Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 131 Dom-Museum 1409 o. früher

Beschreibung

Turmförmiges oder Steinbergsches Reliquiar.1) Eichenholzkern mit aufgenageltem, teils vergoldetem Silberblech. Über einer sechseckigen Grundfläche ein sechseckiger Zentralbau aus Sockel, drei abgetreppten Geschossen und einem Kuppelabschluß. Auf der Kuppel eine scheibenförmige Kapsel mit einer Kreuzreliquie. Die Form des Reliquiars entspricht dem romanischen Vierungsturm des Doms.2) Auf den je sechs Flächen der beiden unteren Geschosse Heiligenfiguren. An den Sockeln der Heiligenfiguren im Untergeschoß sechsmal das Wappen Steinberg, an den Sockeln der Figuren im Obergeschoß sechsmal die zugehörige Helmzier. Inschrift A ist in fünf Zeilen in einem rechteckigen, als beidseitig eingerolltes Blatt gravierten Schriftfeld glatt vor schraffiertem Hintergrund zwischen glatten Linien graviert. Als Worttrenner stehen Rauten und Rautenkreuze. Inschrift B befindet sich auf einem runden Schaftstück zwischen der Kuppel und der scheibenförmigen Kapsel, auf deren Vorderseite die Kreuzreliquie unter einem Bergkristall und auf deren Rückseite die Kreuzigung mit dem Titulus C zu sehen sind. Links unter dem Kreuz kniet der Stifter mit der Inschrift D auf einem Spruchband. Rechts unter dem Kreuz das Vollwappen Steinberg. Inschrift E verläuft als Umschrift um die Kreuzigungsdarstellung. Inschrift B glatt vor schraffiertem Hintergrund graviert, C–E graviert und vergoldet.

Maße: H.: 92 cm; Bu.: 0,8 cm (A), 0,6 cm (B), 0,2 cm (C, D), 0,4 cm (E).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A, B, D, E), gotische Majuskel (C).

DI 58, Nr. 131 - Dom-Museum - 1409 o. früher

 Frank Tomio [1/1]

  1. A

    lippold(vs) · nat(vs) · de · steynberch · dignificatvsa) / hic · cellerariatv · iv(n)cto · canonicatv / hinc · pro · cristo · me · contvlit · ecclesie / me(m)bra · patronorv(m)3) · sv(n)t · i(n) · me · clavsa · pior(vm) / nate · dei · donabis · ei · donvm · requiei

  2. B

    + de · d(omi)ni · ligno · berillo · conditvr · isto

  3. C

    I(ESUS) N(AZARENUS) R(EX) I(UDAEORUM)4)

  4. D

    fili · chr(ist)eb) · dei · tv · miser(er)e · mei ·

  5. E

    · sangwis · de · chr(ist)oc) · calcedonio · stat · in · isto ·

Übersetzung:

Lippold, aus dem Geschlecht derer von Steinberg geboren, der hier mit dem Amt des Cellerars ausgezeichnet war und dazu ein Kanonikat innehatte, hat mich um Christi willen der Kirche gestiftet. In mir sind eingeschlossen Gebeine der heiligen Patrone. Sohn Gottes, du wirst ihm das Geschenk der Ruhe verleihen. (A)

Ein Stück vom Kreuzholz des Herrn ist in diesem Beryll eingeschlossen. (B)

Christus, Sohn Gottes, erbarme du dich meiner. (D)

In diesem Calcedon befindet sich Blut von Christus. (E)

Versmaß: Ein elegisches Distichon, zweisilbig leoninisch gereimt, der Pentameter prosodisch sehr fehlerhaft; ein Pentameter (prosodisch fehlerhaft); ein Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt; ein Hexameter als Trininus saliens (A).   Hexameter, einsilbig leoninisch gereimt (B). Pentameter, zweisilbig leoninisch gereimt (D). Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt (E).

Wappen:
Steinberg*

Kommentar

Inschrift A ist in einer für Golschmiedearbeiten um 1400 typischen ornamentalen gotischen Minuskel ausgeführt. Der Balken des t ist durch die Haste gezogen, ebenso der Bogen des p und das nach unten versetzte Ende des gebrochenen oberen Bogens des g, der Balken des e ist zu einem am unteren Ende oder an beiden Enden eingerollten Zierstrich reduziert, am Balken des t und am gebrochenen oberen Bogen des g setzen Zierstriche an. Die Unterlängen enden alle auf der Grundlinie, wobei die Unterlänge des g nicht ausgeführt, sondern vielleicht durch Ritzungen in der die Zeile begrenzenden unteren Doppellinie angedeutet wurde. Das Reliquiar ist zum ersten Mal im Domschatzverzeichnis von 1409 erwähnt.5) Ob es bereits im Jahr 1393 im Zusammenhang mit der Stiftung einer Vikarie aller Patrone oder erst 1406 für die Kapelle aller Patrone (vgl. Nr. 129) angefertigt wurde, läßt sich nicht entscheiden.

Der Stifter des Reliquiars, Lippold von Steinberg, ist 1364 oder 1365 zum ersten Mal als Domkanoniker und bischöflicher Kaplan urkundlich bezeugt, 1366 bittet er Papst Urban V., ihm das Amt des Domcellerars zu bestätigen.6) Der erste urkundliche Nachweis Lippolds als Cellerar stammt aus dem Jahr 1371.7) 1395 wurde er zum Propst des Stifts St. Mauritius ernannt, in diesem Amt ist er zum letzten Mal 1411 urkundlich bezeugt.8)

Der Erwerb der Kreuzreliquie wird in der Hildesheimer Chronistik9) mit einer Pilgerreise Lippolds in das Heilige Land zusammengebracht, die sich indes nicht nachweisen läßt. Das in der chronikalischen Überlieferung allgemein, von Behrens allerdings mit Vorbehalt genannte Todesdatum, der 23. September 1415, läßt sich nicht überprüfen.10)

Textkritischer Apparat

  1. dignificatvs] Schaft-s am Wortende.
  2. xpe.
  3. xpo.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: DS 35.
  2. Zuletzt dazu Maike Kozok: Der Tristegum-Vierungsturm des Hildesheimer Domes. In: Kat. Ego sum, S. 101–122, hier S. 114f.
  3. Die Handschrift Wolfenbüttel, Staatsarchiv, VII C HS 32 überliefert fol. 56r folgenden Reliquieninhalt: 1. de vestimento SS. Dei Genitricis, 2. de lacte Mariae Virginis, 3. de s. Cruce, 4. Reliquie S. Bernwardi, 5. SS. Cancianorum, 6. S. Cancianillae, 7. u. 8. SS. Cosme et Damiani, 9. S. Cecilie Virg. et Martyris, 10. S. Epiphani Epi., 11. S. Jnnocentium, 12. SS. Justi, Arthemij et Honeste, 13. S. Godehardi, 14. S. Petri Apostoli, 15. SS. Tiburti et Valeriani, 16. S. Speciose et alie innominate Reliquie. Wiedergabe des Reliquieninhalts nach Härtel, Lippold von Steinberg, S. 96.
  4. Io. 19,19.
  5. Doebner, Schatzverzeichnis 1409, S. 118: turrim deauratam patronorum.
  6. UB Hochstift 5, Nr. 1067 Anm., Nr. 1097 (S. 707), Nr. 1132, Nr. 1190.
  7. UB Hochstift 6, Nr. 49.
  8. Ebd., Nr. 1338; UB Stadt 3, Nr. 472.
  9. Vgl. u. a. Johannes Letzner, Hildesheimische Chronik, 4. Buch (DBHi, HS 87a, fol. 308v); Elbers, Chronicon (DBHi, HS 101, S. 286).
  10. Behrens, Herren von Steinberg, S. 57; Letzner, Hildesheimische Chronik (DBHi, HS 87a), fol. 311v; DBHi, HS J 53a (Elbers, Chronicon), Bd. 1, S. 415.

Nachweise

  1. Kratz, Dom 2, S. 185–187.
  2. Elbern/Reuther, Domschatz, S. 48 (A), Abb. 27 (A).
  3. Kat. Bernward 2, S. 637 (A) mit Abb.
  4. Kat. Ego sum, S. 501 (ohne C), Abb. S. 502f.
  5. Slg. Rieckenberg, S. 511–514, ein Photo.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 131 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0013107.