Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 67 Dom 2. V. 13. Jh.

Beschreibung

Vgl. Schemazeichnung 3, S. 161.

Taufe. Messing.1) Konischer Kessel mit Deckel auf vier Trägerfiguren. Die Taufe stand bis 1653 im Mittelschiff,2) heute ist sie in der Georgskapelle an der Nordseite des Doms aufgestellt. Kessel und Deckel sind mit Darstellungen im Halbrelief verziert. Das S. 161 in einer Zeichnung wiedergegebene Schema, das auf Victor H. Elbern zurückgeht,3) zeigt den ikonographischen Aufbau der Taufe und die Anbringungsorte der Inschriften.

Grundprinzip des Aufbaus ist die Zahl Vier. Als Träger des Kessels dienen vier kniende männliche Figuren, die Wasser aus Krügen gießen. Sie stehen für die Paradiesflüsse: Phison, Geon, Tigris und Euphrat. Oberhalb der Figuren verläuft am unteren Rand des Beckens eingerahmt von Zierleisten Inschrift A.

Die Kesselwand ist mit vier Darstellungen verziert, die durch vier Säulen voneinander getrennt sind. Unter den Basen der Trennsäulen Dreiviertelkreismedaillons mit den Umschriften B1–E1, in denen die vier Kardinaltugenden als weibliche Halbfiguren dargestellt sind.4) Die Figuren halten jeweils Schriftbänder mit den Inschriften B2–E2. Im einzelnen: Prudentia mit Schlange und Buch (B1, B2), die letzten zwei Wörter der Inschrift B2 im Innenfeld des Medaillons rechts neben der Figur. Temperantia mit zwei Krügen, zwei Flüssigkeiten mischend (C1, C2). Fortitudo mit Rüstung, Schwert und Spruchband, darauf zunächst einzeilig außerhalb des Medaillonrahmens Inschrift D2, der Schluß des Texts in zwei Zeilen auf der linken Seite des Medaillonrahmens. Inschrift D1 rechts auf dem Medaillonrahmen. Justitia mit Waage (E1, E2).

Auf den Kapitellen der Trennsäulen befinden sich Vollkreismedaillons mit Halbfiguren der Propheten: Jesaja, Jeremia, Daniel und Ezechiel. In den Medaillonrahmen sind ihre Namen angebracht (F1–I1). Die Figuren halten Spruchbänder mit den Inschriften F2–I2. Oberhalb der Trennsäulen befinden sich die Symbole der vier Evangelisten, deren Namen auf einem vorspringenden Band am oberen Abschluß des Bildfeldes (J1–M1) eingraviert sind. Die Figuren halten Spruchbänder mit den Inschriften J2–M2.

Auf der Kesselwand zwischen den Trennsäulen vier von Dreipaßbögen überwölbte Darstellungen. 1. Stifterbild: In der Mitte Maria mit Kind. Christus hält in der Linken ein Lilienzepter, die Rechte stützt das Kinn der Mutter. Zur Rechten der Gottesmutter ein heiliger Bischof mit Nimbus, Stab und Buch (Godehard?), zu ihrer Linken ein heiliger Bischof mit Nimbus und Stab (Epiphanius?). Zwischen der Gottesmutter und dem Bischof auf der linken Seite kniet eine Stifterfigur mit Spruchband N1, links neben dem Kopf der Gottesmutter (N2), am Dreipaßbogen über der Szene die Stifterinschrift N3. 2. Durchzug durch das Rote Meer: Moses als Führer mit Nimbus, in der Linken die Gesetzestafeln, mit der Rechten das Wasser teilend. Neben seinem Kopf Inschrift O1, hinter ihm das Volk der Juden, gekennzeichnet durch Judenhüte. Am Dreipaßbogen über der Szene die Inschrift O2. 3. Taufe Christi im Jordan: Christus im Jordan stehend, über seinem Kopf der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, darüber Gottvater mit einem Schriftband P1, rechts zwei Engel mit Tüchern. Am Dreipaßbogen über der Szene die Inschrift P2. 4. Durchquerung des Jordans: Die Bundeslade wird durch den Jordan getragen. Die Träger haben jeweils einen Stein in der Hand. Im Dreipaßbogen über der Szene Inschrift Q. Am oberen Rand des Beckens ist zwischen zwei Zierleisten die Inschrift R angebracht.

Am unteren Rand des Deckels zwischen zwei Linien Inschrift S. Die Inschrift wird durch florales Beschlagwerk, an dem ein schlangenförmig gestalteter Griff ansetzt, nach dem Kreuz unterbrochen.

Auf dem Deckel befinden sich zwischen von Dreipaßbögen überwölbten Säulen vier Darstellungen. 1. Aarons blühender Stab: In der Mitte steht ein Altar, darauf zwölf Stäbe, von denen einer blüht. Rechts Aaron mit Krug durch Inschrift T1, links Moses mit Stab durch Inschrift T2 bezeichnet, die Buchstaben beider Inschriften stehen senkrecht untereinander. Moses hält ein Schriftband mit der Inschrift T3 in der linken Hand; T4 am Dreipaßbogen über der Darstellung. 2. Kindermord von Bethlehem: In der Mitte ein Soldat mit erhobenem Schwert, links von ihm zwei Mütter mit neugeborenen Kindern, rechts von ihm Herodes, durch Inschrift U1 bezeichnet, rechts von diesem ein weiterer Mann mit Schwert. Im Dreipaß über der Szene Inschrift U2. 3. Eine Sünderin (Maria Magdalena) wäscht Christus im Hause des Pharisäers Simon die Füße: Neben Christus sitzen zwei Männer mit Judenhüten, der rechte (Simon) hält ein Spruchband mit Inschrift V1, Christus hält ein Spruchband, darauf Inschrift V2, auf dem Dreipaß über der Szene V3. 4. Die Werke der Barmherzigkeit: In der Mitte thront Misericordia mit Nimbus,5) über ihrem Kopf Inschrift W1. Sie teilt an zwei Kniende Wasser und Brot aus. Rechts außen ein durch Mantel, Tasche, Muschel und Stab ausgewiesener Pilger. Links außen ein Nackter, der ein Gewand hält. Zu Füßen der Misericordia ein Kranker auf seinem Lager und ein Gefangener. Die Darstellung wird von einem Dreipaßbogen mit Inschrift W2 überwölbt. In den Zwickeln der Dreipaßbögen Brustbilder von alttestamentlichen Königen und Propheten, die durch von Akanthusblättern überwölbte Felder getrennt sind. 1. Salomo. Rechts neben ihm Inschrift X1. Er hält ein Schriftband mit Inschrift X2. 2. Jeremia, rechts neben ihm in zwei Zeilen Inschrift Y1. Er hält ein Schriftband mit Inschrift Y2. 3. David, neben ihm im Akanthus-Feld die zweizeilig ausgeführte Inschrift Z1. Er hält ein Spruchband mit Inschrift Z2. 4. Jesaja, neben ihm im Akanthus-Feld Inschrift AA1, hält ein Schriftband mit der Inschrift AA2. Auf dem Deckel ein knospenförmiger Aufsatz. Die Inschriften sind zum Teil in Konturschrift graviert.

Maße: H.: 170 cm; Dm.: 95,5 cm; Bu.: 0,5 cm (F2, X1) bis 3 cm (A).

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Versmaß: Vier Hexameter, endgereimt (A, R die beiden ersten Verse jeweils auch zäsurgereimt).   Hexameter (C1).   Hexameter, einsilbig leoninisch gereimt (E2).   Elegisches Distichon, zäsur- und endgereimt (N3).  Zwei Hexameter, endgereimt (O2).   Zwei Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt (P2). Elegisches Distichon, endgereimt (Q). Vier Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt (S). Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt (T4, U2, V3, W2).

Kessel

Exegese Paradiesflüsse/Tugenden

  1. A

    + OS · MVTANS · PHISON · E(ST) · PRUDENTIa) · SIMILATVS · + TEMP(ER)IEM · GEON · T(ER)RE · DESIGNAT · HIAT(US) · + EST · VELOX · TIGRIS · Q(U)O · FORTIS · SIGNIFICAT(UR) · + · FRVGIFER EUFRATES · EST · IUSTICIA·Q(UE) · NOTAT(UR) ·

Tugenden

  1. B1

    PRVDENTIA ·

  2. B2

    ESTOTE · PRVDENTE(S) // SIC(UT) · SERPENTES ·6)

  3. C1

    OM(N)E · TVLIT · PU(N)CTV(M) · Q(UI) · MISCVITb) · VTILE · DVLCI ·7)

  4. C2

    TEMPERANTIA

  5. D1

    FORTITUDO ·

  6. D2

    VIR · Q(U)I · D(OMI)NAT(UR) · A(N)I(M)O · SVO · FORTIOR · E(ST) · EX/PVGNATO/RE · VRB(IUM)c)8)

  7. E1

    IUSTICIA

  8. E2

    O(MN)IA · I(N) N(UMERO) M(EN)SVRAd) · (ET)e) · PON(DERE) · PO(NO) ·9)

Propheten

  1. F1

    · YSAYAS · PROPHETA ·

  2. F2

    · EGREDIETORf) · VI(R)GAg) · DE · RA(DICE) · YES(SE)10)

  3. G1

    HIEREMJAS · PROPHETA ·

  4. G2

    REGNAB(IT) · REX · (ET)e) SAP(IENS) · ER(IT)11) ·

  5. H1

    · DANIEL · PROPPHET·Ah) · +

  6. H2

    OM(NE)S · P(O)P(U)L(I) (ET)e) T(R)IB(US)i) · (ET)e) · LINGUE · IP(S)I · S(ER)VIE(N)T ·12)

  7. I1

    · EZECHIEL · PROPHETA ·

  8. I2

    SI(MI)LITVDO · A(N)I(M)ALIV(M) · (ET)e) · HIC AS(PECTUS) · EO(RUM)13)

Evangelisten

  1. J1

    · S(AN)C(TU)S · MATHEVS · EWANG(E)L(IST)A ·

  2. J2

    IPSE · SALVV(M) · FACIET · P(O)P(U)L(U)M · SUU(M) · A · PEC(CATIS) · EO(RUM)14)

  3. K1

    · S(ANCTUS) · LVCAS · EWANG(E)L(IST)A ·

  4. K2

    DABIT · ILLJ · D(OMI)N(U)S · SEDE(M) · D(AVI)D · P(ATRIS) · EI(US) ·15)

  5. L1

    · S(ANCTUS) · MARCVS · EWANG(E)L(IST)A ·

  6. L2

    · IPSE · VOS · B/ABTIZAB(IT) · I(N) / SP(IRIT)V · S(AN)C(T)O · (ET) · IGNE ·16)

  7. M1

    · S(ANCTUS) · IOHANNES · EVVANG(E)L(IST)A ·

  8. M2

    UERBV(M) · CARO · F(A)C(TU)M · E(ST)17)

Zentrale Darstellungen: Stifterbild, Taufe Christi und Vorbilder

  1. N1

    AVE · MARIA · GR(ATI)A · PLENA18)

  2. N2

    S(AN)C(T)A · MARIA ·

  3. N3

    · WILBERN(US). UENIE. SPE. DAT · LAVDIQ(UE)j) · MARIE + HOC · DECVS · ECCLESIE · SVSCIPE · CHR(IST)Ek) · PIE ·

  4. O1

    MOYSES ·

  5. O2

    P(ER) · MARE · P(ER) · MOYSEN · FUGIT · EGJPTV(M) · GEN(US) · HORV(M)l) · P(ER) · CHR(ISTU)Mm) · LAVAC(R)O · FUGIM(US) · TENEBRAS · UICJORVM ·

  6. P1

    HIC / · ESTn) · / FILI(US) · M(EU)S · DILECTUS ·19)

  7. P2

    HIC · BABTIZATUR · CHR(ISTU)So) · QVO · S(AN)C(T)IFICATVR · NOB(IS) · BABTI(S)MA · T(R)IBVENS · IN · FLAMJNE · CRISMA ·

  8. Q

    AD · PAT(R)IA(M) · IOSUE · DVCE · FLVMEN · TRANSJT · HEBREVS · DVCIMUR · AD · VITA(M) · TE · DVCE · FONTE · DEUS ·

Exegese: Paradiesflüsse/Tugenden und Propheten/Evangelisten

  1. R

    + QVATUOR · IRRORANT · PARADISJ · FLVMINA · MUNDVM · + UJRTVTES · Q(UE) · RIGANT · TOTIDEM · COR · CRIMINE · MUNDVM · + ORA · PROPHETARVM · QVE · UATICJNATA · FUERVNT · + HEC · RATA · SCRIPTORES · EWANGELII · CECINERVNT · +

Deckel

Exegese: Vier Arten der Taufe

  1. S

    + · MVNDAT · UT · JNMVNDA · SACRI · BAPTISMATIS · UNDA · SIC · IVS·TE · FUSVS · SANGUIS · LAVACHRI · TENET · VSUSp) · POS[T]q) · LAVAT · ATTRACTA20) · LACRIMIS · CONFESSIO · FACTA ·r) CRIMINE · FEDATJS · LAVACHRUM · FIT · OPVS · PIETATIS · +

  2. T1

    AARON ·

  3. T2

    MOYSES ·

  4. T3

    P(RO)PH(ET)AM · SVS(CITABIT) · DE · F(RATRIBUS) · V(ESTRIS) ·21)

  5. T4

    · UIRGA · VIGET · FLORE · PARIT ALMA · VIGENTE · PVDORE ·

  6. U1

    HERODES ·

  7. U2

    · Q(U)OS · DOLOR · OSTENTA·T · CRVOR · A · CRVDELE · CRUENTAT ·

  8. V1

    HIC · SI · E(SS)ET · P(ROP)H(ET)A · SCI(RET) · V(TIQUE) · Q(UALIS) · (ET) · Q(UAE) · E(ST) · MV(LIER) · Q(UAE) · T(ANGIT) · E(UM) ·22)

  9. V2

    · REMITTVNTUR · EI · PEECATAs) · MVLTA23)

  10. V3

    · SPE · REFICIT · PECTUS · LACRJMJS · A · FLENTE · REFECTUS ·

  11. W1

    MISERICORDIA ·

  12. W2

    + DAT · UENIA(M) · SCELERJt) · P(ER) · OPES · INOPVM · MISERERJ ·

Könige und Propheten

  1. X1

    SALOMON · R(EX) ·

  2. X2

    FLORES · MEI · FRVCT(US) · HO(NORIS) · (ET) · HO(NESTATIS)24)

  3. Y1

    HIEREMIAS · / P(ROPHETA) ·

  4. Y2

    UOX · I(N) · RAMA AVD(ITA) · PLO(RATUS) · (ET) · V(LULATUS) · R(ACHEL) · P(LORANS) · F(ILIOS) · S(UOS) ·25)

  5. Z1

    D(AVI)D · / REX ·

  6. Z2

    CIBAB(IS)u) · NOS · PANE LA(CRIMARUM) · (ET) · PO(TUM) · D(ABIS)v) · N(OBIS) · I(N) · LA(CRIMIS) · I(N) M(EN)S(URA) ·w)26)

  7. AA1

    YSAIAS · P(ROPHETA) ·

  8. AA2

    FRANGE · ESVR(IENTI) · PA(NEM) · T(UUM) · (ET)e) · EG(ENOS) · VA(GOSQUE) · IND(UC) · I(N) · DO(MUM) T(UAM) ·27)

Übersetzung:

Der seine Mündung verändernde Phison ist dem Klugen gleich. Geon, der Erdspalt, bezeichnet die Mäßigung. Schnell ist der Tigris, wodurch der Starke bezeichnet wird. Fruchtbringend ist der Euphrat und durch die [Tugend der] Gerechtigkeit gekennzeichnet. (A) Klugheit. (B1) Seid klug wie die Schlangen. (B2) Aller Beifall ist dem sicher, der das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. (C1) Mäßigung. (C2) Stärke. (D1) Der Mann, der sein Inneres beherrscht, ist stärker als der Eroberer von Städten. (D2) Gerechtigkeit. (E1) Ich ordne alles nach Zahl, Maß und Gewicht. (E2) Der Prophet Jesaja. (F1) Es wird ein Zweig von der Wurzel Jesse ausgehen. (F2) Der Prophet Jeremia. (G1) Er wird als König herrschen und er wird weise sein. (G2) Der Prophet Daniel. (H1) Alle Völker, Stämme und Zungen werden ihm dienen. (H2) Der Prophet Ezechiel. (I1) Sie sind gleich den Tieren, und dies ist ihr Bild. (I2) Der heilige Evangelist Matthäus. (J1) Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. (J2) Der heilige Evangelist Lukas. (K1) Der Herr wird ihm den Sitz seines Vaters David geben. (K2) Der heilige Evangelist Markus. (L1) Er wird euch im Heiligen Geist und im Feuer taufen. (L2) Der heilige Evangelist Johannes. (M1) Das Wort ist Fleisch geworden. (M2) Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade. (N1) Heilige Maria. (N2) Wilbernus schenkt in der Hoffnung auf Vergebung und zum Lob Marias diesen Schmuck der Kirche. Nimm ihn, Christus, gnädig an. (N3) Durch das Meer und unter der Führung des Mose flieht das Volk dieser [sc. Israeliten] aus Ägypten. Durch Christus fliehen wir in der Taufe aus der Finsternis der Sünden. (O2) Dieser ist mein geliebter Sohn. (P1) Hier wird Christus getauft, wodurch für uns die Taufe geheiligt wird, die im Geist die Salbung spendet. (P2) [Auf dem Weg] in sein Vaterland überschreitet unter der Führung Josuas der Hebräer den Fluß. Wir werden durch deine Führung, Gott, in der Taufe zum Leben geführt. (Q) Die vier Paradiesflüsse bewässern die Welt, und ebenso viele Tugenden benetzen das Herz, das rein ist von Sünde. Was der Mund der Propheten vorausgesagt hatte, das haben die Evangelisten als gültig verkündet. (R) So wie das Wasser der heiligen Taufe das Unreine reinigt, so hat auch das gerecht vergossene Blut die Wirkung des reinigenden Bades. Danach reinigt die Beichte durch Tränen die begangenen Sünden. Für diejenigen, die durch die Sünde entstellt sind, wird das Werk der Frömmigkeit zur Reinigung. (S) Aaron. Moses. Er wird einen Propheten aus euren Brüdern erheben. (T3) Der Stab [Aarons] wird lebendig und blüht; die gütige [Mutter] gebiert, und dennoch steht ihre Keuschheit in Blüte. (T4) Herodes. (U1) Diejenigen, die ihr Schmerz verrät, besudelt – wie grausam! – das Blut. (U2) Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er wohl, von welcher Art und was für eine Frau es ist, die ihn berührt. (V1) Ihr werden viele Sünden vergeben. (V2) Mit Hoffnung stärkt ihre Brust, der selbst durch die Tränen von der Weinenden gestärkt wurde. (V3) Barmherzigkeit. (W1) Es bringt Vergebung der Sünde, sich durch Spenden der Armen zu erbarmen. (W2) König Salomon. (X1) Meine Blüten bringen Früchte des glänzenden Ansehens und der Ehrenhaftigkeit. (X2) Der Prophet Jeremia. (Y1) Von Rama hörte man eine Stimme, Weinen und Klagen: Rachel weint um ihre Kinder. (Y2) König David. (Z1) Du wirst uns mit dem Brot der Tränen speisen und uns den Trank in Tränen in [großem] Maß geben. (Z2) Der Prophet Jesaja. (AA1) Brich dem Hungrigen dein Brot, und führe die Bedürftigen und die Umherirrenden in dein Haus. (AA2)

Schriftformen und Datierung

Die Inschriften der Taufe gehören zu den frühesten Belegen für die Verwendung der gotischen Majuskel in Hildesheim. In den Grundformen läßt sich hier im Unterschied zum Bernhardkelch (Nr. 64) ein ausgeprägter Wechsel, vielfach sogar ein regelmäßiges Alternieren von eckig-spitzen und runden Formen erkennen: A, B, D, E, F, H, I, M, N, T und U kommen sowohl rund als auch eckig, oft in mehreren Ausführungsvarianten vor. Einzelne E sind rechts vollständig durch einen Abschlußstrich geschlossen. Die Buchstaben der großen Inschriften am Kessel- und Deckelrand sind teils konturiert, teils mit einfachem Strich ausgeführt. Konturiert sind in der Regel die Schwellungen und die Verstärkungen sowie einzelne Querbalken von A, E und H. Viele Bögen sind mit ausgeprägten Anschwüngen versehen (GEON; A) oder an ihren Enden lang ausgezogen. Die Inschriften des Deckels unterscheiden sich in einzelnen Charakteristika von denen des Kessels.28) So sind die Stege der konturierten Buchstabenteile auf dem Deckel durchgehend quergestrichelt, während sie auf dem Kessel – mit wenigen Ausnahmen in Inschrift S – glatt sind. Auch in den verwendeten Zierformen unterscheiden sich die Deckel- von den Kesselinschriften. In den Inschriften des Kessels setzt an den Buchstabenenden (z. B. R) oft ein nach unten gebogenes Häkchen an, während die Buchstabenenden auf dem Deckel an den entsprechenden Stellen nach oben aufgebogen auslaufen. Anschwünge und Bogenenden tragen in den Inschriften am Deckel häufig und am Becken selten drei Blättchen. 29)

Die Taufe ist in der Forschung unterschiedlich datiert worden. Janni Müller-Hauck setzt die Entstehungszeit aus stilkritischen Überlegungen „kaum vor 1240“ an.30) Die älteren Untersuchungen von Bertram und Algermissen haben als Entstehungszeit ebenfalls das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts erwogen.31) Algermissen schränkt seine Datierung auf die Jahre 1236 bis 1246 ein, da er in der Darstellung der Misericordia das Bild der Elisabeth von Thüringen sah. Sie wurde – wie bereits in Anm. 5 ausgeführt – im Jahr 1235 heiliggesprochen und 1236 wurden ihre Gebeine in Gegenwart des Hildesheimer Bischofs Konrad II. erhoben. In diesem theologisch gebildeten Bischof, der im Jahr 1246 sein Amt resignierte, vermutete Algermissen den Urheber des Text-Bild-Programms der Taufe.32) Niehr33) hingegen datiert, wohl mit Blick auf die Hildesheimer Amtszeit des vielfach als Stifter postulierten Wilbrandus von Oldenburg, die Taufe in die Jahre zwischen 1220 und 1225 (Näheres dazu s. u.). Da die Zuschreibung an Wilbrandus von Oldenburg nicht verifizierbar ist, bleibt dieser Ansatz unsicher. Die beobachteten Schriftmerkmale, vor allem das mit einem Abschlußstrich geschlossene E und der konsequente Wechsel von eckigen und runden Formen desselben Buchstabens, sprechen eher für eine spätere Datierung, etwa in das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts. Auch der Vergleich mit der wahrscheinlich von demselben Stifter Wilbernus stammenden Taufe des Osnabrücker Doms stützt diesen zeitlichen Ansatz. Das Osnabrücker Stück, das in Einzelmerkmalen – wie noch näher auszuführen sein wird – mit der Hildesheimer Taufe stilistisch übereinstimmt, dürfte nach dem epigraphischen Befund um 1225 entstanden sein.34) Die einfachere Figurenzeichnung und vor allem die stärker der Kapitalis verpflichteten Buchstabenformen der Osnabrücker Taufe sprechen dafür, daß das Hildesheimer Parallelstück später, also ins zweite Viertel des 13. Jahrhunderts, zu datieren ist.

Das Inschriftenprogramm

Das Text-Bild-Programm der Hildesheimer Taufe ist bereits von Algermissen und Favreau im Hinblick auf seinen theologischen Ideengehalt und auf seine Quellen gründlich analysiert worden.35) Als Bauprinzip sowohl des Bild- wie auch des Textprogramms haben beide Autoren die Zahl Vier hervorgehoben.36) Die Vierzahl ist mit der Taufe in mehrfacher Hinsicht liturgisch verbunden. Bei der Weihe des Taufwassers am Karsamstag teilt der Priester zunächst das Wasser, der Form des Kreuzes entsprechend, nach vier Seiten, da vom vierarmigen Kreuz die Gnadenwirkung des Blutes Christi in die vier Weltrichtungen des neuen Paradieses fließt. Nach der Segnung des Wassers gießt der Priester das Wasser in die vier Himmelsrichtungen. Im Missale Romanum heißt es an der entsprechenden Stelle: Hic manu aquam dividit, et effundit eam versus quattuor mundi partes, dicens: Qui te de paradisi fonte manare fecit, et in quattuor fluminibus totam terram rigare praecepit ...“ ‚Hier teilt er das Wasser und gießt es in die vier Richtungen der Welt, dabei spricht er: „Der dich aus der Quelle des Paradieses fließen ließ und gebot, mit vier Flüssen die ganze Welt zu bewässern“...‘. Wie die vier Flüsse aus dem Paradies in alle Himmelsrichtungen fließen, so gehen die Gnadenströme von den kirchlichen Sakramenten aus.37)

Die in der Benedictio fontis genannten vier Paradiesflüsse sind im Bildprogramm der Hildesheimer Taufe in den vier Trägerfiguren allegorisch dargestellt. Die Inschrift am unteren Kesselrand (A) verbindet sie, wie in der exegetischen Literatur des Mittelalters vielfach vorgeprägt,38) mit den darüber dargestellten vier Kardinaltugenden. Gedeutet wird diese Verbindung in den beiden ersten Versen der am Deckelrand angebrachten Inschrift R: So wie die Paradiesflüsse die Welt bewässern, so benetzen die Tugenden das (in der Taufe) von Sünden reingewaschene Herz.

In den senkrechten Achsen des Bildprogramms der Kesselwandung werden die beiden Viererreihen aus Paradiesflüssen und Tugenden durch die vier Großen Propheten und die vier Evangelistensymbole nach oben fortgesetzt.39) Die Gegenüberstellung von Propheten und Evangelisten ist in mittelalterlichen Darstellungen und Texten häufig anzutreffen.40) Ihr liegt die Idee zugrunde, daß die Berichte der Evangelisten die Prophezeiungen des Alten Testaments als gültig erwiesen haben.41) Diese Koinzidenz zwischen Aussagen des Alten und des Neuen Testaments wird in Inschrift R grundsätzlich formuliert und in den entsprechenden biblischen Aussagen (F2–I2, J2–M2) der Propheten und Evangelisten exemplifiziert. Ohne daß direkte inhaltliche Bezüge zwischen den einzelnen korrespondierenden Propheten- und Evangelistensätzen evident wären, haben sie insgesamt aus den ihnen jeweils eigenen Perspektiven Christus zum Gegenstand. Die ausgewählten Zitate sind mit einer Ausnahme futurisch formuliert, d. h. auch die den Evangelistenbüchern entnommenen Stellen geben keine Berichte über Christi Wirken, sondern kündigen nur seine künftigen Heilstaten an. Eine Ausnahme bilden lediglich das Initium des Johannesprologs Verbum caro factum est (M2), in dem das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte formuliert ist, und das damit korrespondierende Ezechielzitat (I2) Similitudo animalium et hic aspectus eorum. Das zuletzt genannte Zitat aus der Ezechielvision bezieht sich auf die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn in Gestalt von vier Tieren, deren Gesichter an vier Seiten verschieden aussehen: Vorn gleich einem Menschen, rechts gleich einem Löwen, links gleich einem Stier und hinten gleich einem Adler. Diese Bibelstelle ist die wichtigste Grundlage für die Darstellung der Evangelistensymbole. Seit Irenäus von Lyon werden die vier Gesichter in der patristischen Literatur den einzelnen Evangelisten zugeordnet.42) Gregor der Große hat sie auf die Stationen der Vita Christi bezogen: Christus ist Mensch in der Geburt, Stier im Sterben, Löwe in der Auferstehung und Adler in der Himmelfahrt.43) Vor dem Hintergrund dieser exegetischen Tradition lenkt auch das Ezechielzitat wie die darüber befindlichen Evangelistensymbole und der Anfang des Johannesevangeliums den Blick auf Christus, dessen Taufe im Zentrum der Darstellungen auf der Kesselwand steht. Die Darstellung der Taufe Christi wird flankiert von zwei alttestamentlichen Vorbildern der Taufe: dem Zug der Israeliten durch das Rote Meer und der Durchquerung des Jordans auf dem Weg in das Gelobte Land. Die Komposition dieser drei Darstellungen legt ebenfalls die göttliche Offenbarung des Alten und Neuen Testaments als Einheit zugrunde. Die zugehörigen exegetischen Inschriften (O2, P2, Q) sind bei den alttestamentlichen Szenen so gebaut, daß der erste Vers jeweils das Bild bezeichnet, während der zweite Vers in paralleler Struktur dazu die durch Christus vermittelte Heilswirkung des Sakraments der Taufe erklärt. Die Beischrift zur Darstellung der Taufe Christi (P2) folgt, freilich ohne Bezug auf Alttestamentliches, demselben Bauprinzip. Sie weist in ihrem ersten Teil auf das darunter angebrachte Bild hin und bezieht es im zweiten Teil auf die Taufe eines jeden Christen. Formal auffällig ist bei den drei die Szenen am Kessel überwölbenden Verspaaren, daß sie im zweiten Vers durch die Verwendung der 1. Person Plural (fugimus, ducimur) bzw. durch die Bewertung der Taufe Christi „für uns“ (nobis) die Exegese auf den Betrachter hin formulieren.

Auf dem Deckel sind in vier großen Szenen entsprechend der Deutung von Inschrift S vier verschiedene allegorische „Formen der Taufe“ dargestellt. Das erste Bild, der blühende Stab Aarons, wird nach einer auf Ambrosius zurückzuführenden Auslegung als Bild für die Taufe durch Wasser aufgefaßt.44) So wie der Stab Aarons blüht, nachdem er vertrocknet war, so ist der in der Erbsünde befangene Mensch ebenfalls im religiösen Sinne „verdorrt“. Erst durch das ihn von den Sünden reinigende Wasser der Taufe wird er zu neuem fruchtbringenden Leben erweckt. Die zweite Form der Taufe, die Taufe durch das Blut der Märtyrer, wird im Bethlehemitischen Kindermord dargestellt. Die unschuldig ermordeten Kinder sind in den Tränen der Mütter und in ihrem eigenen Blut getauft.45) Sie stehen als Prototypen für den Märtyrertod aller Heiligen. Die dritte Form, die Taufe durch die Tränen, ist im Bild der Sünderin Maria Magdalena dargestellt, die beim Gastmahl des Simon mit ihren Tränen Christus in reuiger Buße die Füße wäscht. Diese drei „Formen“ der Taufe sind in der mittelalterlichen Exegese in dem Satz zusammengefaßt worden: Triplex est baptismus, fluminis, flaminis et sanguinis. Fluminis in Aqua, flaminis in poenitentia, sanguinis in martyrio.46) Als vierte Art, der freilich das tertium comparationis des „flüssigen Elements“ (Wasser, Blut, Tränen), das die Allegorie ursprünglich begründete, fehlt, fügt der Urheber des Hildesheimer Bild-Textprogramms noch die Taufe durch die guten Werke hinzu.47) Die sechs Werke der Barmherzigkeit reinigen den immer wieder der Sünde verfallenden Menschen und stellen so ebenfalls eine Form von Taufe dar. Diese vier Hauptdarstellungen des Deckels werden durch die in den Zwickeln der Dreipässe angebrachten Propheten und alttestamentlichen Könige mit den Prophetien des Alten Bundes verknüpft. Die ihnen beigegebenen Inschriften lassen sich jeweils als textliche Parallelen der vier allegorischen Darstellungen von den verschiedenen Arten der Taufe verstehen. Die dem Propheten Jeremia entnommenen Bilder der Stimme von Rama und der Rachel, die um ihre Kinder weint (Y2), stehen über dem Bethlehemitischen Kindermord.48) Das Brot und der Trank der Tränen aus dem Psalter Davids (Z2) deutet auf die Tränen der reuigen Sünderin im rechts darunter dargestellten Gastmahl des Simon. Der Befehl des Propheten Jesaja „Brich dem Hungrigen dein Brot ...“ (AA2) ist über der Darstellung von den Werken der Barmherzigkeit angebracht. Das dem Buch Sirach entnommene, hier mit Salomo verbundene Zitat (X2) verweist auf den blühenden Stab Aarons in dem darunter befindlichen Bild.

Insgesamt läßt sich das Bild-Textprogramm von Kessel und Deckel als vielschichtiger Traktat über das Sakrament der Taufe lesen. Die Inschriften leisten dabei auf einer ersten Ebene mit den zahlreichen Namenbeischriften einen wesentlichen Beitrag zur Identifizierung und Deutung der Darstellungen. Die zahlreichen über die Anordnung der verschiedenen Trägerfiguren miteinander optisch in Beziehung gesetzten Bibelzitate schaffen auf einer zweiten Ebene die Einbindung des Taufsakraments in die perspektivenreiche biblische Offenbarung. Eine besondere Rolle kommt den auf den rahmenden Bildteilen angebrachten Versinschriften zu. Sie fassen zum Teil den Inhalt der Darstellungen kurz und sehr pointiert zusammen, bieten darüber hinaus aber auch auf einer dritten Ebene die Exegese der wichtigsten Teile des Gesamtprogramms. Aufgrund ihrer sprachlichen Form, der Reime und der insbesondere in den Inschriften S, T4 und U2 zu beobachtenden Wiederholung von Wörtern gleichen Stamms (figura etymologica) oder gleichen Klangs49) waren sie sicher auch als zum Auswendiglernen geeignete Kurzfassung gedacht.

Der Stifter

Als Stifter der Taufe nennt sich in Inschrift N3 ein Wilbernus, der durch die darunter befindliche Darstellung als Geistlicher ausgewiesen ist. In den Hildesheimer Quellen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist dieser Name nur einmal für einen Goslarer Kanoniker nachzuweisen, der als Zeuge in einer Urkunde Bischof Hartberts aus dem Jahr 1208 genannt wird.50) Da sonst keine Beziehungen dieses Goslarer Kanonikers zum Hildesheimer Domkapitel bekannt sind, ist es unwahrscheinlich, daß auf ihn die Stiftung dieser Taufe zurückgeht. Außerhalb Hildesheims findet sich dieser Name noch ein zweites Mal in einer Inschrift auf einer Taufe: Auf dem ebenfalls aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammenden Taufkessel des Osnabrücker Doms nennt sich ein Wilbernus als Stifter.51) Der Osnabrücker Taufkessel ist zwar in seinem Bildprogramm schlichter gestaltet, und auch die Buchstabenformen der Inschriften unterscheiden sich deutlich von denen der Hildesheimer Taufe. Einzelne stilistische Übereinstimmungen, wie z. B. die Muster einiger Gewänder, die Rahmung der Schriftbänder oder die Ausführung der Nimben,52) berechtigen aber zu der Annahme, daß hinter den beiden Stifternennungen dieselbe Person steht. Allerdings ist auch in den Osnabrücker Quellen mit einer Ausnahme53) kein Träger dieses Namens für die einschlägige Zeit nachzuweisen. Der Mangel an Belegen hat dazu geführt, daß man den inschriftlich genannten Wilbernus mit Wilbrandus von Oldenburg-Wildeshausen ineinsgesetzt hat.54) Wilbrandus wurde 1218/1219 Dompropst von Hildesheim,55) 1225 Bischof von Paderborn und wahrscheinlich zur selben Zeit bis zum Herbst 1226 Administrator seines Heimatbistums Osnabrück. Im Jahr 1227 wurde er zum Bischof von Utrecht gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tod am 27. Juli 1233.56) Die Stationen dieser Vita legen tatsächlich nahe, Wilbrandus als Stifter beider Taufbecken zu sehen. Aber der in beiden Inschriften verwendete Name Wilbernus ist nicht mit dem Namen Wilbrandus identisch.57) Der gleiche Namenträger für die beiden verschiedenen Namen kann nur dann angenommen werden, wenn Belege dafür vorhanden sind, daß dieselbe Person den einen wie den anderen Namen wechselweise oder nacheinander verwendet hat.58) Dies aber ist bei Wilbrand von Oldenburg-Wildeshausen nicht der Fall. Sowohl in den Hildesheimer wie auch in den Osnabrücker Urkunden benutzt er ausschließlich den Namen Wilbrandus, meistens in der Schreibung Willebrandus. Die Frage nach der Identität des Stifters Wilbernus ist folglich weiterhin offen. Damit ist auch eine durch die Lebensdaten des Stifters begründete genauere Eingrenzung der Entstehungszeit der Hildesheimer Taufe nicht möglich.

Textkritischer Apparat

  1. PRUDENTI] I klein unter T gestellt.
  2. MISCVIT] S hochgestellt.
  3. VRB(IUM)] VRBIS Kratz. Das Kürzel ist unspezifisch als kleiner senkrechter Strich im oberen Viertel der Zeile ausgeführt. Der Auflösung wurde der Vulgata-Text zugrundegelegt.
  4. I(N) N(UMERO) M(EN)SVRA] IN. MENSVRA Kratz.
  5. Tironisches ET.
  6. EGREDIETOR] Statt richtig EGREDIETUR Kratz.
  7. VI(R)GA] I über V; VIRGO Kratz.
  8. PROPPHET·A] Statt PROPHETA.
  9. T(R)IB(US)] I über T.
  10. LAVDIQ(UE)] A in L gestellt.
  11. XPE.
  12. HORV(M)] EORVM Favreau.
  13. XPM.
  14. EST] Über der Zeile eingefügt.
  15. XPC.
  16. VSUS] Danach Versende durch Wellenlinie und zwei Punkte markiert.
  17. POS[T]] Befund durch einen Beschlag gestört.
  18. FACTA] Danach Versende durch Querstrich und zwei Punkte markiert.
  19. PEECATA] Statt PECCATA.
  20. SCELERJ] Zweites E in L gestellt.
  21. CIBAB(IS)] CIBABIT Kratz, Beiträge. Der Auflösung der Abkürzung wurde der Vulgata-Text zugrundegelegt.
  22. D(ABIS)] DEDIT Kratz, Beiträge. Der Auflösung der Abkürzung wurde der Vulgata-Text zugrundegelegt.
  23. I(N) M(EN)S(URA)] Fehlt Kratz, Beiträge.

Anmerkungen

  1. Materialangabe nach Algermissen, Dom-Taufbecken, S. 12.
  2. Vgl. Kratz, Dom 2, S. 195.
  3. Elbern, Dom und Domschatz, S. 16.
  4. Parallelbeispiele zur Darstellung der Kardinaltugenden s. Favreau, Fonts baptismaux, S. 121.
  5. Algermissen (Dom-Taufbecken, S. 9–11, S. 29f.) sieht, wie vor ihm Bertram (Adolf Bertram: Das eherne Taufbecken im Dome zu Hildesheim. In: Zeitschrift für christliche Kunst 13 [1900], Sp. 130–150, Sp. 162–166; hier Sp. 146), in der Darstellung der Misericordia ein Bild der heiligen Elisabeth von Thüringen, deren Gebeine 1236 in Anwesenheit des Hildesheimer Bischofs Konrad II. erhoben wurden. Anhaltspunkt für diese Interpretation der Misericordia war, daß die Misericordia hier nicht in der üblichen Form „in mütterlicher Hingabe“, sondern als „eine junge Fürstin auf dem Thronsessel (...) mit Fürstinnenkrone“ und Nimbus dargestellt wurde (Algermissen, Dom-Taufbecken, S. 9). Diese Verbindung zwischen der Misericordia und Elisabeth von Thüringen läßt sich nur dann begründen, wenn man Bischof Konrad II. (1221–1246) – wie Algermissen vorgeschlagen hat – als geistigen Urheber des Bild- und Inschriftenprogramms sieht.
  6. Mt. 10,16. Hrabanus Maurus und Petrus Cantor haben dieses Zitat mit der Tugend Prudentia verbunden, vgl. Hrabanus Maurus, De ecclesiastica Disciplina 3, PL 112, Sp. 1254; Petrus Cantor, Verbum abbreviatum, PL 205, Sp. 305 (Nachweis Favreau, Fonts baptismaux, S. 120).
  7. Horaz, Ars poetica, 343; Walther, Proverbia 3, Nr. 19881.
  8. Nach Prv. 16,32.
  9. Nach Sap. 11,21. Text nach Lesarten-Apparat der Vulgata: sed omnia in mensura et numero et pondere disposuisti.
  10. Is. 11,1.
  11. Ier. 23,5.
  12. Dn. 7,14.
  13. Ez. 1,5 (Text umgestellt).
  14. Mt. 1,21.
  15. Lc. 1,32.
  16. Mt. 3,11.
  17. Io. 1,14.
  18. Liturgischer Text nach Lc. 1,28.
  19. Mt. 3,17.
  20. „In dem ‚post attracta‘ sind die Verfehlungen nach der Taufe gemeint“ so Algermissen, Dom-Taufbecken, S. 31, Anm. 55.
  21. Nach Act. 7,37 und Dt. 18,15.
  22. Lc. 7,39.
  23. Lc. 7,47.
  24. Sir. 24,23.
  25. Mt. 2,18; vgl. auch Ier. 31,15.
  26. Ps. (G) 79,6.
  27. Is. 58,7.
  28. Vgl. Janni Müller-Hauck: Das Taufbecken im Dom zu Hildesheim. Diss. phil. masch. Göttingen 1965, S. 57.
  29. Vgl. Nr. 48 (Chorschranke), Nr. 40 (Godehardschrein), Nr. 41 (Epiphaniusschrein).
  30. Müller-Hauck (wie Anm. 28), S. 94.
  31. Adolf Bertram: Das eherne Taufbecken im Dome zu Hildesheim. In: Zeitschrift für christliche Kunst 13 (1900), Sp. 130–150; Sp. 162–166, hier Sp. 130; Algermissen, Dom-Taufbecken, S. 11.
  32. Algermissen ebd.
  33. Niehr, Mitteldeutsche Skulptur, S. 260. – Habicht (Mittelalterliche Plastik, S. 51) hat mit Blick auf den 1208 in Goslar nachzuweisenden Kanoniker Wilbernus 1210 als Entstehungszeit angesetzt.
  34. DI 26 (Stadt Osnabrück), Nr. 9, S. 17.
  35. Algermissen, Dom-Taufbecken, passim; Favreau, Fonts baptismaux, passim.
  36. Algermissen, Dom-Taufbecken, S. 14; Favreau, Fonts baptismaux, S. 116.
  37. Vgl. die Ordnung des Gottesdienstes am Karsamstagmorgen, 4. Teil: ‚Benedictio fontis‘.
  38. Vgl. Ambrosius, Liber de paradiso, Kapitel 3,12–23, CSEL 32, S. 272–280. Weitere Nachweise aus der mittelalterlichen Literatur sowie ikonographische Parallelbeispiele s. Favreau, Fonts baptismaux, S. 116–119.
  39. Die Verbindung von Paradiesflüssen, Tugenden und Evangelisten ist in der mittelalterlichen Exegese vielfach belegt, dagegen ist die Einführung der alttestamentlichen Propheten wohl als Spezifikum der Hildesheimer Taufe anzusehen, vgl. u. a. Remigius von Auxerre, Commentarius in Genesim, PL 131, Sp. 62; weitere Nachweise bei Favreau, Fonts baptismaux, S. 124f.
  40. LCI 1, Sp. 706.
  41. Die Übereinstimmungen zwischen Evangelisten und Propheten formuliert Hieronymus im Kommentar zu Micha (Commentarii in Prophetas minores, CCSL 76, In Micheam 2,7 Zeile 329): Scire autem debemus quod in Evangelio prope eadem verba sint, quae nunc legimus in propheta, et juxta contextum illius loci alterum habere sensum, quae utrum assumpta sint de propheta, an propria auctoritate praecepta, nosse Domini est, qui et in prophetis et in evangeliis locutus est.
  42. Favreau, Fonts baptismaux, S. 123.
  43. Sancti Gregorii Magni Homiliae in Hiezechihelem prophetam, Homilia IV, CCSL 142, S. 47–56 (Nachweis Favreau, Fonts baptismaux, S. 123).
  44. Augustinus, Sermones de scripturis, PL 39, Sp. 1807, dort als Predigt des Ambrosius genannt (Nachweis Favreau, Fonts baptismaux, S. 132f.).
  45. Severinus de Gabala (im Werk des Petrus Chrysologus), Sermo 152, PL 52, Sp. 606 (Nachweis Favreau, Fonts baptismaux, S. 134).
  46. [Hugo von St. Viktor] Appendix ad Hugonis opera, Miscellanea V, PL 177, Sp. 804 (Nachweis Favreau, Fonts baptismaux, S. 135, Anm. 185).
  47. Vgl. I. Pt. 4,8: quia caritas operit multitudinem oder Tb. 12,9: quoniam elemosyna a morte liberat et ipsa es quae purgat peccata. In der exegetischen Literatur wird überwiegend nur von drei Formen der Taufe ausgegangen: der Taufe durch das Wasser, durch das Blut und durch die Tränen. Die Betrachtung der Werke der Barmherzigkeit als eine „Form von Taufe“ findet sich selten. Favreau nennt Theodulf von Orléans, der die guten Werke für geeignet hält, die Verfehlungen nach der Taufe wiedergutzumachen, und Hrabanus Maurus, der Almosen und gute Werke als eine Reinigung von Sünden und damit als eine Art von Taufe ansieht, vgl. Favreau, Fonts baptismaux, S. 137: Theodulf von Orléans, Liber de ordine baptismi, PL 105, Sp. 233; Hrabanus Maurus, De universo libri, PL 111, Sp. 134.
  48. Die Prophezeiung aus Jeremia Vox in Rama ... wird in Mt. 2,18 zitiert.
  49. Vgl. Favreau, Fonts baptismaux, S. 138.
  50. UB Hochstift 1, Nr. 620 vom 29. April 1208, erwähnt bei Habicht, Mittelalterliche Plastik, S. 50f.
  51. DI 26 (Stadt Osnabrück), Nr. 9 C: WILBERNVS PETRE CONFERT ISTVT TIBI DONVM.
  52. Müller-Hauck (wie Anm. 28), S. 104f.
  53. DI 26 (Stadt Osnabrück), S. 17: Das Domnekrologium verzeichnet unter dem 22. Mai einen Wilbernus.
  54. Jahresbericht 1924/1925 des Diözesanmuseums Osnabrück (ohne Autor und Seitenzahlen); Sigfrid H. Steinberg: Der Stifter des Hildesheimer Taufbeckens. In: Alt-Hildesheim 12 (1933), S. 36–39; Christian Dolfen: Das Taufbecken des Domes zu Osnabrück. In: Osnabrücker Mitteilungen 72 (1964), S. 25–37; Bernd Ulrich Hucker: Wilbrand von Oldenburg-Wildeshausen, Administrator der Bistümer Münster und Osnabrück, Bischof von Paderborn und Utrecht († 1233). In: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1994, S. 60–70.
  55. Hucker (wie Anm. 54), S. 62.
  56. Alle Angaben folgen Hucker (wie Anm. 54), S. 63.
  57. Bereits Algermissen hatte die Gleichsetzung von Wilbernus und Wilbrandus bestritten (Dom-Taufbecken, S. 5); zu den Namenformen -bern und -brand vgl. Max Gottschald: Deutsche Namenkunde. 5. verb. Aufl. hg. von Rudolf Schützeichel. Berlin, New York 1982, S. 111, S. 126: Bern gehört zu ‚Bär‘, nicht zu Brand ‚Schwert‘. Für freundlichen Rat danke ich Herrn Professor Dr. Rudolf Schützeichel, Münster.
  58. Den Wechsel zwischen Wilbrandus und Wilbernus weist Steinberg (wie Anm. 54) an einem Braunschweiger Beispiel nach: In dem Regest einer Urkunde ist Berta uxor Willebrandi genannt, die in einer späteren Urkunde im Volltext Berta uxor Wilberni heißt, vgl. Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 2, hg. von Ludwig Hänselmann. Braunschweig 1900, Nr. 473 u. Nr. 609. Hucker führt als Beispiel in diesem Zusammenhang an, daß auf den Münzen des Erzbischofs Wilbrand von Magdeburg die Namenform Willebarn verwendet worden ist (Bernd Ulrich Hucker: Kaiser Otto IV. Hannover 1990 [MGH Schriften 34], S. 487, Anm. 245).

Nachweise

  1. DBHi, HS 123b, fol. 115v–116r (nur die Versinschriften).
  2. Kratz, Dom 2, S. 196–203.
  3. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 105–107.
  4. Adolf Bertram: Das eherne Taufbecken im Dome zu Hildesheim. In: Zeitschrift für christliche Kunst 13 (1900), Sp. 131–150.
  5. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 84–87.
  6. Algermissen, Dom-Taufbecken, S. 5 und S. 20–31 (einzelne Inschriften in Abb.).
  7. Niehr, Mitteldeutsche Skulptur, S. 259f.
  8. Favreau, Fonts baptismaux, S. 116–139 (einzelne Inschriften in Abb.).
  9. Kat. Ego sum, S. 176f., Abb. S. 164–177.
  10. Slg. Rieckenberg, S. 128–133.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 67 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0006702.