Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 206 Dom-Museum um 1489

Beschreibung

Patene.1) Silber. Einer 1837 auf der Rückseite angebrachten Inschrift zufolge gehörte die Patene nach St. Michaelis.2) Im vertieften Innenfeld der Schale in einem strahlenumkränzten Medaillon als getriebene, emaillierte Darstellung die sitzende Figur der Maria mit Kind, umgeben von Lilien. Maria reicht dem Kind eine Birne. Auf dem breiten Rand der Patene sind folgende Darstellungen eingraviert: Maiestas Domini in einer Nische, rechts daneben ein Schriftband mit Inschrift A. Gegenüber der Maiestas Domini Christus am Kreuz mit Titulus (B), unter dem Kreuz Maria und Johannes. Zwischen Maiestas Domini und Kreuzigung auf jeder Seite in Nischen je sechs sitzende Apostel mit ihren Attributen: auf der linken Seite Petrus, Andreas, Jakobus der Ältere, Jakobus der Jüngere, Philippus und Matthäus; auf der rechten Seite Johannes, Paulus, Bartholomäus, Judas Thaddäus, Matthias und Thomas. Die Apostel sind durch die Beischriften C in senkrecht neben den Darstellungen verlaufenden, an den Enden eingerollten Schriftbändern bezeichnet, die Inschrift neben dem Bild des Thomas wahrscheinlich aus Raumgründen ohne rahmendes Schriftband. Die Inschrift D verläuft im Uhrzeigersinn in zwei durch Linien begrenzten Kreisen um den Rand der Schale. Sie beginnt an der Darstellung der Maiestas Domini. Die im Innenkreis angebrachte Inschrift wird durch die Bögen über den Aposteldarstellungen in regelmäßigen Abständen unterbrochen. Alle Inschriften sind graviert und nielliert. Die Worttrenner sind als Quadrangeln mit oben und unten oder an allen vier Ecken ansetzenden Zierhäkchen ausgeführt.

Maße: Dm.: 35 cm; Bu.: 0,2 cm (A), 0,3 cm (B), 0,4 cm (C), 0,5 cm (D).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (B), frühhumanistische Kapitalis (A, C, D).

DI 58, Nr. 206 - Dom-Museum - um 1489

 Hildesheim, Dom-Museum [1/1]

  1. A

    · SALVATOR ·

  2. B

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udaeorum)3)

  3. C
    S(ANCT)(VS) · PETRVS · S(ANCTVS) · IOHANNES 
    S(ANCT)(VS) · ANDREAS S(ANCT)(VS) · PAVLVS ·  
    · S(ANCT)(VS) · IACOBVS · BARTHOLOMEVSa)  
    · IACOBVS · MINOR ·  IVDAS · THADEVb)  
    S(ANCT)(VS) · PHILIPPVS  S(ANCTVS) · MATHIAS  
    S(ANCTVS) · MATHEVS  S(AN)C(TV)S · THOMAS  
  4. D

    · SALVE · LVX · MVNDI · VERBVM · PATRIS · HOSTIA · VERA · VIVA · CARO · DEITAS · INTEGRA · VERVS · HOMO · TV · CIBVS · PANISQVE · NOSTER · TV · PERHENNISc) SVAVITAS · NESCIT · ESVRIRE · INEVVM · TVAM · QVI · SVMIT · DAPEM · NEC · LACVNAM · VENTRIS · IMPLET · SED · FOVET · VITALIA4) · TE · SINE · DVLCE · NIHIL · DOMINE ·/ · NEC · IVVAT · · ORE · QVITd) · · APPETERE · · POCVLA · · NI · PRIVS · · ATQVE · · CIBOS · CHRISTEe) · TVVS · · FAVOR · · IMBVERIT · · OMNIA · · SANCTI==FICANTEf) · FIDE5) ·

Übersetzung:

Erlöser. (A)

Gegrüßt seist du, Licht der Welt, Wort des Vaters, wahres Opfer, lebendiges Fleisch, ganz Gott und wahrer Mensch, du unsere Nahrung und Brot, du immerwährende Süßigkeit. Der kann in Ewigkeit nicht hungern, der dein Mahl zu sich nimmt, und er stillt nicht den Hunger des Leibes [wörtlich: füllt nicht den Hohlraum des Bauches], sondern hegt in sich die Kraft des Lebens.

Ohne dich schmeckt nichts süß, o Herr, und es befriedigt nicht, etwas mit dem Mund zu erstreben, wenn nicht zuvor deine Gnade, Christus, den Kelch und das Brot durch den Glauben, der alles heiligt, geweiht hat. (D)

Versmaß: Die ersten beiden Verse der Inschrift D bilden ein elegisches Distichon, es folgen drei katalektische trochäische Tetrameter und fünf daktylische hyperkatalektische Trimeter.

Kommentar

Die Schrift stimmt in ihren charakteristischen Merkmalen mit den Buchstabenformen des auf das Jahr 1489 inschriftlich datierten Magerkolkelchs (Nr. 204) überein. Besonders auffällig ist die in beiden Inschriften gleichartige ungewöhnliche Gestaltung des G, dessen oberer Bogen, wenn man die Grundform des kapitalen G voraussetzt, zu einem Winkelhaken umgestaltet ist, und dessen Cauda und unterer Bogenabschnitt zu einem nach links offenen Bogen verschmolzen sind, der den Winkelhaken nicht berührt. Ebenfalls charakteristisch gleich gestaltet sind die unzialen E mit nur schwach gebogenen Bogenenden, die spitzen A mit nach links (in POCVLA nach rechts) ansetzendem Deckbalken und die sehr weit offenen C. Lediglich die auf der Patene einmal verwendete Sonderform des M, dessen Mittelteil heruntergerückt ist und mit der Spitze nach oben weist (IMBVERIT), und das runde T haben auf dem Kelch keine Parallele. Die verwendeten Buchstabenformen sprechen dafür, daß die Patene zeitlich in die Nähe des Magerkolkelchs zu setzen ist und beide Stücke von demselben Goldschmied Bartold Magerkol stammen. Ob auch die Patene ursprünglich für das Kloster Marienrode angefertigt worden ist und der Besitzvermerk des Michaelisklosters lediglich die Besitzverhältnisse des 19. Jahrhunderts dokumentiert, läßt sich nicht erweisen.

Textkritischer Apparat

  1. Der letzte Buchstabe von dem am Ende eingerollten Schriftband teilweise überdeckt.
  2. Zu ergänzen zu THADEVS.
  3. PERHENNIS] Nach dem Wort ragt der Querbalken des Kreuzes aus der Kreuzigungsdarstellung in die Inschrift hinein.
  4. QVIT] Statt QVID.
  5. CHRISTE] In das Wort ragt der Kruzifixus aus der Kreuzigungsdarstellung hinein.
  6. Das Wort ist durch die Bogenarchitektur eines Apostelbildes getrennt.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: DS 50.
  2. J(ohann) Krâtz D(octor) / 1837 / haec patena est / ex monasterio S(ancti) Michaelis. Ebenfalls auf der Rückseite folgender Vermerk: Beschädigt beim Einbruch 14. IV. 1920. Wiederhergestellt 1931.
  3. Io. 19,19.
  4. Prudentius, Liber cathemerinon 9,61–63, vgl. Ulysse Chevalier, Repertorium Hymnologicum. Bd. 4, Löwen 1912, S. 341, Nr. 41294.
  5. Prudentius, Liber cathemerinon 3,11–15. Die aus dem Hymnus ‚Ante cibum’ übernommene Strophe war im liturgischen Gebrauch, vgl. Guido Maria Drewes (Hg.): Ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung. Bd. 1 Hymnen bekannter Verfasser. Leipzig 1909, S. 16 und S. 22.

Nachweise

  1. Kratz, Dom 2, S. 192 (D).
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 108.
  3. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 114 (D).
  4. Elbern/Reuther, Domschatz, S. 58.
  5. Kat. Ego sum, S. 521 mit Abb.
  6. Slg. Rieckenberg, S. 585f., ein Photo.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 206 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0020609.