Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 115(†) Verschiedene Standorte um 1400

Beschreibung

Behang. Seidenstickerei auf Leinen. Erhalten ist von dem ursprünglich querrechteckigen Wandbehang1) die linke Außenkante im Metropolitan Museum of Art, New York,2) der mittlere Teil ist verloren, aber photographisch überliefert; die rechte Außenkante ist gänzlich verloren. Das heute in New York befindliche Teilstück gehörte bis 1928 zu den Sammlungen des Fürstlich Hohenzollernschen Museums in Sigmaringen3) und wurde von dort nach Wernigerode verkauft. In den Jahren 1930/1931 war es in amerikanischem Privatbesitz nachweisbar, 1969 kam es in das Metropolitan Museum of Art. Der mittlere Teil befand sich bis 1945 im Besitz der katholischen Pfarrkirche St. Michaelis in Brakel/Krs. Höxter. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es nach Paderborn ausgelagert, seit 1945 ist es verschollen. Diesem Stück fehlte die untere Borte.4)

Drei Register von quadratischen Feldern mit szenischen Darstellungen in Vierpaßrahmen. Jeweils zwei nebeneinanderstehende Darstellungen bilden ein typologisch aufeinander bezogenes Paar. Mit wenigen Ausnahmen sind den einzelnen Figuren oder der gesamten Szene Schriftbänder beigegeben, wobei die neutestamentlichen Darstellungen seltener inschriftlich bezeichnet sind als die dem Alten Testament entnommenen.

Typologische Paare in der oberen Reihe:

1. Links Aaron mit dem blühenden Stab (A1), rechts Gideon mit dem Vlies (A2) – 2. Verkündigung: links der Engel (B1), rechts Maria (B2).

3. Links Ezechiel vor der geschlossenen Pforte (C1), rechts Moses vor dem brennenden Dornbusch (C2) – 4. Geburt Christi (ohne Beischrift).

5. Tiburtinische Sibylle und das templum pacis (D)5) – 6. Anbetung der Könige (ohne Beischrift).

7. Samuel wird zu Eli gebracht, links Eli hinter einem Altar mit Schriftband (E1), rechts zwei Frauen, eine davon trägt ein Kind (Samuel), daneben ein Schriftband (E2) – 8. Darbringung Jesu im Tempel (ohne Beischrift).

Typologische Paare in der mittleren Reihe:

9. David wird von Jungfrauen begrüßt (F) – 10. Christi Einzug in Jerusalem (ohne Beischrift).

11. Isaak (G1) mit dem Holz auf dem Weg zur Opferung und Abraham mit dem Feuer (G2) – 12. Kreuztragung (ohne Beischrift).

13. Opferung Isaaks, links der Engel Abraham Einhalt gebietend, darunter der Widder, die zugehörige Inschrift (H) über dem Altar – 14. Kreuzigung, unter dem Kreuz mit Titulus (I1) links Ecclesia mit Krone (I2) und rechts Synagoge mit Augenbinde (I3).

15. Jona im Maul des Wals (J) – 16. Grablegung Christi (K).

Typologische Paare der unteren Reihe:

17. Moses mit Schriftband erhält von Gott die Gesetzestafeln, links Schriftband (L1), rechts (L2) – 18. Pfingsten, in der Mitte die Taube, unmittelbar darunter Maria, links neben der Taube Schriftband (M).

19. Moses (N1) schlägt Wasser aus dem Felsen, Manna fällt vom Himmel (N2) – 20. Meßopfer, darüber Schriftband (O).

21. Ahasver krönt Esther (P1) und verstößt Vasthi (P2) – 22. Marienkrönung (ohne Beischrift).

23. Jakob und die Himmelsleiter (Q) – 24. Kirchweihe (R).

Auf dem oberen Rahmen sind zunächst zwei Wappen angebracht. Danach jeweils Gruppen von zwei oder drei durch Tituli auf Schriftbändern bezeichneten Heiligen, zwischen den Gruppen jeweils ein Baum: Adrianus mit Schwert (S1), Eustachius mit Krone (?) (S2); Georg mit Kreuzschild und Speer (T1), Mauritius mit Dolch (T2); Achatius mit Kreuz (U1), Hermolaus mit Kreuz (U2); Blasius mit Dolch (V1), Dionysius mit Dolch (V2); Vincentius6) (W), Heiligenfigur7) mit unleserlichem Schriftband, Stephanus (X); Jakobus der Ältere (Y), ein Apostel mit Dolch (Schriftband unleserlich); Christus begleitet von zwei Engeln (ohne Beischrift); Petrus mit Schlüssel, Paulus mit Schwert (Z); Jakobus der Jüngere (AA), von einer weiteren Figur ist nur noch ein Arm zu sehen.

Auf dem unteren Rahmen dieselben zwei Wappen. Im folgenden je zwei zusammenstehende Heilige, gefolgt von einem Baum: zwei tonsurierte Mönche, die zwischen sich ein Schriftband mit den Inschriften BB1 und BB2 halten; Benedikt und Antonius mit je einem Schriftband (CC1 und CC2); Epiphanius (DD1) und Egidius (DD2), beide mit Krummstab; Bernward mit Kirchenmodell (EE1), Godehard (EE2); Heiliger mit Bischofsmitra und Spruchband (FF).

Inschriften D, E, H–K, P–R, X–AA nach Kroos.8)

Maße: H.: 154 cm;9) B.: 480 cm (rekonstruierte Breite des gesamten Behangs), 156 cm (linkes Teilstück), 153 cm (Mittelstück); Bu.: ca. 1 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.10)

  1. A1

    virga aaron(is)a) floruit

  2. A2

    vellus iedeonis

  3. B1

    · aue · gracia · plena ·11)

  4. B2

    · Ecce · ancilla · domini ·12)

  5. C1

    porta eylis pseb)

  6. C2

    rubus Moysy

  7. D †

    [...] te(m)plu(m) stabit [...]c)

  8. E1 †

    Heli sacerdos

  9. E2 †

    Samuel Hanna mater eius

  10. F

    · victore(m) · honorant · v(ir)gines · votis ·

  11. G1

    ysaac · portat · ligna ·

  12. G2

    abraham · portat · ignem ·

  13. H †

    Abraham i(m)molabit ysaac

  14. I1 †

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udeorum)13)

  15. I2 †

    Ecclesia s(an)c(t)a

  16. I3 †

    Jvdea ceca

  17. J †

    Ionas propheta in ventre ceti

  18. K †

    Cristus in corded) terre

  19. L1

    · hic · datur · lex · moysi ·

  20. L2

    populus israheliticus

  21. M

    hic mittitur sp(iri)t(us) · s(an)c(tu)s ·

  22. N1

    moyse p(er)cussit petram a(que) fluxerunt

  23. N2

    · hic · datur · manna · patribus ·

  24. O

    · hic · datur · cristus · fidelib(us) ·

  25. P1 †

    asswerus coronat he[ster]

  26. P2 †

    abi[jcitur] Va[sthi]

  27. Q †

    vidit Iacob scalam

  28. R †

    dedicacio · templi ·

  29. S1

    · s(an)c(tu)s · adrianus ·

  30. S2

    sa(n)ctus · eustachius ·

  31. T1

    · Sanctus · georgius ·

  32. T2

    · sanctus · mauri(ci)us ·

  33. U1

    · sanct(us) · achyuse) ·

  34. U2

    · sanctus · hermelausf)

  35. V1

    · Sanctus · blasius ·

  36. V2

    · sanctus · dyonisius ·

  37. W

    · sanctus · vincencius ·

  38. X †

    sanctus Stephanus

  39. Y †

    sanctus Iacobus

  40. Z †

    sanctus Petrus // · sanctus Paulus ·

  41. AA †

    sanctus Iacobus minor

  42. BB1

    s(anctus) · Fra(n)ciscus

  43. BB2

    s(anctus) · dominicus ·

  44. CC1

    S(an)c(tu)s benedictus

  45. CC2

    [s(an)c(tu)s anthoni]us

  46. DD1

    s(an)c(tu)s epiphanius

  47. DD2

    s(an)c(tu)s egidius

  48. EE1

    [s(an)c(tu)s] bernwardus

  49. EE2

    [sanctus] godehardus

  50. FF

    s(an)c(tu)s Regiusg)

Übersetzung:

Der Stab Aarons blühte. (A1) Das Vlies Gideons. (A2)

Gegrüßt seist du, voll der Gnade. (B1) Sieh die Magd des Herrn. (B2)

Die Tür des Ezechiel. (C1) Der Dornbusch des Mose. (C2)

[...] der Tempel wird stehen [...]. (D)

Der Priester Eli. (E1) Samuel. Hanna, seine Mutter. (E2)

Die Jungfrauen ehren den Sieger mit Glückwünschen. (F)

Isaak trägt das Holz. (G1) Abraham trägt das Feuer. (G2)

Abraham wird Isaak opfern. (H)

Die heilige Kirche. (I2) Das blinde Judaea. (I3)

Der Prophet Jona im Bauch des Wales. (J)

Christus im [Herzen] der Erde. (K)

Hier wird Moses das Gesetz gegeben. (L1) Das Volk Israel. (L2)

Hier wird der heilige Geist gesandt. (M)

Moses schlug den Fels und es flossen die Wasser. (N1) Hier wird den Vätern Manna gegeben. (N2)

Hier wird Christus den Gläubigen gegeben. (O)

Ahasver krönt Esther. (P1) Vasthi [wird verstoßen]. (P2)

Jakob sah die Leiter. (Q)

Weihe des Tempels. (R)

Wappen:
?14), ?15)

Kommentar

Die auf der Randleiste dargestellten Heiligen Epiphanius, Godehard und Bernward legen eine Entstehung des Behangs in Hildesheim nahe. Möglicherweise war er, da Bernward mit dem Kirchenmodell dargestellt ist, für St. Michaelis bestimmt.16) Auch Braunschweig ist als Entstehungsort nicht auszuschließen, da die Hauptpatrone der Braunschweiger Kirchen, Egidius und Blasius (DD2, V1), ebenfalls auf dem Rahmen dargestellt sind. Stilkritische Erwägungen sprechen für eine Datierung um 1400.17)

Das Bildprogramm verbindet die neutestamentlichen Szenen der Vita Christi mit ihren typologischen Präfigurationen aus dem Alten Testament, die vielfach in zwei Szenen aufgeteilt sind. So stehen z. B. die geschlossene Pforte des Ezechiel und der nach dem Brand unversehrte Dornbusch als alttestamentliche Typen für die jungfräuliche Geburt Christi (Bild 3 und 4).18) Vorbilder für die Darstellung typologischer Beziehungen zwischen dem Alten und dem Neuen Testament sind in der Biblia pauperum und im Speculum humanae salvationis gegeben. Das Bildprogramm des Behangs folgt aber nicht konsequent einer dieser Vorlagen, sondern zeigt eine Kontamination beider Zyklen und auch einzelne eigenständige Figurationen, z. B. steht Jakobs Traum von der Himmelsleiter – sonst der Kreuzannagelung zugeordnet – neben einem Bild der Kirchweihe. Diese Anordnung hat ihren Grund wohl darin, daß die Perikope von Jakobs Traum (Gn. 28,12)19) am Kirchweihtag gelesen wird. Moses’ Quellwunder und die Mannaspende – üblicherweise der Kreuzigung (Seitenwunde) bzw. dem Abendmahl gegenübergestellt – sind hier auf das Meßopfer bezogen, und die Vision der Tiburtinischen Sibylle, die eigentlich zum Geburtsbild gehört, steht hier neben der Anbetung der Könige.

Textkritischer Apparat

  1. aaron(is)] Kein Kürzungszeichen.
  2. eylis pse] Unsichere Lesung, das erste Wort vielleicht statt e(zech)y(e)lis, das zweite statt p(rophe)te.
  3. [...] te(m)plu(m) stabit [...]] STELLA (?) [....] STABIT [...] TEMPLUM Kunsthistorische Ausstellung.
  4. corde] Unsichere Lesung. Der Bibeltext lautet (Mt. 12,40): Filius hominis in corde terrae tribus diebus.
  5. achyus] Wohl achatyus.
  6. hermelaus] Wohl hermolaus.
  7. Regius] Unsichere Lesung, vielleicht ist ‚Remigius‘ gemeint.

Anmerkungen

  1. Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 149.
  2. The Cloisters Inv. Nr. 69. 106. – Die Bearbeitung der erhaltenen Teile erfolgte 1985 während der Ausstellung Stadt im Wandel in Braunschweig.
  3. Fürstlich Hohenzollern’sches Museum zu Sigmaringen. Verzeichnis der Textilarbeiten, bearbeitet von F. A. Lehner. Sigmaringen 1874, Nr. 1, S. 1–3.
  4. Zur Besitzgeschichte vgl. Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 92, S. 148–150, hier S. 92 und S. 148; s. a. Kat. Kunst und Kultur im Weserraum 2, S. 436f.
  5. Die Tiburtinische Sibylle hatte dem Kaiser Augustus in der Geburtsstunde Christi in einer Vision den neuen König gezeigt. Diese Weissagung ist als typologisches Gegenbild zur Geburt Christi in das Speculum humanae salvationis aufgenommen worden, allerdings ohne Bezug auf das templum pacis, vgl. Jules Lutz und Paul Perdrizet (Hg.): Speculum humanae salvationis. Mühlhausen 1907, S. 19. Der Einsturz des templum pacis gehört zu den Wunderzeichen aus Anlaß der Geburt Christi (vgl. LCI 1, Sp. 225–227), wie sie u. a. in der Legenda aurea überliefert werden (vgl. Legenda aurea, S. 66f.; die Vision der Tiburtinischen Sibylle ebd., S. 69f.). In spätmittelalterlichen Darstellungen sind die Vision des neugeborenen Königs und der Einsturz des templum pacis oft zusammen ins Bild gesetzt worden, vgl. Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 92 mit Anm. 566 und LCI 1, Sp. 226 mit Abb.
  6. Schnittstelle zwischen beiden Teilstücken, daher fehlt die Darstellung des heiligen Vincentius.
  7. Es handelt sich möglicherweise um Laurentius (so Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 149), der vielleicht einen Rost in den Händen hält.
  8. Die Lesungen von Kroos beruhen für die nicht mehr erhaltenen Teile auf Lesungen und Abbildungen Lehners (wie Anm. 3).
  9. Maße nach Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 149.
  10. Über die Schriftform der Versalien läßt sich aufgrund des schlechten Erhaltungszustands keine Aussage machen.
  11. Lc. 1,28.
  12. Lc. 1,38.
  13. Io. 19,19.
  14. Wappen ? (Löwe).
  15. Wappen ? (gezungter Bärenkopf).
  16. Vgl. Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 149, Quellenanhang Nr. 248. Auch Lehner (wie Anm. 3), S. 3 sowie der Autor des Katalogartikels in: Kunsthistorische Ausstellung Düsseldorf 1904, Düsseldorf 21904, Nr. 731, 731a gehen von Hildesheim als Entstehungsort aus (S. 222).
  17. Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 93.
  18. Im einzelnen dazu Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 92.
  19. Vgl. Bibliorum sacrorum iuxta Vulgatam Clementinam nova editio, hg. von Aloisius Gramatica. Mailand 1959, S. 22.

Nachweise

  1. Kroos, Niedersächsische Bildstickereien, S. 149, Abb. 328–338.
  2. F. A. Lehner: Fürstlich Hohenzollern’sches Museum zu Sigmaringen. Verzeichnis der Textilarbeiten. Sigmaringen 1874, S. 2f. (A–C, F, G, L–O, BB–EE).
  3. Kunsthistorische Ausstellung Düsseldorf 1904. Düsseldorf 21904, S. 222f.
  4. Kat. Kunst und Kultur im Weserraum 2, S. 436f.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 115(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0011503.