Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 58 Dom 11.–12. Jh.

Beschreibung

Marienleuchter. „Irminsul“,1) heute im Obergeschoß der nördlichen Vorhalle des Doms auf dem Godehardchor. Berges schließt aus den urkundlichen Erwähnungen des 13. bis 15. Jahrhunderts, daß dieser Leuchter vor dem Kreuzaltar stand.2) Ein Bild aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Leuchtersäule auf einem Podest vor dem Lettner.3) Der aus Kalksinter (Berges in B/R, S. 133) gefertigte Schaft steckt in einer Bronzebasis, die sich über einem Steinsockel erhebt. Der Schaft wird in der Mitte und am oberen Ende von einem bronzenen Wulst umgeben. Der obere Bronzewulst geht kapitellartig in einen Metallkelch über. Darin befindet sich ein Postament, auf dem heute eine silberne Madonna steht. An dem Postament ist ein Reif aus Kupferblech mit vierzehn Leuchterarmen angebracht, der durch Metallbögen in Form von Akanthusblättern gestützt wird. Auf diesem Reif befindet sich die in Braunfirnis weitgehend ohne Worttrennung ausgeführte Inschrift.

Die Gestalt des Leuchters ist mehrfach verändert worden. Eine Zeichnung Meiboms zeigt, daß im 17. Jahrhundert die Bekrönung lediglich aus dem Kupferreif mit der Inschrift und einem Lichtteller mit Dorn bestanden hat. Meibom erwähnt in seiner 1612 erschienenen Schrift ‚Irminsul saxonica’ eine wenige Jahre zurückliegende Restaurierung durch den Hildesheimer Kanoniker Asche von Heimburg, bei der auch die Inschrift wiederentdeckt wurde: inventi sunt in ea tres versiculi aureis literis exarati.4) In der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Reif mit den 14 Leuchterarmen versehen (Berges in B/R, S. 132f.), deren Anbringung die Inschrift an einer Stelle beeinträchtigt hat. Gleichzeitig wurde an die Stelle des Leuchterdorns eine Marienstatue (Holzkern, vergoldet) gesetzt, die im Jahr 1741 durch die von Jobst Edmund von Brabeck gestiftete silberne Madonna ersetzt wurde.

Maße: H. (Schaft): 185 cm; Bu.: ca. 3 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 58, Nr. 58 - Dom - 11.–12. Jh.

 Lutz Engelhardt [1/1]

  1. + NE DAMNENTa) TENEBRE Q(VO)D FECERIT ACTIO UITE · IUNCTA FIDES OPERI · SIT LUX SVPERADDITA LVCI · SIC FRVCTUS VESTRI U(EST)RO SINT GLORIA PATRI ·

Übersetzung:

Damit nicht die Finsternis bestrafe, was das Handeln [des Menschen] im Leben getan hat, sei der Glaube mit dem Werk verbunden, sei Licht dem Licht hinzugefügt. Und so sollen eure Früchte eurem Vater zur Ehre gereichen.

Versmaß: Drei einsilbig gereimte leoninische Hexameter.

Kommentar

Die Formen der romanischen Majuskel stammen noch weitgehend aus der Kapitalis, lediglich unziale U und ein unziales Q sind als runde Formelemente zu vermerken. Die Buchstabenformen der Inschrift wurden – wie bereits Kratz und Berges angemerkt haben – um 1600 im Rahmen der Renovierung mit schwarzem Lack nachgezogen (Berges in B/R, S. 134),5) so daß sie für eine schriftgeschichtliche Datierung nur noch unter Vorbehalt benutzt werden können. Vorausgesetzt daß die Grundformen bei der Übermalung konstant geblieben und lediglich Sporen, Strichstärke und eventuell die Breite der rechts offenen Buchstaben verändert worden sind, lassen sich gewisse Gemeinsamkeiten mit der Inschrift auf dem Heziloleuchter (Nr. 25) feststellen: unziales U neben V, unziales Q, US-Ligatur und die Verwendung des Querstrichs durch die Haste als Kürzungszeichen bei P (Heziloleuchter) bzw. R (Marienleuchter) und D (in beiden Inschriften im Wort Q(VO)D). Diese Gemeinsamkeiten haben Berges und Rieckenberg veranlaßt, die Inschrift auf dem Säulenleuchter in die Zeit Hezilos (1054–1079) zu setzen (B/R, S. 135, S. 204). Rieckenberg versucht diese Datierung zu bekräftigen, indem er zwei weitere Beispiele für die Verwendung von Kalksinter in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts anführt (B/R, S. 204), und kommt – auch wenn er einräumt, daß „archäologisch-kunsthistorische Gründe eine zweifelsfreie Zuschreibung ... nicht erlauben“ – aufgrund des epigraphischen Befunds und der in der Inschrift verwendeten Reimtechnik zu dem Schluß, daß die Säule zur Ausstattung des von Hezilo neu erbauten und 1061 geweihten Doms gehört habe. Da der epigraphische Befund nicht mehr zweifelsfrei zu rekonstruieren ist und die Verwendung des einsilbigen Leoniners allein kein hinreichendes Kriterium sein kann, läßt sich als Entstehungszeit für den Marienleuchter aufgrund der Inschrift doch wohl nur sehr grob das 11./12. Jahrhundert festlegen, zumal auch der unspezifische Inhalt des Texts keinen Anhaltspunkt für die Datierung gibt.6)

Textkritischer Apparat

  1. DAMNENT] Damnet Rieckenberg.

Anmerkungen

  1. Im Zusammenhang der um 1600 durch Asche von Heimburg erfolgten „Wiederentdeckung“ des Leuchters, der offenbar während des Mittelalters keine außergewöhnliche Beachtung gefunden hat, ist der Säulenschaft mit der „Irminsul“ der Eresburg, einer der Säulen der altsächsischen Stammesreligion, in Verbindung gebracht worden. Die einschlägige Abhandlung Letzners in der Hildesheimischen Chronik sowie der auf Letzner und Mitteilungen Asche von Heimburgs gründende Traktat Meiboms ‚Irminsula saxonica’ von 1612 dürften wesentlich zur Verbreitung dieses „Mythos“ beigetragen haben. Ausführlich dazu Berges in B/R, S. 130–133 und S. 142–144 zur sog. Marsinschrift.
  2. Vgl. UB Stadt 3, Nr. 523, Nr. 1007. In den Urkunden heißt es dat lecht uppe der sule, so daß die Erwähnungen sicher auf diesen säulenartigen Leuchter zu beziehen sind. Bedauerlicherweise nennt Berges das von ihm berücksichtigte Material nicht vollständig, so daß weder seine Angaben über Bezeugungen des Leuchters im 13. Jahrhundert (s. a. Kratz, Dom 2, S. 95) noch seine Vermutung, der Leuchter habe vor dem Kreuzaltar gestanden, verifiziert werden können. Auch ergibt sich aus der von ihm genannten Urkunde keineswegs, daß gerade dieser Leuchter für die Feier der Osteroktav besonders geschmückt wurde (Nr. 523 von 1411). Die Urkunde demonstriert zwar die Anordnung des Domkapitels für die Feier der Oktav der Auferstehung Christi, hebt den Säulenleuchter aber nicht als für diesen Zweck besonders bestimmten Lichtträger hervor. Eine Funktion als Osterleuchter läßt sich aus den zitierten Quellen jedenfalls nicht ableiten. Auch Gebauer, auf den Berges Bezug nimmt, nennt seine Quellen nur summarisch (Johannes Heinrich Gebauer: Die „Irmensäule“ im Hildesheimer Dom. In: Ders.: Ausgewählte Aufsätze zur Hildesheimer Geschichte. Als Festgabe zum 70. Geburtstag am 8. August 1938 ihrem Geschichtsschreiber dargebracht. Hildesheim u. Leipzig 1938, S. 224–230).
  3. Vgl. die Innenansicht des barockisierten Doms von Friedrich Laske aus dem Jahr 1887, abgebildet bei Elbern, Dom und Domschatz, S. 33.
  4. Meibom, ‚Irminsula saxonica’, Zeichnung zu S. 31. Die Zeichnung befindet sich ohne Seitenangabe vor Beginn der Abhandlung Irminsula saxonica. Sie ist wiedergegeben bei B/R, Tafel 28. – Es ist zweifelhaft, ob die Zeichnung Meiboms auf Autopsie beruht, da er auch die Inschrift nur aufgrund einer Mitteilung des Hildesheimer Kanonikers Asche von Heimburg abdruckt. Auch die Angabe, die Inschrift sei in aureis literis ausgeführt, bestärkt die Zweifel daran, daß er die Säule je im Original gesehen hat.
  5. Kratz, Dom 2, S. 95.
  6. Berges (B/R, S. 136–138) bringt die Inschrift des Marienleuchters mit dem ‚Exultet‘ der Osterliturgie in Verbindung und leitet daraus seine Funktion als Osterleuchter ab. Da die drei Verse ohne jeden Bezug auf das Osterereignis formuliert sind, kann diese Interpretation nicht überzeugen.

Nachweise

  1. Letzner, Hildesheimische Chronik, 1. Buch, 1. Teil, Kapitel 5, S. 35 (Verse in der Reihenfolge 3, 1, 2).
  2. Meibom, Irminsula saxonica, S. 15 (nach Mitteilung Asche von Heimburgs, Verse in derselben Reihenfolge wie bei Letzner).
  3. Kratz, Dom 2, S. 95.
  4. Berges in B/R, S. 135, Zeichnung Tafel 28, Nr. 2.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 58 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0005803.