Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 26 Dom-Museum 1054–1079?

Beschreibung

Hezilokreuz. Holzkern mit Seide überzogen, die Vorderseite und die Seiten mit Gold verkleidet, die Rückseite Kupferblech, vergoldet.1) Das zum Kirchenschatz der Heilig-Kreuz-Kirche gehörende Reliquienkreuz befindet sich seit 1980 als Dauerleihgabe im Dom-Museum. Es hat die Form eines Kreuzes, dessen Enden zu Quadraten erweitert sind. In der Kreuzvierung ein rechteckiges aufklappbares gotisches Kästchen. Der Kreuzstamm läuft in einen langen Dorn aus. Der zugehörige Kreuzfuß ist seit dem Zweiten Weltkrieg verloren.2) Die beiden Verse der Inschrift A sind an den beiden Schmalseiten des Kreuzstammes und des Endquadrates ohne Worttrennung auf glatten vergoldeten Kupferblechstreifen eingraviert. Der erste Hexameter befindet sich an der linken Seite des Kreuzes. Er verläuft von oben nach unten. Der zweite Hexameter ist an der rechten Seite angebracht und verläuft in umgekehrter Richtung. Die Inschriftenbänder sind jeweils im Bereich der am Längsbalkenende aufgesetzten Quadrate gestört. Im zweiten Hexameter ist davon der Anfang und im ersten der Schluß betroffen. Der Anfang des zweiten Hexameters fehlt, hingegen ist das letzte Wort des ersten Hexameters an der Stelle des fehlenden ersten Wortes auf der Seite des zweiten Hexameters angebracht. Im linken Balken eine Gemme mit der Darstellung eines schreitenden Löwen,3) darüber sind die Initialen B eingeschnitten.

Maße: H.: 24,2 cm; B.: 19 cm; Bu.: 0,3–0,4 cm (A), 0,1 cm (B).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 58, Nr. 26 - Dom-Museum - 1054–1079?

 Lutz Engelhardt [1/1]

  1. A

    [C]RVX GENITV(M) TORRET SVAVE(M) PAT(ER) HAURIT / [O]DORE(M) [.........]a) CVIPAb) REPARAVIT GR(ATI)A VITA(M)

  2. B

    C P

Übersetzung:

Das Kreuz verbrennt [dörrt] den Sohn [Gottes als Opfer], und der Vater nimmt den lieblichen Wohlgeruch [des Brandopfers] auf. Die Gnade hat das Leben wiederhergestellt, nachdem es durch die Schuld [zerstört worden war].

Versmaß: Zwei Hexameter (A).

Kommentar

Inschrift B ist in Kapitalis ausgeführt. Die Buchstaben der Inschrift A weisen Unregelmäßigkeiten in bezug auf die Grundlinie auf. Rundes U steht neben V, G ist eingerollt, E kommt nur in der unzialen Form vor. Die Buchstaben sind überwiegend linear ausgeführt, teils mit konturiert gravierten, keilförmig verbreiterten Hasten. An den Enden der Bögen und Hasten gerade Strichsporen, seltener dreieckig ausgezogene Sporen (Balken des ersten T in TORRET).

Der Tradition nach hat Bischof Hezilo (1054–1079) dieses Kreuz dem von ihm kurz vor seinem Tod gegründeten Heilig-Kreuz-Stift geschenkt.4) Die spezifische Gestaltung der Wellenranken macht es tatsächlich wahrscheinlich, daß zumindest die Grundbestandteile des Kreuzes in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum großen Radleuchter (Nr. 25), also zu Lebzeiten Hezilos, entstanden sind.5) Die Inschrift ist zwar aufgrund der technisch andersartigen Ausführung nur schwer mit der Inschrift des Leuchters zu vergleichen. Einzelne Elemente – wie rundes U neben spitzem V und die feinen Strichsporen – lassen sich aber durchaus in beiden Inschriften beobachten. Die Buchstabenformen sprechen also nicht gegen eine Entstehung des Kreuzes vor 1079.

Inschrift A greift inhaltlich auf die Präfation für das Osterfest zurück (Rieckenberg in B/R, S. 163).6) Das Kreuz wird als Altar verstanden, auf dem Christus, das Lamm, geopfert wird. Von diesem Opfer steigt ein „lieblicher Wohlgeruch“ auf. Durch den Opfertod Christi ist die Erbsünde getilgt und das Leben wiederhergestellt.

Textkritischer Apparat

  1. Rieckenberg ergänzt (nach Payr) DESTRVCTAM. Seine Ergänzung liegt der Übersetzung zugrunde.
  2. CVIPA] Statt CVLPA.

Anmerkungen

  1. Zu den Restaurierungen s. Brandt, Inventar Heilig Kreuz, S. 153; Arenhövel, Heziloleuchter, S. 138–143. Beide bieten detaillierte Beschreibungen des Hezilokreuzes.
  2. Brandt, Inventar Heilig Kreuz, S. 153.
  3. Näheres bei Alfs, Geschnittene Steine, S. 33, Nr. 51, Tafel VII.
  4. Zu Bischof Hezilo vgl. Goetting, Bistum Hildesheim, S. 271–295, hier 289f.
  5. Arenhövel, Heziloleuchter, S. 138.
  6. Vgl. Präfation an Ostern: ... cum Pascha nostrum immolatus est Christus. Ipse enim verus est Agnus, qui abstulit peccata mundi. Qui mortem nostram moriendo destruxit et vitam resurgendo reparavit; s. a. Canon Missae, Offertorium ut [sc. calix salutaris] in conspectu divinae majestatis tuae, pro nostra, et totius mundi salute, cum odore suavitatis ascendat.

Nachweise

  1. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 191.
  2. Arenhövel, Heziloleuchter, S. 141, Abb. 272–308, Abb. 276f., 278f. und 285f.
  3. Brandt, Inventar Heilig Kreuz, S. 153.
  4. Rieckenberg in B/R, S. 162, Abb. Tafel 35.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 26 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0002601.