Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 68 St. Michaelis 1270

Beschreibung

Glocke. Sie wurde im Jahr 1812 in die Kirche nach Burgdorf (Amt Salder) gebracht. Nachdem sie gesprungen war, wurde sie 1876 vom damaligen Herzoglichen Museum, dem heutigen Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig angekauft.1) Im Jahr 1956 wurde sie geschweißt und als Leihgabe an die St. Michaelis-Gemeinde gegeben.2)

Die Glockenkrone besteht aus sechs Kronenöhren. Die Inschriften A und B sind als Umschrift um die Glockenschulter zwischen zwei Doppelstegen angebracht. Als Worttrenner stehen einfache, doppelte und dreifache Punkte. Die beiden Buchstaben von Inschrift C befinden sich auf der sonst schlichten Glockenflanke, beide mit einem Kreuz. Die Inschriften sind erhaben gegossen.

Maße: H.: 96 cm; Dm.: 115 cm; Bu.: 3–3,5 cm (A, B), 4–5 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A, B), griechische Buchstaben (C).

DI 58, Nr. 68 - St. Michaelis - 1270

 Christine Wulf [1/2]

  1. A

    + · ANNO · D(OMI)NI M · CC · LXX · FACTA · EST · MAIOR · AD LAVDEM D(OMI)NI · N(OST)RI · JE(S)Va) CHR(IST)Ib)

  2. B

    + HAC · IN · CAMPANA · SIT · LAVS · TIBI CHR(IST)Ec) SONORA +

  3. C

    Α ω

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1270 wurde die größere [Glocke] zum Lob unseres Herrn Jesus Christus gemacht. (A)

Durch diese Glocke erschalle dir, Christus, Lob. (B)

Versmaß: Hexameter, einsilbig leoninisch gereimt (B).

Kommentar

Die Inschrift ist in einer sehr sorgfältig gestalteten gotischen Majuskel ausgeführt: kapitales M mit geraden Hasten (die linke mit einer aufgesetzten Schwellung) steht neben einem geschlossenen unzialen M im Datum und einem halbgeschlossenen M in MAIOR. N und T kommen sowohl in kapitaler wie auch in runder Form vor, das runde T mit ausgeprägten Bogenschwellungen. E und C sind mit Abschlußstrichen versehen, auch das runde F ist in seinem oberen Teil nahezu abgeschlossen. Keilförmige Bogenenden oder ausgeprägte Sporen und ein verstärktes Mittelteil lassen die S als kompakten, abgeschlossenen Buchstaben erscheinen. Der Buchstabe A ist in mehreren Varianten ausgeführt: Neben dem kapitalen A mit gebrochenem Querbalken stehen u. a. ein spitz zulaufendes A mit leicht nach innen durchgebogenen Hasten und ausladendem, aber bis auf die Sporen dünnstrichigen Deckbalken, ein A mit schräg nach rechts unten verlaufendem Mittelbalken sowie eine Sonderform des pseudounzialen A, dessen linke Haste am Deckbalken ansetzt, sich keilförmig nach unten verbreitert und bereits knapp unterhalb der Buchstabenmitte endet. Die rechte Haste dieses A (in SONORA) ist außerdem mit einer ausgeprägten aufgesetzten Schwellung versehen und endet in einem kleinen Häkchen. Solche Häkchen, die oft in einem Punkt auslaufen, verzieren die rechten unteren Enden bei mehreren Buchstaben. Als weiteres Zierelement sind die zwei Nodi neben der Haste des I zu beobachten. Die Schriftkonzeption ist von einer deutlichen Variation der Strichstärke geprägt: neben feinen linearen Bereichen stehen üppige flächige Schwellungen.

Textkritischer Apparat

  1. JE(S)V] JHV.
  2. XPI.
  3. XPE.

Anmerkungen

  1. Vgl. Hermann Riegel: Herzogliches Museum. Die Sammlung mittelalterlicher und verwandter Gegenstände. Braunschweig 1879, S. 89, Nr. 104.
  2. Daten nach Glockenkartei Dr. Friedrich Waak, Amt für Bau- und Kunstpflege der Ev. luth. Landeskirche Hannovers.

Nachweise

  1. Wilhelm Weimar: Monumentalschriften vergangener Jahrhunderte von ca. 1180–1812 an Stein-, Bronze- und Holzplatten. Wien [1898], Tafel IV u. S. 5.
  2. Hermann Riegel: Herzogliches Museum. Die Sammlung mittelalterlicher und verwandter Gegenstände. Braunschweig 1879, S. 89, Nr. 104.
  3. Slg. Rieckenberg, S. 469.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 68 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0006809.