Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 110 Dom-Museum 1365–1398

Beschreibung

Kelch mit Patene.1) Gold. Der Kelch wurde aufgrund seiner Kostbarkeit Bischof Bernward zugeschrieben2) und folglich als „Bernwardkelch“ bezeichnet, seltener auch als „Othwinkelch“.3) Neuerdings wird er „Großer Goldkelch Bischof Gerhards“ genannt.4) Auf dem runden Fuß mit einer von Vierpässen durchbrochenen Zarge sind in sieben durch Schlingen verbundenen Medaillons Szenen aus dem Leben Christi eingraviert: 1. Verkündigung, der Engel hält ein Schriftband mit Inschrift A; 2. Anbetung durch die Heiligen Drei Könige; 3. Darbringung Christi im Tempel; 4. Kreuzigung, rechts unter dem Kreuz Johannes, der Hauptmann – ausgewiesen durch Inschrift B in einem Schriftband über seinem Kopf – und ein Mann mit einem Judenhut, links unter dem Kreuz Maria und drei weitere Figuren, von denen eine nahezu vollständig verdeckt ist, über dem Kreuz ein geschwungenes Schriftband mit dem Titulus C; 5. Auferstehung Christi; 6. Himmelfahrt; 7. Pfingsten. In den Zwickeln der Medaillons antike und mittelalterliche Gemmen, Kameen und Edelsteine. Zwischen der Verkündigung und der Anbetung der Könige ist eine aus dem 2./3. Jahrhundert stammende Kamee angebracht, die eine Hand zeigt, die an einem Ohrläppchen zupft.5) Die Darstellung ist von der Inschrift ΜΝΗΜΟΝΕΥΕ ΜΟΥ ΚΑΛΗ ΨΥΧΗ ‚Gedenke meiner, schöne Seele’ umgeben. Der trichterartig aufsteigende Kelchfuß geht in ein zylindrisches, mit einem Palmettenornamentband verziertes Schaftstück über. Als Nodus dient ein geschliffener topasfarbiger Citrin. Oberhalb des Nodus ein weiteres mit Blattwerk verziertes zylindrisches Schaftstück. Die Kuppa zeigt in Gravur das Abendmahl: Christus, der dem vor ihm knienden Judas Ischariot das Brot reicht, sitzt mit den übrigen elf Jüngern am Tisch. Die Figuren sind von Fünfpaßarkaden überwölbt. Unter der Darstellung in einem umlaufenden Schriftband glatt vor gitterartig graviertem Hintergrund die Inschrift D. Am Ende jedes Halbverses sind die Reime durch heraldische Lilien markiert.

Auf der Patene sind in der Mulde fünf Darstellungen in Medaillons angebracht: im Zentrum das Lamm Gottes mit Kreuzfahne, Nimbus und Kelch umgeben von vier Medaillons mit den Symbolen der vier Evangelisten, die jeweils ein Schriftband mit den gravierten Inschriften E halten. Zwischen den Medaillons vier inzensierende Engel. Auf dem Rand, ebenfalls glatt vor gitterartigem Hintergrund, die Inschrift F. Die Reime sind durch ein Quadrangel mit ausgezogenen Ecken, eine stilisierte Blüte und eine heraldische Lilie markiert.

Maße: Kelch H.: 22,3 cm; Dm.: 15 cm (Kuppa), 18 cm (Fuß); Bu.: 0,1 cm (A–C), 0,7 cm (D).Patene Dm: 18,9 cm; Bu.: 0,2 cm (E), 0,9 cm (F).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A–C, E) mit Versalien (D, F).

DI 58, Nr. 110 - Dom-Museum - 1365–1398

 Schoepe [1/2]

  1. A

    ave gracia plena d(omi)n(u)s6)

  2. B

    vere filius7)

  3. C

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udeorum)8)

  4. D

    Rex sedet in cena · turba cinctusa) dvodena · se tenet in manibvs · se cibat ip(s)e cibvs ·9)

  5. E

    ioha(n)nes // matevs · // marcvs // lvcas

  6. F

    + victima que vicit · septem signacula solvit · Vt comedas pascha · scandes cenacula celsa

Übersetzung:

Gegrüßt seist du, voll der Gnade, der Herr [ist mit dir]. (A)

[Dieser war] wahrhaft [Gottes] Sohn. (B)

Der König sitzt beim Abendmahl, umringt von der Schar der zwölf [Jünger]. Er hält sich selbst in den Händen, und er speist sich selbst als Speise. (D)

Das Opfer, das gesiegt hat, löst die sieben Siegel. Um das Opferlamm mitzuessen, wirst du zum hohen Abendmahlssaal emporsteigen. (F)

Versmaß: Elegisches Distichon, zweisilbig leoninisch gereimt (D); zwei Hexameter, einsilbig leoninisch gereimt (F).

Kommentar

Die Inschriften D und F des Goldkelchs entsprechen in ihren Schriftcharakteristika der Inschrift D auf dem von Bischof Gerhard für die Kartause gestifteten Kelch (Nr. 108),10) lediglich einzelne Oberlängen ragen in den Inschriften auf dem Großen Goldkelch über das Schriftband hinaus. Außerdem stimmt die auf der Kuppa des Goldkelchs angebrachte Inschrift D wörtlich mit der Umschrift auf der zu jenem Kelch (Nr. 108) gehörenden Patene überein.

In Inschrift F klingt im ersten Vers Apc. 5–8 an: Das Lamm, das erwürgt ist, ist allein fähig, die sieben Siegel zu öffnen. Der zweite Vers richtet sich an den zelebrierenden Priester, der in der Eucharistiefeier das Passahmahl Christi erneuert. Ihm hält der Diakon am Ende der Opferung die Patene mit der Hostie entgegen. Das Sursum corda, das die nachfolgende Praefation einleitet, entspricht, der Meßerklärung des Amalarius (9. Jahrhundert) zufolge, dem Aufstieg Christi in den Abendmahlssaal: Hunc ordinem sequitur sacerdos: cum suis auditoribus ascendit in caenaculum, quando dicit: „Sursum corda“ 11) ‚dieser Ordnung folgt der Priester: Mit seinen Hörern steigt er in den Abendmahlssaal, wenn er spricht: „Die Herzen in die Höhe“.‘ Zum Inhalt von Inschrift D vgl. den Kommentar zu Nr. 108.

Kelch und Patene gehören zu den Stiftungen Bischof Gerhards (1365–1398) für den Dom. Darauf weisen nicht nur die genannten Übereinstimmungen mit dem durch die Stifterinschrift Bischof Gerhards eindeutig als sein Geschenk ausgewiesenen Kelch der Kartause hin, sondern auch ein Eintrag im Domschatzverzeichnis von 1409: Item calicem magnum aureum ornatum cum quindecim lapidibus preciosis et aurea patena, quem dedit dominus Gherardus episcopus.12) Den Chronica S. Michaelis zufolge stammten die Mittel für diese Stiftung aus dem Lösegeld, das der in der Schlacht bei Dinklar im Jahr 1367 siegreiche Bischof Gerhard für die Freilassung der Gefangenen erzwungen hatte.13)

Textkritischer Apparat

  1. cinctus] Der gebrochene obere Bogenabschnitt des c geht in den Balken des t über.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: DS 14. Ausführliche Beschreibung: Michael Wolfson: Der große Goldkelch Bischof Gerhards. Eucharistie und Bildprogramm. In: Kat. Goldkelch, S. 37–45.
  2. Michael Wolfson: Bernward und der große Goldkelch im Hildesheimer Domschatz. Geschichte und Geschichten. In: Kat. Goldkelch, S. 9–16.
  3. B/R, Nr. 9, S. 75f. Die Bezeichnung „Othwinkelch“ beruht auf der in der Handschrift DBHi, HS 123 überlieferten niederdeutschen Fassung der Bernward-Vita des Abtes Dietrichs II. (1181–1204) von St. Michaelis, der zufolge Bernward den Namen seines Vorgängers Othwin auf dem Fuß des Kelchs angebracht hat, weil dieser ihm die Gemmen und Edelsteine für einen Kelch überlassen hatte, vgl. Wolfson (wie Anm. 2), S. 14–16 mit Anm. 18: darvan makede he eynen sconen Kelck und screff dar Othwinus namen up alse men dat huten dages dat noch beseyen mach (HS 123, S. 23, zitiert nach Wolfson).
  4. Kat. Goldkelch, passim.
  5. Im einzelnen dazu Antje Krug: Die geschnittenen Steine. In: Kat. Goldkelch, S. 61–67.
  6. Lc. 1,28.
  7. Mt. 27,54: Vere filius Dei erat iste.
  8. Io. 19,19.
  9. Vgl. Nr. 108, Anm. 5. Ausführlicher zur Textgeschichte: Christine Wulf: Die Inschriften auf dem großen Goldkelch im Domschatz. In: Kat. Goldkelch, S. 68f.
  10. Schriftbeschreibung s. dort.
  11. Amalarii Episcopi Opera liturgica omnia, hg. von Johannes Michael Hanssens SJ, Bd. 2. Città del Vaticano 1948, Buch III, Kapitel 21 ‚De ymno ante passionem Domini sive praeparatione’, S. 324f.
  12. Doebner, Schatzverzeichnis 1409, S. 117. Doebner bezieht fälschlicherweise erst den nächsten Eintrag Item calicem magnum aureum cum sex margaritis et pathena aurea auf den Bernwardkelch bzw. den Großen Goldkelch; richtiggestellt von Michael Wolfson: Bischof Gerhard vom Berge, die Schlacht bei Dinklar und der große Goldkelch im Hildesheimer Domschatz. In: Kat. Goldkelch, S. 17–23, hier S. 17.
  13. Chronica S. Michaelis, ed. Meibom, S. 401.

Nachweise

  1. DBHi, HS 114b, fol. 56v (D, F).
  2. DBHi, HS 297, S. 5 (D).
  3. Johann Ludwig Brandes: Gloriosa antiquitas Hildesina [o. O. 1786], Tafel 4, Abb. 11 u. 12.
  4. Kratz, Dom 2, S. 40–42.
  5. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 107 (A, E, G).
  6. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 97–99 (A, E, G; Abb.).
  7. Alfs, Geschnittene Steine, S. 24, Nr. 36 (D), Abb. Tafel V.
  8. B/R, S. 75f., Tafel 12, Abb. 1f.
  9. Fritz, Goldschmiedekunst, Abb. Tafel X (Kelch), Abb. 491 (Patene).
  10. Christine Wulf: Die Inschriften auf dem großen Goldkelch im Domschatz. In: Kat. Goldkelch, S. 68f., Abb. S. 38f. (D), S. 36 (E, F).
  11. Slg. Rieckenberg, S. 544–547, ein Photo.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 110 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0011008.