Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 25 Dom 1054–1079

Beschreibung

Vgl. Schemazeichnung 1, S. 159.

Radleuchter. Kupfer vergoldet, zum Teil mit Braunfirnis1). Seit 1960 in der Vierung, vorher im Mittelschiff.2) Der sogenannte große Radleuchter hat die Form einer Stadtmauer mit 24 Mauersegmenten. Am Mauerring in der Mitte ein Wulstring mit Rankenornament, darüber und darunter je ein Fries aus Palmettenornament. Am oberen und unteren Rand des Mauerrings auf einem glatten Ring zwischen zwei Linien die Inschriften A (oben) und B (unten). Die beiden glatten Ringe sind aus Metallbändern zusammengesetzt, die jeweils ungefähr einen halben Vers der Inschriften tragen. Am Mauerring zwölf Türme mit abwechselnd quadratischen oder runden Grundrissen. Die quadratischen Türme (QT) sind nach allen vier Seiten mit halbkreisförmigen, die Rundtürme (RT) mit rechteckigen Apsiden besetzt. An den QT befinden sich die Inschriften auf Metallstreifen unterhalb der Halbkuppeln der Apsiden, an den RT sind die Inschriften auf einem in der Mitte abknickenden Band an den Giebeln der rechteckigen Apsiden über den Öffnungen angebracht. Quadrattürme und Rundtürme tragen die Namen von Propheten, Patriarchen, alttestamentlichen Königen und Tugenden (C), und zwar in vier Richtungen, also auch zur Innenseite des Mauerrings hin. Im einzelnen läßt sich die Anordnung folgendermaßen beschreiben (nach Rieckenberg in B/R, S. 191):

Innenseite des Mauerrings

TugendTugend
Kl. Proph. QT Kl. ProphetTugend RT Tugend
Patriarch/KönigGr. Prophet

Außenseite des Mauerrings

Die Inschriften C werden in der Reihenfolge: Außenseite links, vorn, rechts, Innenseite wiedergegeben. Im Wechsel mit den Türmen unterbrechen zwölf Tore den Mauerring. An den Vorderseiten dieser Tore am Sturz über der Eingangsöffnung zwischen zwei Linien die Namen der Apostel (D). Ursprünglich war der Leuchter wohl mit einem zentralen Licht ausgestattet.

Alle Inschriften sind in Braunfirnis ausgeführt. Die Inschriften A und B ohne Worttrennung. Punkte auf der Zeilenmitte stehen überwiegend nach dem Binnenreimwort bzw. nach dem Versende. An mehreren Stellen sind durch die Anbringung der Tore und Türme einzelne Buchstaben verdeckt. Da der Leuchter für die Aufnahme der Inschriften nicht abgesenkt werden konnte, läßt sich über ihre Ausführung keine sichere Aussage machen.

Der Leuchter ist mehrfach repariert und restauriert worden. Die älteste nachweisbare Reparatur fand im Jahr 1601 statt.3) Die Arbeiten am Leuchter brachten Störungen in der Anordnung einzelner Teile der Reifinschriften wie auch in der Reihenfolge von Toren und Türmen mit sich. Bereits Berges hatte bemerkt, daß die seinerzeit – und noch heute – sichtbare Abfolge der Verse in den Inschriften A und B nicht richtig sein kann (B/R, S. 130). Die Reihenfolge der Apostel- und Prophetennamen auf den Toren und Türmen schien ihm ebenfalls nicht die ursprüngliche zu sein (B/R, S. 128). Die von Berges benannten Störungen in der Anordnung der Verse beruhen auf Verwechslungen der Metallstreifen bei den verschiedenen Restaurierungen. Sie waren ohne sichtbare Spuren möglich, weil auf jedem der von zwei Toren begrenzten Reifabschnitte exakt ein Vers aufgetragen worden ist. Die Störungen in der Versfolge sind wahrscheinlich bereits im Mittelalter erfolgt, denn schon die älteste Aufzeichnung der Leuchterinschrift in der Handschrift DBHi, HS 123b aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts gibt die Verse der Inschrift A in einer Reihenfolge wieder, die kaum die ursprüngliche sein kann,4) während die Inschrift B hier – zumindest was die Versfolge betrifft – wohl noch im ursprünglichen Zustand aufgezeichnet ist. Es wird sich nicht entscheiden lassen, ob die Änderungen, die diese Handschrift an der Versfolge vorgenommen hat, auf Vertauschungen der Metallstreifen des Leuchters beruhen, oder ob fehlerhaftes Abschreiben einer älteren handschriftlichen Vorlage die Ursache war. Für den Schreiber der Handschrift DBHi, HS 123b läßt sich aufgrund charakteristischer Lesefehler vermuten, daß er die Leuchter-Inschriften nicht vom Original abgeschrieben (vgl. besonders die Anmerkungen k, o und u), sondern eine ältere Aufzeichnung benutzt hat. Bei der ersten bezeugten Reparatur im Jahr 1601 ist der ursprüngliche Text nicht wiederhergestellt worden, denn Elbers (1607–1673) überliefert in seinem Chronicon Hildesiense einen gestörten Text.5)

Die Reihenfolge der Türme und Tore (Inschriften C und D) wurde ebenfalls mehrfach verändert. Dabei sind diese zum einen an falsche Stellen des Reifs gesetzt, zum anderen sind einzelne Namen an den Türmen untereinander vertauscht worden (Rieckenberg in B/R, S. 191f.). Bereits Kratz zitiert die Inschriften C und D in einer Reihenfolge, die keiner der üblichen Reihen von Aposteln, Patriarchen und Propheten entspricht. Ältere Aufzeichnungen dieser Inschriften fehlen.

Rieckenberg hat angesichts dieser Überlieferungslage versucht, sowohl die ursprüngliche Reihenfolge der Verse zu rekonstruieren als auch die Anordnung der Tore und Türme richtigzustellen. Dieser Versuch scheint überzeugend. Bei Inschrift B entspricht Rieckenbergs Anordnung der Verse derjenigen in der Handschrift DBHi, HS 123b, hingegen schlägt er für Inschrift A zu Recht eine von der ältesten abschriftlichen Überlieferung abweichende Reihenfolge vor. Die Inschriften der Tore und Türme ordnet Rieckenberg, indem er für die Quadrattürme die biblische Reihe der Kleinen Propheten, für die Rundtürme die historische Abfolge der Patriarchen und die biblische Folge der Propheten zugrundelegt. Da er für die insgesamt 24 Tugenden in der theologischen Tradition keine verbindliche Reihenfolge ermitteln konnte, orientiert er sich für seine kreuzweise Anordnung der Tugenden an der Schrift ‚De laudibus sanctae crucis’ des Hrabanus Maurus, der hier „ein Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten zwischen allen Tugenden“ entwickelt hat (B/R, S. 196). Für die Apostelnamen auf den Toren (D) hat Rieckenberg keine neue Ordnung vorgeschlagen, da nicht zu entscheiden war, welches System zugrundegelegen hat. An den Beginn der Reihe ist seines Erachtens Petrus zu setzen. Das Ergebnis der hier nicht im Detail darzustellenden Rekonstruktion Rieckenbergs (B/R, S. 185–203) läßt sich in einer Zeichnung zusammenfassen (B/R, Tafel 25), s. a. Schemazeichnung, S. 159.6)

Aufgrund der dargestellten Überlieferungslage erscheint es sinnvoll, die Inschriften in zwei Schritten zu edieren. Zunächst (I.) wird der heutige Zustand, also die zur Zeit sichtbare Reihenfolge der Verse und der Nameninschriften auf den Toren und Türmen wiedergegeben. Die Wiedergabe der Inschriften an den Türmen (C) beginnt am Andreas-Turm, der heute in der Mitte des 1. Verses angebracht ist.7) Die Inschriften D beginnen an dem vor Beginn des ersten Verses von A/B angebrachten Tor.

In einem zweiten Schritt folgt die Edition aller Inschriften in der von Rieckenberg vorgeschlagenen Reihenfolge (II.), allerdings abweichend von B/R nach den Transkriptionsrichtlinien der Reihe „Die Deutschen Inschriften“. In Klammern hinter der Zeilenzählung steht bei den Inschriften A und B die Versfolge der wichtigsten älteren Überlieferungen (HS 123b: 1‘ usw., Elbers/Kratz 1“ usw.). Auf diese Edition II (und ihre Verszählung) beziehen sich Übersetzung und Kommentar. Inschrift D wird in diesem Schritt nicht neu ediert, da Rieckenberg keine Rekonstruktion der ursprünglichen Reihenfolge vorgenommen hat.

Maße: Dm.: 600 cm;8) B.: (Reif): 37,5 cm; Bu.: 2,7–2,9 cm (A), 3,0–3,1 cm (B), 1,7–2,1 cm (C), 2,6 cm (D).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 58, Nr. 25 - Dom - 1054–1079

 Julia Zech [1/3]

    I. Transkription der Texte in der heutigen Reihenfolge
  1. A

    + URBS EST SVBLIMIS · MIRIS FABRICATA FIGURIS · VNDIQ(UE) P(ER)FECTA · FIDEI COMPAGINE IUNCTA · CVIUS VESTIBVLO · UETUS ET NOVUS EXCVBAT ORDO GERMINE VIRTVTUM · QVAE MIRE SVRGIT IN ALTU(M) FLORIBUS HIC VIVIS ANIMARU(M) · CVRIA LUCIS · ANTE D(E)Ia) FACIEM DIVINU(M) SPIRAT ODORE(M) · AUCTORES OPERIS · TOGA VESTIT CANDIDA PACIS HOS PATER ET VERBVM CIVESb) ET SPIRITUS HORU(M) · VNUS ET IPSE REGIT · QVI QVODb) SVNT IPSE CREAVIT IN VIRTVTE SUA · SOLIS SOL LUCET IN ILLA · MISTICA DISCERNIT TE NET ASPICIT · OMNIA NOVIT ET SOLIVM REGNI CORDIS LOCAT IN PENETRALI ·

  2. B

    + MATER IUSTICIAE · VIA VITAE · GRATIA CVLPE · DA PATER AETERNAE · PATRIS VNICE SP(IRITU)S ALME · HEZILO PARS ONERIS · P(ER) TE QVOQ(VE) PARS SIT HON ORIS ET SPES ATQ(UE) FIDES · ET AMORISb) · VT ACTIO P(ER)PES HVNC REGAT AD SPECIEM · DET PACIS VISIO PACEM · VT PRVDENS · FORTIS · IUSTUS · MODERAMINE MITIS · SED MVNDVS CORDE · SANCTUS RE · IUSTUS IN ORE HIC SERAT · ATQ(UE) METAT Q(UO)Dc) LUCIS IN HORREA C(E)DAT · CONSVMENS IGNIS · CONSVMAT ET OMNIA CARNIS NE CAREAT PATRIA · VIA LABILISd) VRGEAT ISTA · ISTIVS ORNATVS · PIA VIRGO SVSCIPE MVNUS FIAT ODOR SPONSO · SVPERe) OMNIA BALSAMA CHR(IST)O

  3. C

    AGGEVS · // NATHAN // MALACHIAS // KARITAS // FIDES // ISAIAS // VERITAS // SPES // IONAS // SAMVHEL // MICHEASf) // CASTITAS // GRATIA // EZECHIEL // MISERICORD(I)Ag) // IVSTICIA // AMOS // AARON // ABDIAS // PRVDENTIA // ABSTINE NTIA // HIEREMIAS // MANSUETUDO // SANCTITAS // OSEE · // MOYSES // IOHEL // MODESTIA // TEMPERANTIA // + IOB + // FORTITVDO // HVMILITAS // ABACVC // HELIAS // ZACHARIAS // PAX // PVDICITIA // DANIHEL // BENIGNITAS // CONTINE NTIA // NAVM // DAVID // SOEONIAS // PIETAS // PACIENTIA // HELISEUS // P(ER)SEUERANTIA // SOBRIETAS //

  4. D

    S(ANCTVS) · A/NDRE/AS // S(ANCTVS) I/VDA/S // S(ANCTVS) IO/HANN/ES · // S(ANCTVS) P/AVL/VS // S(AN)C/(TV)S THOM//AS // S(ANCTVS) M/ATHE/VS // S(ANCTVS) I/ACOB/VS // S(ANCTVS) S/YMO/N // S(ANCTVS) · PH/ILYPP/VSh) // S(ANCTVS) · BA/RTHOLO/MEVS // [S(ANCTVS)] / PETR/VS // S(ANCTVS) I/ACOB/i)

  5. II. Edition nach der Rekonstruktion Rieckenbergs
  6. A

    1 (1‘, 1‘‘)+ URBS EST SVBLIMIS · MIRIS FABRICATA FIGURIS · 2 (2‘, 2‘‘)VNDIQ(UE) P(ER)FECTA · FIDEI COMPAGINE9) IUNCTA · 3 (3‘, 4‘‘)GERMINE VIRTVTUM · QVAEj) MIRE SURGIT IN ALTU(M) 4 (7‘, 3‘‘)CVIUS VESTIBVLO · UETUS ET NOVUSk) EXCVBAT ORDO · 5 (8‘, 11‘‘)MISTICA DISCERNIT TE NET ASPICIT · OMNIA NOVIT 6 (5‘, 10‘‘)INl) VIRTVTE SUA · SOLISm) SOL LUCET IN ILLA · 7 (6‘, 12‘‘)ET SOLIVM REGNI CORDIS LOCAT IN PENETRALIn) 8 (9‘, 5‘‘)FLORIBUS HIC VIVIS ANIMARU(M) · CVRIA LUCIS · 9 (10‘, 6‘‘)ANTE D(E)I FACIEM DIVINU(M) SPIRAT ODORE(M) . 10 (4‘, 7‘‘)AUCTORES OPERIS · TOGA VESTIT CANDIDA PACIS 11 (11‘, 8‘‘)HOS PATER ET VERBVM CIVES ET SPIRITUS HORU(M) · 12 (12‘, 9‘‘)VNUS ET IPSE REGIT · QVI QVOD SVNT IPSE CREAVIT

  7. B

    1 (1‘, 1‘‘)+ MATER IUSTICIAE · VIA VITAE · GRATIA CVLPE · 2 (2‘, 11‘‘)ISTIUS ORNATUS PIA VIRGO SVSCIPE MVNUS 3 (3‘, 3‘‘)HEZILOo) PARS ONERIS P(ER) TE QVOQ(VE) PARS SIT HON ORIS 4 (4‘, 2‘‘)DA PATER AETERNAE · PATRIS VNICE SP(IRITU)S ALME · 5 (5‘, 6‘‘)VT PRVDENS · FORTIS · IUSTUSp) · MODERAMINE MITIS · 6 (6‘, 8‘‘)HIC SERAT · ATQ(UE) METAT Q(UO)D LUCIS IN HORREA C(E)DAT · 7 (7‘, 4‘‘)ETq) SPES ATQ(UE) FIDES · ETr) AMORIS · VT ACTIO PERPES 8 (8‘, 5‘‘)HVNC REGAT AD SPECIEM · DETs) PACISt) VISIO PACEM10) · 9 (9‘, 9‘‘)CONSVMENS IGNIS · CONSVMAT ET OMNIA CARNIS 10 (10‘, 10‘‘)NE CAREAT PATRIA · VIA LABILISu) VRGEAT11) ISTAv) . 11 (11‘, 7‘‘)SEDw) MVNDVS CORDE · SANCTUS REx) · IUSTUS IN ORE 12 (12‘, 12‘‘)FIATy) ODOR SPONSO · SVPER OMNIA BALSAMA CHR(IST)Oz)

  8. C

    OSEEaa) · // MOYSES // IOHEL // PAX // SOBRIETAS // ISAIAS // VERITAS // SPES // AMOS // AARON // ABDIAS // PRVDENTIA // ABSTINE NTIA // HIEREMIAS // MANSUETUDO // SANCTITAS // IONAS // SAMVHEL // MICHEAS // KARITAS // GRATIA // EZECHIEL // MISERICORD(I)A // IVSTICIA // NAVM // DAVID // ABACVC // PIETAS // PVDICITIAbb) // DANIHEL // BENIGNITAS // CONTINE NTIA // SOEONIAScc) // HELIAS // AGGEVS · // MODESTIA // PACIENTIA // HELISEUS // P(ER)SEUERANTIA // FIDES // ZACHARIAS // NATHAN // MALACHIAS // CASTITAS // TEMPERANTIA // + IOB + // HVMILITAS // FORTITVDO //

  9. D

    (siehe oben)

Übersetzung:

Dies ist die hohe Stadt [= Jerusalem], gebaut aus wunderbaren Bildern. (2) Überall vollkommen, in sich gefügt durch den Glauben (3) steigt sie aus dem Keim der Tugenden wunderbar empor. (4) An ihrem Eingang wacht die alte und die neue Ordnung [= das Alte und Neue Testament]. (5) Sie unterscheidet, versteht, erblickt die Geheimnisse und kennt alles (6) in ihrer Macht. Der Sonnen Sonne strahlt in ihr, (7) und den Thron der Herrschaft stellt sie auf im Innern des Herzens. (8) Hier verströmt von den lebendigen Blüten der Seelen der Lichtsaal (9) vor Gottes Angesicht göttlichen Duft. (10) Die Urheber des Werks kleidet der weiße Mantel des Friedens. (11) Diese regiert als seine Bürger der Vater, das Wort und beider Geist (12) als ein und derselbe [Gott], der selber geschaffen hat, was sie sind. (A)

Mutter der Gerechtigkeit, Weg des Lebens, Gnade für die Schuld, (2) gütige Jungfrau, nimm das Geschenk dieser Pracht. (3) Hezilo sei, so wie er an der Last [dieser Stiftung] teilhatte, durch deine Vermittlung auch teilhaftig der Ehre. (4) Gib ewiger Vater, einziger [Sohn] des Vaters, segenspendender Geist, (5) daß er klug, stark, gerecht und mild bei der Lenkung [seines Bistums] sei und (6) daß er säe und ernte, was in die Speicher des Lichts aufgenommen werden soll, (7) und daß sowohl die Hoffnung wie der Glaube und das dauerhafte Wirken der Liebe (8) ihn hinlenke zur Anschauung [Gottes im ewigen Leben]. Der Anblick des Friedens [= Jerusalem] gebe ihm den Frieden (9) und das verzehrende Feuer vertilge alles dem Fleisch Anhaftende, (10) damit er seine Heimat nicht verfehle und ihn dieser verführerische Weg nicht in Bedrängnis bringe, (11) sondern rein im Herzen, heilig im Werk, gerecht im Reden (12) er dem Bräutigam Christus ein Wohlgeruch werde, stärker als aller Balsam. (B)

Hosea, Moses, Johel, Frieden.

Mäßigkeit, Jesaja, Wahrheit, Hoffnung.

Amos, Aaron, Obadja, Klugheit.

Enthaltsamkeit, Jeremia, Sanftmut, Heiligkeit.

Jona, Samuel, Micha, Liebe.

Gnade, Ezechiel, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit.

Naum, David, Habakuk, Frömmigkeit.

Keuschheit, Daniel, Güte, Enthaltsamkeit.

Sofonias, Elia, Haggai, Besonnenheit.

Geduld, Elisa, Beharrlichkeit, Glaube.

Sacharja, Nathan, Maleachi, Reinheit.

Mäßigung, Hiob, Demut, Stärke. (C)

Versmaß: Zweimal zwölf Hexameter, einsilbig leoninisch gereimt (A, B).

Kommentar

Bedingt durch die Ausführungstechnik in Braunfirnis zeigt der Duktus der Inschriften des Heziloleuchters deutlich verschiedene Strichstärken und erweist sich damit als den zeitgenössischen Auszeichnungsschriften der Handschriften nahestehend. E, C, G, H und U sowohl eckig wie rund; auffällig das kleine proklitische A an der Haste des E zur Bezeichnung von AE; Q in der unzialen Form; die Sporen sind teils als Dreiecksporen konstruiert und ragen oft in die Begrenzungslinie hinein oder sind – wenn sie an das Begrenzungsband stoßen – asymmetrisch ausgeführt; Kürzungen überwiegend durch gespornte Quer- oder Schrägstriche an Hasten und Bögen bezeichnet; zahlreiche Ligaturen.12)

Der Radleuchter stellt das Himmlische Jerusalem dar, wie es in der Apokalypse (21,12) beschrieben wird: et habebat (sc. Ierusalem) murum magnum et altum, habens portas duodecim et in portis angelos duodecim et nomina inscripta quae sunt nomina duodecim tribuum filiorum Israhel. Auf den Toren und Türmen des Heziloleuchters sind nun nicht die Namen der Stämme Israels angebracht, sondern die der Propheten, der Patriarchen, der Apostel und die von 24 Tugenden. In der spezifischen Gestaltung des Leuchters und in einzelnen Formulierungen der Inschrift lassen sich verschiedene Einflüsse der mittelalterlichen Bibelexegese von Apc. 21,12 erkennen.13) So heißt es beispielsweise bei Beda in der Auslegung der Stelle (Apc. 21,12) habens portas duodecim: Hae portae apostoli sunt, und zu den zwölf Fundamenten der Mauer, in denen die Namen der apostoli agni (Apc. 21,14) niedergelegt sind: possunt autem et patriarchae fundamentorum vocabulo designari, qui nomina in se apostolorum, id est, figuram tenuerunt. Nach Eph. 2,20 sind nicht nur die Apostel, sondern auch die alttestamentlichen Propheten als Fundamente der neuen geistlichen Kirche anzusehen. Beda nennt in diesem Zusammenhang auch die Tugenden: Et notandum fundamenta, cum pluraliter dicantur, doctores vel virtutes ecclesiae.14) Vers 3 in Inschrift A faßt diese Vorstellung in das Bild, daß das Himmlische Jerusalem aus dem Keim der Tugenden emporsteige. Weite Verbreitung hat die allegorische Verbindung der Tugenden mit den Mauern des Himmlischen Jerusalem durch den seit dem 8. Jahrhundert überlieferten Kirchweih-Hymnus ‚Urbs beata Hierusalem’ erlangt. Dort heißt es in der dritten Strophe: Et virtute meritorum / illuc introducitur / omnis, qui pro Christi nomine / hic in mundo premitur.15) Die Verbindung von Tugenden mit der Vision des Neuen Tempels findet sich auch in der Psychomachia des Prudentius, die den Kampf der Tugenden gegen die Laster zum Gegenstand hat. Am Schluß dieses Texts (v. 838ff.) wird der neue Tempel beschrieben: portarum summis inscripta in postibus auro / nomina apostolici ... senatus. Daß die Psychomachia, ein Schultext des Mittelalters, dem Verfasser von Inschrift A bekannt war, läßt sich auch aus der Übernahme der Junktur (A10) TOGA CANDIDA PACIS vermuten.16)

Diese knappen Hinweise zum theologischen Hintergrund des Leuchterprogramms skizzieren gleichermaßen die exegetische Intention der Inschrift A. Die Konstruktion des Leuchters steht für den Kosmos aus Tugenden, Propheten, Aposteln und Patriarchen, der durch den Glauben zusammengehalten wird (A2 FIDEI CONPAGINE IUNCTA). Das ursprünglich vorhandene zentrale Licht des Leuchters (A6 SOL SOLIS) meint Christus, der allein aus seiner eigenen Kraft leuchtet (A6 IN VIRTUTE SUA).17) Mit der Vorstellung, daß Christus im Innern des Herzens seinen Thron aufrichtet (A7), öffnet sich als weitere exegetische Perspektive der Blick auf das Himmlische Jerusalem in der Seele des Menschen, das aus dem Keim der – namentlich genannten – Tugenden entsteht. Auch hierin zeigt sich die Nähe zum Schluß der Psychomachia, wo der neue Tempel in der Seele des Menschen gebaut wird (v. 823–887).

Inschrift B am unteren Rand des Reifs ist als Stiftergebet formuliert. Die thematische Zweiteilung – die obere Inschrift als exegetischer Titulus, die untere als Stifterinschrift – ist ebenfalls auf dem Aachener Barbarossaleuchter zu beobachten.18) Als Stifter nennt Inschrift B allein Bischof Hezilo (1054–1079).19) Die bereits im späten Mittelalter etablierte Hildesheimer Tradition, daß die Krone von Bischof Bernward begonnen und von Bischof Hezilo fertiggestellt wurde,20) findet in der Inschrift und auch in der frühen chronikalischen Überlieferung keinen Rückhalt.21) Hezilo ließ bald nach seiner Amtsübernahme den 1046 abgebrannten Altfrid-Dom neu bauen und stattete ihn u. a. mit diesem Radleuchter aus.22) Der neue Dom wurde am 5. Mai 1061 geweiht (vgl. Nr. 24).

Textkritischer Apparat

  1. D(E)I] Als Kürzel für E Querstrich durch den Bogen des D.
  2. Der erste Buchstabe verdeckt.
  3. METAT Q(UO)D] AT und Q verdeckt.
  4. VIA LABILIS] A und LA verdeckt.
  5. SVPER] SV verdeckt.
  6. Der letzte Buchstabe verdeckt.
  7. MISERICORD(I)A] Als Kürzel für I Querstrich durch die Haste des D.
  8. S(ANCTVS) · PH/ILYPP/VS] Zweite Hälfte des S und erste Hälfte des ersten P im Rahmen der 1901 vorgenommenen Restaurierung zur Hälfte ergänzt. (Freundlicher Hinweis von Herrn Restaurator Uwe Schuchardt, Hildesheim).
  9. I/ACOB] VS fehlt.
  10. QVAE] quo Elbers.
  11. UETUS ET NOVUS] nouus et vetus HS 123b.
  12. IN] Et Elbers.
  13. SOLIS] solus Elbers.
  14. PENETRALI] penetra(n)di HS 123b.
  15. HEZILO] Etq(ue) do HS 123b.
  16. IUSTUS] iusto Elbers.
  17. ET] Fehlt HS 123b.
  18. ET] Fehlt Berges.
  19. DET] Dat HS 123b.
  20. PACIS] pace HS 123b.
  21. LABILIS] labis HS 123b; labijs Elbers.
  22. ISTA] iste Elbers.
  23. SED] Sit Elbers.
  24. RE] et HS 123b.
  25. FIAT] Sit HS 123b.
  26. XPO.
  27. Bloße Umstellungen bleiben im Apparat unberücksichtigt. Die Anordnung der Namen bei Kratz ist Rieckenberg in B/R, S. 192 zu entnehmen.
  28. PVDICITIA] PRVDENTIA Kratz, Berges.
  29. SOEONIAS] Statt SOFONIAS.

Anmerkungen

  1. Vgl. Arenhövel, Heziloleuchter, S. 20.
  2. Ebd., S. 23.
  3. Die einzelnen Restaurierungen stellt Arenhövel, Heziloleuchter, S. 21–23 mit einer umfangreichen Dokumentation zusammen; vgl. auch Kratz, Dom 2, S. 82, Anm. 60.
  4. Zur Überlieferungsqualität dieser Handschrift vgl. Einleitung S. 32.
  5. DBHi, HS 101, S. 76.
  6. Da Rieckenberg keine Neuordnung der Apostelreihe vorgenommen hat, entspricht die Reihenfolge der Apostelnamen in der Zeichnung nicht der Wiedergabe in Inschrift D.
  7. Vgl. zur Anordnung der Inschriften die Zeichnung Arenhövels, Heziloleuchter, Abb. 12. Im Unterschied zu dem bei Arenhövel wiedergegebenen Zustand ist der Anfang der Inschriften zum Zeitpunkt der Aufnahme (Oktober 1994) – wohl nach Anbringung einer neuen Hebemechanik – um einen Viertelkreis nach Westen verschoben worden.
  8. Maß nach Arenhövel, Heziloleuchter, S. 25.
  9. Vgl. die Adalwig-Inschrift (11. Jahrhundert) aus Essen-Werden: INTER CONIVNCTAS FIDEI COMPAGE COLVMNAS (Peter Wallmann: Lapis vivus. Die Adalwig-Inschrift [11. Jahrhundert] aus der Abteikirche Essen-Werden. In: Westfälische Zeitschrift 146 [1996], S. 25–38, hier S. 37).
  10. Visio pacis ist das lateinische Interpretament des hebräischen Namens „Jerusalem“, vgl. Hieronymus, Liber interpretationis nominum hebraicorum, Lagarde 50,9 (CCSL 72, S. 121).
  11. VIA LABILIS VRGEAT: In dem unten zitierten Hymnus ‚Urbs beata Ierusalem’ lautet die entsprechende Formulierung omnis, qui ... hic in mundo premitur.
  12. Berges in B/R, S. 125 (ausführlicher); Zeichnungen der Einzelbuchstaben und der gesamten Inschrift B/R, Tafeln 23 und 26.
  13. Weitere Nachweise von Einzelquellen bei Berges, B/R, S. 127–130 und bei Rieckenberg, B/R, S. 189–203.
  14. Beda Venerabilis, Explanatio Apocalypsis, PL 93, Sp. 196.
  15. Analecta hymnica 51, Nr. 102, S. 110f.
  16. Prudentius, Psychomachia, 821 munia nunc agitet tacitae toga candida pacis.
  17. Hrabanus Maurus, De rerum naturis [De universo], PL 111, Sp. 267f.: Igitur sol in Scriptura Sacra aliquando significat Dominum Salvatorem ... ita et Christus propria virtute splendens et nullius ope indigens, sanctae Ecclesiae quibusque sanctis splendorem sapientiae et virtutum tribuit.
  18. DI 31 (Aachen Dom) Nr. 28; s. a. Clemens Bayer: Die beiden großen Inschriften des Barbarossa-Leuchters. In: Celica Iherusalem, FS für Erich Stephany, hg. von Clemens Bayer, Theo Jülich und Manfred Kuhl. Köln und Siegburg 1986, S. 213–240, hier S. 229, Anm. 33; auch die Inschriften des verlorenen Speyrer Reginbaldusleuchters waren wohl inhaltlich und funktional in derselben Weise zweigeteilt (ebd.).
  19. Zu Bischof Hezilo s. Goetting, Bistum Hildesheim, S. 271–295.
  20. DBHi, HS 123b, fol. 114v: [corona], Quam Sanct(us) bernward(us) fabricavit et ethilo (con)summa(vi)t.
  21. Vgl. Chronicon Hildesheimense, S. 853: ETHYLO ... quod [sc. novum corpus ecclesiae] postea procedente tempore praediis de sua acquisitione ditatum, palliis, calicibus, corona ymaginem caelestis Ierusalem praesentante ... decoravit.
  22. Vgl. Goetting, Bistum Hildesheim, S. 288.

Nachweise

  1. DBHi, HS 123b, fol. 114v–115r (A, B).
  2. DBHi, HS 101, S. 76 (A, B).
  3. Kratz, Dom 2, S. 80f.
  4. Arenhövel, Heziloleuchter, S. 42f., Abb. 13f. (Zeichnung) und weitere Abb. der Inschriften.
  5. Kat. Ego sum, S. 467–470 (Abb.).
  6. Berges in B/R, S. 126f.
  7. Rieckenberg in B/R, S. 188, S. 197, Abb. Tafel 21f. Zeichnung der Buchstaben Tafel 23, Schema Tafel 25.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 25 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0002504.