohne Buchstabenverlust. Zu dem älteren Schnitzaltar gehören noch die vollplastischen Figuren des heiligen Martin und des heiligen Basilius mit jüngeren Namenbeischriften.3) Die Inschriften A–C sind in einheitlichen Buchstabenformen erhaben ausgeführt, gehören also alle zum Bestand des älteren Benediktaltars. Als Worttrenner stehen große Rauten. Durch die starke Übermalung sind die Kürzungsstriche sowie die Ober- und Unterlängen nicht mehr erkennbar.

Maße: H.: 160 cm; B.: 126 cm; Bu.: 3 cm (A), 2,5 cm (B), 3,3 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 58, Nr. 289 - St. Godehard - 1518

 Klosterkammer Hannover [1/1]

  1. A

    S(an)c(tv)s · mavrvs S(an)c(tv)s · placidv(s)

  2. B

    Regina · celi · letare · allelvia · qvia · qvem mervisti · portare · allelvi[a]4)

  3. C

    Dvsse · thafele · heft · ghegheve(n) · henjg · Warlma(n) · sofke · sy[(n)e] / hvsfrvwe · de(n) · got · gnedich · si · an(n)o · d(omi)nj · m · cccccxviij5) ·

Übersetzung:

Der heilige Maurus. Der heilige Placidus. (A)

Himmelskönigin, freue dich, Halleluja, weil der, den du würdig zu tragen warst, [auferstanden ist]. Halleluja. (B)

Versmaß: Hymnenverse (B).

Kommentar

Inschrift B gibt als Unterschrift zu der hier dargestellten Benedikt-Szene keinen Sinn. Sie ist ursprünglich sicher auf eine Mariendarstellung bezogen gewesen.6) Auch die Inschrift C ist wahrscheinlich nicht nur auf die Benedikt-Szene zu beziehen, denn thafele meint sicher das gesamte Retabel. Die genannten Stifter lassen sich – allerdings unter variierenden Namensformen – in verschiedenen Hildesheimer Quellen nachweisen. Die Memorie des Henning Werleman und seiner Ehefrau Sofke ist mit mehreren Stiftungen in dem auf das Ende des 15. Jahrhunderts datierten Nekrologium von St. Godehard unter dem 4. März (4. Nonas Martii) eingetragen,7) die seiner Ehefrau Sofke ein zweites Mal unter dem 1. Mai.8) Aus dem ersten Eintrag geht außerdem hervor, daß beider Sohn, Henning Werlemann, Priester und Mönch in St. Godehard war. Eine Altarstiftung des Ehepaars ist unter den zahlreichen Schenkungen allerdings nicht verzeichnet. In den Hildesheimer Kämmereirechnungen ist ein Henning Wartmann für das Jahr 1468 belegt, in einer Urkunde des Jahres 1478 ein Henning Werltmann.9) Die in Inschrift C verwendete, vor allem in Grabschriften übliche Formulierung den got gnedich si läßt vermuten, daß es sich um eine testamentarische Stiftung handelt und die Stifter im Jahr 1518 bereits verstorben waren.

Anmerkungen

  1. Die hier dargestellte Figurenkonstellation ist ungewöhnlich und läßt sich mit keiner Szene der Vita des heiligen Benedikt in Verbindung bringen, vgl. LCI 5, Sp. 358.
  2. Stuttmann/von der Osten, Niedersächsische Bildschnitzerei, S. 46.
  3. S(ANCTUS) MARTINUS und S(ANCTUS) BASILIUS.
  4. Vgl. Corpus antiphonalium officii, Bd. 3, Nr. 4597: Regina celi letare alleluia, quia quem meruisti portare resurrexit ... . S. a. den Kommentar zu Nr. 277, Anm. 2.
  5. ‚Dieses Retabel haben Henning Warlmann und seine Ehefrau Sofke, denen Gott gnädig sei, im Jahr 1518 gestiftet.‘
  6. Stuttmann/von der Osten (Niedersächsische Bildschnitzerei, S. 47) vermuten, daß die Inschrift ursprünglich noch zwei weitere Zeilen des Hymnus und vielleicht ein Gebet enthalten hat und unter einer Folge von drei Szenen angebracht war: der erhaltenen Benedikt-Gruppe, einer Marienszene und einer dritten nicht näher zu bestimmenden Darstellung.
  7. Kat. Schatz von St. Godehard, S. 174f.; StaHi, Bestand 52, Nr. 171, fol. 39v: Memoria Henning Werlman Sophken uxoris eius et heningi presbiteri et monachi nostre congregationis eorum filii. legetur etiam psalterium pro eisdem et omnibus ex eorum progenie defunctis. dederunt cappam choralem de xix florenis calicem de viginti uno florenis et septingentaquinquaginta talenta parua. Item sermone.... Text am Rand unvollständig.
  8. StaHi, Bestand 52, Nr. 171, fol. 43v: Anniversarius Sophie Werleman que cum marito suo ob gratiam filii eorum fratris Heningi dedit calicem valentem viginti unum florenos et trecenta talenta nova hildensemensia et c florenos. Auch im jüngeren Nekrologium von St. Godehard ist Sophia Werlemans Memorie unter dem 1. Mai verzeichnet. (StaHi, Bestand 52, Nr. 171, S. 31).
  9. UB Stadt 7, S. 666 (Kämmereirechnungen); UB Stadt 8, Nr. 131.

Nachweise

  1. DBHi, HS C 26a, S. 18c.
  2. Stuttmann/von der Osten, Niedersächsische Bildschnitzerei, S. 46.
  3. Annette Berg, Corinna Lohse: Der Benedikt-Meister – Ein niedersächsischer Bildschnitzer der Spätgotik als Beispiel für Holzsichtigkeit. In: Das holzsichtige Kunstwerk, bearb. von Peter Königfeld. Hameln 2002, S. 148–154, Inschriften S. 148f.
  4. Slg. Rieckenberg, S. 708–711, drei Photos.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 289 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0028905.