Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 207(†) Brühl 1A (no. 1013) 1491, 1596

Beschreibung

Haus.1) Ehemalige Propstei des Stifts Heilig Kreuz. Ursprünglich massives Untergeschoß mit einem 17 Gefache breiten Fachwerkaufbau, traufenständig zum Brühl. Die Propstei wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Die erhaltene Inschrift A ist eingehauen und in Gold gefaßt und befindet sich an der westlichen Traufenseite im oberen Feld eines hochrechteckigen Wappensteins, der über der kleineren spitzbogigen Tür neben dem großen Durchfahrtstor angebracht ist. Im unteren Feld des Wappensteins das Wappen. Die Jahreszahl B befand sich auf dem Schwellbalken des Obergeschosses. Die darüber angebrachten Brüstungstafeln zeigten figürliches Schnitzwerk, u. a. Halbfiguren von Rittern in Medaillons.2) An der nördlichen Schmalseite des Hauses waren im Giebel zwei Brustbilder und die Inschrift C angebracht. An der Vorderseite wurde ein neuzeitlicher Erker vorgebaut, er zeigt in drei Brüstungsfeldern die Wappen Fürstenberg und Kerpen mit Beischriften sowie das Wappen des Kreuzstifts, darüber die Jahreszahl 1731, darunter 1672. Die Rückseite des Hauses erhielt im Jahr 1731 ein Steinportal mit einer neuzeitlichen Inschrift.3) Die Inschriften des Hinterhauses werden unter Nr. 616 ediert.

Inschrift B nach Kirche zum Heiligen Kreuz (Abb.), C nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten.

Maße: Bu.: 6–7 cm (A), 3 cm (die letzten drei Ziffern von A).

Schriftart(en): Kapitalis (A), gotische Minuskel mit Versal (B), Fraktur (C).4)

DI 58, Nr. 207 - Brühl 1A (no. 1013) - 1491, 1596

 Christine Wulf [1/1]

  1. A

    · AN(N)O · M · / CCCC · XCI

  2. B †

    Anno 1596

  3. C †

    Was gott giffa) in gnaden sol men wislich sparen der armen nicht vergessen So gifft got wedder vngemessen5) 1596

Wappen:
Brandis*

Kommentar

In Inschrift A ist N mit ausgebuchteter Diagonalhaste ausgeführt, die übrigen Buchstaben weisen keine Merkmale der frühhumanistischen Kapitalis auf, ihre Proportionen sind in Höhe und Breite nahezu identisch und entsprechen damit der Renaissance-Kapitalis.

Wappen und Jahreszahl A weisen Tilo Brandis, Propst des Heilig-Kreuz-Stifts von 1479 bis 1524, als Bauherrn des im Laufe der Zeit baufällig gewordenen Propsteigebäudes aus. Zu Tilo Brandis vgl. Nr. 307. Im Jahr 1587 fiel die Propstei einem Brand zum Opfer und wurde im Sommer 1590 von Graf Anton von Schaumburg († 1599), Bischof von Minden sowie Propst an Heilig Kreuz und am Dom, wiederaufgebaut. Die Jahreszahl 1596 in den Inschriften B und C deutet darauf hin, daß diese Baumaßnahme im Jahr 1596 zumindest zu einem Teil abgeschlossen war. Vollendet wurde die Propstei wahrscheinlich erst unter dem Nachfolger Anton von Schaumburgs, Friedrich von Lüdinghausen gen. Wolf (vgl. Nr. 616).6)

Textkritischer Apparat

  1. giff ] Wahrscheinlich statt gift.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 175–178; Kirche zum Heiligen Kreuz, Abb. 134, 136–139.
  2. Vgl. Kirche zum Heiligen Kreuz, Abb. 136.
  3. Inschrift nach Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 178: EVGENIVS BARO DE KVRTZROCK / PRAEP(OSITVS) · ET · CAN(ONICVS) DE S(ANCTA) C(RVCE) / · RENOVAVIT A(nn)o 1731. ‚Eugen, Freiherr von Kurtzrock, Propst und Kanoniker von Heilig Kreuz, hat [dies] im Jahr 1731 renovieren lassen.‘ Unter dem linken Wappen befand sich die erst im Jahr 1731 angebrachte Jahreszahl 1596.
  4. Zur Schriftart von B vgl. Kirche zum Heiligen Kreuz, Abb. 138; zur Schriftart von C vgl. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 177.
  5. ‚Was Gott in Gnaden gibt, soll man mit Bedacht sparen. Die Armen [soll man] nicht vergessen, dann gibt Gott wieder ohne Maßen.‘
  6. Vgl. Zink, Baugeschichte Heilig Kreuz, S. 115 und S. 183 mit den Quellen 108 und 111.

Nachweise

  1. Kirche zum Heiligen Kreuz, Abb. 138.
  2. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 175.
  3. Slg. Rieckenberg, S. 637.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 207(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0020706.