Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 192 Heilig Kreuz 3. V. 15. Jh.

Beschreibung

Schlußstein im südlichen Kreuzgangflügel. Der Stein befindet sich heute im ersten Joch von Osten. Nach Angaben von Kratz war er ursprünglich im fünften Gewölbejoch angebracht.1) In dem von der umlaufenden Inschrift eingeschlossenen Innenfeld ein Wappen. Die Inschrift ist eingehauen und nach der Restaurierung mit brauner Farbe ausgelegt worden, wobei die Kürzungszeichen nur teilweise berücksichtigt worden sind. Als Worttrenner stehen hochgestellte Quadrangeln mit Zierhäkchen nach oben und unten. Im vierten Joch von Osten ist noch ein zweiter Schlußstein mit einem Wappen ohne Inschrift angebracht.

Maße: Dm.: ca. 27 cm; Bu.: ca. 3,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 58, Nr. 192 - Heilig Kreuz - 3. V. 15. Jh.

 Christine Wulf [1/1]

  1. + d(omi)n(u)s · volkmar(us) · de · and(er)te(n) · hui(us) · eccl(esi)e · cano(n)ic(us)a)

Übersetzung:

Herr Volkmar von Anderten, Kanoniker dieser Kirche.

Wappen:
Anderten2), Wenden*

Kommentar

Volkmar von Anderten stammte aus der hannoverschen Ratsfamilie von Anderten.3) Er wurde im Jahr 1410 geboren und ist 1426 in der Leipziger Matrikel verzeichnet, 1444 hat er sich in die Rostocker Matrikel eingetragen. Im Jahr 1452 nennt die Erfurter Matrikel einen Träger dieses Namens,4) bei dem es sich aber möglicherweise um eine andere Person handelt. Seit 1463 ist er als Domherr in Lübeck nachgewiesen, 1466 zum ersten Mal mit dem Titel eines Licentiatus in decretis. Er starb am 9. März 1481 und wurde im Lübecker Dom begraben.5) Es ist fraglich, ob der Lübecker Domherr tatsächlich mit dem in der Inschrift genannten Volkmar von Anderten identisch ist, denn dem Kanonikerverzeichnis des Heilig-Kreuz-Stifts zufolge ist der auf dem Schlußstein genannte Volkmar von Anderten noch im Jahr 1491 nachzuweisen.6)

Von 1449 bis 1455 stritt ein Volkmar von Anderten mit Hermann Pentel um ein Kanonikat und eine Pfründe an Heilig Kreuz. Dieser Streit wurde offenbar erst 1463 durch einen Vergleich beigelegt, bei dem eine Pfründe in der Diözese Minden gegen eine solche in Hildesheim getauscht wurde. Möglicherweise ist Volkmar von Anderten auf diesem Weg in den Besitz des Kanonikats an Heilig Kreuz gekommen.7) Jedenfalls taucht der Name Volkmars von Anderten nicht im Verzeichnis der Inhaber der von A bis S durchgezählten Kanonikate auf, sondern nur in einer alphabetischen Liste der sicher für Heilig Kreuz bezeugten Kanoniker.8)

Aufgrund dieser Daten kann die Schlußsteininschrift, in der Volkmar von Anderten als Kanoniker an Heilig Kreuz bezeichnet wird, nicht vor 1463 entstanden sein. Damit wäre der südliche Kreuzgangflügel etwa auf die Zeit vom dritten bis zum vierten Viertel des 15. Jahrhunderts zu datieren. Kratz hat die Inschrift und damit die Fertigstellung des südlichen Kreuzgangflügels in das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts gesetzt.9) Zink datiert mit Verweis auf den noch 1491 belegten Kanoniker Volkmar von Anderten ebenso.10) Das Wappen auf dem zweiten Schlußstein kann die zeitliche Einordnung auch nur unwesentlich stützen: Wenn es dem Stiftspropst Eckhard von Wenden zugehört, dann spricht dies eher für eine Entstehung im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts, denn Eckhard von Wenden wurde 1479 im Amt des Propsts an Heilig Kreuz von Tilo Brandis (vgl. Nr. 307) abgelöst.11)

Textkritischer Apparat

  1. cano(n)ic(us)] So auf einem älteren Photo; cannic(us) heutiger Befund, entstanden durch fehlerhafte Restaurierung.

Anmerkungen

  1. DBHi, HS C 28, Nota 44 Kreuzkirche, S. 6 (Kratz).
  2. Wappen Anderten (Schrägbalken, belegt mit drei Löwenköpfen). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 9, S. 23 u. Tafel 24.
  3. Vgl. Brigide Schwarz: Volkmar von Anderten, Domherr und Offizial zu Lübeck. (Mit-)Begründer der Ratsbibliothek Hannover († 1481). In: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte 24 (1999), S. 117–131, hier S. 124; dies.: Karrieren von Klerikern aus Hannover im nordwestdeutschen Raum in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 73 (2001), S. 235–270, hier S. 257f.
  4. Matrikel Leipzig, Bd. 1, S. 90; Matrikel Rostock, Bd. 1, S. 72a, Zeile 13; Matrikel Erfurt, Bd. 1, S. 233. Von 1439–1441 ist ein Laie mit dem Namen Volkmar von Anderten verschiedentlich in den Hildesheimer Stadtrechnungen erwähnt (UB Stadt 6, Stadtrechnungen, Register, S. 791).
  5. Vgl. Schwarz (wie Anm. 3), S. 127f.
  6. DBHi, HS 332, fol. 69v/70r.
  7. Repertorium Germanicum 6, S. 121, Nr. 1216.
  8. Wie Anm. 6.
  9. Wie Anm. 1.
  10. Zink, Baugeschichte Heilig Kreuz, S. 113 mit Verweis auf die Handschrift DBHi, HS 332, fol. 69v–70r.
  11. Henning Brandis’ Diarium, Einleitung, S. VI. In den Einträgen in DBHi, HS C 1031, o. S. folgt nach Eckhard von Wenden d. Ä. noch ein Eckhard von Wenden d. J., der allerdings auch nur für das Jahr 1479 genannt wird. Eckhard von Wenden starb erst neun Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt (Henning Brandis’ Diarium, ebd.). Die Memorie des Eckhard von Wenden ist am 22. Januar im Nekrologium von St. Godehard eingetragen, vgl. StaHi, Bestand 52, Nr. 171, fol. 37.

Nachweise

  1. DBHi, HS C 28, Nota 44 Kreuzkirche, S. 6.
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 141.
  3. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 193.
  4. Zink, Baugeschichte Heilig Kreuz, S. 114, Abb. 128.
  5. Slg. Rieckenberg, S. 591, ein Photo.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 192 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0019205.