Inschriftenkatalog: Landkreis Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 88: Landkreis Hildesheim (2014)

Nr. 9 Sibbesse, ev. Kirche St. Nicolai 1353

Beschreibung

Glocke. Bronze. Die erhaben gegossene Inschrift verläuft in zwei Zeilen unterhalb der Glockenschulter, die erste Zeile zwischen Schnurstegen. Als Worttrenner Abdrücke von Brakteaten und Rosetten, an den Zeilenanfängen Kreuze. Auf der Flanke vier Reliefs: ein segnender Bischof, ein Pilgerzeichen, das einen zelebrierenden Priester innerhalb eines spitzgiebligen Tabernakels zeigt,1) ein weiteres Pilgerzeichen in Form eines Krukenkreuzes und ein Bischofskopf, dazwischen Abdrücke von Brakteaten. Die Buchstaben sind weit spationiert.

Maße: H.: 84 cm; Dm.: 95 cm; Bu.: 2,2–2,7 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 88, Nr. 9 - Sibbesse, ev. Kirche St. Nicolai - 1353

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Christine Wulf) [1/3]

  1. + ANNO · DOMJNI · M · CCC · L · IIIa) · IN DIE · VITI2) / + MARIA · BIN · ICH · GHE·NANT ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1353 am Tag des Vitus.

Kommentar

Die Schrift weist die Merkmale einer ausgeprägten gotischen Majuskel mit Zierformen auf. Bemerkenswert sind Zierhäkchen am Abschlussstrich von C; die Bogenschwellungen von C und unzialem E werden durch einen senkrechten Begleitstrich im Buchstabeninneren betont; der Mittelbalken des unzialen E setzt am Abschlussstrich an; einzelne I mit Nodi; A flachgedeckt mit parallelen Schäften; L mit Balkensporn. Als auffällige Sonderform ein retrogrades kapitales N, oben und unten mit feinen Abschlussstrichen, der Schrägschaft ist verdoppelt und in die Buchstabenmitte hochgezogen.

Die beiden Teile der Inschrift unterscheiden sich in der Wahl der Sprache: Während das Datum lateinisch formuliert ist, wurde für die Selbstnennung der Glocke die deutsche Sprache gewählt. Auffällig ist in der Mitte des 14. Jahrhunderts im niederdeutschen Raum das hochdeutsche Personalpronomen ICH, zu erwarten wäre ECK. Solche hochdeutsche Formen sind in frühen Glockeninschriften nicht selten anzutreffen.3)

Textkritischer Apparat

  1. L · III] Worttrenner zwischen L und III abgeplatzt.

Anmerkungen

  1. Das Pilgerzeichen konnte – wie auch die übrigen – keinem Wallfahrtsort zugewiesen werden, vgl. Carina Brumme/Hartmut Kühne, Jenseits von Wilsnack und Sternberg. Pilgerzeichen spätmittelalterlicher Heilig-Blut-Wallfahrten. In: Varia campanologiae studia cyclica. 25 Jahre Deutsches Glockenmuseum auf Burg Greifenstein. Zugleich eine Festschrift für Jörg Poettgen zur Vollendung des 70. Lebensjahres. Schriften aus dem Deutschen Glockenmuseum 6 (2009), S. 129–142, hier S. 141 mit Abb. 10. Das Pilgerzeichen befindet sich nicht, wie Brumme/Kühne angeben, auf einer Erztaufe, sondern auf einer Glocke. Zu diesem Pilgerzeichen s. a. Hartmut Kühne, Pilgerzeichen westfälischer Transitwallfahrten im Mittelalter. In: Pilgerzeichen – „Pilgerstraßen“, hg. von Klaus Herbers und Hartmut Kühne. Tübingen 2013, S. 69–105, hier S. 102f.
  2. 15. Juni.
  3. Vgl. Einleitung Kap. 7.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale Fürstenthum Hildesheim, S. 228 (nach Aufzeichnung des Superintendenten Twele, Wrisbergholzen).
  2. Kdm. Kreis Alfeld II (Gronau), S. 214.
  3. Drömann, Glocken, S. 48.

Zitierhinweis:
DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 9 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0000909.